Rubbercat im Global Village I

Hach, wie die Zeit vergeht und ich hab meinen Blog wieder einmal völlig vernachlässigt. Dafür ist es diesmal etwas länger geworden. Ich sehe auch schon wieder ganz anders aus als wie zuletzt in London. Ich hatte seit Monaten den Wunsch, mir endlich die Haare ganz kurz zu schneiden, da ich es sexy finde. Schliesslich muss man sich ja selbst jeden Tag in den Spiegel schauen. Und Wow! es schaut wirklich gut aus, etwas kürzer als NUDE auf meiner Website. Eher der androgyne Style. Dazu mein neuer transparenter Rubber-Catsuit. Wenn du mich darin sehen möchtest, schreibe mir das Codewort „Schmitz Katze“ in deine Mailanfrage oder raune es mir per Mobiltelefon ins Ohr. Da werde ich ganz räudig und miaue ganz bestimmt zurück.

Was gibt es sonst neues? Vor einigen Tagen tobte ein heftiges Gewitter direkt über meinem Haus und es gluckerte nächtens, dass ich davon wach wurde. Ich sprang also nackelig aus dem Bett und lugte ins Bad, wo sich Unheil ankündigte. Aufgrund der Regenmassen konnten meine alten Wasserleitungen den Regenfluss nur noch nach oben drücken; mir war der Abfluss im Boden seit meinem Einzug verdächtig, nun wusste ich warum. Gott sei Dank war nur Wasser und Erde hoch gekommen und nackt und in Gummistiefeln lederte ich den Boden ab und schon war der Spuk vorbei. Das kommt davon, wenn man ebenerdig wohnt. Ich kenne aber schlimmere Fälle, wo das Abwasser hochdrängte, mit allen menschlichen Restposten, sodass die komplette Wohnung renoviert werden und man zwischenzeitlich ins Hotel übersiedeln musste. Dieser Krug ist bislang an mir vorüber gegangen.

Kürzlich erhielt ich ein Foto von meinen Hamburger Frauen, die das Film Fest dort auf die Beine gestellt hatten. Da stehe ich, ich kann nicht anders, ganz in blau mit gelben Leder-Stilettos. Ok, die Farben kommen nicht ganz rüber. Ich sehe aus wie ein seriöse Dozentin *grunz* Einfach herrrlich! Von weich zu streng und zurück, wie man sich unter bestimmten Umständen eben so wandelt.

Ich habe dort aber auch geredet, wie ein Maschinengewehr. Manches muss halt gesagt werden, wenn man die Chance dazu hat. In der englischen Sprache kann ich leider nicht so schnell und präzise reden. Also in der freien Rede, da brauche ich ein bis zwei Tage, um los zu legen. Da fällt mir ein; ich erhielt vor einigen Tagen die Reiseunterlagen für meine grosse, aber kurze Reise nach Kolkata/Indien. Ich sass gerade in der U-Bahn, als die Mail reinflatterte und lachte und weinte zugleich vor Freude. Das letzte Mal, wo ich mich so gefreut habe war, als ich die Frauen für den Chor des Theaterstücks beisammen hatte. Hach ja, das Theaterstück, es war mühsam, anstrengend und grossartig. Seitdem war mir klar, dass alle Veränderung in uns selbst liegt, dass man unter widrigsten Umständen Träume realisieren kann, auch wenn alle anderen der Idee keine Chance geben. Es lebe die Vision eines Callgirls! Die Kraft liegt in jedem einzelnen, manches auf die Beine zu stellen, selbst wenn man gefoult wird. Aufstehen, weitermachen. Das ganze Leben ist Marathonlauf und Mannschaftsspiel zugleich. Ich suche übrigens noch Mitspielerinnen! Einfach melden und beschnuppern. So wie ich es mit meinen lieben Dreibeinern handhabe.

Und ansonsten überlege ich noch, ob ich nur mit Handgepäck auf die grosse Reise gehen soll oder mit grossem Gepäck. Ich suche seit einigen Tagen nach Leinen-Anzügen, einer in weiss und einer in schwarz. Ich hasse Shopping, aber da ist nichts zu machen, da muss ich jetzt durch. Leinenanzüge sind das einzige, was ich in Kolkata tragen möchte. Wegen der Temperaturen, dem Monsun und der Stechmücken. Und eine Kopfbedeckung soll’s auch sein, wobei mir der Tropenhelm zu kolonialistisch ist, völlig unpassend, wenn man an die Geschichte Indiens denkt; ich dachte eher an einen Panama-Hut mit Schleier vor dem Gesicht. Und das Schuhwerk … ein noch grösseres Problem. Wahrscheinlich Sneakers. Leicht und bequem soll es sein, wenn der Kopf schon so schwer ist.

Anderes Thema: Kürzlich habe ich mir einen neuen Leder-Strap-On zusammen mit einem schwarzen, kurzen, dicken Dildo gekauft, der noch in meiner Kollektion fehlte, im diskreten Salon von Laura Méritts Sexclusivitäten. Der Shop ist kein Ladengeschäft und in ihrem Salon treffen sich regelmässig coole Weiber. Die Dildos sind ökologisch abbaubar, keine Weichmacher. Traut euch, ich muss den schwarzen Lolli noch einweihen. Ich kam einfach noch nicht dazu.

Ich bin dann auch alsbald im Sommerloch verschwunden und verreise vom 19-28. Juli nach Kolkata/Indien. Ich werde von der Konferenz life twittern.

Vom Sexworker Freedom Festival und IAC 2012 hub. Jeder und jede ist herzlich eingeladen, dieser Veranstaltung virtuell beizuwohnen. Dieser Event ist in der Geschichte einmalig und ich danke den engagierten Leuten, die dies nach langem zähen Ringen möglich gemacht haben.

Warum ich dorthin reise, ist auch im Blog von http://www.positive-stimmen.de/ u.a. zu lesen.

Die Zeitverschiebung beträgt +3.5 Stunden. Wenn ich während der An- und Abreise Internetzugang habe, berichte ich aus Berlin, Brüssel, Delhi, Kolkata (hin), Delhi und Mailand (rück). Ich kann nur hoffen, dass die Flüge pünktlich sind, sonst sieht es zappenduster aus. Auf der Hinreise muss ich in Delhi am Flughafen nächtigen, da der Weiterflug nach Kolkata exakt 9 Std. später erfolgt. Daher hatte ich überlegt, nur mit kleinem Gepäck zu reisen und in meinem Handkoffer nur einen Anzug, Laptop und Reiseapotheke unterzubringen sowie Kissen und Schlafsack, in den ich mich auf dem Fussboden in irgend einer Ecke einkringeln werde. Beim Rückflug über Mailand bleibt mir diese Tortur erspart, sofern meine Flüge pünktlich sind. Das ist doch alles sehr aufregend. Das einzige, was mich in diesem Zusammenhang nervte, war das Formular, das man für sein Visum online ausfüllen muss. Der Zugang zum Formular und die Erklärungen dazu waren dermassen kompliziert, dass ich Ewigkeiten damit zugebracht habe. Ich bin aber nicht die Einzige. Ich sprach mit zwei anderen Indien-Reisenden, die haben ebenfalls vor ihrem PC Krämpfe bekommen und dachten, sie seien blöd. Liegt also nicht an mir. Da war ich dann etwas beruhigt.
Beunruhigter bin ich allerdings darüber und auch ein wenig traurig, das ich nicht im Namen einer Community sprechen kann, da es im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern dieser Welt keine eigenständige Sexworker-Interessenvertretung in Deutschland gibt, worunter ganz viele Leute versammelt sind. Auch gibt es unterschiedliche Positionen in wichtigen Fragen, innerstaatlich, und das in vielen Ländern. Darüber wird ebenfalls zu sprechen sein. Aber um das Nationale geht es ja auch nicht wirklich, sondern um Ansichten, Positionen und das Ringen um die besten Argumente und Forderungen, die auf staatliches Handeln Einfluss nehmen müssen. Ist zwar auch ein Traum, eine Vision, but never give up ist die Devise. Kolkata ist mit der IAC in Washington in täglichen gemeinsamen Global-Village-Life-Schaltungen über fünf Stunden verbunden, sodass wir gemeinsam kommunizieren können. Wegen des Zeitunterschiedes von 9.5 Stunden fangen wir erst mittags an zu tagen, dafür bis spät abends. Dafür falle ich dann in einem sehr guten Hotel ins Bett, das ich gesponsort bekommen habe. Fühle mich dabei beklommen, wenn ich mir vorstelle, wieviele Menschen und auch Kolleginnen in Kolkata auf Strassen oder in ärmlichen Behausungen schlafen müssen.

Sorry, ist etwas lang geworden.
Bis später!


22° 34′ 0″ N, 88° 22′ 0″ E

Vielleicht erinnern sich manche meiner Leser an meinen Beitrag aus März „looking for funding„. Ich hatte lange gezögert, mich um ein Stipendium zu bewerben, da ich denke, dass Leute aus den Industriestaaten privilegiert sind und Stipendien vor allem all jenen zusteht, die nichts haben. Allerdings wurde ich dann darauf hingewiesen, dass es eine Quote für Europäer gibt, desweiteren verfügen ich und viele meiner Mitstreiterinnen nicht über die Finanzmittel, um mal eben eine Reise um den Globus zu machen. Und ehrlich gesagt, sind es in Deutschland und Europa nicht so viele, die Zeit, Energie und Interesse haben, um an einer internationalen Konferenz mitzuwirken, wenn die Anfahrtswege beschwerlich und das Klima tropisch ist. Jedenfalls hatte ich mich also mit einem Exposé beworben und erhielt vorgestern den ersehnten Brief, dass ich das Reisestipendium erhalten habe. Ich bin sehr froh darüber, ja ein wenig stolz, aber sehe dieser Reise im Juli auch mit etwas Sorge entgegen, was die gesundheitlichen Risiken betrifft. In Washington ist es durchaus bequemer. 😉 Was bewegt mich, diese Reise auf mich zu nehmen, bei Flugangst (Langstrecke), Impfmarathon und Malariagefahr vor Ort, wo auch die beste Prophylaxe keinen 100%igen Schutz gewährt? Und in West-Bengalen ist in dieser Jahreszeit erhöhtes Malaria- und Dengue-Fieber Risiko und Ansteckungsgefahr; die Monsun-Zeit mit viel Regen steht an, die die bösen Stechmücken nicht einfach wegwaschen wird und ich werde wohl eine Woche komplett verhüllt, eingesalbt mit Repellents und Gummistiefeln dort herummarschieren, wenn ich nicht gerade im Tagungsmarathon festhänge und per Twitter Bericht erstatte. Das gehört ebenfalls dazu, dass einige die Ereignisse in die Welt twittern, damit jene, die nicht dabei sein können, auf dem laufenden sind.
Ich war noch nie in den Tropen und habe aus verschiedenen Gründen Fernreisen immer vermieden, touristische Ausflüge locken mich nicht hinter dem Ofen hervor, auch keine Bullenhitze und hohe Luftfeuchtigkeit. Aber wie bei der Desiree Alliance Konferenz in Las Vegas vor zwei Jahren, erscheint es mir in Anbetracht der Weltlage und der politischen Situation und Gefahren für Sexworker angebracht, sich nicht nur über das Internet zu vernetzen und Diskussionen zu führen, sondern persönliche und enge Kontakte zu pflegen und global sowie lokal face2face zu agieren, damit sich Dinge ändern können. Der persönliche Austausch und politische Aktionen sind wirksamer, wenn man sich weltweit zusammenschliesst. Was mich besonders reizt, ist die starke Gewerkschaft Durbar mit 65.000 Sexworkern allein im Bundesstaat West-Bengalen, dort, wo ich hinfahre. Das ist weltweit einzigartig und ich werde über ihre Arbeit sicher viel in Erfahrung bringen, damit ich einen entsprechenden Input in Deutschland und Europa leisten kann.
Ehrlich gesagt, habe ich in der Vergangenheit bestimmte Reisen auch vermieden, weil ich nicht mit der teils extremen Armut konfrontiert werden wollte und keinen Sinn bislang darin sah, mit meinem weissen Arsch dort meine Aufwartung zu machen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es anderen Kulturen mehr schadet als nützt, wenn Europäer und Amerikaner sich dort breit machen; sei es als Tourist, Kolonialist oder Landkäufer, um Ressourcen und Menschen auszuplündern. Ich sehe da persönlich keinen Fortschritt, Textilien, High Tech zu Sklavenlöhnen, teils von Kindern, im Akkord produzieren zu lassen, mit denen wir uns im Westen ausstaffieren, um anschliessend unseren giftigen Zivilisationsmüll dorthin zu entsorgen und die Menschen krank zu machen. Das ist Fakt. Da ich aber schon einige Slums in den USA gesehen habe und bittere Armut in Deutschland und einigen Nachbarstaaten, denke ich, dass ich nicht allzu unvorbereitet bin, wenn ich in Indien sehen werde, wenn Menschen, mit fast nichts am Leib, auf den Strassen schlafen. Wahrscheinlich werde ich mich schämen, dass ich in meinem Leben nicht genug getan habe, um das Elend in der Welt ein klein wenig lindern zu helfen, wahrscheinlich werde ich mich auch schämen, dass ich zuviel meiner Lebenszeit mit schwachsinnigen Diskussionen, mit den falschen Leuten verbracht und mein Geld für unnützes Zeug ausgegeben habe, dass ich meinen Verstand nicht genügend eingesetzt habe, um damit wirklich Sinnvolles anzustellen, was vielen nützt. Davor hab ich Angst, denn diese Konfrontation wird kommen und ich weiss nicht, wie ich reagieren werde. Wahrscheinlich wird es überwältigend sein und für mein Leben eine grosse Erfahrung und richtungsweisend für andere Projekte, so hoffe ich. Aber Bammel hab ich schon ein wenig vor dieser Reise. Aber ich muss dorthin, irgend etwas treibt mich an, mit offenem Ausgang.
So genug davon fürs erste; muss jetzt los zum Tropenmediziner und morgen nach Hamburg zum sexy Filmfest 😉

Ein schönes langes Wochenende euch allen! (In Berlin ist heute kein Feiertag)

Update: Nachlese zum Sex Work Film Fest in meiner Kaufmich-Kolumne!


wau wau

its a little bit chilly outside but not cold enough for Berlin november  blues due to smoggy Durban Climate Conference 2011.