Interview mit mir

Neu ist ein Interview mit mir von Lilli Erdbeermund (Besd) über mein Buch

https://www.berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2021/05/07/sexwork-3-0-und-wie-wir-zwangsprostitution-verhindern-ein-interview-mit-autorin-martyra-peng/


Bestseller?

Heute surfe ich in den BOD Shop, um mir mein Buch anzuschauen und da sehe ich das:


Mein Ebook ist da!


Peng

Ein neues politisches Sachbuch erscheint am revolutionären 1. Mai!


Unsägliche Identitätspolitiken

Eigentlich wollte ich es mir verkneifen, weil es mich aufregt, aber heute wurde ich mit der Aussage getriggert, dass die Werbeplattform Kaufmich.com, für die ich seit 10 Jahren arbeite, transfeindlich sein soll.

Um es ganz klar zu sagen: bei der Gründung von Kaufmich wurden nur trans* Sexarbeitende und Frauen zugelassen, männliche Sexarbeitende, Travestiten, Damenwäscheträger nicht. Damals gab es noch nicht die Identitätsdebatte, wie sie aktuell kursiert. Die Bezeichnung nicht-binär war noch nicht erfunden. Deshalb kann man sich als Escort bislang nur als Frau oder Transsexuell definieren. In Zukunft wird sicher über die Kategorien nachgedacht und um nicht-binär ergänzt, aber das kann ich aktuell nicht versprechen.

Es liegt keine böse Absicht dahinter, dass man sich damals dafür entschieden hat. Es hat auch damit zu tun, dass es einen geschützten Raum für Sexworker gibt, den wir verteidigen müssen. Wir erwähnen das Forum öffentlich nicht, um keine schlafenden Hunde zu wecken, da sich Kunden bereits in der Vergangenheit Zugang verschafft hatten, indem sie dafür Sexarbeitende bezahlten. Aber ich muß es bei dieser Gelegenheit betonen, daß wir für den Zugang zum Forum gewährleisten mußten, dass sich kein Mann mit Perücke reinschleicht, was ebenfalls vorkam. Deshalb haben nur weibliche Menschen und weiblich aussehende Menschen, die sich als Sexarbeitende definieren, Zugang zum geschützten Forum.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich jedoch mal klarstellen, was ich im Rahmen der Identitätspolitik und Diskussionen rund um Rassismus der letzten Monate erlebt habe. Mir wurde Rassismus vorgeworfen, weil ich eine Reisewarnung für Escorts für den arabischen Raum ausgegeben habe, nachdem ich im Laufe der Jahre eine Vielzahl von negativen Erfahrungsberichten von Escorts erhielt. Als Moderatorin von zwei Sexworker Foren sowie in persönlichen Gesprächen mit Sexarbeitenden bekommt man natürlich sehr viel mit. Auch, dass viele Sexworker in ihren Werbeprofilen „keine Südländer“ schreiben, was sich ebenfalls negativen Erfahrungen verdankt; ich selbst habe damit mehrfach Bekanntschaft gemacht und es ist eine Frage der (sexuellen) Selbstbestimmung, wen man in seinen Nah- und Intimbereich läßt. Das ist kein Rassismus, um es mal klar zu sagen. Selbst das Auswärtige Amt gibt Reisewarnungen raus, u.a. über Kriminalitätshotspots oder Gefahren für die LGBTIQ Community. Insofern sind Warnungen lebensrettend. So eine dämliche Diskussion wie in Deutschland hab ich bislang fast nirgendwo erlebt, wobei der Irrsinn aus den USA und England auch nach Westeuropa geschwappt ist. Die Vorwürfe, die da erhoben werden, entbehren jeder Realität und Logik. Mehr möchte ich dazu auch nicht mehr sagen. Man kann es auch in dem aktuellen Buch „Generation Beleidigt“ nachlesen, was für ein Betroffenheitsirrsinn da verzapft wird. Im übrigen kann man mit Identitätspolitik keinen strukturellen Rassismus bekämpfen, sondern nur mit knallharter Interessenpolitik.


Faire Medienberichterstattung über Prostitution

Ich bin ehemalige Sprecherin und Vorstand des BESD/Tampep. Diese von mir entwickelten Guidelines sollten bei Journalisten Verbreitung finden: Standards fairer Medienberichterstattung zu Prostitution, Sexwork & Paysexkonsum. Anlass sind die jüngste Fake Produktionen über Sexarbeit und tendenziöse Berichterstattung, die einseitig Prostitutionsgegner:innen Öffentlichkeit gibt. Diese Guidelines wurden zusammen mit meinem Kollegen Marc of Frankfurt vor mehr als 12 Jahren erstellt.


+++

Wir die Zeitung / das Online-Medium / die Filmproduktion xyz

verpflichten uns im Sinne eines erweiterten Pressekodex die folgenden Leitregeln und Werte in der journalistischen Arbeit zur Kenntnis zu nehmen, zu berücksichtigen und einzuhalten:

1. Prostituierte sind Menschen wie ich und du. Sie sind weiblich, männlich oder transgender, hetero, schwul, bi oder polyamor, exhibitionistisch oder schüchterner … Sie sind Mütter, Schwester, Tochter, Nachbarin, Arbeitskollegin, Lehrerin, Migrantin, Professorin oder Studentin… und neben- oder hauptberufliche alleinselbständige Sexdienstleister_in. Sie versuchen wie alle Werktätigen ihren Unterhalt zu verdienen und für sich und ihre Angehörigen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Sie sind nicht als Außenseiter, Bürgerschreck oder Exoten zu portraitieren.


2. Der politisch korrekte Name lautet Sexworker / Sexarbeiter_in / Sexdienstleister_in und ist vorzuziehen vor stigmatisierenden, belasteten Begriffen wie Prostituierte, Dirne, Nutte … oder Gunstgewerblerin. Medien haben eine Vorbildfunktion mit zeitangemessener Aufklärungsverpflichtung, wenn sie ihrer Rolle als Ordnungsmacht und 4. Gewalt im Gemeinwesen verantwortungsbewusst nachkommen wollen.


3. Vojeuristische Schnappschüsse aus dem Rotlichtmilieu sind zwar sexy, illustrativ und wirkmächtig, aber oftmals zweckentfremdete, geklaute, einseitige, nichtkonsensuale, die Menschenwürde verletzende Darstellungen der Sexarbeiter_innen und unserer intimen Lebens- und Arbeitsräume, die wir nur für unsere Kundschaft inszenieren und öffnen. Bei allen Nachrichten zur Prostitution die Gelegenheit nutzen, ein erotisches Girl vom Straßenstrich abdrucken zu können [Symbolphoto] ist niederen Instinkten folgender Boulevard Journalismus. Vojeurismus und bürgerliches Schaudern sollen ausgelöst werden um Auflage und Zugriffszahlen zu erhöhen auf Kosten einer stigmatisierten Minderheit.


4. Eine überwiegend auf ideologisch, moralischen Werten gegründete Berichterstattung, die evidenzbasierte, wissenschaftliche Forschungsergebnisse ausspart und Sexworker einseitig nur als Menschenhandelsopfer, tote Huren, Sexsklaven oder Schädiger und Bedrohung der Nachbarschaft darstellt und ihre Kunden und Organisatoren der Sexarbeit als Täter, ist abzulehnen.


5. Sexarbeit ist vielfältig und hochgradig ausdifferenziert (Diversity). Eine Fokussierung auf einseitig ausgewählte Opfer/Täter-Geschichten oder nur den sichtbaren weil rot ausgeleuchteten Strich und Rotlichtviertel, verzerrt die Realität und zementiert Vorurteile, Stigma, Ausgrenzung sowie Verletzlichkeit und Ausbeutbarkeit.


6. Sich moralisch einseitig unausgewogen fundamentalistisch gegen Prostitution zu positionieren im Nachrichten-Teil und gleichzeitig (teilweise überhöhte) Werbeeinnahmen mit Prostitutionsanzeigen zu generieren im Werbeteil ist praktizierte Doppelmoral, Scheinheiligkeit und unakzeptable Geschäftemacherei.


7. Werbung für unsafer Sex und andere riskante, ausbeuterische Sexdienstleistungen sind abzulehnen. Wenn Schlagworte wie „alles ohne“, „natur“ und „tabulos“ auf riskante gefährliche Sexpraktiken hinweisen sollen, sind entsprechende Anzeigen abzulehnen und dies ist der Interessen-Selbstvertretung der Sexworker mitzuteilen. Stattdessen sollten die Formulierungen der Prävention und AIDS/STD-Gesundheitsaufklärung wie „safer Sex“, „Kondom“ nicht länger zensiert werden. Analoges gilt bei illegaler Beschäftigung wie „Teeny-Sex“ bzgl. der Problematik Minderjährigkeit oder „exotisches Frischfleisch“ bei als Ausländer prekarisierten Migranten, die evtl. ausgebeutete sog. Menschenhandelsopfer sind.


8. Solange Sexworker in der Gesellschaft von einem hegemonialen Teil als soziales Übel betrachtet werden (ungeachtet der Tatsache, dass ihre Dienstleistungen von Mitgliedern der selben Gruppe auch stark nachgefragt werden), benötigen Sexworker besonderen Schutz ihrer Privatsphäre, um nicht Opfer von Gewalt- und Haßtaten zu werden. Keinesfalls darf ihre zum Schutz selbstgewählte Sexworker-Identität ausgekundschaftet und dann der Künstlername zusammen mit dem bürgerlichen Familiennamen, privaten Fotos von Familie, Wohnung oder ihr Gesicht und Fotos ihrer Escort-Homepage oder Facebookseite unabgedeckt ohne vorherige schriftliche Einwilligung in den Medien veröffentlicht werden. Pranger und Zwangsouting (als Mittel zur Auflagenstärkung) sind abzulehnen.


9. Bei Produktionen und Interviews gemeinsam mit Sexworkern sind diese wahrheitsgetreu über die beabsichtigte Darstellung und Aussage zu informieren. Sie sind ordnungsgemäß über ihre Rechte wie z.B. Korrekturlesen und nachfolgende Veröffentlichungsfreigabe aufzuklären, ihnen ist ein faires Honorar zu gewähren und ihre Wünsche bezüglich Bildgestaltung, Nennung von Künstlername, Homepage und Diskretionsbedarf ist zu respektieren und einvernehmlich, klar verständlich, schriftlich festzulegen.


10. Zusammenarbeit der Medien und ihrer Vertreter mit der langsam beginnenden Sexworker-Selbstorganisation ist zu begrüßen. Fortbildungsseminar und Pressekooperationen sind möglich.


[Datum, Unterschriften]


Schweigen ist das wahre Verbrechen

′′Ich habe beschlossen, dass es besser ist zu schreien. Schweigen ist das wahre Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“


8. März Frauentag: wer ist hier der Boss?

(Erstveröffentlichung 8.3.2013 Kaufmich Magazin):

Manchmal kann und mag man gar nichts mehr von Erinnerungs- und Jahrestagen hören, die im Rauschen der täglichen Nachrichten an uns vorbei rieseln. Selbst verlorenen Socken in der Waschmaschine ist ein Tag gewidmet. Der Tag der verlorenen Socke fällt ausgerechnet mit dem Tag des Orgasmus zusammen. Und wenn es kein lustiger Spass-Tag ist, dann mahnt er die Menschen, erinnert sie an ihre Verfehlungen, an Krankheit, Krieg, zerstörte Natur oder an fehlenden Rechten.

Und heute ist wieder so ein Tag, wo ich mir vorkomme, wie die Angehörige einer aussterbenden Schildkrötenart. Dabei bevölkere ich und meine zweibeinigen Artgenossinnen die Hälfte dieses Planeten. Am Frauentag, da fühle ich mich immer wie ein Patient, der künstlich beatmet werden muss. Man selber glaubt, man ist am Leben, aber da kommt dann so ein Tag um die Ecke, der einem erklärt, dass man eigentlich doch ein armes Frauchen ist. Und stimmt, er erinnert mich daran, dass ich im Dunklen nicht allein durch die Strassen Berlins laufen möchte.

Heute am 8. März feiert die Welt also den Weltfrauentag, der den Frauenrechten und dem Weltfrieden gewidmet ist. Der 8. März ist besonders im Osten Deutschlands und generell in Osteuropa bis heute von grosser Bedeutung und hat einen höheren Bekanntheitsgrad als der Muttertag, der ja eigentlich von der Blumenindustrie erfunden wurde. Männer ehren an diesem Tag ihre Mütter, Ehefrauen, Partnerinnen, Arbeitskolleginnen mit Blumen und Geschenken. Und wenn gerade keine Ehefrau da ist, kann es passieren, das ein Kundenmann an diesem Tag Blumen mitbringt. Ist mir als Escort vor einigen Jahren passiert und hat mich riesig gefreut.

Es ist ein Tag zum Freuen, aber auch zum Heulen. Gleiche Rechte, Wahlrecht, Mutterschutz, Arbeitsschutz, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das Recht auf ein gewaltfreies Leben. Einiges ist vollbracht und vieles nicht. Jeder Fortschritt muss stets hart erkämpft werden, was anstrengend ist. Daher legen auch viele gerne die Füsse hoch, kratzen sich die Eier und schicken Mutti zum Bier holen.

Wenn Frauen heute selbstverständlich studieren können, Rechtsanwältin, Kanzlerin oder Astronautin werden, kann es nicht darüber hinweg täuschen, dass besonders in Deutschland der Zugang zu Bildung und Aufstiegschancen durch die soziale Herkunft bestimmt wird. Und Mutterschaft bedeutet hierzulande, häufig alleinerziehend und arm zu sein. Armut trifft Alleinerziehende unter den Frauen am häufigsten. Gewissermaßen hinkt Deutschland anderen Ländern in vielem hinterher, auch was das vorgezeichnete Frauenbild betrifft. Es sind zuviel Ängste, zuviele Selbstzweifel vorhanden. Es fehlt an weiblichen Vorbildern, die nicht Lady Gaga heißen. Der Wunsch nach Kontrolle, auch über das Bild, was andere von einem haben, ist überall zu beobachten.
Viele berufstätige amerikanische Frauen, die ich traf und die Deutschland kennen, berichten mir, dass sie doch einigermassen überrascht seien, dass die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland arg rückwärtsgewandt seien und Jahre hinter den USA zurückhängen.

Ehrgeizige und fleissige Frauen wollen für ihre Leistung, ihre Arbeit anerkannt und entsprechend bezahlt werden und nicht von ihrem Arbeitgeber einen kleinen Klaps oder ein Augenzwinkern ernten. Anerkennung: Wie soll das gehen, wenn man deutlich weniger verdient als der männliche Kollege mit gleicher Qualifikation? Natürlich sind unterschiedliche Verdienste für die gleiche Arbeit ein Machtinstrument und wenn man sich nicht dagegen zur Wehr setzt, wird es auch immer so bleiben.
Oft ist man auch selber schuld, der Hang zur Selbstausbeutung, ja Masochismus so stark, sich nicht einzugestehen, das auch das vierte unbezahlte Praktikum oder fünfzig unbezahlte Überstunden einen keinen Deut vorwärts bringen. Und vielleicht liegt die Abscheu gegenüber lauten, frechen und fordernden Frauen genau hier begründet? Und weniger darin, weil die Damen, die sich Feministinnen nennen, anders gekleidet sind, Möhren essen und keine Absätze tragen. Es sind eben jene, die nicht dafür angetreten sind, um zu gefallen und sich in der Herrenwelt lieb Kind zu machen.
Ich denke Mut und Veränderung machen Angst, Freiheiten, die andere sich rausnehmen, und die man sich selbst nicht zutraut, sowas wird dann eben abgewehrt.
Und so bleibt es dann auch nur bei einem Traum von einem erfüllten Leben aus dem Groschenroman oder dem Wunsch nach einem Prinzen aus einer Glanzbilder-Sammlung. Ein Märchen. Toughe Typen ziehen natürliche Frauen mit Köpfchen, Humor und Selbstbewusstsein einem botoxierten It-Girl-Verschnitt vor. Und dies ist kein Klischee. Zum Glück.


House of Aspasia

Es ist ja irgendwie schick, wenn Huren Bücher schreiben. Sex sells. Allerdings finde ich das nicht so interessant, weshalb ich ein Sachbuch schreibe, dass mit sozialwissenschaftlichen Einschätzungen über Sexarbeit gespickt ist. Ich habe festgestellt, dass es das so noch nicht gibt, aber notwendig ist, um eine Diskussionsgrundlage über die Zukunft der Sexarbeit zu liefern. Ich hab ja praktisch in den letzten 19 Jahren geforscht: teilnehmende Beobachtung, Interviews, Umfragen. Mein Wissen ist mein Goldschatz. Kann beizeiten auch gegen Sexkaufgegner als Argumentationswaffe verwendet werden. Jedenfalls hab ich schon über 50 Seiten zusammengeschrieben, bin allerdings aktuell etwas angeschlagen, sodaß ich erst nächste Woche damit weiter machen kann, wenn mein anderer Job erledigt ist. Ist zwar viel Arbeit, aber leider notwendig, da soviel Unfug in den Medien steht und die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst.


den Cyborgs gehört die Zukunft

Hier nochmal zum Nachhören https://audio-archive.com/#/talk/1917