Einladung zur Vernissage 12.11.2010

Hier möchte ich gerne auf die kommende Ausstellung von Kathrin Grissemann aufmerksam machen:

„Sex ist Arbeit!“ Portraits in Bild und Ton

10.11. bis 24.11.2010

Ausstellungseröffnung: Freitag, 12.11.10 um 19 Uhr

Pantocrátor  Gallery, Almstadtstrasse 43, 11034 Berlin (Nähe Rosa-Luxemburg-Platz)

bitte dazu hier weiterlesen

mit einem Geleitwort von mir

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Die Vorstellung von Prostituierten und ihrer Bewertung in unseren Köpfen gehen immer Bilderwelten voraus, die historisch und medial im zeitgenössischen Diskurs eingewoben sind. Fast jeder bekannte oder unbekannte Fotograf und Künstler hat sich dem Thema schon angenähert und gleichsam an einem Mythos mitgestrickt, der das Thema Sex als Arbeit überformt.

Kathrin Grissemann hat einen anderen Weg gewählt, sich an das Thema heran getastet und dabei Menschen kennengelernt. In gewisser Weise hat sie die Bildsemantik überwunden, wie sie uns in der standardisierten und massenhaften Verwendung von Abbildungen zum Thema Prostitution und Prostituierten entgegentritt. Menschen wie du und ich kommen zum Vorschein, Frauen und Männer, denen man es nicht „ansieht“.

De-Kontextualisiert, aus gängigen rot ausgeleuchteten Settings herausgelöst, Strasse, Limousine, Pseudo-Glamour, den Farben rot und schwarz, Stigma und Puff, dem allmächtigen Opfer-Diskurs, bringt sie Individuen zum Vorschein, die üblicherweise verborgen als Escort, Callboy, Stripper, Empfangsmodell, Domina arbeiten.

Der gesellschaftliche Blick reduziert Sexarbeiter selbst auf den Körper und die Bildsprache verweist eindimensional auf willenlose Objekte. Sämtliche Medien zitieren in einer Endlosschleife historische Prototypen, die die Hure, Freudenmädchen, Prostituierte seit ehedem konstitutiert und entstellt. Rechte Feministinnen, konfessionsgebundene Verhaltensmuster radikaler Gegner, auch re-vitalisierte patriarchiale Strukturen haben die Deutungshoheit übernommen, eine Allianz, die Sexarbeiter auf ihren Platz verweist, nämlich Opfer und Objekt zu sein.

Die „Prostituierte“ ist Knotenpunkt von Machtverhältnissen geworden, als „Problem“ definiert, die eine Selbstbestimmung im Handeln üblicherweise negiert. Sexarbeiter werden als sexuelle Konkurrenz wahrgenommen, einer Störung im öffentlichen Raum, sie dienen als Forschungs“objekte“ im medizinhistorischen, psychiatrischen, soziologischen, repressiv-feministischen und Rechts-Diskursen, der Drittmittel- und Arbeitsplatz-Beschaffung in der Helferindustrie. Verbote, Kriminalisierung, ökonomische Ausbeutung, Zwang, Abhängigkeit, Menschenhandel bestimmen den Tenor über eine im verborgenen ausgeübte Tätigkeit.

Die Vorstellungswelt, weniger die Realität ist brutal: alle melken sie ab und profitieren von den dämonisierten Sex-Fratzen und willenlosen Opfern.

Eine Tätigkeit, die selbstbestimmtes, verantwortliches Handeln unter Bedingungen strukturell ökonomischer Notwendigkeiten, konsensualer Sexualität, respektvoller Intimität, eine Tätigkeit, die Nähe und Menschlichkeit zulässt – jenseits von Ausbeutung und Zwang -, diese Möglichkeit scheint kaum in Erwägung gezogen zu werden.

Der gesellschaftliche Blick selbst ist es, der Sexarbeit in toto pervertiert, zu einem „Unsittlichkeitstatbestand“ gerinnen lässt und einer Viktimisierung das Wort redet, als self-fulfilling prophecy reproduziert. Ein „legitimate human being“ sieht anders aus.

Dazu die amerikanische Performance-Künstlerin und Sexworkerin Sadie Lune: „Stop punishing me just because you may not be able to imagine being me.“

Not policing the bodies, but „noticing that the diversity of experience is enormous“. Laura Augustín

Die Vielfalt und Verschiedenartigkeit von Erfahrungen, die Mannigfaltigkeit sexueller Erfahrung jenseits privatistischer Ein-ver-leib-ung und Ver-Öffentlichung des Sexes, ein Gedanke, der auch jenseits von Sexarbeit nachdenkenswert ist.


update travel

Hey folks,
pls check out my travel site for availability. I m staying in Berlin the forthcoming months to join the theatre project LULU that goes on stage december 11th at Schaubühne Berlin.

Therefore I ve no time to travel, just a couple of days only to join an event in New York. THE RED UMBRELLA PROJECT – Stories of Sex & Money hosted by Audacia Ray

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Goldschwanz


Vermischtes

In Vorbereitung auf meine USA-Reise habe ich in weiser Voraussicht das „ich bin ein Berliner“ Kennedy-Zimmer im Arcotel getestet. Die Matraze hat den Test bestanden, ist allerdings nur mit Bettritze erhältlich. Das Zimmer ist hübsch beflaggt und befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Auswärtigen Amt und einem Steinwurf entfernt zur Temporären Kunsthalle, die nach zwei Jahren ihre Pforten mit einer abschliessenden Gruppenausstellung schließt, kuratiert von John Bock unter dem verheissungsvollen Titel: FischGrätenMelkStand, die u.a. verbrannte Pizzen an einer Wand hängend zeigt, einen Zigarettenstummel der Hollywoodlegende Jane Russel, Martin Kippenbergers Holzpaletten und eine Matrix aus 1700 zusammengenähten ausgestopften Socken.

Jane Russel

Abb. 2: „ick bin ein Berliner“ Zimmer für Leibesübungen und erholsamen Schlaf dank Air Condition; inkl. des größten Kühlschranks, den ich jemals in einem Hotelzimmer besichtigen durfte


Leben als Performance

obituary

mourning

Ich traf Sebastian Horsley das erste Mal während der „Stop the Traffic“ Demo 2009 (Traffic doppeldeutig; Strassenverkehr/Menschenhandel), als wir den Piccadilly Circus lahmlegten; dies als Auftakt eines mehrtägigen Events der Sexworker Open University in London. Sebastian, ein bekennender Liebhaber von Sexworkern aller Couleur, die er Zeit seines Lebens aufsuchte, lebte sein Leben in der Tradition des exzentrischen Dandyismus eines Oscar Wilde und Lord Byron, wie es sein deutscher Verlag betitelte, war charmant, klug, gewitzt, sarkastisch, melancholisch, sensibel, zornig und bezeichnete entsprechend seine Autobiographie auch als Dandy der Unterwelt. Sein turbulentes Leben endete nun prompt im jungen Alter von 47, er verstarb vorgestern an einer offenbar ungewollten Heroin-Überdosis in seiner Londoner Wohnung; am 9. Juni hatte übrigens das gleichnamige Bühnenstück Premiere, das bis zum 10. Juli laufen sollte, dies wurde nun ausgesetzt, weil Sebastians Doppelgänger Milo Twomey und die Crew des Soho Theatre die schockierende Nachricht erstmal verarbeiten müssen.

Sein Wunsch, in den Armen einer Prostituierten zu sterben, erfüllte sich nicht. Seine Autobiographie, die zunächst in England, im letzten Juli auch in Deutschland herausgebracht wurde, ist wirklich ein Knaller; übrigens gewidmet allen Rachels, damit meinte er seine Freundin und alle Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war. Ich traf ihn zuletzt während der Buchpräsentation im Café Burger in Berlin, wo er mir meine englischsprachige Ausgabe mit folgenden Worten signierte: „My Dear Ariane, I think we ve met before. Did money change hands? Remember to read this with one hand. lots of love. Sebastian xxx“. Er erinnerte sich an unsere Begegnung in London im März 09, rätselte noch, ob Money zwischen uns geflossen war *lach* ihm hätte ich es auch umsonst besorgt bzw. er umgekehrt mir, er hatte ja in früheren Jahren als Callboy gearbeitet und es wäre sicher ein feiner Tauschhandel geworden.

Jedenfalls lud er mich bei meinem nächsten London-Aufenthalt zu sich nach Soho ein, nur leider kam ich nicht auf seine Einladung zurück, obwohl ich mir jedes Mal fest vornahm, ihn anzurufen, war meine Zeit vor Ort immer so kurz und ausgefüllt, daß ich keine Zeit für einen vergnüglichen Abend fand. Dies rächt sich nun wie auch manches andere, was man zu entscheidenden Zeitpunkten versäumt und unwiderbringlich verloren ist.

Seine Biographie läßt sich am besten als „Philosophy of the Boudoir“ bezeichnen, wie es The Chap bezeichnet hat. Sie ist nichts für schwache Nerven, da er mit einem gewaltigen Rundumschlag ausholte und von seiner Wiege bis heute schnörkellos seine eigenen Up and Downs beschrieb und auch mit seinem frühen Ableben kokettierte. Gewollt hat er es allerdings nicht, die Umstände seines Todes lassen keinen Schluss auf einen Suizid zu, er war sehr heiter und fröhlich in den letzten Monaten, nicht nur weil seine Biographie zur Aufführung kam, und er politisch gegen die Säuberungs- und Gentrifizierungspolitik von Soho mobil machte, auch Aussagen seiner Weggefährten lassen darauf schliessen.

Bekannt wurde er übrigens über die britischen Grenzen hinaus nicht nur wegen seiner Biographie, sondern auch, weil die USA ihm die Einreise „wegen moralischer Verkommenheit“ nicht erlaubte. Er hatte sich als Performancekünstler zuvor auf den Philippinen ans Kreuz nageln lassen und sich zu Drogenkonsum bekannt und dass er gern mit Prostituierten schlief. Übrigens hatte er ein Problem mit „Nähe“, führte meist on-off-Beziehungen und fühlte sich wohl deshalb in den Armen von Huren mit am wohlsten, Begegnungen in klar umrissenen, auch zeitlichen Grenzen, die Intimität und Nähe gewährten, denen aber keine Besitzansprüche von vereinnahmender Natur folgten. Ähnlich gehts mir übrigens umgekehrt und macht Callgirling für mich attraktiv. In der Liebe verliert man zumeist immer, insbesondere Energie, die man als ruheloser und rastloser Mensch, Künstler zum (Über-) Leben und Werken braucht.
I ll miss you Sebastian!!

Sebastian Horsley, performance artist, writer, meinem Bruder im Geiste
* 8. August 1962 † 17. Juni 2010 London


Sein deutscher Blumenbar-Verlag schrieb u.a. über ihn: „Seine Memoiren sind unbedingt lesenswert – denn »sie handeln davon, wie man im Rettungsboot tanzt. Cha-Cha-Cha!« Verena Lugert, NEON

Notiz im Independent: theres-a-fine-line-between-the-rebellious-and-the-farcical-2004813.html


Fundraising & Dating

Die LULU-Theaterproduktion, an der ich in London mitwirke, kommt 2010 zur Aufführung; wir konnten zwischenzeitlich den erfolgreichen Produzenten Jeremy Goldstein von „London Artists Projects“ gewinnen, der derzeit ein Stück von und mit Marc Ravenhill bis Ende September promotet (wer erinnert sich nicht an Ravenhills „Shoppen & Ficken“ an der Berliner Schaubühne/Baracke unter Thomas Ostermeier?!). Er schlug vor, uns genügend Zeit zu lassen, um das enorme Potential des LULU Projekts, wie er es einschätzt, zu realisieren und im Vorlauf mehr Sponsoring zu betreiben. Dies hat eine Verschiebung notwendig gemacht. Dazu wird derzeit eine bemerkenswerte Website aufgesetzt, die das Projekt bewirbt. Wir haben bereits die definitive, auch finanzielle Unterstützung vom britischen „Arts Council“ und einiger anderer offizieller Stellen, die allerdings nicht ausreichend sind, weshalb Fundraising & Sponsoring im Augenblick an erster Stelle stehen.

Dazu habe ich meine aktuelle Aktion „Fundraising & Dating“ eröffnet:
von jedem Date in den kommenden acht Wochen werde ich einen Teil abzweigen und sie dem Funding-Topf, also der Finanzausstattung des Projekts zuführen. Selbstverständlich teile ich auch ohne Date den Spendenwilligen alle Details für einen Transfer auf das LULU-Konto per Email mit und setze die Regisseurin Elina Männi davon in Kenntnis (Spendenquittung ist selbstverständlich möglich). Alle Sponsoren werden namentlich auf der angekündigten LULU-Website erwähnt, ob grosse oder kleine Spende, jede Unterstützung ist uns willkommen.
Weitere Infos finden Sie dazu auch auf meinem Nachbarblog „Goldschwanz Ingredenzien“