Jahresendzeitgedanken

Weltuntergang überlebt? Fein, ich auch. Jetzt noch die so harmonischen Weihnachtstage …
In diesem Sinne euch allen schöne Ferien und hinein ins neue Jahr. Ich habe wirklich keine Idee, was ich zum Jahresende schreiben soll. Etwa einen satirischen Jahresrückblick à la Dieter Nuhr? Nach Satire war mir in diesem Jahr nicht wirklich zumute. Ich suche noch nach guten Gründen, meinen Blog einen neuen Namen zu verpassen, aber je länger ich darüber nachdenke, desto passender erscheint mir die Nuttenrepublik. ‚Katzentisch‘ wäre vielleicht noch eine Alternative, aber das klingt so kleinlaut.

Ansonsten denke ich darüber nach, wie ich meine ganzen Blogs mit meinen anderen teils privaten Social Media Seiten zusammenführe und zu einer minimalistischen Gesamtversion gelange. Letzte Nacht hab ich schon auf Facebook rumexperimentiert, da ist mir einiges flöten gegangen. Ich brauche dringend einen Nerd an meiner Seite, der mir technisch zwischen die Schenkel greift.

Ich war ja jetzt im Dezember dauernd unterwegs, kreuz und quer durch Europa, das war sehr schön, und ab Mitte Januar wieder. Also die Stewards bei KLM fand ich insgesamt hübscher als bei Easyjet, auch die Sitze bequemer. Aber auf Easyjet lasse ich nichts kommen. Das ist mein Lieblings-Shuttle und fast immer pünktlich, ausser kürzlich, als Berlin und Dresden eingeschneit waren und ich etwas Muffe hatte, als das Kerosin so langsam ausging, bei den vielen Warteschleifen im Himmel. Ich fliege doch immer sehr gerne, am meisten Spass macht mir der Start, wenn die Maschine auf die Rollbahn zockelt, zum Stillstand kommt und dann richtig die Post abgeht und ab gehts in die Lüfte. Da fühle ich mich immer am wohlsten, ohne Boden unter den Füssen. Das war nicht immer so. Über meinen Carbon-Footprint denke ich dabei nicht nach, höchstens, wie ich in diesem Leben noch in diesen Raumshuttle reinkomme, im Aufzug ins All. Auch würde ich gerne einen Flugschein in 2013 machen, hab etwas Geld dafür zusammen gespart, ob das reicht? Davon träume ich schon mein Leben lang. Am liebsten würde ich in einer kleinen Cessna in etwa zwei Jahren über den Ärmelkanal fliegen und wenn mir das gelingt, auch über den Atlantik nach New York. Von dort aus weiter nach Südostasien und überall auf der Welt meine Freunde besuchen und eine Doku drehen. So ganz alleine, einmal um die ganze Welt fliegen.

Ok, jetzt bin ich in Berlin und überlege, ob ich nicht sofort wieder abreisen soll, meinetwegen auch mit dem Zug. Geht aber leider nicht, muss ja noch meine *aarrghh* Steuererklärung fertig machen. Ich überlege, ob ich zwischen den Jahren nicht ordentlich Party machen soll. Warum bis Sylvester warten? Ach ja, und zum Anwalt muss ich auch, der Termin lässt sich nicht mehr hinausschieben. Ähnlich einem Zahnarztbesuch. Ist doch alles irgendwie scheisse.

Ich brauche wieder richtigen Sex, dann gehts mir besser. Mein Reitlehrer hat mich hängen lassen, ist nicht schlimm, ich habs mir heute selber besorgt, ich hab da für Notfälle eine Sammlung animierter Gifs.
Vor ein paar Wochen hatte ich ein richtig schönes Date mit einem Mann, den ich ordentlich geknutscht habe und mehr … da war ich so ein richtiges Girlfriend. Beim Blasen hat er mir schön an den Ohren gezogen, das mag ich …. mmmhhhh … das gegenseitige Gekraule hat mir sehr gut getan und mich gewissermassen über zwei Wochen hinweg gerettet, also nachhaltig.

Vielleicht sollte ich doch noch einen satirischen Jahresrückblick schreiben, vielleicht auch von meinen letzten Reise-Erlebnissen berichten, komme gerade so in Stimmung. Allerdings gab es da keinen Sex, aber schöne Architektur. Besser als nix.

Bis später
Fräulein A.


reisen, kochen, essen

Möchte nur kurz ankündigen, dass ich im Dezember häufig verreist bin (2.-9. Dez und 16.-19. Dez) und werde wohl kaum zum Schreiben kommen. Meine Emails beantworte ich selbstverständlich.

In der Zwischenzeit möchte ich auf das hier im Blog schon einmal erwähnte amerikanische Kochbuch hinweisen, dass inzwischen in Druck und als E-Book erschienen ist: „Cooking in Heels – A Memoir Cookbook“ heisst es, also der Titel ‚Kochen in High-Heels‘, ein Red Umbrella Projekt, dass Dank einer Online Kampagne realisiert werden konnte. Herausgegeben von Ceyenne Doroshow und Audacia Ray, der Gründerin des Red Umbrella Projects in New York City. Das Projekt ist von und für Sexworker geschaffen und bietet ein fantastisches Programm. Für die Professionalisierung von Interessenvertretern bietet es z.B. Medien Workshops, um zu lernen, wie professionelle Pressearbeit und der Umgang mit den Medien erlernt werden kann. Es bietet Workshops für InteressenvertreterInnen, die von Sexworkern und sehr erfahrenen Aktivisten durchgeführt werden, über Rechtsprechung und Gesetzesverfahren (in U.S.), über den Umgang mit Abgeordneten im Zusammenhang mit sexwork-spezifischen Themen sowie Kampagnenarbeit.

Auch gibt es ein kulturelles Programm, die „Red Umbrella Diaries“, das „Storytelling“, das von Sexworkern gestaltet wird. Jeden ersten Donnerstag im Monat gehen einige auf die Bühne, in einer coolen Bar an der Lower Eastside, und erzählen bei diesem immer gut besuchten Event ihre Geschichten aus dem Leben. Mal unterhaltsam, mal ernst, die Geschichten, die wir zu erzählen haben, interessieren offenbar viele Menschen. Auch gibt es Workshops, wo man Fähigkeiten zum Schreiben erlernt oder gutes Geschichten erzählen. Ich war auch schon dort und kann jedem NYC Besucher nur raten, dort mal einen unterhaltsamen und schönen Abend zu verbringen. Die Idee des Geschichten-Erzählens, auch biographisches Erzählen in der Community gründet auf der Überlegung, dass es ein wichtiger Bestandteil zur Bildung von Solidarität und der gemeinsamen Bewegung ist. Auch unterstützt das Projekt Community-Arbeit und politische Aktivisten.

Cayenne ist eine ausgezeichnete Geschichten-Erzählerin und dies war Ausgangspunkt, gemeinsam mit Audacia Ray ein Kochbuch zu machen. Als sie im Gefängnis war, weil sie sich der „Prostitution schuldig“ gemacht hatte, schrieb sie sämtliche Rezepte auf, es sind Familienrezepte. Das Buch ist ihren beiden Grossmüttern gewidmet, die ihre Küchen für sie öffneten. Ihre Eltern erlaubten ihr nicht, zu kochen, da sie Cayenne als Junge sahen und erziehen wollten, in Wirklichkeit war Cayenne ein „tranny child“, damit konnten sie nicht umgehen und verstanden es auch nicht. Eine Zusammenfassung ihrer beeindruckenden Lebensgeschichte, die ich hier nicht verraten möchte, ist den Rezepten vorangestellt. Gerichte im Southern Style, Einflüsse der kreolischen Küche, sind der Bezug, aber eigenwillig durch Familiengenerationen verwandelt. Küche und Kochen sind entscheidend mit Cayennes Leben verbunden, wie sehr, sollte man selber nachlesen und vor allem: nachkochen!

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tschöö und bis in bälde!

Ariane


keine Nacktfotos

Menno, jetzt hinke ich meinen Aktivitäten wegen einer Erkältung, die mich ausknockte, völlig hinterher. Aber ich hole auf.

Ich erwähnte ja in meinem vor-vorletzten Blog die tolle Tampep Veranstaltung in Hamburg. Ein Herr und Fotograf, mit dem ich mich diesjährig anfreundete, schickte mir von der Veranstaltung einige goldige Fotos. Danke Hiniiiiiiii! Da ich davon ausgehe, dass nicht alle abgebildet werden möchten, stelle ich nur zwei Bilder rein.

© Hinrich Schultze

© Hinrich Schultze

© Hinrich Schultze

Bild 2 zeigt mich mit der langjährigen Huren-Aktivistin Stefanie Klee, die ich für vieles sehr schätze und die auf ihrem Blog über die Veranstaltung ebenfalls geschrieben hat. Links im Bild der Fotograf Günter Zint, der für viele ein Begriff sein dürfte, nicht nur, weil er Domenica lange kannte und portraitierte. Rechts im Bild Pia Covre, Sex Worker Rechte Aktivistin aus Italien, der wir u.a. den roten Schirm als Symbol seit 2001 zu verdanken haben. Sie kandidierte 2009 für das Europäische Parlament, leider hat es nicht gereicht.

Fotobuch von Günter Zint mit Bildern von Domenica, auch aus dem privaten Nachlass


task force


Rubbercat im Global Village I

Hach, wie die Zeit vergeht und ich hab meinen Blog wieder einmal völlig vernachlässigt. Dafür ist es diesmal etwas länger geworden. Ich sehe auch schon wieder ganz anders aus als wie zuletzt in London. Ich hatte seit Monaten den Wunsch, mir endlich die Haare ganz kurz zu schneiden, da ich es sexy finde. Schliesslich muss man sich ja selbst jeden Tag in den Spiegel schauen. Und Wow! es schaut wirklich gut aus, etwas kürzer als NUDE auf meiner Website. Eher der androgyne Style. Dazu mein neuer transparenter Rubber-Catsuit. Wenn du mich darin sehen möchtest, schreibe mir das Codewort „Schmitz Katze“ in deine Mailanfrage oder raune es mir per Mobiltelefon ins Ohr. Da werde ich ganz räudig und miaue ganz bestimmt zurück.

Was gibt es sonst neues? Vor einigen Tagen tobte ein heftiges Gewitter direkt über meinem Haus und es gluckerte nächtens, dass ich davon wach wurde. Ich sprang also nackelig aus dem Bett und lugte ins Bad, wo sich Unheil ankündigte. Aufgrund der Regenmassen konnten meine alten Wasserleitungen den Regenfluss nur noch nach oben drücken; mir war der Abfluss im Boden seit meinem Einzug verdächtig, nun wusste ich warum. Gott sei Dank war nur Wasser und Erde hoch gekommen und nackt und in Gummistiefeln lederte ich den Boden ab und schon war der Spuk vorbei. Das kommt davon, wenn man ebenerdig wohnt. Ich kenne aber schlimmere Fälle, wo das Abwasser hochdrängte, mit allen menschlichen Restposten, sodass die komplette Wohnung renoviert werden und man zwischenzeitlich ins Hotel übersiedeln musste. Dieser Krug ist bislang an mir vorüber gegangen.

Kürzlich erhielt ich ein Foto von meinen Hamburger Frauen, die das Film Fest dort auf die Beine gestellt hatten. Da stehe ich, ich kann nicht anders, ganz in blau mit gelben Leder-Stilettos. Ok, die Farben kommen nicht ganz rüber. Ich sehe aus wie ein seriöse Dozentin *grunz* Einfach herrrlich! Von weich zu streng und zurück, wie man sich unter bestimmten Umständen eben so wandelt.

Ich habe dort aber auch geredet, wie ein Maschinengewehr. Manches muss halt gesagt werden, wenn man die Chance dazu hat. In der englischen Sprache kann ich leider nicht so schnell und präzise reden. Also in der freien Rede, da brauche ich ein bis zwei Tage, um los zu legen. Da fällt mir ein; ich erhielt vor einigen Tagen die Reiseunterlagen für meine grosse, aber kurze Reise nach Kolkata/Indien. Ich sass gerade in der U-Bahn, als die Mail reinflatterte und lachte und weinte zugleich vor Freude. Das letzte Mal, wo ich mich so gefreut habe war, als ich die Frauen für den Chor des Theaterstücks beisammen hatte. Hach ja, das Theaterstück, es war mühsam, anstrengend und grossartig. Seitdem war mir klar, dass alle Veränderung in uns selbst liegt, dass man unter widrigsten Umständen Träume realisieren kann, auch wenn alle anderen der Idee keine Chance geben. Es lebe die Vision eines Callgirls! Die Kraft liegt in jedem einzelnen, manches auf die Beine zu stellen, selbst wenn man gefoult wird. Aufstehen, weitermachen. Das ganze Leben ist Marathonlauf und Mannschaftsspiel zugleich. Ich suche übrigens noch Mitspielerinnen! Einfach melden und beschnuppern. So wie ich es mit meinen lieben Dreibeinern handhabe.

Und ansonsten überlege ich noch, ob ich nur mit Handgepäck auf die grosse Reise gehen soll oder mit grossem Gepäck. Ich suche seit einigen Tagen nach Leinen-Anzügen, einer in weiss und einer in schwarz. Ich hasse Shopping, aber da ist nichts zu machen, da muss ich jetzt durch. Leinenanzüge sind das einzige, was ich in Kolkata tragen möchte. Wegen der Temperaturen, dem Monsun und der Stechmücken. Und eine Kopfbedeckung soll’s auch sein, wobei mir der Tropenhelm zu kolonialistisch ist, völlig unpassend, wenn man an die Geschichte Indiens denkt; ich dachte eher an einen Panama-Hut mit Schleier vor dem Gesicht. Und das Schuhwerk … ein noch grösseres Problem. Wahrscheinlich Sneakers. Leicht und bequem soll es sein, wenn der Kopf schon so schwer ist.

Anderes Thema: Kürzlich habe ich mir einen neuen Leder-Strap-On zusammen mit einem schwarzen, kurzen, dicken Dildo gekauft, der noch in meiner Kollektion fehlte, im diskreten Salon von Laura Méritts Sexclusivitäten. Der Shop ist kein Ladengeschäft und in ihrem Salon treffen sich regelmässig coole Weiber. Die Dildos sind ökologisch abbaubar, keine Weichmacher. Traut euch, ich muss den schwarzen Lolli noch einweihen. Ich kam einfach noch nicht dazu.

Ich bin dann auch alsbald im Sommerloch verschwunden und verreise vom 19-28. Juli nach Kolkata/Indien. Ich werde von der Konferenz life twittern.

Vom Sexworker Freedom Festival und IAC 2012 hub. Jeder und jede ist herzlich eingeladen, dieser Veranstaltung virtuell beizuwohnen. Dieser Event ist in der Geschichte einmalig und ich danke den engagierten Leuten, die dies nach langem zähen Ringen möglich gemacht haben.

Warum ich dorthin reise, ist auch im Blog von http://www.positive-stimmen.de/ u.a. zu lesen.

Die Zeitverschiebung beträgt +3.5 Stunden. Wenn ich während der An- und Abreise Internetzugang habe, berichte ich aus Berlin, Brüssel, Delhi, Kolkata (hin), Delhi und Mailand (rück). Ich kann nur hoffen, dass die Flüge pünktlich sind, sonst sieht es zappenduster aus. Auf der Hinreise muss ich in Delhi am Flughafen nächtigen, da der Weiterflug nach Kolkata exakt 9 Std. später erfolgt. Daher hatte ich überlegt, nur mit kleinem Gepäck zu reisen und in meinem Handkoffer nur einen Anzug, Laptop und Reiseapotheke unterzubringen sowie Kissen und Schlafsack, in den ich mich auf dem Fussboden in irgend einer Ecke einkringeln werde. Beim Rückflug über Mailand bleibt mir diese Tortur erspart, sofern meine Flüge pünktlich sind. Das ist doch alles sehr aufregend. Das einzige, was mich in diesem Zusammenhang nervte, war das Formular, das man für sein Visum online ausfüllen muss. Der Zugang zum Formular und die Erklärungen dazu waren dermassen kompliziert, dass ich Ewigkeiten damit zugebracht habe. Ich bin aber nicht die Einzige. Ich sprach mit zwei anderen Indien-Reisenden, die haben ebenfalls vor ihrem PC Krämpfe bekommen und dachten, sie seien blöd. Liegt also nicht an mir. Da war ich dann etwas beruhigt.
Beunruhigter bin ich allerdings darüber und auch ein wenig traurig, das ich nicht im Namen einer Community sprechen kann, da es im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern dieser Welt keine eigenständige Sexworker-Interessenvertretung in Deutschland gibt, worunter ganz viele Leute versammelt sind. Auch gibt es unterschiedliche Positionen in wichtigen Fragen, innerstaatlich, und das in vielen Ländern. Darüber wird ebenfalls zu sprechen sein. Aber um das Nationale geht es ja auch nicht wirklich, sondern um Ansichten, Positionen und das Ringen um die besten Argumente und Forderungen, die auf staatliches Handeln Einfluss nehmen müssen. Ist zwar auch ein Traum, eine Vision, but never give up ist die Devise. Kolkata ist mit der IAC in Washington in täglichen gemeinsamen Global-Village-Life-Schaltungen über fünf Stunden verbunden, sodass wir gemeinsam kommunizieren können. Wegen des Zeitunterschiedes von 9.5 Stunden fangen wir erst mittags an zu tagen, dafür bis spät abends. Dafür falle ich dann in einem sehr guten Hotel ins Bett, das ich gesponsort bekommen habe. Fühle mich dabei beklommen, wenn ich mir vorstelle, wieviele Menschen und auch Kolleginnen in Kolkata auf Strassen oder in ärmlichen Behausungen schlafen müssen.

Sorry, ist etwas lang geworden.
Bis später!


22° 34′ 0″ N, 88° 22′ 0″ E

Vielleicht erinnern sich manche meiner Leser an meinen Beitrag aus März „looking for funding„. Ich hatte lange gezögert, mich um ein Stipendium zu bewerben, da ich denke, dass Leute aus den Industriestaaten privilegiert sind und Stipendien vor allem all jenen zusteht, die nichts haben. Allerdings wurde ich dann darauf hingewiesen, dass es eine Quote für Europäer gibt, desweiteren verfügen ich und viele meiner Mitstreiterinnen nicht über die Finanzmittel, um mal eben eine Reise um den Globus zu machen. Und ehrlich gesagt, sind es in Deutschland und Europa nicht so viele, die Zeit, Energie und Interesse haben, um an einer internationalen Konferenz mitzuwirken, wenn die Anfahrtswege beschwerlich und das Klima tropisch ist. Jedenfalls hatte ich mich also mit einem Exposé beworben und erhielt vorgestern den ersehnten Brief, dass ich das Reisestipendium erhalten habe. Ich bin sehr froh darüber, ja ein wenig stolz, aber sehe dieser Reise im Juli auch mit etwas Sorge entgegen, was die gesundheitlichen Risiken betrifft. In Washington ist es durchaus bequemer. 😉 Was bewegt mich, diese Reise auf mich zu nehmen, bei Flugangst (Langstrecke), Impfmarathon und Malariagefahr vor Ort, wo auch die beste Prophylaxe keinen 100%igen Schutz gewährt? Und in West-Bengalen ist in dieser Jahreszeit erhöhtes Malaria- und Dengue-Fieber Risiko und Ansteckungsgefahr; die Monsun-Zeit mit viel Regen steht an, die die bösen Stechmücken nicht einfach wegwaschen wird und ich werde wohl eine Woche komplett verhüllt, eingesalbt mit Repellents und Gummistiefeln dort herummarschieren, wenn ich nicht gerade im Tagungsmarathon festhänge und per Twitter Bericht erstatte. Das gehört ebenfalls dazu, dass einige die Ereignisse in die Welt twittern, damit jene, die nicht dabei sein können, auf dem laufenden sind.
Ich war noch nie in den Tropen und habe aus verschiedenen Gründen Fernreisen immer vermieden, touristische Ausflüge locken mich nicht hinter dem Ofen hervor, auch keine Bullenhitze und hohe Luftfeuchtigkeit. Aber wie bei der Desiree Alliance Konferenz in Las Vegas vor zwei Jahren, erscheint es mir in Anbetracht der Weltlage und der politischen Situation und Gefahren für Sexworker angebracht, sich nicht nur über das Internet zu vernetzen und Diskussionen zu führen, sondern persönliche und enge Kontakte zu pflegen und global sowie lokal face2face zu agieren, damit sich Dinge ändern können. Der persönliche Austausch und politische Aktionen sind wirksamer, wenn man sich weltweit zusammenschliesst. Was mich besonders reizt, ist die starke Gewerkschaft Durbar mit 65.000 Sexworkern allein im Bundesstaat West-Bengalen, dort, wo ich hinfahre. Das ist weltweit einzigartig und ich werde über ihre Arbeit sicher viel in Erfahrung bringen, damit ich einen entsprechenden Input in Deutschland und Europa leisten kann.
Ehrlich gesagt, habe ich in der Vergangenheit bestimmte Reisen auch vermieden, weil ich nicht mit der teils extremen Armut konfrontiert werden wollte und keinen Sinn bislang darin sah, mit meinem weissen Arsch dort meine Aufwartung zu machen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es anderen Kulturen mehr schadet als nützt, wenn Europäer und Amerikaner sich dort breit machen; sei es als Tourist, Kolonialist oder Landkäufer, um Ressourcen und Menschen auszuplündern. Ich sehe da persönlich keinen Fortschritt, Textilien, High Tech zu Sklavenlöhnen, teils von Kindern, im Akkord produzieren zu lassen, mit denen wir uns im Westen ausstaffieren, um anschliessend unseren giftigen Zivilisationsmüll dorthin zu entsorgen und die Menschen krank zu machen. Das ist Fakt. Da ich aber schon einige Slums in den USA gesehen habe und bittere Armut in Deutschland und einigen Nachbarstaaten, denke ich, dass ich nicht allzu unvorbereitet bin, wenn ich in Indien sehen werde, wenn Menschen, mit fast nichts am Leib, auf den Strassen schlafen. Wahrscheinlich werde ich mich schämen, dass ich in meinem Leben nicht genug getan habe, um das Elend in der Welt ein klein wenig lindern zu helfen, wahrscheinlich werde ich mich auch schämen, dass ich zuviel meiner Lebenszeit mit schwachsinnigen Diskussionen, mit den falschen Leuten verbracht und mein Geld für unnützes Zeug ausgegeben habe, dass ich meinen Verstand nicht genügend eingesetzt habe, um damit wirklich Sinnvolles anzustellen, was vielen nützt. Davor hab ich Angst, denn diese Konfrontation wird kommen und ich weiss nicht, wie ich reagieren werde. Wahrscheinlich wird es überwältigend sein und für mein Leben eine grosse Erfahrung und richtungsweisend für andere Projekte, so hoffe ich. Aber Bammel hab ich schon ein wenig vor dieser Reise. Aber ich muss dorthin, irgend etwas treibt mich an, mit offenem Ausgang.
So genug davon fürs erste; muss jetzt los zum Tropenmediziner und morgen nach Hamburg zum sexy Filmfest 😉

Ein schönes langes Wochenende euch allen! (In Berlin ist heute kein Feiertag)

Update: Nachlese zum Sex Work Film Fest in meiner Kaufmich-Kolumne!


eine jecke Gemeinde

Lagebericht: Wieder da! Fantastische, anstrengende und vergnügliche Wochen, Tage und Stunden liegen hinter mir, inkl. eines Einzugs in eine Wohngemeinschaft mit einem Blind Date, der mir als Eröffnungs-Geschenk einen Mops überreichte, der mich heute auf meiner Heimfahrt nach Berlin begleitete und Kinder wie Erwachsene auf der Domplatte in Verzückung versetzte.

Ich muss schon sagen, dass ich wirklich überwältigt bin, was es doch für tolle Menschen auf der Welt gibt. In Hamburg, in Köln, in Mülheim und Duisburg, in Barcelona und Shanghai, in London und Edinburgh, virtuell und überall. Man muss sie nur suchen und finden. Oder sie suchen einen und man wird gefunden?!

Aus aktuellem Anlass möchte ich kurz zu meinem Köln-Special von gestern Abend ein Interview mit dem töften und aufgeklärten Pfarrer Hans Mörtter der Luthergemeinde zu Kölle, Initiator der  hier im Vorfeld angekündigten Veranstaltung hier einstellen, zu der meine Wenigkeit und andere Mitstreiterinnen zum Gespräch geladen waren, eingebettet in Performances, dem Menschensynfonieorchester, Sirenengesang und einem Gottesdienst (sic!) und mit Feuer-Schluckern, Pascha-Girls, Party und einem kleinen Disput in der WG einen schönen Ausklang nahm. Ich bin überwältigt und werde noch detailliert dazu und auch zum Hamburger Symposium berichten. Auch, das gewisse Kreise im Vorfeld auf Absage des gestrigen Events drängten, sich die Veranstalter aber durchsetzten, selbst der Oberbürgermeister von Köln sich stark für uns machte und die Veranstaltung gelingen konnte. Danke, danke! An alle Beteiligten, Künstler, Musiker, die Gemeinde der Südstadt. Wenn Kirche das sein kann, was ich dort erleben durfte, mit vielen Gesprächen, Nachdenklichkeit, Neugier, Mitgefühl, Fragen, Irritation und Freude, dann bin ich von nun an ein treuer Fan der Gemeinde. Auch wenn ich Atheistin bin und bleibe 😉

***

Interview mit Pfarrer Hans Mörtter


Frage

Wie kam es zu der Idee, einen Themengottesdienst über Sexarbeit zu machen?
Hans Mörtter
Der ursprüngliche Auslöser liegt schon längere Zeit zurück und war die Beerdigung einer jungen Sexarbeiterin, die mit 21 Jahren von einem Freier brutal erstochen wurde und deren Ermordung bis heute nicht aufgeklärt ist. Die hatte ein Apartment hier in der Südstadt, in dem sie die Leute empfing. Ich habe als Pfarrer die Eltern damals begleitet. Nachdem die herausgefunden hatten, dass ihre Tochter nach dem Abitur als Prostituierte arbeitete, haben sie ihr das Kindsein aufgekündigt, sie aus der elterlichen Wohnung herausgeworfen und auch den Kontakt zu ihr abgebrochen. Dieses Zerwürfnis und die Trennung war das letzte, was sie in Erinnerung haben. Die nächste Nachricht war dann, dass sie ermordet worden ist. Die  Eltern haben sich daraufhin nicht verzeihen können, dass sie ihre Tochter aufgegeben haben. Sie empfanden das als Verrat an ihr, den sie nie wieder gut machen konnten.

Bis heute frage ich mich, was das für eine Gesellschaft ist, in der so etwas passiert, dass Eltern ihr eigenes Kind verstoßen, weil es eine Prostituierte geworden ist. Was steckt da an Bildern dahinter, dass Prostitution derart schlimm ist. Für mich sind das gesamtgesellschaftliche Bilder, die suggerieren, dass das böse und unmenschlich ist.

Frage
Das hat sie dann irgendwie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Hans Mörtter
In den letzten 20 Jahren bin ich immer wieder mit dem Gedanken herumgelaufen, dass man darüber reden muss, wie Frauen im Sexgewerbe wahrgenommen werden. Natürlich durchschaue ich das viel zu wenig und habe, wie die meisten von uns, die Geschichten von Menschenhandel und Zwangsprostitution im Kopf. Das ist krimineller Missbrauch von Frauen und von jungen Mädchen. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass das nur eine Seite ist. Die andere Seite ist die Geschichte der jungen Abiturientin, die das freiwillig gemacht hat und auch keinen Zuhälter hatte. Ich habe sie lebendig nicht kennen gelernt, aber es war eine junge, gebildete Frau, die das nicht aus Mangel an anderen Möglichkeiten gemacht hat. Sie hat das offensichtlich gewählt, weil sie damit gut Geld verdienen konnte und glaubte, das gut trennen zu können.
Ich finde, es muss endlich mal sein, dass wir differenzierter wahrnehmen und anfangen, miteinander zu reden und nicht übereinander oder gegeneinander. Diese Menschen sind marginalisiert und tabuisiert, ausgegrenzt und stigmatisiert.  Es ist oft so, dass eine Prostituierte, die sich verliebt und ihren Beruf aufgibt, ihrem Partner nicht sagt, was sie früher gemacht hat. Diese Ächtung kann nicht sein und nach jesuanischem Vorbild muss man sagen: „Ich sehe dich, wie du bist und nehme dich erst einmal so an.“

Die Ariane aus Berlin, die zum Interview kommt, ist eine selbstbewusste Frau, die sich bewusst für diesen Beruf entschieden hat. Sie ist intelligent, fröhlich, kämpferisch und unglaublich sozial für die Frauen ihres Gewerbes und deren Rechte engagiert. Das gibt es eben auch. Sex und Prostitution wird doch überwiegend als etwas Schmuddeliges dargestellt.

Frage
Es gibt auch immer wieder Geschichten über Prostitution in der Ehe.

Hans Mörtter
Ja, zum Beispiel Frauen, die ältere Männer heiraten. Die heiraten oft nicht aus Liebe, sondern wegen der finanziellen Absicherung. Bei denen gibt es aber keine Trennung zwischen privat und „Beruf“. Diese Frauen können nicht weglaufen. Das ist eine Vollinbesitznahme, während die Sexarbeiterinnen nach Feierabend nach Hause gehen können.

Hans Mörtter im Interview, Foto: Simon Vogel
Mit Schablonen reduziert man Frauen

Frage
Sie haben in der letzten Zeit sehr viel recherchiert und gelesen. Wissen Sie etwas über die Männer, die Sexarbeiterinnen besuchen?
Hans Mörtter
Das Familienministerium hat im Jahr 2004 eine Studie über Freier in Auftrag gegeben und finanziert, die sehr eindrücklich ist. Man geht oft davon aus, dass das Männergewalt gegen Frauen ist. Frauen werden zu Sexsklavinnen degradiert. Das ist in bestimmten Fällen leider auch der Fall. In der Studie heißt es aber, dass da im Regelfall ein Vertrag ausgehandelt wird, in dem bestimmt wird, was geht und was nicht geht. Die Frauen setzen da auch Grenzen. Die Männer werden in dieser Studie eher in der Rolle des Passiven beschrieben. In den Partnerschaften oder Ehen sind die Männer meistens in der Rolle des Aktiven, wie es dem gesellschaftlichen Männerbild entspricht. Die Frauen müssen stimuliert werden, die Frauen werden gestreichelt, den Frauen muss es gut gehen, damit der Mann zu dem kommt, wohin er kommen will, zum Orgasmus. Ich merke das auch immer wieder in Gesprächen mit jungen Männern, wie sehr die unter Leistungsdruck stehen, wenn sie „gut“ sein und eine Frau zufrieden machen wollen. Die Männer treten da auch ein Stück weit zurück und für viele Männer ist das völlig in Ordnung. Andere Männer wollen das anders. Es heißt, dass in Deutschland täglich 1 Million Männer Sexdienste in Anspruch nehmen.
Frage
Liegt das daran, dass Männer bei einer Prostituierten die Nummer eins sind?

Hans Mörtter
Ja, die Sexarbeiterin ist meistens die Handelnde, und sie tut ihm gut. Sie versorgt ihn.

Frage
Der Freier ist entstresst und muss keine Leistung bringen.

Hans Mörtter
Egal, was passiert, er ist gut, auch wenn er nicht gut ist. Er steht nicht in der Verpflichtung, die Frau zum Orgasmus zu bringen. Das spielt zumindest in diesem Zusammenhang keine Rolle. Manche Männer kommen auch nur zum Schmusen. Das wusste ich zum Beispiel nicht.

Frage
Die Männer holen sich da offensichtlich etwas, was sie zu Hause nicht bekommen.

Hans Mörtter
In der Studie gibt es den Begriff der „abwesenden Frau“, der Ehefrau, die den Mann in seinen Bedürfnissen nicht wahrnimmt oder der Mann sich nicht traut, seine Bedürfnisse zu formulieren. Denn im Bereich der Sexualität gibt es immer noch viele Tabuisierungen. In der Schule wird nur der biologische Aspekt der Sexualität, aber nicht ihre Vielschichtigkeit unterrichtet.

Frage
Das ist aber zu einem großen Teil auch den Einfluss der Kirchen zurückzuführen.

Hans Mörtter
Ja, da hat Kirche einen ganz großen Anteil dran. Sexualität findet unter den Bettdecke statt zum Zwecke der Fortpflanzung. Fertig. Das ist das gängige Leitbild von Familie, das ich auch manchmal mit „d“ schreibe, nämlich Leidbild. Das ist auch das Leitbild des Staates, das aber durchbrochen ist, weil wir so wahnsinnig viele Single-Haushalte haben und unsere Gesellschaft aufgeklärter und offener geworden ist. Trotzdem wirkt das noch nach. Aber die Schöpfungskraft der Sexualität ist eine wichtige, identitätsstiftende Kraft, die auch unabhängig vom Aspekt der Fortpflanzung seinen Platz haben muss. In der Evangelischen Theologie ist das schon lange anerkannt und so hat sich in der Evangelischen Kirche in den letzten 35 Jahren die befreiende Erkenntnis durchgesetzt, dass Sexualität „Quelle von Lebensenergie und Lebensfreude ist“. So steht es  in den Grundsätzen der Evangelischen Lebensberatungsstelle, in der natürlich auch eine Sexualpädagogin arbeitet.

Deshalb finde ich es wichtig, mit selbstbewussten Sexarbeiterinnen zu sprechen, wie Ariane, und auch mit Mechthild Eikel vom Madonna e. V. aus Bochum, die Sozialarbeiterin ist und eine Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen leitet. Die wehrt sich übrigens auch dagegen, dass Prostituierte grundsätzlich in die Opferecke gestellt werden, dass es sich bei ihnen grundsätzlich um verunglückte Existenzen handelt. Sie wehrt sich auch gegen das Vorurteil, dass eine Prostituierte keine richtige Frau sei, dass sie einen seelischen Schaden haben müsse. Mit solchen Schablonen reduziert man die Frauen in der gesellschaftlichen Diskussion zum Objekt.

Frage
Was wäre, wenn es von heute auf morgen keine Prostituierten mehr gäbe?

Hans Mörtter
Ich glaube, das wäre fatal. Da gibt es noch so viel zu verstehen und einzuordnen, letztlich auch zu achten und anzuerkennen. Davon ausgenommen ist natürlich der Missbrauch von Menschen. Die selbstbewussten Sexarbeiterinnen sagen, dass die meisten von ihnen das nicht aus Zwang machen. Es sei auch ein Märchen, dass eine Prostituierte ihre Tätigkeit aufgeben würde, wenn sie einen anderen Job angeboten bekäme.

Frage
Sie reden im Themengottesdienst also mit Frauen, die Sexarbeiterinnen sein wollen.

Hans Mörtter
Ja. Und da gibt es Kritik im Vorfeld, dass meine öffentliche Diskussion mit Sexarbeiterinnen, die Würde von anderen Frauen verletzen würde.

Frage
Diese „anderen Frauen“ sind aber Unbeteiligte!?

Hans Mörtter
Ja. Da frage ich mich, welche Angst diese Frauen vor dem Thema Sexualität haben, dass da nicht öffentlich drüber gesprochen werden darf. Ich vermute, dass es da um eigene Verletzungen geht, die sie auf Sexarbeiterinnen projizieren. Aber genau das findet gerade statt. Die eigene Angst wird auf eine ganze Berufsgruppe übertragen.

Frage
Es gibt in Deutschland seit 2002 ein Gesetz, das Prostitution nicht länger als sittenwidrig einstuft, wodurch auch eine soziale Absicherung möglich geworden ist.

Hans Mörtter
Eines der Themen wird deshalb auch die Prostituiertengesetzgebung sein. Deutschland ist da neben den Niederlanden mit am liberalsten in Europa, während in Schweden Prostitution eine Straftat sowohl für die Sexarbeiterin als auch für den Freier darstellt. Da haben sich die Feministinnen durchgesetzt. Ich meine, die strikten Feministinnen, für die das kriminell ist. – Aber deswegen hört das ja nicht auf.

Frage
Dann findet in Schweden die Prostitution vermutlich im Untergrund statt.

Hans Mörtter
Ja, und da gibt es keinen Schutz für die Frauen. Mechthild Eikel vom Madonna e. V. sagt eindeutig, dass die Gesetzgebung in Deutschland einen Schutz für die Sexarbeiterinnen bietet. Sie können unabhängig und ohne Zuhälter arbeiten. Sie können jederzeit den roten Knopf drücken, die Polizei einschalten und Anzeige erstatten. Das wissen auch die Freier. Je klarer eine Gesetzgebung in der Anerkennung und dem Schutz von Rechten und Pflichten ist, um so sicherer ist das für Frauen, die ich diesem Bereich arbeiten.

Frage
Registrierte Sexarbeiterinnen sind auch Steuerzahlerinnen.

Hans Mörtter
Ja, es sind Milliarden, die dadurch ins Bruttosozialprodukt fließen. Obwohl das für mich kein Argument ist. Mir ist es wichtig, einen Dialog mit selbstbestimmten Sexarbeiterinnen herzustellen, um zu erfahren, wo es Not tut. Wie kann man damit umgehen? Was sind Männerbilder? Was sind kaputte Männerbilder? Was stimmt in unserer Gesellschaft nicht? Das kommt bei denen ja alles an.

Frage
Prostitution hat es immer gegeben. Wenn es in dieser vermeintlich „aufgeklärten“ Zeit Männer zu Prostituierten zieht, liegt es dann daran, dass Frauen zu anspruchsvoll sind?

Hans Mörtter
Ich denke, dass es genug Männer gibt, die das so empfinden. Es gibt aber auch genug Frauen, die nicht so hohe Ansprüche anstellen und auch ganz zufrieden sind. – In der Studie wurde auch gefragt, warum Männer lieber zu einer Prostituierten gehen, anstatt zu masturbieren. Ich gehöre noch zu der Generation, der man in der Jugend erzählte, dass bei der Masturbation Gehirnzellen abstürben oder man blind würde. Ich erinnere mich auch noch an die Moralkeule: Gott sieht alles. Aber schon damals war mein Bild geprägt von einem liebenden Gott, zu dem ich Vertrauen haben kann. Ich habe nicht verstanden, was Gott dagegen haben soll. Seltsamerweise machte mir aber meine verstorbenen Tante zu schaffen. Wenn die jetzt irgendwo ein Engel wäre und mich beim Masturbieren sehen würde, das wäre mir dann doch unangenehm gewesen. Ich fand es damals schon schlimm, sich mit einem so zentralen Bedürfnis verstecken zu müssen, an dem ich nichts Schlechtes finden konnte. – Aber zurück zur Studie: Die Freier haben ausgesagt, dass Masturbieren nicht zum Menschsein reicht. Der Mensch braucht das Gegenüber, die Ergänzung, die lebendige Haut, das Gestreichelt-Werden, das Wahrgenommen-Werden. Man ist auf ein anderes Wesen ausgerichtet. Die Wärme eines anderen Menschen ist einfach wichtig. Für eine begrenzte Zeit ist die Sexarbeiterin die Partnerin des Freiers. Danach gehen beide ohne Ansprüche wieder auseinander.

Hans Mörtter im Interview, Foto: Simonm Vogel
Jeder Mensch ist heilig
Frage
Es gibt aber auch Männer, die Prostituierte, oder generell jede Frau, auf ihre Sexualität reduzieren, und da kann es zu Gewalt und Verbrechen kommen.
Hans Mörtter
Das frage ich mich immer wieder: Was läuft schief, dass Frauen vergewaltigt und ermordet werden? Das geht nur, wenn man das abgrenzen kann, dass das nur eine „Schlampe“ und „Hure“ ist, also kein wirklicher Mensch ist. Dann kann man sie töten. Wen man als ganzen Menschen wahrnimmt, kann man nicht töten.
Frage
Trägt denn die junge Sexarbeiterin, die sie vor 20 Jahren beerdigt haben, eine Mitverantwortung für ihren Tod?

Hans Mörtter
Nein, das verantworten unsere Gesellschaft und die Kirchen. Dabei muss man Religion und Kirche voneinander trennen. Die Kirche mag sie verurteilen. Von der Religion her gilt die Gotteskindschaft und jeder Mensch ist deshalb heilig.

Frage
Jetzt mal richtig bösartig und politisch unkorrekt gefragt: Auch eine „Nutte“ ist Gottes Kind?

Hans Mörtter
Eine „Nutte“ ist Gottes Tochter. Wenn ich den Schöpfungsbericht ernst nehme, dann ist das so. Ihre Würde ist unverletzbar und wenn sie sagt, dass sie das macht, weil sie es tun will und nicht weil sie dazu gezwungen wird oder weil ihre Seele krank ist, dann muss ich das erst einmal achten. Auch wenn ich es nicht verstehe, es ist ihr Entschluss, der nicht meinem Wunschdenken und meinen Erwartungen entsprechen muss. In dem Bereich wird noch sehr mit Schwarz und Weiß und Gut und Böse gearbeitet. Das entspricht oft aber der Realität nicht.

Frage
Es ist richtig, dass Sexarbeiterinnen ihren Körper „verkaufen“, aber es gibt andere, die für ihren Job ihre Seele…

Hans Mörtter
… Waffenhändler.

Frage
Werden die so stigmatisiert wie Prostituierte?

Hans Mörtter
Gar nicht, die sind oft sogar angesehen, wie so manche Banker, die Waffenhändlern Kredite gewähren oder europäische Agrarüberschüsse nach Afrika exportieren und dort die ganze Landwirtschaft zerstören. Das ist kriminell bis zum Äußersten. Die verkaufen ihre Seele für höchstmöglichen Profit und dafür sterben in Afrika Menschen. Wer zulässt, dass durch seine Geschäfte Menschen sterben, hat seine eigene Seele als Mensch verkauft. – Dass man sich verkauft, gibt es in allen Berufen. Auch ich als Pfarrer kann mich verkaufen, indem ich für Sponsorengeld gewisse Dinge tue oder unterlasse. Oder ein Arzt, der einem Privatpatienten Behandlungen angedeihen lässt, die medizinisch betrachtet, nicht notwendig wären. Auch das ist ein Verkaufen. Die Frage ist, ob ich mich darauf einlasse oder nicht.

Frage
Noch mal zurück zur Studie über die Freier: Die sind zwar finanziell ein bisschen ärmer aus dem „Vertrag“ herausgekommen, aber fühlten die sich übervorteilt?

Hans Mörtter
Nach dem, was ich bisher gelesen habe, geht es den meisten danach gut. Die gehen da gut weg. Selbst die Männer, bei denen es nicht geklappt hat. Die gehen da nicht als Versager weg. Bei einer Lebenspartnerin könnte das schon ein Beziehungsdrama auslösen, eine Prostituierte fängt das professionell auf. Es kann auch sein, dass der Mann angstbesetzt war, weil er befürchtete, im Bordell gesehen zu werden. Er kann auch nicht heimgehen und seiner Frau sagen: „Du ich war gerade im Puff und es war herrlich“. Es heißt in der Studie auch, dass Männer nach dem Besuch bei einer Sexarbeiterin für die Ehe neu stimuliert sein können. – Der Bereich ist so weit, dass ich viel zu wenig darüber weiß. Aber das kann sich nur ändern, wenn wir anfangen, darüber zu reden.

Frage
Sie wissen in diesem Moment noch nicht ganz, wohin die Reise geht?

Hans Mörtter
Nein, da ist noch einiges offen. Im Vorfeld fiel mir schon auf, dass ich in Köln keine Sexarbeiterin gefunden habe, die sich öffentlich mit mir darüber unterhalten wollte. Die aktive Sexarbeiterin Ariane, die kommt aus Berlin. Das ist doch schon bezeichnend. Die möchten sich nicht öffentlich dazu bekennen. Bei der Begegnung mit Ariane wird für mich auch an erster Stelle die Achtung vor ihr als Frau und als Mensch stehen. Ich habe kein Recht zu beurteilen, ob das gut oder falsch ist, was sie da macht. Ich bin selbst auf die Gespräche gespannt.

Das Interview führte Helga Fitzner am 9. Mai 2012
Fotos: Simon Vogel

Quelle: Lutherkirche Köln
später mehr!

Mai-Freuden: Hamburg & Köln

Mich hätte es Ende April/Anfang Mai eigentlich ans Mittelmeer verschlagen, um Vati zu besuchen, doch ist mir dann etwas anderes dazwischen gekommen, worauf ich mich konzentrieren muss. Kein Mr Dicki, sondern zwei öffentliche Auftritte im Mai, von denen ich doch gerne berichten möchte.

In Hamburg bin ich am 9./10. Mai, wo ich an einer Fachtagung teilnehme und u.a. im Rahmen einer Podiumsdiskussion am 10. Mai ab 15 Uhr auch vor Studenten und Studentinnen der Sozialarbeit quatsche. Am 9. Mai gibt es in Vorschau auf das Sexworker Filmfestival in Hamburg (SAFF) vom 08. – 10. Juni 2012 zwei Kurzfilme abends zu sehen! Programm der Fachtagung

Finde ich dufte, alles für die Aufklärung!

In Köln darf ich ebenfalls bei einer Podiumsdiskussion eine dicke Lippe riskieren; und zwar am 19. Mai beim Festival der Multipolarkultur im Vorprogamm von Silberschwein (Goldschwanz, wie passend *g*) und zusammen mit ukrainischen Sirenen-Gesängen, Erika, Leiterin der Table Dance Bar vom Pascha, Shows mit Tänzerinnen aus dem Pascha sowie anderen aufgeklärten Geistern sowie dem Menschensynfonieorchester bringen wir das Publikum zum Kochen. Ab 19h gehts los. Alles für die Kunst! Alles für die Deutungshoheit!

Ach so, bei der Gelegenheit möchte ich euch auf das famose Kochbuch „Cooking in Heels“ von meiner Kollegin Ceyenne aus U.S. aufmerksam machen, die gerade eine Kampagne für die Druckkosten des Kochbuchs gestartet hat und vielleicht sogar mit eigener Kochsendung und Schürze bald life auf Sendung geht. Fantastic! Hab natürlich auch schon 2 Kochbücher vorbestellt. Ich habe Ceyenne bei der Nuttenkonferenz in Vegas 2010 persönlich kennengelernt; sie hat, soweit ich es in guter Erinnerung habe, u.a. als Streetwalker in der Strassen von Washington DC gewerkelt und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Umso glücklicher bin ich, dass es zu dieser famosen Zusammenarbeit zwischen Ceyenne und Audacia Ray, ehemaliger Sexworkerin und umtriebiger SW-Rights-Advocate, die auch Interviews auf CNN gibt und Manager of Red Umbrella Project ist sowie Veranstalterin der Redumbrelladiaries in NYC, wo ich im Nov 2010 mitwirken durfte, gekommen. Super, super, einfach super!

Nachtrag: Pledge successful! *****


Masseusen im Transit usw.

Pollen und Aschealarm.
Schon wieder eine Aschewolke, the same procedure as every year … könnte man fast schon sagen. Genau vor einem Jahr hatte ich hier an gleicher Stelle rumgejammert, weil mein Pendelverkehr zum Erliegen kam. Jetzt müssen wir schon wieder auf Videokonferenzen umschalten.

Mir gehts endlich wieder besser, hurra! Die letzten Wochen waren wirklich furchtbar, was schlechte Nachrichten betrifft. Es kommt immer alles zusammen, aber warum immer alles auf einmal? Kann mir nur die Chaos-Theorie erklären. Sogar eine Pollenallergie, die erste in meinem Leben, hatte ich mir in der letzten Woche eingefangen und am Wochenende kam es dann zu einer Dateabsage wegen Niesattackenalarm. Dies musste ich einem freundlichen Herrn telefonisch mitteilen, aber ich konnte ihm das wirklich nicht zumuten. Rote Kaninchenaugen, das ganze Programm …

Ausserdem lasse ich mich jetzt regelmässig von einem physiotherapeutischen Profi kraulen, das tuuuuuuuut so guuuut, brutal, aber hinterher umso besser. Hab das in Berlin immer vernachlässigt. Die Stadt verspannt ungemein.
Da fällt mir ein? Warum gibt es eigentlich keine mobilen Masseure an Flughäfen? Oder hübsche Masseusen in den Wartezonen … mmmhhh … in Berlin oder England hab ich noch nichts dergleichen gesichtet, nur in NY, wo ich sechs Stunden im Transit vertrödeln musste. Dort gab es immerhin einen kleinen Massage-Shop, massage-to-go wie sich das neudeutsch wohl nennt, und man darf in diesen Spezialsesseln mit dem Kopf vornüber gebeugt wie auf eine Guillotine Platz nehmen. Ich mag am liebsten Shiatsu Massagen. Ich kenne das sonst nur aus London, wenn man es eilig hat und sich nicht nackelig machen muss. Sog. „Walk-In-Backrubs“ bspw. in Covent Garden und Soho sind für jeden Stadtneurotiker ein Muss, kleine Inseln der Ruhe und Entspannung, wo man auch ohne Termin in der Mittagspause für 10-15 min reinspringen kann.

Massieren tue ich auch sehr gerne und biete dies auch an, ich werde in Berlin nie darauf angesprochen. Männer, die spezielle Massagen möchten, gehen hier in die unzähligen Massagesalons der Stadt, wo auch ein „Happy Ending“ möglich ist. Das hat nicht sehr viel mit den Walk-In-Backrubs zu tun. In Berlin erwarten einen in der Regel leichtbekleidete Frauen, die ihren warmen, wohlgeformten Körper an den nackten Männerrücken schmiegen und den Finger in den Popo stecken. Ich glaub, das nennt man Tantra.
In England ist es selbst bei einem Escort-Date, auch Incall, üblich, dass man mit einer Massage beginnt, bevor es zum äussersten kommt. Das wird von englischen Gästen meist auch erwartet. Also eine Fullbody-Massage kann ich anbieten, habe ich mal vor Jahren während eines längeren London Aufenthalts gelernt, inkl. Diplom zum Fremdficken, in einem „Schönheitssalon“ in Nord-London, wo ich Rabbis am Sabbat ein glückliches Ende bereitet habe, nachdem wir religionsphilosophische Debatten mit dem Gesicht nach unten geführt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wünsche euch keine Verkehrsprobleme und einen entspannten Silberrücken!
Fühlt euch gekrault
Ariane


live on the edge in a parallel universe

Head Lake State Park by©Jenny Price Bear Head Lake State Park by©Jenny Price„Bear Head Lake State
Park“©Images by Jenny Price

Ich werde in Zukunft auch Silence Dates
ohne Gespräch anbieten. Wie findet ihr das? Finger in die Pussy,
Schwanz ins Maul und … d.h. ich biete komplett anonyme und
passive Dates von meiner Seite an (inkl. schriftlichen security
check und Austausch, nur ohne mündlichem Vorab-Gespräch) auch lasse
ich mir für passive Spiele eine Ledermaske anfertigen und werde
demnächst „Die Maske“ sein. Darüber habe ich seit Monaten schon
nachgedacht. Macht mich an. Desweiteren Spontan-Dates; wir treffen
uns an einer Strassenecke und ich nehme dich mit. Oder bestelle
dich zu einem bestimmten Ort, alles weitere überlässt du mir.
Rollenspiele finde ich interessant, das
Haus der Schlafenden Schönen, alles weitere im Detail. Kann jemand
hier etwas damit anfangen? Ich schon…….. Es wird einfach zuviel
geredet.