Kohle: Kapitel 15

Nadine mochte nicht mehr an ihre letzte Arbeitsstelle erinnert werden, an ein Unternehmen, für das sie mehr als zehn Jahre gearbeitet, ja sich den Arsch aufgerissen hatte. Nur mit Hilfe von einigen Vorgesetzten war es ihr in letzter Sekunde gelungen, endlich dieses Netzwerk zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Nadine schön aufgelöst, mitsamt ihrer Arbeit, in die sie so viel Zeit und Herzblut investiert hatte. 

Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, wurde aufsässig und aggressiv ihren Kolleginnen gegenüber, sie stand kurz vor der Einweisung in die Psychiatrie, die ihr schon dreimal das Leben gerettet hatte.

Sie war dermaßen traumatisiert durch das schlechte Arbeitsklima und ihrem Wissen um entsetzliche Straftaten, daß sie auch nach ihrem Ausstieg Anfälle von Übelkeit überkam, sobald sie auch nur an das Unternehmen dachte. Es war ein ständiger Trigger.

Ihre ganze Arbeit war vergeblich gewesen, denn nach ihrem Ausstieg wurden all ihre Projekte eingestampft und verschwanden auf Nimmerwiedersehen aus dem Netzwerk. In diesem Netzwerk hatte sie miterleben müssen, wie vor ihren Augen schwere Straftaten stattfinden konnten, ohne die Täter jemals zur Rechenschaft zu ziehen. Das Primat des Wachstums war die Ursache, wo an digitaler Sicherheit überhaupt nicht zu denken war. Nur dieses Primat hatte es erlaubt, alle ethischen Bedenken auszuschalten und die Mitarbeiter in stille und schweigende Komplizenschaft zu ziehen. Seit sie das erste Mal im Netzwerk mit Kinderpornografie und Zwangsprostitution konfrontiert wurde, begann sie alle Sicherheitslücken zu identifizieren und Konzepte zu entwickeln, die zugunsten des Wachstums in Schubladen verschwanden und niemals das Licht der Welt erblickten. 

Es wäre so einfach gewesen, Maßnahmen zu ergreifen, um weitere Straftaten zu unterbinden. Stattdessen wurde eine eigene Abteilung gegründet und Straftaten dorthin ausgelagert und bearbeitet. Diese Abteilung wuchs und wuchs, während Nadine immer kleiner wurde und ihre Trauer um die Opfer immer größer. Was sie besonders traurig stimmte, war die Tatsache, dass auch alle Kolleginnen und Sexarbeiter nur die Schultern zuckten, wenn sie das Thema ansprach. Deshalb war auch keine Kommunikation möglich und Nadine isolierte sich zunehmend innerhalb ihres Teams. Fast jeden Tag weinte sie und flehte in stillen Gebeten bei Gott um Unterstützung, sie endlich aus diesem Höllenloch heraus zu holen. Denn sie war auch schon zu alt für den Arbeitsmarkt, um jemals wieder einen neuen Job zu finden. Als Frau jenseits der 50 mit ihrem Werdegang und öffentlichen Outing als Prostituierte war es in Deutschland absolut ausgeschlossen, einen Job zu finden. Selbst bei Arbeitgebern, die sich für Prostituierte und ihre Gesundheit engagierten, war jede Initiative vergeblich. So oft es Nadine über viele Jahre auch probierte, obwohl sie die formalen Qualifikationen erfüllte und die notwendigen Erfahrungen mitbrachte.

Niemals wurde eine echte Sexarbeiterin eingestellt, wobei Sexarbeiter in der Stellenausschreibung explizit aufgefordert wurden, sich zu bewerben. Das war alles eine völlig verlogene Scheiße und nur Leute mit Fake Biografien, selbst Fake-Sexarbeiter, also Leute, die in ihrer Biografie Sexarbeit zur Vorteilsnahme vortäuschen und die durch Opportunismus und Staatstreue auffielen, wurden rekrutiert. Nadine hatte einige dieser Fake Sexarbeiter enttarnt, genauso wie sie die wahren Machenschaften aufdeckte, die hinter Prostitutionsgegnern und ihrer Spendenindustrie stehen. Sie hatte auch darüber geschrieben, aber es interessierte sich niemand für diesen ganzen Fake, mit dem die Bevölkerung verarscht wurde, die sich durch mediales Framing und Junk Science eine Meinung über die Rotlicht Branche bildeten.

Zwar wurde sie häufig zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber wenn die neuen Arbeitgeber erfuhren, für welches Unternehmen sie zuletzt gearbeitet hatte, schlugen alle die Hände über den Kopf zusammen und lehnten die Zusammenarbeit mit Nadine mit fadenscheinigen Ausreden ab. Das Unternehmen hatte ein so schlechtes Image, dass niemand etwas mit Nadine zu tun haben wollte. Sogar von Prostituierten, Aktivisten und Akademikern, die sie gut kannte und die ihre Doktorarbeiten über Prostitution schrieben, wurde sie geschnitten, manchmal bemitleidet, dass sie für dieses Unternehmen tätig war. Sie wurde von weiten Teilen der Rotlicht und Unterstützer Szene gemieden, weil sie für dieses Netzwerk arbeitete. Aber niemand streckte die Hand aus und bot ihr Hilfe oder Unterstützung an. In der Szene der selbst berufenen Lifestyle -Aktivisten für Hurenrechte hatte sie zumindest in Deutschland niemals Solidarität erfahren, nur von außen, von ihren Freunden im Ausland, die versuchten, sie vergeblich aus der Isolation zu holen. Sie hätte ins englischsprachige Ausland gehen müssen, wo es kein Problem war, als ehemalige Prostituierte mit ihrem Wissen und praktischer Erfahrung einen Job in der Sozialarbeit zu bekommen. Alternativ hätte sie in einer NGO arbeiten können, als Politikwissenschaftlerin. Aber nach all ihren Erfahrungen mit Vereinen, Verbänden und NGOs war sie zu der Überzeugung gekommen, daß es völlig sinnlos ist, sich dort weiterhin zu engagieren.

Stattdessen mußte sie in Berlin bleiben, weil sie ihren Mann nicht zurücklassen wollte, der schon alt und krank war und dessen Rente nicht zum Leben reichte. Ihr Mann hatte nicht mehr die Kraft für einen Neuanfang im Ausland. Und sie wollte ihn auch nicht im Stich lassen, wo er sich doch als Einziger rührend um sie gekümmert hatte, wenn sie über Monate in der Psychiatrie einsaß. Sie hatten beschlossen, gemeinsam unterzugehen. Lebenslang Deutschland. Das war ihr gemeinsames Schicksal, dem sie sich nicht entziehen konnten. Sie hatten sich beide zeitlebens in und an diesem Land namens Deutschland abgearbeitet und ertrugen ihr Schicksal ähnlich wie die Schriftsteller Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek in Österreich. Schon der Literaturkritiker und Auschwitz Überlebende Reich-Ranicki hatte immer betont, dass Deutschland ein völlig verhunztes Land sei. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem Auschwitz kroch. Die Themen Rassismus und Antisemitismus werden erst jetzt in den Medien hochgekocht, nachdem der NSU und andere Mörderbanden Mitbürger und Politiker reihenweise töteten. Seitdem kann niemand mehr an der braunen Soße vorbeisehen, die überall aus den Ritzen kriecht. Nadine erinnerte sich an die Zeiten Anfang der neunziger Jahre, Solingen, Rostock, anderswo … Wo Menschen von Nazis auch heimtückisch ermordet wurden, daran, wie sie selbst von schwer bewaffneter Polizei eingekesselt und über viele Stunden festgehalten wurde, nur weil sie an einer Mahnwache in Solingen teilnahm.

Niemals würde sie vergessen, wie viele ihrer ausländischen Freunde in Berlin und London von der Polizei behandelt wurden, wieviel Rassismus sie regelmäßig im Alltag ertragen mußten, wobei Nadine mehrfach Zeugin wurde. Dieses Land ist einfach verhunzt und das wissen auch alle Wissenschaftler, die sich intensiv mit diesen autoritären und destruktiven Strukturen seit den Anfängen der Bundesrepublik auseinander gesetzt haben.

Es war ihr Schicksal, in Deutschland zu verrecken und nicht ihr Glück in England oder USA zu finden, wo sie lange glücklich studiert, gelebt und gearbeitet hatte.


Kohle: Kapitel 14

Nadine entschied sich, weiterhin im Hintergrund zu agieren, quasi als graue Eminenz mit Rat beiseite zu stehen, aber die Jungen machen zu lassen. Sie war selber in einem Alter angekommen, wo man eher die beobachtende und beratende Rolle einnimmt. Ansonsten hockte sie im digitalen Maschinenraum der Bewegung und der Rotlicht Industrie und war darauf bedacht, daß ihre Küken beschützt wurden. Da sie keine Kinder hatte, konzentrierte sich ihre Fürsorge auf ihren Mann und auf die Huren. In den vielen Jahren in der digitalen Welt der Adult Industry hatte sie Wege gefunden, nützlich für die Bewegung zu sein, auch wenn sie nun auf der anderen Seite der Macht arbeitete.

Sie machte das Monitoring seit 20 Jahren, seit 10 Jahren professionell. Das bedeutet in digitalen Netzen zu arbeiten und mit verschiedenen Gruppen in Verbindung zu sein. Sie sammelte Informationen über Jahrzehnte, um sie dann in einen digitalen Automaten zu spucken. Sie nannte das Online Outreach und wurde Expertin auf diesem Gebiet. Ihr war schon früh klar, dass das Internet einen Weg bot, mit Sexarbeitern in Verbindung zu bleiben und sie mit nützlichen Informationen zu versorgen. Ihre Großmutter hatte ihr ja vorgeschlagen, beim Geheimdienst zu arbeiten und in gewisser Weise machte sie das auch und legte wie eine Glucke die Flügel über den Nachwuchs und nahm sie virtuell unter ihre Fittiche. 

Nadine war besessen von den sozialen Medien und dem Internet. Ständig hielt sie Ausschau nach Informationen. Sie hatte Probleme einzuschlafen, weil sie kaum abschalten konnte. Sie stand unter Zeitdruck, weil sie noch so viele Aufgaben zu erfüllen hatte und sie die Sorge umtrieb, dass sie sie in ihrer begrenzten Lebenszeit nicht alle erfolgreich ans Ziel führen könnte.  Manchmal lag Nadine mit offenen Augen in der Dunkelheit wach und zerbrach sich den Kopf. Ständig versuchte sie Prozesse zu optimieren, die Kommunikation zu verbessern und gleichzeitig ihren Kopf nicht zu überfordern. Ihre Psyche war ihre Achillesferse und sie durfte nicht wieder bis zum Zusammenbruch arbeiten. In manischen Phasen konnte das durchaus vorkommen. Also bewegte sie sich ständig auf dünnem Eis.

Ihr Forschergeist drang auch in die Untiefen der virtuellen Welten ein, ins Darknet, in die Algorithmen und sie begann sich mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Sie war davon überzeugt, dass man nur mit Intelligenz die Probleme in der Sexarbeit lösen könne. Auch gelang es ihr, in diesem Bereich beruflich zu arbeiten und Geld zu verdienen. Schließlich entschied sie sich, ihre Doktorarbeit abzuschließen. Nach 20 Jahren Forschung in der internationalen Sexindustrie und im Austausch mit internationalen Netzwerken online und offline, war einfach der Zeitpunkt gekommen, wo sie alle ihre Erkenntnisse der Wissenschaft zur Verfügung stellen wollte.

Sie entschied sich, über Peer Strukturen zu schreiben, ihrem Lieblingsthema seit ihrem Indien-Besuch. Nur in Indien waren aus ihrer Sicht die größten Erfolge in der internationalen Hurenbewegung gelungen und sie wollte dieses Wissen nutzen, um auch in Deutschland ähnliche Strukturen zu schaffen, vor allem virtuell, weil die meisten Sexarbeiter im Netz aktiv waren und nur noch selten auf der Straße, wo es bereits Outreach Strukturen gab. Aber anderswo gab es große Versorgungslücken.

Ihre Doktorarbeit war von der Einsicht begleitet, daß Gewalt in der Prostitution weltweit verbreitet ist. Ursache ist nicht nur eine verletzliche Position von Sexarbeitern, Marginalisierung und Stigma, sondern der fehlende Zugang zu Wissen rund um Sexarbeit, um Risiken in der Sexarbeit zu minimieren. Ihre Forschungsarbeit sollte Perspektiven und Projekte aufzeigen, um den Mangel an Wissen und Information zu überwinden. Dies mit bereits bestehenden Praxisbeispielen, die in Selbsthilfe-Strukturen entwickelt wurden. In Indien konnte durch Peer-to-Peer Arbeit in den größten Rotlichtvierteln Südostasiens Gewalt und Zuhälterei eingedämmt, Strukturen selbstbestimmten Arbeitens gelegt und die HIV-Rate in den letzten 30 Jahren stark gesenkt werden. Wenn auch in der westlichen Welt Peer-Netzwerke stärker unterstützt werden und Ressourcen bereitgestellt, könnten Sexarbeitende professionalisiert und entstigmatisiert und das Gewalt- und Gesundheitsrisiko radikal gesenkt werden. 

Das Problem war doch folgendes:

Prostitution ist kein Ausbildungsberuf, aber als Beruf anerkannt. Ohne Ausbildung, Bildung und Wissen können Sexarbeiter ihre Arbeit nicht professionell ausüben und das bedeutet gesund und sicher bleiben. Während das Thema Beratung im Internet für Prostitutierte noch unerreichbares Ziel von staatlichen Runden Tischen zur Prostitution ist und einige wenige Fachberatungsstellen ihr Angebot auch um Online Beratung ergänzen, ist eine Infrastruktur weltweit entstanden, die von und für Sexarbeitende organisiert ist. Dazu zählen ehrenamtliche Initiativen am Straßenstrich, die Erweiterung des Beratungsangebots einiger Fachberatungsstellen im Internet, selbst organisierte Gruppen, die in den sozialen Medien oder als NGOs hörbar werden sowie gemeinnützige Initiativen und Projekte, die innerhalb von privatwirtschaftlichen Unternehmen angesiedelt sind.

Bislang besteht das Problem, dass der Zugang zu Wissen rund um sichere Sexarbeit ziemlich hochschwellig ist oder Ressourcen kaum vorhanden sind. Also Geld. Knapp 80% aller Sexarbeitenden in Deutschland sind Migranten, die aufgrund von Sprachbarrieren und kulturellen Gründen kaum Zugang zu Beratung und Unterstützung finden oder erst zu spät, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, das bedeutet, das sich krisenhafte Entwicklungen so sehr manifestiert haben, das Sexarbeiter von Hilfe abhängig sind. Verbände und Vereine, die in Deutschland Prostituierte vertreten und hochschwellige Öffentlichkeitsarbeit machen, werden von der Mehrheit der Sexarbeiter:innen einfach nicht verstanden. Migrantische Sexarbeitende fühlen sich durch einen politischen Berufsverband, der von deutschen Sexarbeitenden geleitet wird, auch nicht repräsentiert.

Beratungsstellen, die aufsuchende Beratung anbieten, konzentrieren sich mit wenig Ressourcen auf den Straßenstrich oder vereinzelten Bordellen. Die Mehrheit der Sexarbeitenden arbeitet jedoch nicht ständig am gleichen Ort, die Szene ist von hoher Fluktuation, Mobilität und häufigen Standortwechseln geprägt, was den Aufbau eines Vertrauensverhältnis zu Sozialarbeitenden erschwert, in einer Krisensituation Hilfe anzunehmen. Aufsuchende Arbeit findet in den meisten Fällen nicht statt und kann es aufgrund knapper Ressourcen auch gar nicht. Sexarbeitende in Privatwohnungen werden genauso wenig erreicht, wie Prostituierte, die in Hotels oder in Wohnungen von Kunden arbeiten, in sogenannten Terminwohnungen und in ständig wechselnden Städten und Ländern. 

Es bestehen also zwei Herausforderungen: mit wenigen Ressourcen eine breite Zielgruppen-Ansprache zu erreichen sowie mehrsprachige Hilfe-Infrastrukturen im Internet aufzubauen, an strategischen Schnittstellen, wo Sexarbeitende tatsächlich auch erreicht werden, die sonst unerreichbar sind oder die sich in einer Krisensituation keine Hilfe suchen. Insofern kommt der Präventionsarbeit hier eine Schlüsselstellung zu, denn noch immer ist es so, daß Gewalt gegen Sexarbeitende weit verbreitet ist. International werden zwischen 45-75% aller Sexarbeiter:innen regelmässig Opfer von Gewalt. Und es sind hauptsächlich Prostitutionsgegner, die diese Tatsache für ihre Zwecke ausnutzen und gefährliche Sexkaufverbote fordern.

Nadines Forschungsarbeit sollte also nun alle Informationen über Hilfe Strukturen zusammen tragen, die von Sexarbeitenden in Deutschland und Europa in den letzten 20 Jahren entwickelt wurden. Ihre Arbeit sollte Perspektiven aufzeigen, effiziente Hilfsangebote im Internet zu entwickeln. Die Mehrheit aller Sexarbeitenden bahnt den Kundenkontakt über das Internet an; nur noch ein Bruchteil auf dem Straßenstrich, wo die Mehrheit keinen Zugang zu Technologien hat.

Professionalisierung bedeutet die Risikominimierung in der Sexarbeit, auf gefährliche Kunden zu treffen, die Reduzierung von Gewalt- und Gesundheitsrisiken, auch online Bedrohungen. Eine effiziente Aufklärung im Internet ist der Schlüssel, um Zielgruppen zu erreichen, die ohne Ausbildung und Bildung noch höheren Risiken ausgesetzt sind. Die bereits vorhandenen Strukturen gilt es zu stärken und bekannt zu machen und um weitere Angebote mehrsprachig und niedrig schwellig zu erweitern. Professionelle Sexarbeit für wenige privilegierte Menschen kann nicht die Regel sein, sondern die Verbreiterung eines Online Angebots von Wissen in die Tiefen der verschiedenen Prostitutionsmilieus hinein, die bislang noch unerreichbar sind.

Letztlich hatte sie selber solche Selbsthilfe-Strukturen online und offline aufgebaut und Nadine kannte die Szene sehr gut. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, wo sie ja aufgrund vieler Reisen in persönlichen Kontakt mit Netzwerken stand. Also machte Nadine ihre Arbeit der letzten 20 Jahre selbst zum Forschungsgegenstand. Ihr Schicksal erfüllte sich.


Kohle: Kapitel 13

Was viele Sexarbeit Aktivisten immer noch nicht verstanden hatten, die sich hauptsächlich selbstreferentiell in einer kleinen Sexwork Bubble im Internet bewegen, und die meist von Gender und LGBTIQ Themen frequentiert ist:  Für unterprivilegierte Prostituierte in Deutschland, denen technischer Onlinezugang, Kenntnisse der deutschen Sprache und/oder ausreichende Medienkompetenz fehlen, führt das Internet zu keinem Empowerment und sie sind deshalb kaum mobilisierbar oder organisierbar im Netz. Organisation entsteht nur an der Basis in persönlichen Gesprächen. Wenn sich hier jedoch verschiedene Gruppen bekämpfen, ist auch diese Form der Selbst-Organisation zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig bleiben die Potentiale neuer Technologien für die Organisationsmacht im Internet fast ungenutzt. Wobei eine Ursache die Zensur von Adult Content ist, das die Werbung und die Kommunikation von Prostituierten in den sozialen Medien einschränkt.

Ein Denkfehler besteht darin, daß man träumt, auf der Straße mit Pappschildern und Bannern bewaffnet, die Welt verändern zu können. Bei der geringen Zahl mobilisierter Sexarbeiter, die öffentlich sichtbar werden, sind aber diese Aktionen nach außen unwirksam und nur im Bereich des Empowerments von Prostituierten maximal identitätsstiftende Events. Dabei geht die wichtige Arbeit hinter den Kulissen erst richtig los. Die leise Arbeit, die für die Öffentlichkeit und damit auch für die Mehrheit der Prostituierten unsichtbar ist. Das Digitale ist nur ein Verstärker von Kommunikation, aber die persönliche Ansprache an der Basis ist der Schlüssel. Man kann keinen politischen Verband etablieren, wenn nur Blog-Geschichten und Online Sachen gepostet werden. Das bedeutet, daß Online-Aktivismus in dieser Form eine marginale Rolle spielt und nur einen selbstbestätigenden Charakter bei den postenden Personen hat.

Wenn man diese digitale Entwicklung in den letzten 10 Jahren beobachtet, ist es doch immer wieder erstaunlich wie pedantisch und gläubig viele Menschen sind und dass Verschwörungstheorien, Prostitutionsmythen, das Happy Hooker Narrativ, Sexkaufverbotsforderungen, inklusive Lügen und Junk Science sowie die Sprachpolizei der neuen Puritaner auf Beifall stossen und das veröffentlichte Gespräch bestimmen. Man hat in einer digitalen Bubble das Gefühl, daß Aktivisten in einer Zeitkapsel leben, die nicht an die Vergangenheit und Zukunft anschlußfähig ist. Wo ewig wiederkehrend die immer gleichen Beschwörungen aufgesagt werden, als folge man einem Heilsversprechen. Dabei verschärft eine autoritäre Sprachpolizei die Ungleichheiten in der Gesellschaft nur und schafft bei der Mehrheit keine Zustimmung und damit keine Anschlußfähigkeit. Sich über akademische Diskurse und verklausulierte Abkürzungen und Sprechweisen unverständlich zu machen, ist nicht ausgesprochen demokratisch und führt mittelfristig in die Selbst-Isolation.

Dabei ist die digitale Organisation von Interessen – nicht von Identitäten – für die Stärkung sozialer Bewegungen und Verbandsaktivitäten ausgesprochen sinnvoll. Es gibt jedoch keine Social Media Strategien der Verbände, um öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, sondern jeder postet wild drauf los. Die Notwendigkeit von Strategien ist aber gegeben, da politische Prostitutions-Verbände meist keine hohen Mitgliederzahlen vorweisen können und die Prostitutionspolitik kaum Bedeutung in der Öffentlichkeit hat, und auch kaum Relevanz in der Politik. Vergleicht man die politischen Berufsverbände mit dem ADAC, liegt der Anteil an Mitgliedern und sichtbaren Aktivisten im Promillebereich im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Das bedeutet, daß es faktisch keine digitale Reichweite gibt, wenn man über deutschsprachige soziale Medien alle Nichtdeutschen und Migranten erreichen will, die die große Mehrheit bei den Sexarbeitern in Deutschland und Europa stellen. 

Die prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Prostitution sind ein weiterer Grund fehlender Organisation. Nur wenige Gutverdiener mit viel Zeit können sich politische Arbeit überhaupt leisten. Die vorhandene Schwächung von Prostitutionsverbänden kann nur aufgehalten werden, in dem die Verbände die Organisationsmacht in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen. Die klassischen Tugenden der Mitgliedergewinnung und Kampagnenführung sind sukzessive abhanden gekommen, weil sich die Verbände auf ihrer institutionellen Macht ausgeruht und Kompromisse am Verhandlungstisch angestrebt haben. Diese Kompromißhaltung ist mit der Respectability Politik einher gegangen und den Ausschluss abweichender Stimmen innerhalb der Organisation, die sich nun alternativ in anderen Gruppen organisieren. Die politische Führung der Hurenbewegung hat aufstrebenden, meist jungen Menschen kein Gewicht gegeben und radikaleren Stimmen nicht vertraut, auch um im Gespräch mit Politikern als respektabel und salonfähig zu erscheinen.

Um das Ruder rumzureißen, müßte es eine mitgliederorientierte Verbandspolitik geben, die mit neuen Methoden ein „Social Movement Unionism“ aufbauen müßte. Zu den Methoden zählen öffentlichkeitswirksame Aktionen, die mit anderen politischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen mediale Aufmerksamkeit auf die eigenen Forderungen und Ziele lenken sowie Druck auf Kontrahenten innerhalb der eigenen Bewegung aufbauen. Alle Mitglieder müssen von Beginn an in Entscheidungen über die Ziele und die Durchsetzung von Kampagnen eingebunden sein. Man muß wegkommen von der Vorstellung eines Service-Verbandes, der vermittelt über die Mitgliedsbeiträge die Interessen der Mitglieder vertritt und sie stattdessen zur Selbstaktivität auffordern, um Kampagnen selbständig durchzuführen. Kampagnen müssen kontinuierlich geführt werden über die Mittel von Demonstrationen, Pressekonferenzen, das Tragen von Emblemen der Hurenbewegung, Straßenblockaden, das Aufrufen zu Protesten und Boykotts sowie Mittel des zivilen Ungehorsams. Nur so läßt sich die angepasste Respectability Politik der deutschen Verbände brechen. Bislang bleibt die Hurenbewegung seit Jahrzehnten auf einer bloßen Mobilisierung und Empowerment Stufe stehen, die Vorstufe politischen Handelns. Die Mitglieder der Verbände müssen jedoch in die taktische und strategische Planung einbezogen werden. Sonst verbleibt noch jede gut gemeinte Initiative bei den Funktionären der Hurenbewegung. Es braucht also ein Konzept für die Organisation unterschiedlicher Interessen, das die Hegemonie der Basis, der Mitglieder und das Empowerment  in den Vordergrund stellt. Eine soziale Bewegung wie die Hurenbewegung ist nur dann erfolgreich, wenn die Mitglieder der Hurenbewegung aktiv beteiligt sind. 

Also muß an der Basis systematisch für Mehrheiten gekämpft und versucht werden, jede einzelne Sexarbeiterin und Sexarbeiter persönlich anzusprechen und für die Ziele des Verbandes zu gewinnen. Besonders wichtig dabei ist die Mitwirkung von Meinungsführern in der Hurenbewegung, die bislang nicht zum tragen kommt, da sich innerhalb der Bewegung Fronten gebildet haben, die keine Kooperation ermöglicht. Dies setzt jedoch eine andere Ansprache und Beteiligung voraus als bislang, die nämlich auch Persönlichkeiten berücksichtigt, die sich von den Verbänden abgewandt haben. Wie Nadine. 


Kohle: Kapitel 12

Jedenfalls wurde und wird die internationale Hurenbewegung von Milliardären finanziert, über ihre Stiftungen, die widerum NGOs finanzieren und Teile der Berichterstattung im angelsächsischen Raum. Das wissen die meisten selbst ernannten linken Aktivistinnen überhaupt nicht, das ihnen ihre Arbeit durch die Mächte des Bösen und der Finsternis ermöglicht wird. Im Kapitalismus kann man sich als linke und kapitalismuskritische Kraft nicht außerhalb des Systems bewegen. Man kann nur von innen an den Stellschrauben drehen, durch den Marsch in die Institutionen und ins Gravitationszentrum politischer Macht. Nadine hatte es als Escortdame immer vermieden, die Oberschicht zu bedienen und deshalb auch den Preis im Mittelfeld belassen, dem Milieu, aus dem sie selbst stammte. Sie hatte keine Lust, von durchgeknallten und perversen Millionären und Akademikern mit Koks im Kopf gefickt zu werden, von Bankern und anderen Vasallen des Systems. Sie wollte nicht Unterhaltsdame spielen für Männer, die auf der anderen Seite der Macht standen. Deshalb verstand sie es in ihrem Marketing, nur Kunden aus ihrer eigenen sozialen Klasse und Milieu anzusprechen. Die Unterschicht, die sie im Bordell kennen lernen durfte, war ihr zu brutal.

Es gibt auch linke Prostituierte, die privat in der Wagenburg leben und die Schwänze von Millionären lutschen. Hauptsache die Kohle stimmt und bedient wird immer. Kapitalismus und Prostitution sind eineiige Zwillinge, Prostitution ist Kapitalismus. Als in der Geschichte der USA neues Land erschlossen wurde, waren es immer die Banker und Prostituierten, die zuerst an der Front waren und schauten, was es zu verdienen gab.

Allerdings ist es so, daß in der Prostitution alle sozialen Klassen aufeinanderprallen, wie sonst nirgends. Die minderjährigen Roma Huren in Berlin oder afro-amerikanische Frauen am Straßenstrich von New York, sind bei weißen Männern mit Limousine besonders nachgefragt. Im Clash der Kulturen liegt das Faszinosum der Prostitution begründet. Sie hatte das auch in England beobachtet, wo Männer aus der weißen Mittelschicht besonders gerne Kontakte zu den Underdogs aus der Unterschicht suchten. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, daß Frauen aus der Unterschicht besonders vulgär, viril und leicht zu haben sind. Offenbar sind es ordinäre Schlampen, die die männliche Fantasie anregen, und keine schwäbischen Hausfrauen am Prenzlauer Berg

Manche Aktivisten glauben, man kann die Hurenbewegung auf links bürsten, indem sie sich Bordellbetreibern widersetzen und ihre Arbeitsrechte neu organisieren. Zumindest in Deutschland ohne Bordellverbote und mit eingeschränktem Weisungsrecht von Bordellbetreibern ist es zumindest ausgeschlossen, da einfach die Rechtsgrundlage dafür fehlt. Das Gesetz verbietet den Weisungscharakter und damit alle Merkmale eines klassischen Arbeitgebers, der die Arbeitszeit und die Aufgaben für Angestellte vorschreibt. Und 99% aller Prostitutierten arbeiten in einer prekären Selbständigkeit. Bleibt nur noch die Rolle des Betreibers als Vermieter, der darüber entscheidet, wer bei ihm zu welchen Konditionen arbeiten darf. Die Prostituierten gehen dieses Verhältnis freiwillig ein und stimmen den meist hohen Mietzahlungen zu, auch weil es kaum eine Branche gibt, wo man ohne Vorwissen, Bildung, Sprachkenntnissen viel Geld verdienen kann. Dies macht Prostitution besonders für arme und benachteiligte Menschen attraktiv, weshalb auch die Mehrheit der Prostituierten sonst in der Armut gefangen wäre. Prostitution ist eine der wenigen kapitalistischen Wirtschaftsweisen, wo der Sprung aus der Armut gelingen kann. Kein kapitalistischer Betreiber und Vermieter käme aber auf die Idee, freiwillig die Mieten zu senken. 

Nadine hatte oft den Eindruck, daß viele linke Aktivisten beim Kampf um Entkriminalisierung und im Kampf um Fördermittel, Spenden und Positionen in den vorderen Reihen der Bewegung, linke Ziele aus dem Auge verloren und die Frage der Identität in den Mittelpunkt stellten. Manche glaubten, daß sie allein aufgrund von Stigma und Marginalisierungs-Erfahrungen als psychisch oder körperlich beeinträchtigte Personen, mit einer anderen Hautfarbe oder Geschlechtsidentität automatisch Anspruch auf politische Posten haben würden.

Anstatt auf dem mühsamen Rechtsweg Sperrbezirks-Verordnungen und andere problematische Strukturen zu bekämpfen, drehten sich die meisten Linken nur im Kreis und standen in einem Wettbewerb bei Fragen der Identität. Das Menschen mit Mehrfach Stigmatisierung, fehlenden Sprachkenntnissen, Geschlechtsidentitäten und Hautfarben innerhalb der Hurenbewegungen gleichzeitig benachteiligt wurden, war der Gipfel dieser entsetzlichen Entwicklung. Leistung und Kompetenz zu Fragen wie Arbeitsschutz, Verwaltungsstrukturen, Gesetze wurden beim Stellenmonopoly kaum abgefragt und so glich die Hurenbewegung häufig einem nervösen Hühnerhaufen; es fehlte an Strategie und klaren, reflektierten Zielen, dem Mut zu handeln und unbequeme, arbeitsintensive Wege zu gehen. In der Politik ist allerdings Mut, Kompetenz, Disziplin, Hartnäckigkeit und Schnelligkeit gefordert. Politik ist Staatskunst und Prostitutionspolitik ist der unermüdliche Kampf als Aktivist, nicht unsichtbar gemacht zu werden und auf Augenhöhe mit Politikern sprechen zu können. Wenn man aufgrund von falschen Narrativen und mangelnder Kompetenz nicht ernst genommen wird, läuft man gegen die Wand. 

Wenn man sich lange genug im Maschinenraum einer sozialen Bewegung aufgehalten hat, weiß man, daß auch selbst ernannte Aktivisten nicht fehlerfrei agieren und genauso egoistisch handeln, wie in anderen sozialen Gruppen auch. Leider hatten es sich viele Sprecher in dieser Bewegung zu eigen gemacht, das sexpositive Happy Hooker Narrativ zu betonen, was an den Geburtsorten der Hurenbewegung, USA und Frankreich, längst abgeschafft worden war und nur noch in den deutsch-sprachigen Ländern ständiges Thema in der Berichterstattung war. Wo sich Sprecher darum drängelten, der Welt zu beweisen, wie glücklich sie als Hure waren. Dies hat mit politischer Arbeit nichts zu tun und folgt dem, was man in den USA Respectability Politik nennt, nämlich als ausgegrenzter Underdog Salonfähigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft zu erreichen, indem man sich an den Mainstream anpaßt und unterwürfig kleine Kompromisse anstrebt, um sich zu beweisen. Und das geht nur mit Opportunismus an staatlichen Vorgaben. Je mehr die Huren um ihre Anerkennung in einer diskriminierenden Umwelt kämpften, umso lächerlicher machten sie sich, wenn sie auf Themen wie Gewalt, Ausbeutung und Zwangsprostitution keine Antworten hatten.

Deshalb entschied sich Nadine, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen und konkrete Lösungen für praktische Probleme zu entwickeln. Diese Lösungen durften nicht kompliziert sein und mussten jeden Deppen-Test durchlaufen. Alles was akademisch und hochschwellig war, wurde von 99% der Huren ignoriert. Das war den meisten leider nicht klar, die akademisch anmutende Elaborate in der Öffentlichkeit oder im Netz absonderten.

Man kann mit dem akademischen Diskurs kaum Reichweite erzielen, weshalb sich Aktivisten, die sich ein wenig Basis Know How angeeignet hatten, nur im Kreise drehten und mit ihrer Rede zwar in den Diskurs, aber nicht in die Basis eindrangen, was es von außen umso abgehobener erscheinen ließ. Vielleicht ist es ja das Ego in der Hurenbewegung, nicht verstanden werden zu wollen und sich auf Ewigkeiten auf einen Opferstatus auszuruhen, der Legitimation verheißt. Letzten Endes machten sie es mit ihrem öffentlichen Auftreten den Prostitutionsgegnern leicht, sie zu zerpflücken. Wenn man sich hauptsächlich auf sexpositive und Happy Hooker Narrative zurückzieht, ist für jeden Außenstehenden völlig unklar, wofür man eigentlich kämpft. Und das sind ja die eigentlichen Schmuddelthemen wie Gewalt in der Sexarbeit, Mord und Totschlag, Kriminalität und Ausbeutung, Betrug und Belästigung im Netz, fehlender Gesundheitsschutz und keine Rechte. Im Prinzip kann man sagen, daß die Hurenbewegung in Deutschland den Anschluß an die europäische und globale Hurenbewegung lange verloren hatte und geistig nicht auf der Höhe der Zeit war.


Kohle: Kapitel 11

Nadine hatte eine kriminelle Ader. Das wusste sie früh. Ladendiebstahl, Einbruch, Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung und Körperverletzung gehen auf ihr Konto. Nur sie hat sich nie erwischen lassen und die Straftaten sind lange verjährt oder fanden im Kindesalter statt.

Sie machte dabei den Unterschied, dass sie Gründe anführte, warum sie damals nicht anders handeln konnte und warum sie sich gezwungen sah, kriminell zu handeln. Auch für arbeitslose und arme Freunde hatte sie Verdienstbescheinigungen gefälscht, um eine Wohnung zu finden oder einen kreativen Lebenslauf für Bewerbungsunterlagen entwickelt. Es hat auch immer wunderbar geklappt. Wenn die Hürden so hoch und sinnlos sind, um Anschluß in die Gesellschaft zu finden, dann müssen kreative Lösungen her. Nadine war in jeder Hinsicht kreativ und so entwickelte sie nach und nach ein Netzwerk aus Menschen und Ideen, die sie auf künstlerische Weise zum Ausdruck brachte. 

Nadine war auch sehr phantasievoll bei der Auswahl ihrer Pseudonyme und Künstlernamen. Als Performance Künstlerin nannte sie sich Goldschwanz, eine ironische Anspielung auf das Patriarchat des heiligen Schwanzes. Als Autorin schrieb sie unter verschiedenen Namen und als Sexarbeiterin hatte sie gleich vier Namen, die zum Einsatz kamen: Stella, Ariane de Saint Phallus, Diamond, Madame Claude. Was sie beruflich mit ihrem Mann vereinte, war die diskrete Kunst. Ihr Mann hatte die diskrete Malerei vor vierzig Jahren erfunden und entwickelt und war ein Pionier in der Computerkunst. Und das, was sie als Escortdame leistete, war ebenfalls eine diskrete Kunst aus Schauspiel, Psychologie und erotischer Kunst. Kunst heisst hier, dass man auch Sex zur Meisterschaft bringen kann. Sie war wortgewandte Meisterin in vielen Paysex Foren, moderierte zwölf Jahre geschützte Räume für Sexarbeiter und schulte Normalbürger in Liebeskunst an ihrer Love School. Diese Liebesschule hatte sie in Berlin gegründet, die später in Akademie Aspasia umbenannt werden sollte. Aber auch das Sex Coaching war nur eine Phase, wie alles bei ihr nur Phasen waren. Die Prostitution war auch nur eine Phase, die sie direkt in die digitale Phase führen sollte.

In ihren Erinnerungen meinte Nadine wiederholt, daß sie Anteil an etwas ganz Großem und Revolutionären habe. Das sie Teil der Bewegung ist. Die globale Bewegung der Prostitutierten, die sich nicht überall als Sexarbeiter bezeichnen wollen. Die Bewegung ist in den globalen Norden und den globalen Süden geteilt, aber die globale Dachorganisation ist nicht nur weiß. Im Westen ist die Hurenbewegung fragmentiert, sie verfolgen unterschiedliche Interessen und sprechen nicht mit einer Stimme. Die innovativsten Orte der Hurenbewegung sind Kalifornien, Indien und Afrika. Sie erzählte gerne von ihrem Wanderzirkus als Escort, wo sie in vielen Ländern dieser Erde Station gemacht hatte und dabei die seltsamsten Dinge erfuhr. Carol Leigh lernte sie in Las Vegas kennen, auch Robyn Few, Norma Jean Almodovar, Akynos, Cheyenne Doroshow und Cris Sardina. Carol war die Erfinderin des Begriffs Sexarbeit. Norma war erst ein kalifornischer Cop, bevor sie in die Sexarbeit einstieg. Cris koordinierte den Widerstand im Weißen Haus und Akynos die afro-amerikanische Bewegung der Sexarbeiter. Robyn, die leider viel zu früh verstarb, ist nach einem Gefängnisaufenthalt mit dem SWOP Projekt gestartet, das in allen Bundesstaaten Chapter hat. SWOP steht für Sexwork Outreach Project. Mit SWOP Australien gelang eine Entkriminalisierungspolitik im Bundesstaat New South Wales zu starten, was wiederum in Neuseeland Nachahmer fand. Sie hatte natürlich lange darüber nachgedacht, was eine Entkriminalisierungspolitik vereinfachte und welche Bedeutung Migration dabei hat. Nadine selbst hatte in Ländern mit Sexkaufverboten gearbeitet und am Straßenstrich in New York City Outreach Arbeit gemacht, das heißt direkt am Straßenstrich Unterstützungsleistungen für Sexarbeiter angeboten.

Die meisten internationalen NGOs werden durch Spenden oder den Gesundheitsministerien finanziert, um die niedrigen Raten sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) bei Sexarbeitern aufrechtzuerhalten, die HIV-Übertragung in der Sexindustrie zu eliminieren und Hepatitis-und STI-Infektionen bei Sexarbeitern zu reduzieren. Geld gibt es nur beim Thema Gesundheit, nicht bei Rechten, um gegen die Pharmalobby anzustinken, die verhindert, das Sexarbeiter den Zugang zu Gesundheitsdiensten und Generika finden. Deshalb haben politische Verbände immer Schwierigkeiten mit der Finanzierung, da sie meist nicht unmittelbar soziale Arbeit leisten und keine staatlichen Mittel erhalten. Sie sind von Spenden und NGOs abhängig, die lokale Programme finanzieren. Die afrikanische Bewegung hat sich direkt das beste Vorbild gesucht, nämlich die Bewegung in Indien, die flächendeckend Peer Programme entwickelt und damit sehr erfolgreich Präventionsarbeit und Gesundheitspolitik gemacht hat. Die afrikanischen Gruppen sind professionell organisiert, tragen den nötigen Kampfgeist und Know How, was man in vielen westlichen Staaten leider vermißt. Es sind Sexarbeiter mit Migrationserfahrung wie sie, die im Westen die Oberhand an der Basis haben. Davon völlig abgekoppelt sind politische Verbände, deren Führer immer noch weiß, privilegiert sind und das normal finden.

 In New York überlegte sie zu bleiben und ihr Glück an der Wall Street zu suchen. Generell riet sie Escorts, immer dort zu arbeiten, wo das meiste Geld sitzt, sonst lohne sich diese anspruchsvolle Arbeit nicht wirklich. Dies hatte sie aufgrund eigener Erfahrung über viele Jahre im Wanderzirkus gelernt. Aber die Vorstellung, illegal zu arbeiten und jederzeit mit Abschiebung rechnen zu müssen, hielt sie von der Idee ab. Sie kannte auch Fälle von Escorts, denen man in Deutschland traumhafte Gagen in New York versprochen hatte und die ohne Information, Wissen und Kontakten in die Fremde reisten, wo ihnen schlimme Dinge widerfuhren. Escorts fanden sich plötzlich in der Zwangsprostitution wieder oder ihnen wurden bei Orgien mit arabischen Kunden die Brustwarzen abgebissen. Andere wurden in Italien entführt und nur noch tot aufgefunden. Deshalb war Nadine überzeugt, dass man das Unglück an der Wurzel packen und ein globales Awareness Programm schaffen sollte, um Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in aller Welt Zugang zu Wissen, Rechte, Gesundheit und Obdach zu garantieren. Dieses Programm wäre in ein globales Maßnahmenpaket gegen Armut integriert, das vom globalen Norden finanziert würde. Nur mit diesem Programm könnte man es schaffen, Grundlagen für eine Sexarbeit zu schaffen, die keine Opfer schafft. 


Kohle: Kapitel 10

Nadine begann alle Brücken hinter sich abzubrechen und hakte auf ihrer Arschlochliste einen nach dem anderen ab. Überall dort, wo sich Kommunikation als Einbahnstraße erwies, zog sie einen Schlussstrich. 

Dabei dachte sie oft an ihre Eltern und ob sich auf die alten Tage noch ein Kontaktabbruch lohne. Aber der Krebs der Mutter stand wie ein Elefant im Raum. Ihr gefühlskalter Vater, der sie auch im fortgeschrittenen Alter regelmäßig mit Intrigen der Familie belästigte oder ihr Vorwürfe machte, das aus ihr nichts geworden war, blieb trotz allem ein Bezugspunkt. Die vielen Jahre, die sie bei ihrem Vater alleine aufgewachsen war, hatte eine besondere Nähe entstehen lassen. Schon als Kleinkind im Alter von 3 Jahren trommelte Nadine ihren Vater regelmäßig nach Verlassen der Wohnung zurück. Sie tobte und klopfte solange gegen die Tür, bis der Vater zurückkam und sie zur Arbeit mitnahm. Sie wollte nicht mit ihrer Mutter zusammensein und suchte jede Gelegenheit, um in der Nähe von ihrem Vater zu sein. Er spielte niemals mit Nadine, außer ganz selten ein Gesellschaftsspiel, wo er gegen das Kind spielte und vom Ehrgeiz gepackt war, zu gewinnen. Niemals ließ er zu, daß das Kind gewann. 

Indem der Vater sie mit in die Werkstatt und auf Baustellen nahm oder mit ihr verreiste, eröffnete sich für sie eine abenteuerliche Welt des Außen. Früher war ihr Vater Taubenzüchter gewesen, eine weitverbreitete Tradition nicht nur im Ruhrgebiet. An Wochenenden fuhren sie zu Ausstellungen, wo die putzigen Tiere in Käfigen ausgestellt wurden. Neugierig lief Nadine in den großen Hallen umher und durch die Gänge vorbei an den Käfigen und konnte kaum Unterschiede im Aussehen entdecken. Die schönste Taube wurde am Schluß prämiert und der stolze Besitzer konnte mit einer weiteren Medaille nach Hause fahren. Der Vater war sehr vertrauensselig und offenherzig und schloß schnell Kontakt mit Fremden. Deshalb besuchte man auch regelmäßig Bekannte, auch welche, die auf Bauernhöfen wohnten, in Hochhäusern oder langweiligen Einfamilienhäusern mit Kiesauffahrt. Dort konnte man sich meist freier bewegen als zuhause, wo alles verboten war. Kein Rumtollen, keine Freunde einladen, dafür Hausarbeit und Termine des Vaters erledigen. In so einem Geschäftshaushalt gab es mehr zu tun als woanders. Sie wurde permanent beschäftigt und hatte kaum freie Zeit, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auch Sport wurde ihr verordnet, den sie aus tiefstem Herzen haßte. Sie mochte weder Drill noch Dressur und danach sah für sie alles aus.

Aber die schönsten Zeiten mit ihrem Vater, waren immer die Reisen nach Spanien.  Wenn sie dort allein waren und im Winter Kaminholz in den nahe gelegenen Weinbergen einsammelten oder trockenes Pinienholz im Kamin verbrannten. Dann roch die Luft nach den ätherischen Ölen der Pinien und der Raum war von einer wohligen Wärme erfüllt, während alle anderen Zimmer ungeheizt blieben. Oder sie sammelten Schnecken nach einem starken Sommergewitter. Wenn sie nach dem Regenschauer in den Weinbergen herauskrochen und sie später bei der spanischen Tante im Kochtopf landeten. Denn der Vater hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Gärtner entwickelt. Nach getaner Arbeit kam José der Gärtner ins Haus und die Männer tranken einen Cognac. Über viele Jahre hatte sich eine Freundschaft entwickelt, obwohl es Sprachbarrieren gab und die Eltern kein spanisch und der Gärtner kein deutsch sprach. Die Eltern sprachen immer mit Händen und Füßen und die spanische Familie war begeistert. Dieses ältere Ehepaar lebte in einem typisch spanischen Haus mit Innenhof in einem winzigen Dorf an der Costa Blanca. Das Dorf hiess Teulada und hatte sich über die letzten 50 Jahre stark verändert. Verloren war der pittoreske Charme und eine Armee käseweißer und Bermuda Hosen tragender Trampeltiere ruinierte die schöne Aussicht.

Der Sohn des Gärtners gründete ein eigenes Bauunternehmen, um die Ferienhäuser der Touristen und Residenten aufzubauen. Die ganze Küste wurde dadurch verschandelt und zubetoniert. Nadine rechnete immer mit dem nächsten Erdbeben und dass die Kitschbuden in sich zusammen fallen.  Als sie im Alter von vier Jahren das erste Mal dort war, gab es noch ein Fischerdorf am Meer, dann einen Yachthafen, Apartmenthäuser und Restaurants, wo sich die Ausländer verlustierten. Auch der Vater kaufte sich ein kleines Motorboot und beachtete niemals die Regeln und Vorschriften. Mal rammte er bei der Ausfahrt aus dem Hafen andere Boote, dann versenkte er sein Boot versehentlich, als er in der Kneipe am Strand saß und angetrunken dabei zusah, wie sein Boot unterging. Das Boot hatte weder Rettungswesten, Rettungsringe oder Funkgeräte an Bord und im Notfall hätte es keine Hilfe gegeben. Aber Hauptsache überall damit angeben, dass man ein Haus und ein Boot hat. Es war zum fremdschämen. Gebildete Eltern wollten auch nichts mit ihren neureichen Eltern zu tun haben, auch wenn sie ein Mittelschichtsleben führten. Ihre Eltern hatten durch ihre Arbeit häufig mit Millionären zu tun. Der Vater reparierte ihre Häuser und die Mutter ihre Füße, denn sie war nach der Scheidung Fußpflegerin und Kosmetikerin geworden. Ihre Mutter hatte schon immer gerne Pickel ausgedrückt. Es war sozusagen ihr Traumjob, denn sie hatte als Drogistin in jungen Jahren gelernt. Sie empfand keinen Ekel, die Hühneraugen zu entfernen und die Zehennägel abzufräsen. Nadine gruselte es allein schon an den Gedanken.

Als Kind war sie von der Sonne so stark verbrannt, daß schon Bekannte ihre Eltern darauf ansprachen, warum sie nicht geschützt wurde. Aber die Eltern waren mit sich selbst beschäftigt und nicht damit, Sonnencreme zu verteilen. Und Nadine war froh, wenn sie nicht berührt und die klebrige Creme auf ihren Körper verteilt wurde, wo sich anschließend der dreckige Sand reinfraß, um eine Allergie zu verursachen.

Die Verwahrlosung hatte auch positive Seiten, denn bei vielen Gelegenheiten konnte sie sich absetzen und man ließ sie gewähren. Dadurch hatte sie manchmal Freiheiten, die kaum ein anderer in ihrem Alter hatte. Oft durfte sie ihren Vater in den Nachtclub begleiten, obwohl Kinder nicht zulässig waren. Aber in Spanien spielten die Kinder der Einheimischen bis Mitternacht auf den Straßen und das Leben fand in der Nacht statt. Und der Vater war auch ein zahlungskräftiger Gast und man ließ ihn gewähren. Er hatte immer eine ganze Flasche Krimsekt mit seinem Namen dort deponiert. Nadine beobachtete fasziniert die Erwachsenen, wie sie tanzten, soffen und immer lauter wurden. Nach Saufgelagen im Elternhaus kroch sie als Zweijährige schon unter den Tisch herum und griff nach Gläsern mit Resten vom Vorabend, beschnupperte sie und beschloß, sie zu probieren,

Jedenfalls war in den 70er und 80ern bei ihren Eltern immer Party und öffentliche Szenen einer Ehe angesagt und es gab kaum einen Abend, wo die Eltern zu Hause blieben. Dann mußte sie auf die Schwester aufpassen, die zu cholerischen Ausbrüchen neigte. Aber das beste war natürlich, bis Sendeschluss aufzubleiben und Filme zu schauen, die eigentlich für Kinder ungeeignet sind. 

Ihre Eltern waren ein sehr attraktives Paar und immer modisch gekleidet. Die Mutter las die Vogue, das zerlesene Exemplar ihrer Busenfreundin, die uns auch immer mit abgelegten und zerschlissenen Kleidern ihrer Tochter beglückte. Das Lesen der Vogue hatte die Mutter modisch und ästhetisch geprägt und sie entwickelte einen ausgezeichneten Geschmack. Auch Kochen konnte sie ausgesprochen gut. Der Fraß, den später die Haushälterin auftischte, war dagegen grausam, sodaß Nadine nach der Schule nicht nach Hause ging, sondern sich vom Taschengeld eine warme Mahlzeit kaufte. Die gute Küche ihrer Mutter hatte ihren Geschmack versaut und anspruchsvoll werden lassen. Wenn dann eine Haushälterin Essen aus der Dose zubereitete und es als hausgemacht ausgab, bemerkte sie sofort den Unterschied. Irgendwann begann sie ihren Vater zu beklauen, um sich täglich einen Imbiss zu kaufen.


Kohle: Kapitel 9

Als Nadine das allererste Geld im Bordell verdient hatte, 12,50€ nach Zahlung der Miete für einen Quickie bar auf die Kralle, da war sie ungeheuer glücklich, erleichtert, weil sie nun in der Lage war, wieder selbständig Geld zu verdienen. Moralische Bedenken hatte sie keine, da sie ein sexuell aktives Leben geführt hatte. Innerhalb kürzester Zeit arbeitete sie sich in der Preisliste auf Sterne Niveau hinauf und wechselte dann schnell von Bordellen in die selbständige Sexarbeit eines Independent Escort, wo sie zuletzt nur noch Hotelbesuche annahm und Preise für besondere Erotik Leistungen empfing. Sie war ein Ausnahmetalent als Hure. Vielleicht nicht so jung und attraktiv wie viele andere, aber ausgesprochen sensibel, achtsam und geduldig mit ihren Kunden. Durch ein ausgefeiltes und mehrstufiges Screening Verfahren bei der Kontaktanbahnung, teilte sich die Spreu vom Weizen und sie traf ausschließlich seriöse und sympathische Kunden. Diese Männer, die ihr nun ein regelmäßiges Einkommen bescherten, wurden von ihr geliebt und umgekehrt ebenso. Ihre kleine Stammkundschaft aus ganz Europa ermöglichte ihr auch ein Überleben in Krisenzeiten. Diesen Männern, die sich wie sie anonym bewegen mußten und auf Diskretion bedacht waren, widmete sie auch einige ihrer Bühnenprogramme, als sie Performance Künstlerin und Stand up Comedian war. Diese Männer hätte sie niemals verraten oder erpresst. Leider kam sowas in der Szene ebenfalls vor. Auch das unglücklich verliebte Freier ihr Haus und Hof verkauften, ihr Familienglück riskierten, um mit einer Hure auch privat zusammen zu sein. Die Liebe ist ein ständiges Thema und verächtlich sprechen viele von Seelenfickern, Rausholern oder Liebeskaspern. Dieses Schicksal blieb ihr erspart, da sie bereits in einer Beziehung lebte und das auch offen kommunizierte. Die Liebe ist überall, auch in der Prostitution, die keine seelenlose, entfremdete Arbeit darstellt, wie in anderen Berufsbranchen. Als Hure muß man schauspielerisches und psychologisches Talent vereinen, um mit sich und dem Kunden eine freundschaftliche Zweisamkeit zu entwickeln, wo sich beide im Schutz der Anonymität und Vertrautheit fallen lassen können.

Es ging ihr vor allem um Lebenszeit und daß sie mit einem einzigen Termin in der Woche das Gleiche wie im Bordell in einer Woche verdienen konnte. Mit diesem Verdienst war es natürlich nicht möglich, Rücklagen zu bilden, um sich eine Eigentumswohnung zu kaufen, wie es einige clevere Kolleginnen taten. Sie wollte möglichst wenig Kontakt zu Kunden und ihre Lebenszeit optimal ausnutzen, um mit ihrem Mann zusammen zu sein und um an kreativen Projekten zu arbeiten und sich politisch in der Hurenbewegung zu engagieren. Auch wenn der Weg am Anfang beschwerlich war, Hochleistungssport für kleines Geld, einige gewalttätige Erfahrungen durch Kunden, war sie nun in einer Phase der Professionalisierung angelangt, wo ihr keine Fehler mehr passieren konnten und wo alles glatt lief. Im Rückblick betrachtet waren es wunderschöne Jahre, auch wenn das Streßlevel in diesem Job ständig an ihr nagte.

Sie war jedoch von allen Depressionen befreit, seit sie ihren Mann kennen gelernt hatte. Gemeinsam zogen sie durch Berlin um die Häuser und führten das Leben der Bohemians. Den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen, Zeitung lesen und sich mit Menschen austauschen. Eine herrlich friedvolle Zeit. 

Eigentlich war das nicht ihr Plan gewesen, nach Berlin zurück zu kehren, aber die Liebe macht jede Planung zunichte. In London hatte sie es sich schön in einem Studio eingerichtet, bot in einem jüdischen Bordell erotische Massagen an und arbeitete als Partygirl namens Diamond. Hätte sie etwas mehr Durchhaltevermögen bewiesen, hätte sie sich auch in London etabliert. Aber sie entschied, zwischen Berlin und London zu pendeln, zumal sie sich ein Nest in einem Schloß in der Grafschaft Kent, südlich von London, eingerichtet hatte. So ging das acht Jahre lang und sie schrieb in dieser Zeit die schönsten Gedichte und verbesserte deutlich ihre Englischkenntnisse. Außerdem reiste sie ständig zu Demonstrationen und Events der Hurenbewegung im In- und Ausland, bot Workshops an, hielt Vorträge im britischen Parlament über die deutsche Prostitutionsgesetzgebung, reiste im Prinzip einmal um die ganze Welt und lernte Aktivisten und Unterstützer dabei kennen, die in 20 Jahren ein internationales Netzwerk aufgebaut hatten und die damit die Hurenbewegung globalisierten. Es war ein aufregender Prozess, dieser Entwicklung beizuwohnen und ein Teil davon zu sein.

Es gibt keine Nibelungentreue innerhalb der Hurenbewegung, obwohl Solidarität die oberste Prämisse sein sollte. Wie in allen sozialen Bewegungen und Gruppen, gibt es immer Menschen, die aufgrund einer privilegierten Situation in der Kritik stehen oder die Privilegien mißbrauchen. Dadurch kann man in Deutschland auch nicht von einem homogenen Zusammenschluss sprechen, sondern es sind häufig Einzelinteressen, die die Mehrheitsinteressen repräsentieren wollen. Dadurch entstehen Konflikte und der Zusammenhalt steht auf dem Spiel. Man ordnet sich nicht mehr gemeinsamen Zielen unter, sondern versucht Einzelinteressen durchzusetzen und spaltet die Bewegung in verschiedene Lager auf. Teile und Herrsche gilt im politischen Prozess und so auch hier. 

Das Hauptproblem, und so kennen wir es auch aus sonstigen sozialen Zusammenhängen und Unternehmen, ist die Kommunikation und die mangelnde Sensibilisierung für Machtverhältnisse, fehlende Empathie und Bildung. Es gibt elementare Bildungsunterschiede, die in der Kommunikation offensichtlich werden, wo jeder mit einem unterschiedlichen Wissensstand und sozialen Hintergrund aufeinander trifft. Wo aber auch viele Menschen zusammen kommen, die aufgrund ihrer Erfahrungswelten mißtrauisch, unsensibel wahlweise hochsensibel sind und dabei vor allem sehr langsam. Langsam im Denken und langsam im Handeln. Politik funktioniert vielfach nach „negativer Auslese“. Wer etwas verändern will, wird ausgebremst, weil man als Gesprächspartner salonfähig sein möchte und radikalere Stimmen innerhalb der Bewegung deshalb lieber unterdrückt. Dadurch bekommt man Berufspolitiker und Berufsaktivisten, die von ihrem Job, ihrer Position und ihrem Kampf um Anerkennung abhängig sind. Dies wiederum verstärkt den Widerstand von abweichenden Meinungen, die nicht erfolgreich in die politische Arbeit integriert werden. Dies hat zur Folge, dass viele Gruppen oder Bewegungen nach außen wie ein chaotischer und zerstrittener Haufen erscheinen. Dennoch glaubte Nadine an die gemeinsamen Ziele, wo jeder Mensch sich gemäß unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten einbringen kann und sollte. Auch Menschen wie sie, die seit ihrer Kindheit an psychischen Störungen litt, das offen mit anderen kommunizierte und damit nicht allein war. Dennoch mußte sie lernen, daß Menschen wie sie diskriminiert wurden, auch von den eigenen Mitstreitern. Wenn dir so die Legitimation für deine Arbeit abgesprochen wird, dann brauchst du auch nichts mehr zu sagen und nicht mehr zu kämpfen. Dann ist es Zeit, eine Bewegung zu verlassen, deren Teil sie über 20 Jahre war. Dann ist es Zeit, neue Wege zu gehen. 


Kohle: Kapitel 8

Es ist Folter zuzuhören, wenn die Mutter und ihr ungarischer Ehemann sprechen. Jeder allein ist schon eine Zumutung, aber im Doppelpack einfach nur noch ein Grauen. Sie sprechen durcheinander, fallen sich dauernd ins Wort, schreien und drohen, hören einander oder Dritten kaum zu und können sich sprachlich nicht verständigen. Die Sprache ist abgehackt, die Inhalte redundant, die Wortbeiträge monologisch und tränenreich, die Stimmen laut, klagend und wehleidig. Gern hätte Nadine den Kontakt zu ihren Eltern vollständig abgebrochen, aber sie hatte sonst niemanden auf der Welt, außer ihren Mann, der auch schon alt war. 

Man hat es häufig bei Kindern beobachtet, dass sie trotz Qualen, schwerer Misshandlungen und Missbrauch weiterhin zu ihren Eltern stehen. Die weder ihre Eltern verklagen können noch wollen. Es gibt auch keine bekannten Fälle, wo Kinder erfolgreich ihre Eltern wegen schwerer Körperverletzung verklagt haben, zumindest auf Schmerzensgeld für die Therapiekosten. Warum soll der Steuerzahler die Therapiekosten übernehmen, die von den Eltern verursacht wurden? Weshalb Nadine Anwältin werden wollte, um für Kinder- und Bürgerrechte zu kämpfen. Das war Nadines eigentliche Passion, die ihr jedoch von zwei sexistischen Arschlöchern zunichte gemacht wurden. Lehrern, denen sie sich gegenüber zur Wehr setzen mußte und die sich mit einer schlechten Benotung im Abitur an ihr rächten. Deshalb war ihr Bildungsweg extrem steinig, da sie mit einem Fachabitur erst eine Ausbildung absolvieren mußte, bevor sie studieren konnte.

Sie studierte auch Psychologie im Nebenfach und verschlang die Psychoanalyse und die Werke bedeutender Psychologen, die über Kinder geschrieben haben. Sie verschrieb sich der interdisziplinären Identitätsforschung und schrieb sogar darüber eine Doktorarbeit, die zensiert wurde und der Anfang vom Ende eines hoffnungsvollen akademischen Talentes war. Ihr Professor widmete ihr sogar Bücher und schrieb ihr Widmungen hinein: „Für die schönste Antichristin der Weltgeschichte“ oder „für den aufgehenden Star am Wissenschaftshimmel“. Sowas. 

Natürlich nutzte sie dieses Wissen, um sich selbst zu therapieren. Sie lernte viel von Melanie Klein, Alice Miller, Sándor Ferenczi, Aby Warburg, Sigmund Freud und C G Jung über das Unbewußte und schloß eine lebenslange Freundschaft mit einer ihrer Professorinnen in München, bei der sie viel gelernt hatte und die leider vor ein paar Jahren verstarb, weshalb Nadine nun niemanden mehr hatte, mit dem sie sich intellektuell unterhalten konnte. 

Die Ursache, warum Nadine noch an ihrer Familie klebte, kann man mit Bonding erklären und mit dem was der Psychologe Ferenczi als „Identifikation mit dem Aggressor“ beschrieb, auch als Stockholm-Syndrom bekannt. Der Aggressor sind hier die Eltern und Nadine hatte gelernt, sich mit ihnen zu identifizieren, um zu überleben. Sie versuchte immer, das Verhalten der Eltern vorher zu sehen, um sich rechtzeitig zu schützen. Dieser Prozess ist ein Abwehrmechanismus zur Angstbewältigung und zwingt das Opfer sich mit dem Täter unbewußt zu identifizieren. Vor allem traumatische Erfahrungen in der Kindheit, bei denen das Maß der Ohnmacht und Abhängigkeit besonders groß ist, wie in einer repressiven und autoritären Beziehungsstruktur oder einem manipulativen, durch Liebesentzug geprägten erzieherischen Missbrauch führen zur Identifikation mit den Eltern als letzte Notbremse und Schutz vor einem Zusammenbruch des Selbst angesichts überwältigender Attacken und nicht integrierbarer Affekte. Die Folge der Identifikation ist die Unterdrückung der persönlichen Autonomie. Diese lebenslange Identifikation bedeutet eine transgenerationale Traumatisierung, weshalb Nadine schon früh beschloß, keine Kinder zu bekommen, um diesen Kreislauf des Verderbens und der destruktiven Tradition zu durchbrechen und die Traumatisierung nicht an die nächste Generation weiter zu geben. Wiederholte Gewalterfahrungen können zu einer Zerstückelung der Persönlichkeit führen, also einer Atomisierung des Selbst. Dem wollte sich Nadine entgegen stellen, was ihr trotz Analyse jedoch nicht gelang. 

Auch ihre Schwester erkrankte an einer bipolaren Störung. Die Mutter nannte das Kind oft „die Dicke“ und bezichtigte sie, für den Krebs verantwortlich zu sein, weil ihre Schwester mit dem Kriminellen zusammen soviel Unglück über die Familie gebracht hatte. Es ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass es zwischen Krebs und Kummer keinen kausalen Zusammenhang gibt. Bei der Schwester ist deshalb ein Schuldgefühl entstanden, das Quelle eines ständigen Abwehrkonfliktes ist, weil das Opfer – nämlich die Schwester – Hass auf ihre Mutter entwickelt hat, der wiederum Schuldgefühle hervorruft und daher verdrängt und von der Mutter abgelenkt und gegen sich selbst gerichtet wird. In der Folge kommt es zu schweren Störungen auf Beziehungsebene zwischen Mutter und Tochter, zu Depressionen und selbstverletzenden Verhalten und nach außen und innen gerichtete Aggressivität. Es findet laut Ferenczi eine traumatische Progression statt. Das bedeutet, daß die Angst des Kindes vor den hemmungslosen Erwachsenen das Kind zum Psychiater machen, um sich vor den Gefahren seitens der Eltern ohne Selbstkontrolle zu schützen. Deshalb muss sich das Kind vollkommen mit den Eltern identifizieren und führt zu einem Zustand des Lebendig-Totseins. Ferenczi schreibt, dass der Aggressor sich Stück für Stück das Opfer einverleibt und die naive, angstlose und ruhige Glückslage, in der das Opfer bis dahin lebte, vollständig annektiert.  


Kohle: Kapitel 7

Seit Nadine Psychopharmaka nahm, konnte sie nicht mehr weinen. Sie hatte die Dosis auf ein Mindestmaß reduziert, damit ihre Emotionen Ausdruck finden konnten. Die neueste Generation der Psychopharmaka soll angeblich nicht mehr so schädlich sein, aber sie hatte immer Zweifel an dieser Aussage. Der Prozess der Einstellung, das geeignete Medikament zu finden, hatte allein sechs Jahre gedauert. Bei einem Medikament, das sie ein Jahr einnahm, waren die Nebenwirkungen besonders schlimm, und sie litt unter Nerven-Entzündungen, die Stromschläge im Brustraum verursachten und konnte den Urin nicht mehr halten. Außerdem litt sie unter der extremen Gewichtszunahme in kürzester Zeit, die eine vormals schöne und attraktive Frau in eine übergewichtige, unattraktive und asexuelle Person verwandelte, die für Männer quasi über Nacht unsichtbar wurde. Nach acht Jahren erhielt sie eine Folgediagnose, die sich von der ursprünglichen leicht unterschied und anzeigte, daß sich die Erkrankung offenbar merklich gebessert hatte. Die Diagnose Schizophrenie war einer anderen gewichen: nun wurde ihr eine schizo-affektive Störung seit ihrer frühesten Kindheit attestiert.

Sie unternahm alles, um Trigger auszuschließen und arbeitete über 2 Jahre schwer daran, einen neuen Job zu finden, um diese menschenverachtende Realität nicht mehr zu nah an sich heran kommen zu lassen. In der Psychiatrie lernte sie eine Frau mit der gleichen Diagnose kennen. Bei ihr war der Trigger und Stressfaktor ein ähnlicher Job wie bei Nadine, nur das die Frau für die Polizei beschlagnahmtes Bildmaterial sichten und auswerten mußte. Bilder von Kindesmißbrauch, Vergewaltigungen, Folter und Mord.

Sie lernte, daß Schizophrenie eine Stoffwechsel-Störung ist. Die Wahrscheinlichkeit daran zu erkranken ist genetisch bedingt. Schon bei ihrem Urgroßvater wurde die gleiche Krankheit diagnostiziert, weshalb er von seiner Familie zwangseingewiesen und anschließend von den Nazis im Euthanasieprogramm in einer Landesklinik in Sachsen ermordet wurde. Dazu hatte sie schon in ihrer Jugend recherchiert, als ihre Großmutter väterlicherseits von ihrem Vater sprach. Tochter und Mutter hatten ihn zwangseinweisen lassen, weil er Dreck gemacht hatte. Genau genommen hatte er Zigarettenstummel von der Straße eingesammelt, weil er kein Geld hatte und völlig mittellos war, um sich welche zu kaufen und seine Frau und Tochter das Rauchen strengstens verboten hatten. Das war der Grund, ihn los zu werden. Seine Psychose – und Schizophrenie war damalig eine Standard Diagnose und nicht immer zutreffend – stand unmittelbar in Verbindung mit seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg, wo er offenbar traumatisiert wurde. Die Oma meinte dann immer, daß die Russen ihn in der Klapper getötet hätten. An die Russen-These glaubte Nadine schon in ihrer Jugend nicht und begann zu recherchieren, welche Aufzeichnungen es aus dieser Zeit gab. Schon sehr früh hatte sie begonnen, die Geschichte des Nationalsozialismus zu studieren und fand heraus, daß es eine Doktorarbeit dazu gab, die sie sich besorgte und die exakt die Euthanisierungsprogramme in Sachsen beschrieb, inklusive Namensnennung der Kliniken. Hier wurde eindeutig bewiesen, dass der Ur-Opa nicht von den Russen ermordet wurde, sondern von den Nazis.

Natürlich teilte sie diese Tatsache ihrer Oma mit, die die Wahrheit unwirsch abwehrte und auf ihrer Russen-These beharrte. Ihr Verhalten ließ sich damit erklären, weil sie selbst mit der nationalsozialistischen Ideologie sympathisiert hatte und deshalb auch nichts auf die Nazis kommen ließ. Die Ideologie überlebte auch nach dem Krieg im Kopf ihrer Großmutter, die Nadine regelmäßig mit unreflektierter rassistischer und völkischer Ideologie traktierte. Nadines Vater übernahm die Ideologie von seiner Mutter, weshalb Nadine sich auch permanent mit dem Vater auseinandersetzen mußte, wenn er wieder mal seine Nazi Sprüche vom Stapel ließ. Als Studentin der deutsch-jüdischen Geschichte erklärte Nadine ihrem Vater bei einer langen Autofahrt einmal die Wurzeln des Antisemitismus und die Geschichte des jüdischen Volkes. Danach wurde Nadine nicht mehr mit Nazi Sprüchen traktiert. Nur einmal noch, als sie ihren Vater und seine 19 jährige zweite Ehefrau und Goldgräberin, selbst überzeugte Rassistin und Antisemitin, in der elterlichen Wohnung besuchte, da knallte es. Um es genau zu sagen, da gab es beim Abendessen einen bösen Streit und Nadine riß die Tischdecke vom Tisch, mit Tellern und Gläsern, alles räumte sie ab. Was war geschehen? Es war der Abend, wo sie ihrem Vater stolz mitteilte, daß sie die ersten Seminare an der Universität leitete und wo sie ihre Seminarthemen aufzählte. Ein Seminar handelte von feministischen Machttheorien, was wiederum ein Trigger bei ihrem Vater los trat, denn er schrie sofort drauflos, dass man alle Feministinnen vergasen müsse. Ja vergasen! Genauso wie Obdachlose, die unnütz sind. Nadine war so entsetzt, daß sie zurück schrie, daß sie eine Feministin sei und er ein scheiss Nazi und das, wenn es hart auf hart im politischen Kampf käme, sie auf der anderen Seite stünde und schneller schießt als er. Daraufhin riss sie das Abendmahl vom Tisch und verließ schnurstracks die Wohnung. Noch lange nach diesem Ereignis herrschte zwischen ihnen Funkstille.

Ihre Mutter hatte immer sehr unter ihrem Ehemann gelitten. Trotzdem entschied sich Nadine mit 12 Jahren nach der Scheidung der Eltern, bei ihrem Vater zu bleiben, obwohl er cholerisch und zornig, ungerecht und bösartig war. Die Mutter meinte dazu lapidar gegenüber Dritten, dass Nadine nur wegen des Geldes beim Vater geblieben ist. Dies war allerdings nicht wahr. Das Problem war einfach, daß sie ihre Mutter als nicht vertrauenswürdig, nicht zuverlässig einstufte, dass die Mutter von Launen getrieben, völlig unberechenbar und gewalttätig war. Wie oft war ihre Mutter während der Ehe erst aus- und dann wieder eingezogen? Wie oft hatte ihre Mutter ihr gesagt, dass sie ein Unfall war und ihr die Schuld gab, dass sie meinen Vater heiraten mußte, als sie schwanger mit Nadine war? Wie oft hatte die Mutter ihr gesagt, das sie versucht habe, sie abzutreiben und das es leider nicht geklappt habe? Eine Mutter, die 24 Stunden, 7 Tage die Woche die Klappe nicht halten konnte, permanent Schwachsinn erzählte, ihren Vater im Beisein Dritter beleidigte und demütigte. Eine Mutter, die ständig fremdging und Nadine als Alibi mißbrauchte und sie dazu dazu zwang, ihrem Vater gegenüber zu lügen. Eine Mutter, die ständig über andere Menschen, insbesondere Frauen hetzte, die unter Alkohol jeden Anstand verlor und bei jeder Party in der Kellerbar einen Ehestreit vom Zaun brach, sich öffentlich über ihren Vater lustig machte, schlecht über ihn im Beisein dritter Personen, auch Fremden sprach, selbst über intimste Dinge. Ihre Frau war ein Mensch, die nur von ihren Trieben und Ego-Interessen getrieben war und völlig ungefiltert jeden Gedanken in die Menge schleuderte.

Diese Frau war einfach nicht verläßlich. Sie war nicht liebevoll und hatte Nadine als Kind auch niemals beschützt. Wenn es drauf ankam, stand sie immer auf der anderen Seite, genau wie ihr Vater. Nadine berichtete in meiner Praxis von so vielen schockierenden Erlebnissen mit ihrer Mutter, die man kaum teilen und aufzählen mag, so unermeßlich schlimm war das Verhalten der Eltern, die Nadine völlig krank gemacht haben.

Ihre Mutter hatte Nadine letztlich immer verraten, dabei körperlich und seelisch mißhandelt. Das muss man einfach mal so sagen. Schon als Nadine gerade laufen konnte, gab es keinen Kinderwagen mehr und sie musste ständig neben der sich abhetzenden Mutter rennen, obwohl ihre kleinen Beinchen kaum Schritt mit der Geschwindigkeit halten konnten. Sie mußte sich schon als Kleinkind an die Geschwindigkeit der Eltern anpassen, die völlig rücksichtslos waren, die Bedürfnisse des Kindes vollständig ignorierten und die auch niemals bemerkten, dass dieses kleine Kind ein Mindestmaß an Rücksichtnahme und Schutz benötigte.

Deshalb war sie einfach erleichtert, als ihre Mutter endlich auszog und sich mit einem armen ungarischen Kellner aus dem Staub machte, der wiederum glaubte, einen Goldfisch an Land gezogen zu haben, weshalb er auch auf eine sofortige Hochzeit drängte, um seinen Aufenthaltsstatus in Deutschland zu legalisieren. Ihre Mutter war aber so von Liebe erfüllt, dass sie die wahren Motivationen ihres neuen Partners nicht verstand und auf seine Loverboy Strategie hereinfiel. Allerdings war sie nicht der dicke Goldfisch, wie ihr zweiter Ehemann leider lernen mußte, denn Nadines Vater hatte klugerweise einen Ehevertrag aufgesetzt, so daß ihr nur Unterhalt zustand, aber nicht die Hälfte vom Unternehmen, das diese Frau in kürzester Zeit an die Wand gesetzt hätte. Und weil der Ungar auf der Eheschließung bestand, entschied die Mutter von monatlichen Unterhaltszahlungen abzusehen, die bei einer erneuten Eheschließung nämlich enden würden und sich besser eine einmalige Summe auszahlen zu lassen, die sehr hoch war und die sie innerhalb von ein paar Jahren in ihrem Kleinunternehmen versenkte, weil sie nicht mit Geld umgehen konnte.

Dieses Schicksal, nicht mit Geld umgehen zu können und sich nur auf dem Geld von Ehemännern auszuruhen, teilte auch die jüngere Schwester von Nadine, die sich schon früh auf einen kriminellen Betrüger einließ, der Menschen um ihre Ersparnisse und Gesundheit im In- und Ausland brachte, um das unverdiente Geld gemeinsam zu verzocken. Die kleine, dumme, dicke Schwester, die letztlich über sehr viele Jahre von den kriminellen Machenschaften ihres Mannes nicht nur profitierte, sondern ihn dabei auch aktiv unterstützte sowie drei Kinder gebar, die alle den dummdreisten Charakter ihrer Eltern geerbt haben. Eine kleine, dumme, dicke Schwester, die über Nadine bei jeder Gelegenheit Lügen und Bösartigkeiten verbreitete und vor allem den Vater gegen Nadine aufhetzte. Die Schwester konnte in keiner Disziplin gegen Nadine anstinken, aber sie war das besagte Wunschkind und man verzieh ihr noch die schlimmsten Ungeheuerlichkeiten.

Die Mutter trug immerhin noch so eine Art Rest-Humanismus in sich, bemitleidete manchmal andere Kreaturen, wand sich unter Tränen in Selbstmitleid, was Nadine allerdings nicht beeindrucken konnte. Die hysterische Heulsusen-Attitüde war eine selbstgerechte Fassade. Die regelmässigen unberechenbaren Zärtlichkeitsausbrüche ihrer Mutter, die sie in die Arme schließen wollte und abküßte, mit ihren breiten und schmatzenden, nassen Lippen, waren ihr einfach zuwider. Auch deshalb hielt Nadine schon als Kind Abstand zu fremden Menschen und war immer auf räumliche Distanz bedacht. Sie mochte keine Zärtlichkeiten, kein Geschmuse oder in den Arm genommen werden. Denn sie hatte gelernt, daß an diesen trügerischen Liebesbezeugungen alles falsch war und das sie immer damit rechnen mußte, dass die Laune ihrer Mutter umschlug, sie wieder schlug oder hetzerisch über ihren Vater sprach.

Es war einfach eine herrliche Zeit, als die Mutter endlich das Elternhaus verlassen hatte und Ruhe einkehrte. Und auch die jüngere Schwester verschwand bald und mußte zur Strafe unter der Knechtschaft des cholerischen ungarischen Kellners leiden, der von nun an den Ton angab und sich beschwerte, dass er den Deutschen dienen müsse. Natürlich lernte er in 40 Jahren nicht die deutsche Sprache, so sehr hasste er dieses Land.

Endlich kein böses Wort mehr, keine Schreierei und keine Schläge. Sie würde auch eines Tages nicht trauern, wenn ihre Mutter sterben würde. Sie könnte auch garnicht trauern, weil sie ihre Eltern niemals geliebt, sondern immer gefürchtet hat. Die Mutter hatte immer die Strategie Macht-aus-Schwäche ausgespielt, eine verbreitete Verhaltenstrategie von Frauen, die von Feministinnen erstmalig beschrieben wurde. Eine Strategie, um sich unangreifbar zu machen, um sich als Opfer tränenreich zu inszenieren, um damit jegliche Selbstverantwortung von sich zu weisen. 

Letztlich hatte die Mutter Nadine auch immer wie einen Unfall behandelt, auf ihre Lebensweg, egoistisch ihre Interessen durchzusetzen und das Kind beiseite geschoben. Das schließlich ganz vergessen wurde, sobald sie verliebt war. Nicht nur mit Männern, sondern auch mit Frauen hatte die Mutter während der Ehe sexuelle Verhältnisse begonnen und dem armen Kind jedes noch so unwichtige Detail aus dem Intimleben ihrer Eltern erzählt. Das Verhalten der Mutter könnte man heutzutage als extrem übergriffig beschreiben und im Fall von Nadine kann man zeigen, wie grausam Frauen sein können, was auch durch die Existenz von Nazi Frauen in Vergangenheit und Gegenwart bewiesen ist. Wenn Frauen ihr Geschlecht als schwach und unschuldig darstellen wollen, als Opfer böser patriarchaler Mächte, bekommt Nadine Krätze, weil sie diese Einstellung seit ihrer frühesten Kindheit schon längst als falsch entlarven konnte. Frauen sind nicht unschuldig, sondern machen sich oft schuldig, sind intrigant und manipulativ, lügen, um ihre Interessen durchzusetzen und setzen dabei die Kleinmädchen-Strategie ein, um bei Männern Beschützerinstinkte zu wecken. Aber Nadine war dadurch nicht zu beeindrucken und verachtete all diese Frauen aus ganzem Herzen ein Leben lang. 

Sie hatte jahrelang kaum Kontakt zur Mutter und Nadine ihre wohl verdiente Ruhe in Berlin gefunden. Erst als der Mutter Krebs diagnostiziert wurde, gab es wieder einen zaghaften Kontakt, weil alle Welt davon ausging, dass die Mutter stirbt. Aber sie starb nicht und erpresste nun ihre Tochter Nadine schon 17 Jahre lang mit ihrer Krankheit und der ständigen Forderung auf Rücksichtnahme.


Kohle: Kapitel 6

Prostitution ist sowas wie Freiheit. Du musst dich nur noch gegen Geld mit Dreibeinern rumschlagen. Die Kohle gibt dir finanzielle Unabhängigkeit und geistige Freiheit. Die einzigen Personen, die Nadines Leben als politische Aktivistin nachträglich geprägt haben, waren homosexuelle Männer und Sexworker. Beide sind leider viel zu früh verstorben, weil bei ihnen, wie bei Nadine, die Kerze von beiden Seiten brannte. Durch die beiden Aktivisten Marc und Andrew fand Nadine Wege, die Ökonomie der Sexarbeit zu erforschen und die wesentlichen Dinge zu erkennen, auf die es ankommt. Das Peer-Arbeit Leben rettet, dass zig tausende Sexworker weltweit ohne HIV Behandlung verrecken müssen, weil sie keinen Zugang zu Therapie haben, in US-Gefängnissen gefangen gehalten oder in asiatischen Zwangslagern von Prostitutionsgegnern gegen ihren Willen umgeschult werden. Seitdem ließ sie die Frage nie mehr los, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diesen Zustand zu beenden. Nach dem Tod von Marc und Andrew fiel Nadine in eine tiefe Depression und entschied, dem Aktivismus den Rücken zu kehren. 

Das war die Zeit, wo sie das erste Mal in eine Psychose fiel, die sich unmerklich über Monate aufbaute, bis sie nicht mehr in der Lage war, die Wohnung zu verlassen. Sich nicht mehr wusch, sich mit Wein und Cannabis betäubte, sich mit Messern unter ihrem Kopfkissen bewaffnete, um sich zu wehren, wenn die Menschenhändler sie holten. Dieses Thema hatte sich wie ein Albtraum um sie herum gelegt und es gab kein Erwachen.

Persönlich hatte sie bereits Kontakt zu Zwangsprostituierten in Bordellen gehabt und Hilfe eingeleitet. Beruflich hatte sie gelegentlich auch mit diesem Thema zu tun, auch mit Kinderpornographie. Als sie sich erstmalig bewußt wurde, dass sie für ein Unternehmen arbeitet, wo es möglich ist, diese grausamen Geschäfte abzuwickeln, bekam sie einen Schreianfall und Heulkrampf im Beisein der Kollegen und rannte aus dem Büro. Nadine war die einzige Person, die ausgesprochen emotional bei diesem Thema reagierte, für die es ein regelrechter Schock war. Jedes Mal, wenn sie mit dieser Realität konfrontiert wurde, fiel sie in eine Psychose und mußte immer 3 Monate in der geschlossenen Psychiatrie verbringen, bevor sie wieder auf die Menschheit losgelassen werden konnte. Ihre Ängste, Paranoia und Panikattacken weiteten sich trotz medikamentöser Behandlung auf ihr Privatleben aus und sie vermied, bestimmte Gegenden in Berlin zu besuchen, öffentliche Orte, wo sich Männergruppen ansammeln und auf der Straße Frauen ansprechen. Auch fuhr sie nicht mehr gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Deshalb schnitt sie sich auch ihre Haare wieder kurz, in der Hoffnung, kein Angriffsziel für Männer mehr zu sein. Sie fuhr abends nur noch Taxi, weil sie nachts nicht mehr angstfrei durch die Straßen gehen konnte. Was früher völlig normal war. Sie isolierte sich zunehmend, um den Kontakt mit Menschen zu vermeiden.

Gleichzeitig hatte die erste Psychose sie in eine spirituelle Erfahrung geführt, ein Transzendenz Erlebnis mit einer Verbindung zum Universum. Zuvor war sie immer Atheistin gewesen. Nun begann sie ähnlich Gebeten tägliche Affirmationen auszusprechen, die sich positiv auf ihre mentale Verfassung auswirkten. Es gab da so einen weiblichen Guru im Internet, Idillionaire, der sie folgte und von deren Ansprache sie begeistert war. Sie gewann zunehmend an innerer Stärke und lernte das erste Mal in ihrem Leben, Grenzen zu ziehen. Da sie konfliktscheu war, vermied sie immer möglichst Konflikte und nahm sich deutlich zurück. Aber das änderte sich nun, denn sie mußte auf ihre Gesundheit acht geben und vermeiden, mit Arschlöchern und Energievampiren weiter Umgang zu pflegen.

Die einzige Person in diesen Jahren der Verwandlung, war ihr Mann, die einzige Person, der sie Zugang zur Psychiatrie gewährte. Die einzige Person ihres Vertrauens.

Auch der Vater ihres Mannes war Handwerksmeister. Auch er war seit seiner Jugend rebellisch und politisch engagiert. Er reiste dafür in seinen jungen Jahren durch ganz Deutschland, sogar in die DDR. Er hatte Elektrotechnik und Soziologie studiert, aber entschied Ende der 70er Jahre, Künstler und Punk zu sein und zog nach Berlin. Das Berlin der 80er Jahre war das im Nachhinein stark idealisierte Westberlin, wo David Bowie und andere Berühmtheiten gastierten. Wo Karl Lagerfeld in ihrer Stammbar, dem Kumpelnest, seine Aufwartung machte. Wo auch schon Orgien auf der Tanzfläche stattfanden und die Punks sich in der Ruine in Schöneberg austobten. Ihr Mann war Antifaschist und prügelte sich in jungen Jahren häufig mit Rechtsradikalen. So auch vor der Ruine, die sie in Besitz nehmen wollten. Aber der kleine, zähe und mutige Mann stellte sich als Einziger einer Gruppe von sieben Nazis entgegen und bekam eins übergezogen. Er nahm den Kampf mehrmalig in Kauf, auch wenn ihm dabei seine Zähne ausgeschlagen und er zusammen getreten wurde. Mit allen Mitteln wollte er vermeiden, dass linke Orte von den Nazis okkupiert und übernommen wurden. Er hatte viel dazu beigetragen, dass sich die Nazis in den 80ern nicht in manchen Gegenden von Berlin ausbreiten konnten. Er war auch sehr hartnäckig, als es um seine künstlerische Ausbildung ging. Nachdem mehrere Bewerbungen an Kunsthochschulen abgelehnt wurden, besuchte er die Kurse trotzdem. Mitten im Studium fiel es dann auf und sein Förderer und Mentor sorgte dafür, dass sein Aufenthalt legalisiert wurde und er das größte Atelier bekam und Meisterschüler, ja ein Pionier in digitaler Kunst wurde.

Nadine bewunderte ihren Mann für diesen Mut, sich auch alleine in die Front zu stellen und Gegenwehr auszuüben. Sie, die konfliktscheu alles ertrug, um nicht aufzufallen, um nicht das Interesse von Männern zu erregen. Die es gelernt hatte, immer still und klaglos alles zu ertragen. Die Schläge auf den Kopf durch die Mutter und die verbale Gewalt des Vaters hatten ihre Wirkung leider nicht verfehlt. Sie versuchte sich immer unsichtbar zu machen, um kein Angriffsziel zu werden. Dennoch erfuhr sie von einigen Männern Gewalt im privaten Umfeld. Männer, mit denen sie sich eingelassen hatte, weil sie sich einsam fühlte, die sie nicht liebte. Sie hatte einige langjährige Beziehungen mit Männern, in die sie niemals verliebt war. Nur, um einen Gefährten an ihrer Seite zu haben, der sie akzeptierte, wie sie war. Sie wollte nicht in die Einsamkeit ihrer Kindheit zurück fallen. 

Es waren alles gebildete Männer, die Gewalt ausübten, und an denen sie sich unmittelbar rächte. Es gab immer Gegenwehr, wenn man ihr weh tat. Da gab es kein Pardon. Da war sie gnadenlos. Als Kind war sie ohnmächtig und konnte sich nicht wehren, konnte sich nur noch im Anflug des nächsten Faustschlags auf den Boden werfen und sich schützend die Hände vor den Kopf halten. In der Hoffnung, nicht wieder am Kopf getroffen zu werden. Schon als Baby blieb sie unbeaufsichtigt und fiel mehrmals vom Wickeltisch, als die Mutter nebenan telefonierte und die Aufträge für den Vater entgegen nahm. Der Vater, der ihr ebenfalls aus Spaß mehrfach gegen den Kopf schlug, machte immer Witze darüber, über die sie nicht lachen konnte. Als er sie mit 17 erstmalig verprügelte, weil sie sich gegen üble Nachrede wehren mußte und sie die Wahrheit über ihn aussprach, hatte sie eine gebrochene Nase. Sie ging ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen und anschließend zum Frauenhaus, wo sie eine Anwältin fand, um ihren Vater auf Unterhalt zu verklagen. Auf diesem Weg gelang ihr die Flucht aus dem Elternhaus und damit in die Freiheit.

 Als erwachsene Frau zeigte sie auch immer Widerstand. Bei einer gewaltsamen Grenzüberschreitung beendete sie sofort die Beziehung, den Kontakt und rief manchmal auch die Polizei oder sorgte dafür, das jemand seinen Job verlor. Sie hatte sich immer geschworen, sich zu wehren, wenn sie als Frau erwachsen und frei ist, und Schläge niemals zuzulassen. Deshalb war sie auch gut für die Prostitution geeignet, weil sie sich wehren konnte. Und das musste sie auch. Denn auch hier kam es anfangs zu Übergriffen, obwohl sie keinen Anlass bot, außer einen Kunden zu ermahnen, sich an die bezahlte Zeit zu halten. Offenbar gehört Gewalt zum Leben einfach dazu. In Deutschland wird alle 2-3 Tage eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet. Auch Gewalt gegen Männer ist gestiegen und dieser Anteil an häuslicher Gewalt liegt bei 20%. Auch sie hatte schon auf Männer eingeschlagen, wenn sie sich verzweifelt wehrte, gegen Demütigung oder Aggression. Und sie ist sicher nicht stolz darauf, nicht nur Opfer, sondern auch Täterin geworden zu sein.

Es gab da immer so Trigger Momente, wo sie die Kontrolle verlor. Ein falsches Wort, dass sie an Worte und Demütigungen ihrer Eltern erinnerte, und sie schlug zu. Das letzte Mal schlug sie ihren Mann, das war 2008, weil er teuflisch gemein zu ihr war. Einmal schlug sie ihm eine Flasche auf den Kopf und verletzte ihn, daß er in einer Blutlache am Boden lag und sie den Krankenwagen rief. Die Sanitäter schauten sie so merkwürdig an, als sie nach der Ursache fragten. Offenbar war der Gewaltausbruch von Nadine nicht unbemerkt geblieben.

Seitdem hat sie nie wieder zugeschlagen. Sie war über ihr eigenes Verhalten so schockiert, dass sie sich schwor, niemals mehr die Hand gegen andere Menschen zu erheben, und seien sie auch noch so bösartig. Von nun an nutzte sie nur noch die Sprache und Kunst, die Stimme der Vernunft, um um sich zu schlagen.