schöne Grüsse von unterwegs!

update * http://youtu.be/cig60zVcQW8

Da fällt mir ein, hier gibts auch eine sehr interessante Diskussion zu einem interessanten Blog-Beitrag.


Schottisches Tagebuch

Update: mein Konferenzbericht ist hier zu finden

 

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Heute ist schon Tag 2, eigentlich Tag 3 seit 34 Minuten. Ich fang mit Tag 1 an. Schlechte Internetverbindung, daher die Verzögerung. Einige Extra-Infos und Links zum SWOU-Event 2013 kann man auch auf meinem Twitter Account verfolgen. Jetzt und in den kommenden Tagen.

Tag 1

Flug Berlin – Glasgow

Der Tag fängt schon mal prima an; eine praktizierende Buddhistin und Schottin in Mönchskutte sitzt im Flieger neben mir; natürlich Easyjet, meine Lieblingsairline in Europa; das Orange der Airline passt gut zu ihrem Outfit. Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass ich einmal dem Dalai Lama persönlich begegnet bin, in einem Aufzug in Köln 1994. Das war kurz nach Studienende, 3 Monate Praktikum bei der Heinrich Böll Stiftung, damals noch in Köln angesiedelt. Ich komme da morgens nichtsahnend in Kölle an, nach meinem täglichen Ritt mit dem Zug aus dem Ruhrpott, und betrete gerade den Aufzug. Kurz bevor sich die Tür schliesst, stellt jemand das Bein in die Tür, um zuzusteigen. Es war der Fuss des Enkels von Böll und an seiner Seite der Dalai Lama; der schaut mich an, lächelt und verbeugt sich. Also der Dalai Lama lächelt mich an, ich grüsse zurück und verbeuge mich ebenfalls, halte meine beiden Hände vor mir gefaltet, so wie er es gemacht hat. Beide betreten den Aufzug. Der Tag fängt gut an. Die schottische Buddhistin, die gerade aus einem Retreat in Berlin kommt und auch bald wieder für einige Monate dorthin zurück kehrt, lacht mich an und meint, ich hätte ein gutes Karma. Was ich denn in Glasgow mache? Ich erzähle ihr dies und das und sie ist sehr angetan, nicht ablehnend. Sie war früher auch in der Sozialarbeit und Krankenpflege tätig, als sie ihre Kinder grosszog. Seit sie nicht mehr arbeiten muss, hat sie sich ganz dem Buddhismus verschrieben. Also das mache ich auch eines Tages: ich verziehe mich ins Kloster, also ein buddhistisches Kloster und kümmere mich um den Garten.

Ankunft Glasgow am Nachmittag; 10 Grad Aussentemperatur, also Plus, yeah, Sonne, kein Grau, kein Schnee. Ich nehme ein Taxi. Die Differenz zum Bus sind etwa 10 schottische Pfund, man gönnt sich ja sonst nix. Ist doch wahr. Ich habe erst mal nur zwei Nächte in einem Gästehaus mit Einzelzimmer und geteilter Dusche gebucht; meine Freunde hier in Glasgow haben Probleme, ausreichend Schlafplätze und Matrazen zu organisieren. So richtig steht das Netzwerk hier noch nicht. Also das Matrazennetzwerk. Bei solchen Events schläft man lieber zusammen mit seinen Leuten unter einem Dach; da wird dann die ganze Nacht diskutiert, Wein getrunken und man fällt glücklich und erschöpft ins Bett. Man hatte mir einen Schlafplatz bei einem schottischen Freund angeboten, der nachts arbeitet, aber da ist noch eine Freundin und irgendwie scheint das ganze nicht sehr willkommend zu sein.

Das schottische Gästehaus ist ganz putzig, wie man es eben aus U.K. so kennt. Schmale Gänge und Treppen, ein komischer Mief im ganzen Haus. Schön ruhig, kein Hostel oder Absteige, das ist immer so ekelig und laut.

Ich hab mich mit Kosmetik in kleinen Grössen eingedeckt, bei Handgepäck kaufe ich immer vor Ort ein, das schleppe ich nicht mit mir rum. Das Duschgel duftet nach Minze. Und dann bin ich zum Friseur und hab mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen. Ich musste der Friseuse, die nur schottisch spricht, irgendwie erklären, dass ich einen langen Pony haben möchte und seitlich so eine Art Rundhaarschnitt entsteht, es darf aber nicht schick und frisch vom Friseur aussehen, das mag ich garnicht. 30 Minuten diskutierten wir und sie säbelte mir ganz vorsichtig die Haare ab. Also ich finde es gut. Das letzte Mal, dass ich so aussah, war mit 9 Jahren. Da kam so ein Fotograf in die Schule, der machte Fotos. Eins davon hängt im Gästezimmer meines Vaters in Spanien. Und genauso sehe ich jetzt auch aus.

Danach habe ich mir organischen Rotwein gekauft und mich um 18h ins Bett gelegt, bis Mitternacht geschlafen, von einem Mann mit schönem Schwanz geträumt. Ich träume in letzter Zeit dauernd von Sex, merkwürdig. Also ich schlafe hier wie ein Baby. Den Wein habe ich allerdings nicht angerührt. Heimlich eine Zigarette am Fenster geraucht, nach Mitternacht im Netz rumgekurvt, WLAN ziemlich schwach. Die Landlady sagte mir, dass man nur im Speisesaal Internetempfang hat. Da bin ich dann um Mitternacht runter, aber es war sehr ungemütlich dort, ich also wieder hoch und siehe da, ich fand in meinem Zimmer ein paar Balken, also Internetzugang. Es wurde spät und ich habe mein schottisches Frühstück verschlafen, musste zur Strafe zu Starbucks.

Tag 2

In der letzten Nacht las ich bei meiner schottischen Kollegin, dass sich eine Druckerei aus moralischen Gründen geweigert hatte, Plakate zu drucken. Es geht um die lokale Gewerkschaft STUC, die für unser Diskussionspanel am Samstag plötzlich die Räume verweigerte, mit der Ausrede, dass wir Sexworker sind. Aber das wussten sie sie schon vorher und alles war in feuchten Tüchern, Flyer gedruckt. Da muss die Labour Tante Rhoda Grant rumgerantet haben, die gerade Wahlkampf auf unsere Kosten macht. Die wollen hier die Freierbestrafung, also das Schwedische Modell einführen. Bordelle sind in U.K. insgesamt verboten, also Sexarbeit in Wohnungen ab zwei Sexworker, dies gilt als Bordell. Also ist man gezwungen, ganz alleine in einer Wohnung zu werkeln, alternativ Strasse, H/H. Problem ist bei diesen ganzen Einschränkungen, das die Gewalt gegenüber Escorts, also Sexworkern deshalb so gross sind, weil sie kriminalisiert sind und kaputte Typen denken, sie können alles mit einem machen. Ich hab auch keine Werbung geschaltet, in meinen 10 Tagen hier in Glasgow. Ich will entspannt dem Event beiwohnen. Reisetaschengeld für Unterkunft, Verpflegung und Flüge hätte ich schon gebrauchen können, da meine Kosten in Berlin ja weiter laufen. Ich verdiene ja den Familienunterhalt. Ich hab mir etwas zusammengespart, damit ich hier teilnehmen kann. Als ich das letzte Mal auf verschiedenen schottischen Seiten Werbung geschaltet habe, das war anlässlich meine Aufenthalts und Gastspiels beim Fringe Festival 2011, da riefen zwar sehr viele Männer an, aber die versuchten, nur den Preis zu drücken und beschimpften mich. Da hab ich ja noch 1 Stunden Dates angeboten. Alles in allem hatte ich nur Theater am Telefon und in zwei Wochen zwei Dates, eins im Hotel und eins in meinem Zimmer im Hostel, bevor ich zu Freunden gezogen bin. Was wohl für ein Stress am Telefon auf mich zukäme, wenn ich denen antworte, dass ich nur noch 2 Stunden Dates im Hotel anbiete. Hausbesuche kamen schon damals nicht in Frage. Nein danke, dann bin ich eben gänzlich ungefickt und träume weiter von schönen Schwänzen. So wie heute am frühen Abend, wo ich wieder ein Schläfchen hatte. Immerhin ist es mir gelungen, eine Druckerei ausfindig zu machen, die unsere Poster druckt, mit denen wir am Samstag vor STUC demonstrieren. Ich musste dem Mitarbeiter der Druckerei versichern, dass wir ja nicht öffentlich bekannt machen, wo wir haben drucken lassen. Ist das nicht deprimierend? Morgen hole ich die Poster und Banner ab; 170£ kosten die, war noch im Budget der SWOU. Gab nicht viele Spenden. Gut, dass der Red Umbrella Fund SWOU etwas unterstützt. Ich werde auch etwas bares in die Spendenkasse legen, die bei allen Veranstaltungen ausliegt. Das, was die Leute hier mit allen Beteiligten auf die Beine stellen, ist einfach unglaublich. Und super, dass für das ganztägige Politik-Panel am Samstag ein anderer Veranstaltungsort gefunden werden konnte. Jedenfalls wird der Sex Worker Open University Event seit 2009, vorher immer London, nur von Sexworkern und ehem. Sexworkern organisiert, keine Sozialarbeiter, keine Beratungsstellen und auch keine Betreiber von Agenturen, Massagesalons etc. Morgen starten wir abends mit der Sexworker Film-Nacht. Mit internationalen Filmen von Sexworkern. Ich trete auch auf. An Tag 4. Gute Nacht!

Tag 3

Rückblick: Hab die Banner und Poster abgeholt und zum CCA (Centre for Contemporary Arts) gebracht. Dann sehr schlecht chinesisch gegessen. Überall diese Mittags-Buffets. All you can eat, bäh! Am ersten Tag meiner Ankunft erkundigte ich mich nach einem indischen Restaurant in meiner Umgebung, da ich so gerne indisch esse. Und zwar aus allen Regionen. Der Service war unfreundlich und es kam niemand, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich fragte, ob ich evtl. stören würde und später wiederkommen sollte. Sie waren dabei, das Buffet abzubauen. Dann waren sie sehr zuvorkommend und das Essen schmeckte auch sehr gut. Genauso wie das Steak & Ale Pie im Pub am zweiten Tag. Bin ein wenig durch die Stadt gestromert und hab mir die Architektur angeschaut. Es gibt so schöne alte Art Deco Bauten. Z.B. das vergammelte The Beresford Hotel in der Sauchiehall Street. Charles Rennie Mackintosh hat ja die ganze Stadt mit seinen Bauten und Innenarchitektur verschönert. Schottischer Jugendstil. Die Willow Tea Rooms seien jedem Besucher empfohlen, wo man köstliche Club Sandwiches verschnabulieren kann. Das ganze Interior ist von Mackintosh entworfen und man sitzt auf den berühmten Stühlen mit den hohen Rückenlehnen sehr bequem. Also am Samstag muss ich endgültig aus meinem Gästehaus ausziehen; ausgerechnet jetzt, wo auch eine Freundin aus Österreich angereist ist, die im gleichen Haus wohnt. Ich ziehe ein paar Strassen weiter. Dieses Jahr sind auch die Veranstaltungsorte ganz zerfasert. An jedem Tag sind wir woanders. Gestern abend fand die Film Nacht statt. Am besten gefiel mir die Doku über das grösste internationale Sex Worker Rechte Festival in Kolkata/Indien, wo ich ja letztjährig teilnehmen durfte. Ich hab mich wieder kringelig gelacht, als Liz von Empower Foundation, Thailand sprach. Sie ist ziemlich radikal und bringt einiges auf den Punkt. Super meine afrikanischen und südamerikanischen KollegInnen, total souverän und klug. Ich will jetzt gerade nicht auf den Inhalt eingehen, sonst fange ich wieder an zu heulen. Vielleicht morgen.

Ein Film, der mich sehr berührt ist, ist ein Film von Nic Mai: „Normal“. Auf das Thema ‚Trafficking‘ (Menschenhandel) werde ich sicher noch in den kommenden Tagen eingehen. Hier ein Ausschnitt aus dem Film.

http://vimeo.com/ondemand/611/52750619

So muss los, die Demo ruft! Dann ganztägig Politik und Diskussion rund um Entkriminalisierung. Es reist extra aus Australien eine Kollegin von Scarlet Alliance an. Und heute abend ist die SWOU Partner und Gast beim Launch des Edge Fund Glasgow, wo ich auftreten werde. Ich berichte morgen. Schönes Wochenende euch!

Wenn die Internetleitung steht, twitter ich vom Politik-Panel ab ca. 12h mittags.

Tag 4

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Tag 5

Bekam vorhin einen mitternächtlichen Schock, als ich aufs Bankkonto schaute. Und bin wieder wach geworden. Ich frag mich, wo mich mein Engagement noch hinbringt. Klapsmühle oder Hartz IV?! Erschöpft bin i! Sehe schon seit Tagen müde aus, da ich nur in meinem eigenen Bett gut schlafen kann. Kalt ist es in Glasgow. Auch meine neue Unterkunft ist nicht sehr behaglich. Klinisch rein und steril. Man kann vom Fussboden essen. Ihr wisst, was das heisst. Überlege, ob ich morgen früh wieder zurück in mein altes Gästehaus ziehen soll, da ist wieder was frei geworden und viel behaglicher. Wären ja immerhin noch drei Übernachtungen. Ein Hin und Her ist das. Und ich hab mich mal wieder zwischendurch geärgert. Es scheint echt eine deutsche Eigenart zu sein, gerne an anderen rumzukritteln, zu bevormunden, persönlich wie auf Sachebene, dabei selbst Null Check zu haben oder nicht in den Spiegel zu schauen. Wie mir das auf die Eierstöcke geht. Ob meine Zurückhaltung an gewissen Stellen als Gutmütigkeit oder Schwäche ausgelegt wird? Kriege ja meist aus teutsche Land so gut wie gar kein Feedback, bis auf eine Person/(Ex?)Kollegin, die ich sehr schätze. Guten Mutes bin ich jedenfalls, da ich Reaktionen von anderen Seiten bekomme. Und das sind meist Leute aus dem Ausland. Nee, nee, nee, mit gewissen Leuten ist echt kein Staat zu machen und daher bleibe ich auch schön auf Distanz. ‚Wir sollten jeden Sonntag SW-only Diskussionen abhalten‘. Meinte eine schottische Kollegin heute zu mir. Na, ich weiss nicht. Hauptsache kein Stammtisch in Berlin. Auf ein paar Herren ist noch Verlass, was ich so von ihnen lese und die ich persönlich kenne und schätze. Danke schön.

Es gibt auch einiges Positives zu vermelden! Unsere GegnerInnen schäumen und scharren schon die Hufe. Die Geschichte zeigt, dass man sich einer richtigen Erkenntnis auf Dauer nicht in den Weg stellen kann. Ausser mit Gewalt, um die Stimmen verstummen zu lassen. Dafür sind wir aber schon zu viele und das Wort ist draussen. Ich freue mich riesig über die bisherige Berichterstattung zum Event. Zwei Einladungen aus dem Ausland habe ich in den letzten Tagen erhalten, über die ich mich sehr freue und die ich gerne annehme, weil ich sprechen darf. Politik, keine Comedy. Apropos: mein Auftritt letzte Nacht war ganz entzückend. War in Bestform und bekam gutes Feedback von vielen Leuten! Eine liebe Person, trusted ally, hat gefilmt. Sie sagte mir allerdings, dass die Beleuchtung mies war und daher die Qualität nicht sonderlich gut ausfällt. Voll toll! Entweder bekomme ich keine Videoaufnahmen, obwohl vorhanden, ich kriege sie nicht konvertiert oder die Qualität ist mies. So wird das nie was als Stand Up Comedian. Gute Nacht! Euer Goldschwanz

performed here

edgefund-glasgow

Tag 6

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Tag 7 & 8

eher nichts zum öffentlichen berichten. Konferenzbericht folgt.

Tag 9 & 10

schön, dass ich wieder zuhause bin. Wurde ja auch Zeit. In meinem Bett, bequem. Lesend, denkend und das Lachen nicht vergessend.


Ethik-Debatte UND ein Schirm ist aufgegangen

Da bin ich wieder! Zurück in Berlin. Allerdings gibt es wenig Neues hier zu berichten, ausser das noch eine wissensbasierte Ethik-Debatte um Sexarbeit aussteht. Die negative sozial-ethische Bewertung ändert sich ja nicht, solange solch eine Debatte gesellschaftlich nicht ernsthaft geführt wird. Hilft auch bei der Entwicklung vernünftiger Gesetze weiter. Ich hatte dies schon einmal hier angedeutet. Moralisiert wird zwar genug, aber um zu des Pudels Kern vorzudringen ist mehr notwenig als scheinheilige Empörung oder feministischer Extremismus.

Hab mittlerweile auch sämtliche Debatten, die derzeit hierzulande geführt werden, vernommen. Ich schliesse mich den Kritikern an, für die es keinen „Fall Brüderle“ gibt. Ja, es gibt viele Fälle, insofern finde ich den Aufschrei gut, hab mich eh gewundert, warum lange still gehalten wurde. Was sagen eigentlich die Karnevals- und Kegelklubschwestern dazu, die Männern ungefragt auf die Eier oder an die Krawatte gehen, am besten sturzbesoffen, damit der Sex auch richtig gut ist?

Vielleicht noch eine Debatte über ‚Sexwork und Sexismus‘ he he … evtl. würden dann auch Autoren endlich aufhören, Erfahrungsberichte zu schreiben, also die ohne Talent und Erfahrung. 😉

Und was jene mit Talent betrifft:  brauche ich dringend wieder einen Ritt mit einem Pferdchen oder Schweinchen. Freiwillige vor!

Hier ein kleiner Bildergruss von meiner letzten Reise.

copyright

copyright

Das beste kommt zum Schluss: das Foto ist der aufgehenden Sexworker Interessenvertretung in Deutschland gewidmet, die sich in Gründung befindet! Ich kann dort aufgrund ausserordentlicher Umstände nicht mitmischen und bin auch schon anderswo, als Beirätin im Bufas involviert. Ich kann so schlecht auf vielen Hochzeiten tanzen. Ich begrüsse diese Entwicklung und bin gespannt auf die Inhalte!

Wünsche euch allen eine schöne Woche, wenig Stress und viiiieeeel Entspannung!

Kiss


reisen, kochen, essen

Möchte nur kurz ankündigen, dass ich im Dezember häufig verreist bin (2.-9. Dez und 16.-19. Dez) und werde wohl kaum zum Schreiben kommen. Meine Emails beantworte ich selbstverständlich.

In der Zwischenzeit möchte ich auf das hier im Blog schon einmal erwähnte amerikanische Kochbuch hinweisen, dass inzwischen in Druck und als E-Book erschienen ist: „Cooking in Heels – A Memoir Cookbook“ heisst es, also der Titel ‚Kochen in High-Heels‘, ein Red Umbrella Projekt, dass Dank einer Online Kampagne realisiert werden konnte. Herausgegeben von Ceyenne Doroshow und Audacia Ray, der Gründerin des Red Umbrella Projects in New York City. Das Projekt ist von und für Sexworker geschaffen und bietet ein fantastisches Programm. Für die Professionalisierung von Interessenvertretern bietet es z.B. Medien Workshops, um zu lernen, wie professionelle Pressearbeit und der Umgang mit den Medien erlernt werden kann. Es bietet Workshops für InteressenvertreterInnen, die von Sexworkern und sehr erfahrenen Aktivisten durchgeführt werden, über Rechtsprechung und Gesetzesverfahren (in U.S.), über den Umgang mit Abgeordneten im Zusammenhang mit sexwork-spezifischen Themen sowie Kampagnenarbeit.

Auch gibt es ein kulturelles Programm, die „Red Umbrella Diaries“, das „Storytelling“, das von Sexworkern gestaltet wird. Jeden ersten Donnerstag im Monat gehen einige auf die Bühne, in einer coolen Bar an der Lower Eastside, und erzählen bei diesem immer gut besuchten Event ihre Geschichten aus dem Leben. Mal unterhaltsam, mal ernst, die Geschichten, die wir zu erzählen haben, interessieren offenbar viele Menschen. Auch gibt es Workshops, wo man Fähigkeiten zum Schreiben erlernt oder gutes Geschichten erzählen. Ich war auch schon dort und kann jedem NYC Besucher nur raten, dort mal einen unterhaltsamen und schönen Abend zu verbringen. Die Idee des Geschichten-Erzählens, auch biographisches Erzählen in der Community gründet auf der Überlegung, dass es ein wichtiger Bestandteil zur Bildung von Solidarität und der gemeinsamen Bewegung ist. Auch unterstützt das Projekt Community-Arbeit und politische Aktivisten.

Cayenne ist eine ausgezeichnete Geschichten-Erzählerin und dies war Ausgangspunkt, gemeinsam mit Audacia Ray ein Kochbuch zu machen. Als sie im Gefängnis war, weil sie sich der „Prostitution schuldig“ gemacht hatte, schrieb sie sämtliche Rezepte auf, es sind Familienrezepte. Das Buch ist ihren beiden Grossmüttern gewidmet, die ihre Küchen für sie öffneten. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, zu kochen, da sie Cayenne als Junge sahen und erziehen wollten, in Wirklichkeit war Cayenne ein „tranny child“, damit konnten sie nicht umgehen und verstanden es auch nicht. Eine Zusammenfassung ihrer beeindruckenden Lebensgeschichte, die ich hier nicht verraten möchte, ist den Rezepten vorangestellt. Gerichte im Southern Style, Einflüsse der kreolischen Küche, sind der Bezug, aber eigenwillig durch Familiengenerationen verwandelt. Küche und Kochen sind entscheidend mit Cayennes Leben verbunden, wie sehr, sollte man selber nachlesen und vor allem: nachkochen!

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tschöö und bis in bälde!

Ariane


Rollkoffer

Ich liebe das Theater

mehr als das Leben

und dennoch

ist alles Leben.

Dumm und stumm

bei manchen lebenslang.

Es kommen bessere Zeiten


task force


Travel

kurze Abwesenheitsnotiz: ich bin bis einschl. 26. August verreist und ab dem 27. in Berlin erreichbar. Meine Emails beantworte ich selbstverständlich täglich.

Ich wünsche euch noch einen heissen August, wo immer ihr seid!

Ariane


Rubbercat im Global Village I

Hach, wie die Zeit vergeht und ich hab meinen Blog wieder einmal völlig vernachlässigt. Dafür ist es diesmal etwas länger geworden. Ich sehe auch schon wieder ganz anders aus als wie zuletzt in London. Ich hatte seit Monaten den Wunsch, mir endlich die Haare ganz kurz zu schneiden, da ich es sexy finde. Schliesslich muss man sich ja selbst jeden Tag in den Spiegel schauen. Und Wow! es schaut wirklich gut aus, etwas kürzer als NUDE auf meiner Website. Eher der androgyne Style. Dazu mein neuer transparenter Rubber-Catsuit. Wenn du mich darin sehen möchtest, schreibe mir das Codewort „Schmitz Katze“ in deine Mailanfrage oder raune es mir per Mobiltelefon ins Ohr. Da werde ich ganz räudig und miaue ganz bestimmt zurück.

Was gibt es sonst neues? Vor einigen Tagen tobte ein heftiges Gewitter direkt über meinem Haus und es gluckerte nächtens, dass ich davon wach wurde. Ich sprang also nackelig aus dem Bett und lugte ins Bad, wo sich Unheil ankündigte. Aufgrund der Regenmassen konnten meine alten Wasserleitungen den Regenfluss nur noch nach oben drücken; mir war der Abfluss im Boden seit meinem Einzug verdächtig, nun wusste ich warum. Gott sei Dank war nur Wasser und Erde hoch gekommen und nackt und in Gummistiefeln lederte ich den Boden ab und schon war der Spuk vorbei. Das kommt davon, wenn man ebenerdig wohnt. Ich kenne aber schlimmere Fälle, wo das Abwasser hochdrängte, mit allen menschlichen Restposten, sodass die komplette Wohnung renoviert werden und man zwischenzeitlich ins Hotel übersiedeln musste. Dieser Krug ist bislang an mir vorüber gegangen.

Kürzlich erhielt ich ein Foto von meinen Hamburger Frauen, die das Film Fest dort auf die Beine gestellt hatten. Da stehe ich, ich kann nicht anders, ganz in blau mit gelben Leder-Stilettos. Ok, die Farben kommen nicht ganz rüber. Ich sehe aus wie ein seriöse Dozentin *grunz* Einfach herrrlich! Von weich zu streng und zurück, wie man sich unter bestimmten Umständen eben so wandelt.

Ich habe dort aber auch geredet, wie ein Maschinengewehr. Manches muss halt gesagt werden, wenn man die Chance dazu hat. In der englischen Sprache kann ich leider nicht so schnell und präzise reden. Also in der freien Rede, da brauche ich ein bis zwei Tage, um los zu legen. Da fällt mir ein; ich erhielt vor einigen Tagen die Reiseunterlagen für meine grosse, aber kurze Reise nach Kolkata/Indien. Ich sass gerade in der U-Bahn, als die Mail reinflatterte und lachte und weinte zugleich vor Freude. Das letzte Mal, wo ich mich so gefreut habe war, als ich die Frauen für den Chor des Theaterstücks beisammen hatte. Hach ja, das Theaterstück, es war mühsam, anstrengend und grossartig. Seitdem war mir klar, dass alle Veränderung in uns selbst liegt, dass man unter widrigsten Umständen Träume realisieren kann, auch wenn alle anderen der Idee keine Chance geben. Es lebe die Vision eines Callgirls! Die Kraft liegt in jedem einzelnen, manches auf die Beine zu stellen, selbst wenn man gefoult wird. Aufstehen, weitermachen. Das ganze Leben ist Marathonlauf und Mannschaftsspiel zugleich. Ich suche übrigens noch Mitspielerinnen! Einfach melden und beschnuppern. So wie ich es mit meinen lieben Dreibeinern handhabe.

Und ansonsten überlege ich noch, ob ich nur mit Handgepäck auf die grosse Reise gehen soll oder mit grossem Gepäck. Ich suche seit einigen Tagen nach Leinen-Anzügen, einer in weiss und einer in schwarz. Ich hasse Shopping, aber da ist nichts zu machen, da muss ich jetzt durch. Leinenanzüge sind das einzige, was ich in Kolkata tragen möchte. Wegen der Temperaturen, dem Monsun und der Stechmücken. Und eine Kopfbedeckung soll’s auch sein, wobei mir der Tropenhelm zu kolonialistisch ist, völlig unpassend, wenn man an die Geschichte Indiens denkt; ich dachte eher an einen Panama-Hut mit Schleier vor dem Gesicht. Und das Schuhwerk … ein noch grösseres Problem. Wahrscheinlich Sneakers. Leicht und bequem soll es sein, wenn der Kopf schon so schwer ist.

Anderes Thema: Kürzlich habe ich mir einen neuen Leder-Strap-On zusammen mit einem schwarzen, kurzen, dicken Dildo gekauft, der noch in meiner Kollektion fehlte, im diskreten Salon von Laura Méritts Sexclusivitäten. Der Shop ist kein Ladengeschäft und in ihrem Salon treffen sich regelmässig coole Weiber. Die Dildos sind ökologisch abbaubar, keine Weichmacher. Traut euch, ich muss den schwarzen Lolli noch einweihen. Ich kam einfach noch nicht dazu.

Ich bin dann auch alsbald im Sommerloch verschwunden und verreise vom 19-28. Juli nach Kolkata/Indien. Ich werde von der Konferenz life twittern.

Vom Sexworker Freedom Festival und IAC 2012 hub. Jeder und jede ist herzlich eingeladen, dieser Veranstaltung virtuell beizuwohnen. Dieser Event ist in der Geschichte einmalig und ich danke den engagierten Leuten, die dies nach langem zähen Ringen möglich gemacht haben.

Warum ich dorthin reise, ist auch im Blog von http://www.positive-stimmen.de/ u.a. zu lesen.

Die Zeitverschiebung beträgt +3.5 Stunden. Wenn ich während der An- und Abreise Internetzugang habe, berichte ich aus Berlin, Brüssel, Delhi, Kolkata (hin), Delhi und Mailand (rück). Ich kann nur hoffen, dass die Flüge pünktlich sind, sonst sieht es zappenduster aus. Auf der Hinreise muss ich in Delhi am Flughafen nächtigen, da der Weiterflug nach Kolkata exakt 9 Std. später erfolgt. Daher hatte ich überlegt, nur mit kleinem Gepäck zu reisen und in meinem Handkoffer nur einen Anzug, Laptop und Reiseapotheke unterzubringen sowie Kissen und Schlafsack, in den ich mich auf dem Fussboden in irgend einer Ecke einkringeln werde. Beim Rückflug über Mailand bleibt mir diese Tortur erspart, sofern meine Flüge pünktlich sind. Das ist doch alles sehr aufregend. Das einzige, was mich in diesem Zusammenhang nervte, war das Formular, das man für sein Visum online ausfüllen muss. Der Zugang zum Formular und die Erklärungen dazu waren dermassen kompliziert, dass ich Ewigkeiten damit zugebracht habe. Ich bin aber nicht die Einzige. Ich sprach mit zwei anderen Indien-Reisenden, die haben ebenfalls vor ihrem PC Krämpfe bekommen und dachten, sie seien blöd. Liegt also nicht an mir. Da war ich dann etwas beruhigt.
Beunruhigter bin ich allerdings darüber und auch ein wenig traurig, das ich nicht im Namen einer Community sprechen kann, da es im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern dieser Welt keine eigenständige Sexworker-Interessenvertretung in Deutschland gibt, worunter ganz viele Leute versammelt sind. Auch gibt es unterschiedliche Positionen in wichtigen Fragen, innerstaatlich, und das in vielen Ländern. Darüber wird ebenfalls zu sprechen sein. Aber um das Nationale geht es ja auch nicht wirklich, sondern um Ansichten, Positionen und das Ringen um die besten Argumente und Forderungen, die auf staatliches Handeln Einfluss nehmen müssen. Ist zwar auch ein Traum, eine Vision, but never give up ist die Devise. Kolkata ist mit der IAC in Washington in täglichen gemeinsamen Global-Village-Life-Schaltungen über fünf Stunden verbunden, sodass wir gemeinsam kommunizieren können. Wegen des Zeitunterschiedes von 9.5 Stunden fangen wir erst mittags an zu tagen, dafür bis spät abends. Dafür falle ich dann in einem sehr guten Hotel ins Bett, das ich gesponsort bekommen habe. Fühle mich dabei beklommen, wenn ich mir vorstelle, wieviele Menschen und auch Kolleginnen in Kolkata auf Strassen oder in ärmlichen Behausungen schlafen müssen.

Sorry, ist etwas lang geworden.
Bis später!


London my love

in order of appearance:

New Architecture! Ganz schön spitz

Background: the architectural Phallus of Sir Norman Foster.

Tower-Bridge, The Tower of London


 Skylounge, Hilton. Amazing place to go for blue hours. Caution: only with the right companion.

Center: Ariane. Foreground and behind Mr. Anonymous, the smart and good looking gentleman who took my out for dinner & more! Thank you Mr. Phallus!

source: unknown


22° 34′ 0″ N, 88° 22′ 0″ E

Vielleicht erinnern sich manche meiner Leser an meinen Beitrag aus März „looking for funding„. Ich hatte lange gezögert, mich um ein Stipendium zu bewerben, da ich denke, dass Leute aus den Industriestaaten privilegiert sind und Stipendien vor allem all jenen zusteht, die nichts haben. Allerdings wurde ich dann darauf hingewiesen, dass es eine Quote für Europäer gibt, desweiteren verfügen ich und viele meiner Mitstreiterinnen nicht über die Finanzmittel, um mal eben eine Reise um den Globus zu machen. Und ehrlich gesagt, sind es in Deutschland und Europa nicht so viele, die Zeit, Energie und Interesse haben, um an einer internationalen Konferenz mitzuwirken, wenn die Anfahrtswege beschwerlich und das Klima tropisch ist. Jedenfalls hatte ich mich also mit einem Exposé beworben und erhielt vorgestern den ersehnten Brief, dass ich das Reisestipendium erhalten habe. Ich bin sehr froh darüber, ja ein wenig stolz, aber sehe dieser Reise im Juli auch mit etwas Sorge entgegen, was die gesundheitlichen Risiken betrifft. In Washington ist es durchaus bequemer. 😉 Was bewegt mich, diese Reise auf mich zu nehmen, bei Flugangst (Langstrecke), Impfmarathon und Malariagefahr vor Ort, wo auch die beste Prophylaxe keinen 100%igen Schutz gewährt? Und in West-Bengalen ist in dieser Jahreszeit erhöhtes Malaria- und Dengue-Fieber Risiko und Ansteckungsgefahr; die Monsun-Zeit mit viel Regen steht an, die die bösen Stechmücken nicht einfach wegwaschen wird und ich werde wohl eine Woche komplett verhüllt, eingesalbt mit Repellents und Gummistiefeln dort herummarschieren, wenn ich nicht gerade im Tagungsmarathon festhänge und per Twitter Bericht erstatte. Das gehört ebenfalls dazu, dass einige die Ereignisse in die Welt twittern, damit jene, die nicht dabei sein können, auf dem laufenden sind.
Ich war noch nie in den Tropen und habe aus verschiedenen Gründen Fernreisen immer vermieden, touristische Ausflüge locken mich nicht hinter dem Ofen hervor, auch keine Bullenhitze und hohe Luftfeuchtigkeit. Aber wie bei der Desiree Alliance Konferenz in Las Vegas vor zwei Jahren, erscheint es mir in Anbetracht der Weltlage und der politischen Situation und Gefahren für Sexworker angebracht, sich nicht nur über das Internet zu vernetzen und Diskussionen zu führen, sondern persönliche und enge Kontakte zu pflegen und global sowie lokal face2face zu agieren, damit sich Dinge ändern können. Der persönliche Austausch und politische Aktionen sind wirksamer, wenn man sich weltweit zusammenschliesst. Was mich besonders reizt, ist die starke Gewerkschaft Durbar mit 65.000 Sexworkern allein im Bundesstaat West-Bengalen, dort, wo ich hinfahre. Das ist weltweit einzigartig und ich werde über ihre Arbeit sicher viel in Erfahrung bringen, damit ich einen entsprechenden Input in Deutschland und Europa leisten kann.
Ehrlich gesagt, habe ich in der Vergangenheit bestimmte Reisen auch vermieden, weil ich nicht mit der teils extremen Armut konfrontiert werden wollte und keinen Sinn bislang darin sah, mit meinem weissen Arsch dort meine Aufwartung zu machen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es anderen Kulturen mehr schadet als nützt, wenn Europäer und Amerikaner sich dort breit machen; sei es als Tourist, Kolonialist oder Landkäufer, um Ressourcen und Menschen auszuplündern. Ich sehe da persönlich keinen Fortschritt, Textilien, High Tech zu Sklavenlöhnen, teils von Kindern, im Akkord produzieren zu lassen, mit denen wir uns im Westen ausstaffieren, um anschliessend unseren giftigen Zivilisationsmüll dorthin zu entsorgen und die Menschen krank zu machen. Das ist Fakt. Da ich aber schon einige Slums in den USA gesehen habe und bittere Armut in Deutschland und einigen Nachbarstaaten, denke ich, dass ich nicht allzu unvorbereitet bin, wenn ich in Indien sehen werde, wenn Menschen, mit fast nichts am Leib, auf den Strassen schlafen. Wahrscheinlich werde ich mich schämen, dass ich in meinem Leben nicht genug getan habe, um das Elend in der Welt ein klein wenig lindern zu helfen, wahrscheinlich werde ich mich auch schämen, dass ich zuviel meiner Lebenszeit mit schwachsinnigen Diskussionen, mit den falschen Leuten verbracht und mein Geld für unnützes Zeug ausgegeben habe, dass ich meinen Verstand nicht genügend eingesetzt habe, um damit wirklich Sinnvolles anzustellen, was vielen nützt. Davor hab ich Angst, denn diese Konfrontation wird kommen und ich weiss nicht, wie ich reagieren werde. Wahrscheinlich wird es überwältigend sein und für mein Leben eine grosse Erfahrung und richtungsweisend für andere Projekte, so hoffe ich. Aber Bammel hab ich schon ein wenig vor dieser Reise. Aber ich muss dorthin, irgend etwas treibt mich an, mit offenem Ausgang.
So genug davon fürs erste; muss jetzt los zum Tropenmediziner und morgen nach Hamburg zum sexy Filmfest 😉

Ein schönes langes Wochenende euch allen! (In Berlin ist heute kein Feiertag)

Update: Nachlese zum Sex Work Film Fest in meiner Kaufmich-Kolumne!