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In der Hitze der Nacht

habe ich 2009 einen Roman in 6 Interviews geschrieben: Nuttenrepublik. So fing dieser Blog an. Und zur Einstimmung auf einen schönen Sommer veröffentliche ich ihn an dieser Stelle. Wer ihn noch nicht kennt, viel Vergnügen.

Nach meinem Blog wurden zwei Theaterstücke benannt. Wer schreibt, der bleibt.

1. Mein Leben als Escort
2. Mein Leben als Preisträgerin
3. Mein Leben als Politikerin
4. Mein Leben als Frau
5. Mein Leben als Hure
6. Mein Leben als Ehefrau

Opening https://nuttenrepublik.com/2010/01/15/nuttenrepublik/

Prolog https://nuttenrepublik.com/2010/01/18/nuttenrepublik-prolog/

Gliederung https://nuttenrepublik.com/2010/01/18/nr-gliederung/

Kap 1 https://nuttenrepublik.com/…/18/nuttenrepublik-chapter-1/

Kap 2 https://nuttenrepublik.com/…/19/nuttenrepublik-chapter-ii/

Kap 3 https://nuttenrepublik.com/…/nuttenrepublik-chapter-iii/

Kap 4 https://nuttenrepublik.com/…/06/nuttenrepublik-chapter-iv/

Kap 5 https://nuttenrepublik.com/…/07/nuttenrepublik-chapter-v/

Kap 6 https://nuttenrepublik.com/…/08/nuttenrepublik-chapter-vi/


Hamburg

Ich werde in Zukunft öfter in Hamburg sein, da die Luft gut für meine Lungen ist und gegen mein Asthma hilft. Außerdem kenne ich einige coole Leute in Hamburg, meist Menschen, die ich als Aktivistin kennengelernt habe. Es sind so zauberhafte Menschen dabei. Natürlich wissen die nicht, welchen Eindruck sie auf mich gemacht haben und das sie ein Grund sind, warum ich jetzt öfter in Hamburg sein werde.

Ich werde natürlich als erstes die Reeperbahn ansteuern und die Lage checken. Das mache ich seit meinem 17/18 Lebensjahr, dass ich in Städten als erstes die Rotlichtbezirke aufsuche. Eine seltsame Eigenschaft. Ich gehöre zu denen, die sich in diesem Milieu immer ganz wohl gefühlt haben. Auch kenne ich viele Betreiber, die einen guten Job machen. Wie dem auch sei, ich bin raus aus dem Thema und ist mit meinem Buch besiegelt, aber Menschen, die ich in den letzten 15-20 Jahren kennengelernt habe sind weiterhin Bekannte und Freunde.


Kairos

Wer der altgriechischen Sprache nicht mächtig ist, wird nie verstanden haben, was der Name meines Blogs bedeutet. Kairos. Der Begriff stammt aus der Antike der alten Griechen und bedeutet soviel wie Chance, versinnbildlicht durch einen Sonnenstrahl, der zwischen den Wolken hervorblitzt. Chancen für Veränderung gibt es im Leben weniger als man glaubt. Bei mir passiert das etwa alle 10 Jahre, dass sich ein neuer Lebensabschnitt auftut. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich aus dem Thema Sexarbeit und Prostitution quasi raus bin. Das Buch war der Abschluss und ich kümmere mich beruflich nun um Fragen der Zukunft. Wozu eine philosophische Ausbildung u.a. doch alles so taugt. Ich habe ja auch ein Handwerk gelernt, das Druckhandwerk, insofern hat mich das Thema Buchdruck, Politik und Werbung immer schon interessiert und war auch immer damit irgendwie verbunden.

Für mich beginnt bald ein neuer (beruflicher) Lebensabschnitt mit tollen Herausforderungen. Ich bin schon sehr gespannt. Entweder bau ich die Zukunft-Abteilung für ein Digitalunternehmen auf oder ich werde Digital Producer. Das entscheide ich in 2 Wochen. Mein Adrenalin kocht. Interessant ist, dass der neue Arbeitsplatz ausgerechnet ein Steinwurf weit von meinem ersten Bordell im Wedding entfernt liegt, wo meine großartige Rotlichtkarriere begann. Haha Interessant ist auch, dass meine Eigenschaften, die man bisher nicht an mir leiden konnte, in dem neuen Job Voraussetzung sind, also Akribie, Genauigkeit, Hartnäckigkeit und anderen Leuten auf den Nerv gehen.

Wenn ich die Zukunft-Abteilung aufbaue, dann für die Unternehmensgruppe, zu der auch Kaufmich gehört. Aber ich bin nun komplett aus dem Thema Sexarbeit und Prostitution raus. Als Aktivistin und beruflich. Fühlt sich seltsam an. Die Huren waren meine Familie. Mir hat mein politischer Aktivismus letztlich niemals geschadet, sondern war die Eintrittskarte in interessante Jobs und Projekte. Klar wurde ich auch schon bei Bewerbungen diskriminiert, aber dann wegen meinem Alter. Bin ja jetzt Tante. Es gab Tote in der Corona Krise, Suizide von verzweifelten Sexarbeiter:innen, von denen viele in existentieller Not waren & sind. In dieser Zeit hab ich im Homeoffice ohne Freunde gehockt, hab die Toten verdrängt, den Nothilfefonds des Besd initiiert, ein Buch geschrieben, mich verändert. So oder so betrete ich gerade Neuland, das in die Zukunft weist. Da ich ein Explorer und Abenteurer bin, ist das eine Chance, auf die ich lange hin gearbeitet habe.

Letzte Woche gab es eine Panel Discussion mit Bundestagsabgeordneten u.a. zum Sexkaufverbot, wo ich mitmischen durfte. Das ist auch mein letztes öffentliches Statement zu diesem Thema.


Der Hund mit 5 Beinen

2012 hab ich hier in meinem Blog nach meinen Reisen in die USA, Frankreich und Großbritannien auch von meiner Reise nach Indien berichtet. Als politische Aktivistin hatte ich mich um ein Stipendium zur Teilnahme an der alternativen Welt-Aids-Konferenz in Kolkata/Kalkutta erfolgreich beworben und bin täglich zwischen meinem 5 Sterne Hotel – das Hyatt Kolkata – und dem Tagungsort hin und her gelaufen. Der Weg führte durch die Slums, die nicht an die Ab-/Wasserversorgung angeschlossen waren, weshalb man auch vor die Tür der Wellblech-Baracken schiffte bzw. kackte. Da die Slums nicht nur in Kolkata recht gross sind, hing eine nach Scheiße duftende Wolke über der Stadt. Manchmal saßen wir nachts in der Präsidentensuite im Grand Hyatt auf der Terrasse zusammen und bemalten Plakate, die wir bei der großen Demo mit 5000 Teilnehmer:innen durch den größten Rotlichtbezirk Südostasiens vor uns her trugen. Die Luftfeuchtigkeit war ausgesprochen hoch und dazu dieser seltsame Geruch, der über der Stadt hing, und der mich umfing wie eine Glasglocke in einem Scheißekanal.

Bei meinen Wegen durch die Slums begegnete mir ein Hund mit 5 Beinen und Frauen mit durch Salzsäure zersetzten Gesicht. Weder wurden dort Tiere oder Menschen mit Behinderungen, die von der Norm abwichen, in Tierasyle oder Altersheime out gesourct, vor die Tore der Stadt abgeschoben, sondern man lebte zusammen in einer Community, wo man gemeinsam ums Überleben kämpfte. So ist das auch im Rotlichtbezirk Sonagachi, wo Generationen von Sexarbeiter:innen mit ihren Kindern und Familien leben und arbeiten und ihre Kunden empfangen.

Die westliche Prostitution unterscheidet sich extrem vom globalen Süden und um die Unterschiede kennen zu lernen bin ich dort hin gereist. Viele Menschen, die in der Hurenbewegung aktiv sind, sind außergewöhnlich. Ich lernte den großartigen belgischen Fotografen Marc de Clercq kennen, der die indische Hurenbewegung und ihre Protagonisten schon lange fotografisch begleitet. Dazu zählt vor allem die prominente und allseits geliebte transgender Queen Laxmi Narayan Tripathi, die viele aus dem Fernsehen kennen. Sie ist auch eine der prominentesten Aktivist:innen weit und breit und hat eine große Fangemeinde.

Ich teilte mir mein Doppelzimmer mit einer Sexarbeiterin und Aktivistin aus Afrika, aus einem Land, wo bei Prostitution die Todesstrafe droht. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Es gibt so unglaubliche Menschen auf diesem Planeten, die sich engagieren, obwohl die schlimmsten Strafen drohen. Selbst in China gibt es Aktivist:innen, die sich für Prostituierte engagieren, was wirklich nicht einfach ist.

Jedenfalls bin ich auch ein Hund mit 5 Beinen. Ich bin eine Differenz und hebe mich von der grauen Leberwurst, die uns umgibt, erheblich ab. Damit meine ich eine Monokultur, wo die lautesten Arschlöcher im Regelfall Karriere machen.

Ich traf in Kolkata Andrew Hunter, den ich liebte und bewunderte und der im Winter 2013 zu jung verstorben ist. Es gibt keinen Ersatz. Er war damals Präsident vom globalen Dachverband aller Sexarbeiter:innen NSWP und hieß mich zusammen mit seinem thailändischen Mann Dale in der Präsidentensuite willkommen. Ich denke fast täglich an ihn, weil er mich schwer beeindruckt hat: er hatte immer ein Ohr für einzelne Mitglieder, auch für mich, und engagierte sich als hiv positiver Mann besonders für die vielen hiv positiven Sexarbeiter:innen in aller Welt. Er liebte Sex, Drogen, Ekstase und hatte dabei einen luziden Verstand. Ich vermisse ihn so sehr.

Dadurch, dass ich als Escort hauptsächlich im Ausland gearbeitet habe, sind dort auch meine Freunde und Bekannten. Es ist schwer als Sexarbeiterin Freundschaften außerhalb der eigenen Szene zu schließen. In der deutschen Hurenbewegung hab ich keine Freunde gefunden, nur Bekannte, weil ich einen anderen Stallgeruch habe und die Kämpfe international begleitet habe. Es ist manchmal bedauerlich, wenn man im eigenen Land keine Freunde hat. Umso mehr denke ich an meine Wegbegleiter im Ausland, in Indien, China, Frankreich, Afrika, USA und Großbritannien. Menschen, die ich nach der Corona Krise besuchen werde. Mir ist kein Weg zu weit.


meine Buchvorstellung Sexwork 3.0


Interview mit mir

Neu ist ein Interview mit mir von Lilli Erdbeermund (Besd) über mein Buch

https://www.berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2021/05/07/sexwork-3-0-und-wie-wir-zwangsprostitution-verhindern-ein-interview-mit-autorin-martyra-peng/


Bestseller?

Heute surfe ich in den BOD Shop, um mir mein Buch anzuschauen und da sehe ich das:


Mein Ebook ist da!


Peng

Ein neues politisches Sachbuch erscheint am revolutionären 1. Mai!