Kohle: Kapitel 33

Das einzige soziale Aufstiegsversprechen, das in Deutschland noch funktionierte war es, nach oben zu heiraten. Das ganze Wirtschaftssystem baute auf Übervorteilung und den Einsatz von sexuellem Kapital. Das hatte sie auch im Wissenschaftsapparat beobachtet, wo Professoren ihre jungen und begabten Studentinnen heirateten, damit sie im Alter nicht so allein sind. Die Besetzungscouch funktionierte ja nur deshalb einwandfrei, weil es genug Frauen gab, die leistungslos nach Status und Macht gierten und die ihre Männer sofort abservierten, wenn sie arbeitslos wurden und ihre berufliche Existenz, ihr Haus an die Bank verloren oder in Schulden untergingen. Dann waren die Frauen ganz schnell weg. Ein erweiterter Suizid war häufig die Antwort. 

Die Kerlchen konnten einem auch sowas von leid tun. Die drehten durch, wenn sie von ihren Frauen als Verlierer klassifiziert und auf den Müll der Geschichte geworfen wurden. Gerade taugten sie noch als Märchenprinz, der alle Konsumwünsche erfüllen durfte, und im nächsten Moment wurden sie in die Wüste geschickt. Insofern war der Escort Bereich auch eine gute Partnerbörse, wo Damen noch eine gute Partie machen konnten, wenn sie durch Wohlverhalten glänzten.

Nadines Vater war ja nicht nur ein viertes Mal verheiratet. Als Nadine sechs lange Jahre bei ihrem alleinerziehenden Vater aufwuchs, gab es noch weitere Damen, die der Vater im Schlepptau hatte. Nach zehn Damen, die sie persönlich kennen lernte, hörte Nadine auf zu zählen. Er schleppte die Weiber abends in einer Bar ab und nahm sie mit nach Hause. Nadine schlich dann nächtens aus ihrem Zimmer und prüfte die Ausweispapiere der Damen, um die Identität rechtzeitig festzustellen, falls in der Wohnung etwas fehlen sollte. Das Mißtrauen war berechtigt, denn ihr Vater war auch schon mehrmals von Huren und Freundinnen beklaut worden. 

Einmal lernte Nadines Vater eine Frau aus Dortmund kennen, deren Vater ein Konsul war, was Nadines Vater mächtig beeindruckte. Die Frau sprach vier Sprachen und trug nur Garderobe von Yves Saint Laurent. Sie zeigte ihrem Vater, was Tisch Etikette bedeutet, das man bei Tisch nicht schmatzt und furzt, wie man die Gabeln richtig zu halten hat und vor allem, wo sich die Reichen und Schönen treffen. An der italienischen Riviera, bei Pferderennen, auf internationalen Golf- und Tennisplätzen.

Das war aber garnicht so die Kragenweite ihres geizigen Vaters, ein einfacher Mann aus dem Volke. Wobei man dazu sagen muß, dass er im Hinblick auf die Erfüllung eigener Wünsche durchaus großzügig war. Seine Tochter wurde an einer extrem kurzen Leine mit geringfügigem Taschengeld gehalten, während der Alte das Geld ohne Ende verprasste. Da durften auch schon mal tausende Euros im Casino oder bei Prostituierten versenkt oder vor einem internationalen Boxkampf die VIP Tickets geordert werden. Er kaufte sich und seinen Ehefrauen auch teuren Schmuck, der ihm zum Verhängnis wurde, weil die Frau aus Dortmund eine Hochstaplerin war und ihren Vater um Goldschmuck, Brillanten und Goldmünzen erleichterte. Schon ihre Mutter hatte heimlich ein paar Goldmünzen mitgehen lassen, genauso machten es die weiteren Ehefrauen. 

Ihr Vater hatte leider so gar keine Menschenkenntnis und umgab sich vorzugsweise mit Menschen, die sich finanzielle Vorteile durch seine Bekanntschaft erschlichen. Auch von Habenichtsen in der eigenen Verwandtschaft wurde er wie eine Weihnachtsgans ausgenommen, erst von seinem kriminellen Schwiegersohn und später von seinem Neffen um große Geldsummen erleichtert. 

Von Frauen hatte Nadines Vater generell keine hohe Meinung, weshalb sie auch nicht als Ratgeberinnen taugten und er alle wichtigen Entscheidungen in seinem Leben ganz alleine mit sich selbst ausmachte. Von den vielen Frauen, die Nadine kennenlernte und mit denen ihr Vater sexuell verkehrte, heiratete er in zweiter Ehe die jüngste und skrupelloseste Schlampe mit Bauernschläue aus dem miesesten Ghetto von Duisburg.

Die junge Dame war 18 Jahre alt, als sie mit Freundinnen eine Wette erfolgreich abschloß, dass sie sich Nadines Vater, den reichen Geldsack, schnappen würde. Und zwar indem sie ihm ein Kind anhängte, der spätere Halbbruder von Nadine, der dann Drogen dealte, sich in Online Sex Chats als Frau anbot, um Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der Sohn hatte den Charakter seiner Eltern geerbt. Geiz, Niedertracht, Mißtrauen, Rassismus und leistungsloser Geldverdienst, selbstverständlich unversteuert.

Diese Frau war niederträchtig, intrigant und log, dass sich die Balken bogen. Sie manipulierte Nadines jüngere, dumme und gutmütige Schwester, die gemeinsam mit ihrer Schwangerschaft und einem Appell an das moralische Gewissen Nadines Vater erpressten und Druck ausübten, sie zu heiraten. Diese Goldgräberin war gleichaltrig wie Nadine und wollte Nadine natürlich aus dem Haus haben, da sie bei ihren Plänen im Weg war. Sie erfand die schlimmsten Geschichten über Nadine, um damit den Vater zu beeinflussen und gegen Nadine aufzuhetzen. Die Rechnung ging auf und Nadine verließ mit Pauken und Trompeten und einer gebrochenen Nase das Elternhaus.

Man darf ja nicht schlecht über Tote sprechen. In diesem Fall meinte Nadine später nur, dass sie natürlich keinen weiteren Kontakt zu dieser jungen Frau wollte und deshalb bei ihrer Beerdigung auch nicht anwesend war. Was hatte die bucklige Verwandtschaft eigentlich gedacht? Nur weil jemand Krebs bekommt und stirbt, sind alle Sünden vergessen? Nachdem Nadine ihren Vater auf Unterhalt verklagt hatte, sie eine Ausbildung abschloß und ein Studium absolvierte, übten der Vater und seine Frau erheblichen Druck auf Nadine aus und sie mußte monatlich Leistungsnachweise vorlegen, sonst wäre der eingeklagte Unterhalt gestrichen worden. Das war die ständige Drohung, weshalb Nadine ihr Studium auch in kürzester Zeit mit einem Einser-Diplom abschloß, um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien.

Bei jeder Gelegenheit erfand diese Frau Lügengeschichten, um den Vater gegen Nadine aufzuhetzen. Zum Beispiel behauptete sie, daß Nadine Mietschulden hätte, was überhaupt nie der Fall gewesen war, da Nadine in Geld Dingen genauso penibel und zuverlässig wie ihr Vater war. Jedenfalls drangsalierte diese sogenannte Stiefmutter Nadine bis aufs Messer, auch als sie längst in Berlin lebte. Nadine war schließlich einfach nur erleichtert, als eines Tages das Lebenslicht der gleichaltrigen Stiefmutter erlosch, die mit 28 Jahren von ihrem Krebs aufgefressen wurde. Sie hatte nämlich jahrelang unter der Sonnenbank gebrutzelt, um wie Pam Anderson auszusehen, und sich dabei schwarzen Hautkrebs eingefangen.


Kohle: Kapitel 32

Nadine vermißte ihr Berlin der 90er Jahre sehr. Auch musikalisch. Als sie noch im Sniper in Mitte Pornos auf 100 Bildschirmen gleichzeitig guckte und dazu Haschkekse aß, war die Welt in Ordnung.

Der Underground Berlins der 90er wurde abgelöst von einer drögen Hipsterkultur mit weißen Turnschuhen. Das Geld, das nach Berlin drängelte, richtete somit auch ästhetischen Schaden an. Halbschwule, die Vollbärte trugen, um die holde Weiblichkeit mit einem Image des wilden Mannes aus der kanadischen Tundra zu beeindrucken. Gleichzeitig wandelte sich im Straßenbild die Weiblichkeit in Blümchenkleid tragende Büllerbü Apologetinnen, die nun die Preise für Kaffee mit Soja Milch in die Höhe trieben und Veganismus als Staatsdoktrin auslobten, nachdem die Rauchkultur und Sexyness löchriger Netzstrümpfe endgültig ausgetrieben worden waren.

Anzüge waren jetzt schmal geschnitten, für dünne Flachärsche massgeschneidert, und die Hosen standen auf Hochwasser. Dazu trug man Vollbart und liess sich Chips unter die Haut transplantieren, um kontaktlos eine Coca Cola zu zahlen. Man fuhr SUV und boxte die Fahrradfahrer von der Strasse und die Ureinwohner aus ihrer Heimat am Prenzlauer Berg, die sich in den neuen Feinkostläden rings um den Kollwitzplatz auch keinen Liter Milch mehr hätten leisten können. Oder ein Stück Seife für 400€ in den Luxus Kosmetikläden in der Knaackstrasse.

Ihr ehemaliger Stammkunde aus Frankfurt war dorthin gezogen, wo er als Alleinstehender auf 280 qm eine Monatsmiete von 8000€ löhnte. Der Rest ging für die Nutten drauf. Dort veranstaltete er inmitten von Mid-Century Möbeln seine Orgien. Die Wohnung sah aus wie aus dem Katalog und der Gastgeber wurde schon nervös, wenn der Untersetzer unter dem Glas Whisky nicht millimeter genau platziert war. Immerhin war er kein Kunstverächter und sie konnte ihm einige Bilder ihres Mannes verkaufen, damit es etwas wohnlicher wurde. Trotzdem fühlte sie sich dort wie eine unbezahlte Escortdame, die ständig dem ausgezeichneten Geschmack des Gastgebers huldigen musste. Zumindest spiegelte er eine hochwertige Ästhetik wider, anders als Shopping Queen, wo depravierte Konsumentinnen ihren schlechten Geschmack und Klassismus zelebrierten.

Ihr Stammkunde des guten Geschmacks lebte in einer völlig anderen Welt als Nadine. Sein Leben war von endlosen Geldströmen und gelangweilten Konsum geprägt, ähnlich wie das Leben ihres Vaters.

Nadine hingegen bestand regelmäßig Abenteuer und war zuletzt wegen einem Krümel Hasch in einem spanischen Gefängnis in Barcelona gelandet und nur ihr Chef konnte sie mit Anwälten befreien. Ihr Chef war zwar auch Multimillionär, aber mit einem guten Herzen. Er hatte auch freiwillig Nadines Honorar bezahlt, als sie monatelang wegen Krankheit ausfiel. Als Freiberuflerin hätte sie sonst aus der geschlossenen Psychiatrie heraus Hartz4 beantragen müssen.


Kohle: Kapitel 31

Identitätspolitik war letztlich nur ein Kampf um Geld und knappe Ressourcen und die Huren ließen sich am Nasenring durch eine neoliberale Arena führen, die darauf baute, dass Sofa Aktivisten und talentlose Gender Studies Studierende nicht arbeitslos wurden, die Jobs in Redaktionen, Universitäten und NGOs begehrten und die Deutungshoheit beanspruchten und die darauf bauen konnten, dass die verwirrten Küken der politischen Macht nichts entgegen setzen konnten, ausser sich gegenseitig in der politischen Bedeutungslosigkeit aufzulösen.

Was hatten die Sofa Aktivisten in den letzten 20 Jahren schon beigetragen? Sie hatten keine Gesetze über viele Jahre kritisch und öffentlich begleitet, hatten nicht an Anhörungen im Bundestag oder im britischen Parlament teilgenommen, hatten keine Vorträge bei Konferenzen gehalten und Memoranden der globalen Bewegung abgefaßt, hatten nicht auf dem Rechtsweg versucht, Sonderverordnungen oder Sperrbezirksverordnungen zu kippen oder bitterarme, teils minderjährige Analphabetinnen vor Ausbeutung und Gewalt durch Freier und die eigenen Familien zu schützen, hatten keine illegalen oder wohnungslosen Kolleginnen mit Wohnraum versorgt oder schwarze Huren am Strassenstrich von NYC mit sauberen Crack-Pfeifen. Sie saßen an ihrem Handy in ihrer kuscheligen Wagenburg, diskutierten Gendertheorie und übertrafen sich gegenseitig im Austausch von Befindlichkeiten.

Das war das Gegenteil einer progressiven Allianz, die nötig war, die Nuttenrepublik aus den Angeln zu heben. Wenn die Nutten es nicht schafften, sich vor der neoliberalen Agenda zu schützen, waren sie angeschissen. Jetzt bedurfte es der Vernunft, um die versprengten Gruppen ins richtige Fahrwasser zu balancieren. Denn die Ampeln standen auf rot und es war höchste Zeit, das Ruder hochzuziehen und endlich Kurs aufzunehmen.

Allerdings hatte Nadine zu diesem Zeitpunkt die zerstrittene Gemeinde längst verlassen, beschäftigte sich nicht mehr mit Kunden- und Beziehungsgewalt, sondern mit internationaler organisierter Kriminalität und Künstlicher Intelligenz. In Deutschland waren die Zahlen im Bereich Rotlicht-Kriminalität seit Jahrzehnten rückläufig. Das Rotlicht galt nicht mehr als so profitabel, denn die meisten Prostituierten arbeiteten in die eigenen Taschen und hatten kein Interesse mehr, ihren hart verdienten Hurenlohn mit Vermietern zu teilen. Kriminelle wichen zunehmend in die Cyber Kriminalität aus.

Ähnlich wie es parasitäre und symbiotische Beziehungen auf zwischenmenschlicher Ebene mit Lebenspartnern und Loverboys gab, wo die Grenzen zwischen Einvernehmen und Illegalität verschwammen, war auch die organisierte Kriminalität dadurch geprägt, dass sie sich mit legalen Unternehmungen überschnitt.

Opfern von Menschenhandel war oft gar nicht bewußt, daß sie Opfer eines Verbrechens waren. Es gab bei der Zwangsprostitution einen fließenden Übergang zwischen Rekrutierung der Opfer in den sozialen Medien und Internetplattformen im Netz, der Werbung über unauffällige Kontaktanzeigen auch in prostitutionsfernen Anzeigenportalen und natürlich Ausbeutung. Den Opfern war oft nicht bewusst, wann sich sichere Beziehungen in unsichere Beziehungen verwandelten und meist von Liebe oder Angst geblendet.

Viele Frauen waren auf dem Entwicklungsstand von Kindern und leichte Beute. Man konnte nur noch über Comics und Piktogramme mit ihnen kommunizieren, um sie über Gefahren ins Bild zu setzen, aber auch das war nicht ausreichend. Menschen in der Migration, in einem fremden Land, in der Prostitution waren verwundbarer für Ausbeutung und Gewalt als andere Menschen, die man privilegiert nennen kann. Unter den Opfern gab es keine Klassen und Geschlechterunterschiede, sie kamen aus allen Bereichen des Lebens. Es konnte jeden Menschen treffen.

Die Ausbeuter versenkten das Schwarzgeld in völlig normalen Aktivitäten, die in die Mitte der Gesellschaft hinein reichten. Sie gründeten Firmen, kauften Autos, Flugzeuge, Luxus Kreuzfahrten, wuschen das schmutzige Geld über Bankkonten, Immobilien, Luxusgüter, Kunst.

Mit einer stereotypisierenden Medienberichterstattung, einem akademischen Diskurs und offiziellen Berichten kam man der grauen Realität kaum bei, wenn aus schwarz weiß wurde, und aus weiß schwarz. Diese Dynamik und Komplexität im lokalen und globalen Maßstab war sehr schwer zu durchschauen, denn die Verstecke waren häufig legale Unternehmungen.

Nadine war als Kind und Jugendliche selbst chronische Ausreißerin und kriminell gewesen und wußte um die potentiellen Gefahren, alleine und minderjährig auf der Straße unterwegs zu sein. Deshalb zeichnete sie Comics, die sie in Berliner Wärmestuben von Ausreißern verteilte. Sie nannte diese Initiative Kinderpolizei. Kinder sollten gehört werden, denn sie haben auch eine Stimme und das Recht zu sprechen. Manche der jungen Aktivistinnen waren ebenfalls auf dem Entwicklungsstand von wütenden Kindern, die die Alten weg haben wollten. Aber Nadine war nicht ihr Feind, im Gegenteil.

Manchmal, wenn sie mit den Ausreißern gemütlich zusammen saß, erzählte Nadine ihre Geschichten als Ausreißerin. Wo sie im Urlaub mit ihrer Familie in den USA ausgebüchst war oder sich während eines Urlaubs auf dem Bauernhof im Heu versteckt hatte oder im Keller ihres Zuhauses. Der Höhepunkt war allerdings der Trip nach Spanien gewesen, als sie im Alter von 16 Jahren zusammen mit dem Freund ihrer Schwester in einer spontanen Nacht- und Nebelaktion ausbüchsten, nicht ohne vorher den Safe des Vaters zu knacken und einen größeren Geldbetrag zu klauen. Der Freund ihrer Schwester besuchte ein Internat und hatte ein Auto, einen alten VW Käfer. Mit dem sind sie Richtung Frankreich gefahren und alle Reifen platzten unterwegs. Natürlich musste Nadine alles zahlen. Was kein gutes Omen war.

Sie schlugen sich bis nach Marseille durch, wo das Auto repariert wurde und Nadine sich die Haare ganz kurz wie ein Junge schnitt. Aus Sicherheitsgründen. Sie kauften sich Schlafsäcke und sind dann weiter nach Spanien getrampt, in den tiefsten Süden. In Malaga zerstritten sie sich, weil der Freund ihrer Schwester ihr Geld klauen wollte und Nadine flüchtete und nahm einen Flug auf die Kanarischen Inseln. Dort lernte sie junge Handwerksgesellen auf der Walz kennen, denen sie sich anschloß, um dann gemeinsam auf die Insel La Gomera zu reisen. Dort lebte Nadine allein an einem Strand mit schwarzem Sand. Sie wanderte täglich in die nahe gelegene Bananen Plantage, um sich zu waschen und aß von morgens bis abends Bananen. Dabei dachte sie über ihr Leben nach und was aus ihr werden sollte. Sie beschloß nach zwei Wochen nach Hause zurück zu kehren und machte noch eine schöne Zugreise über Madrid, Paris und Amsterdam zurück ins Ruhrgebiet. In Paris kleidete sie sich der Jahreszeit entsprechend mit Luxus Winterkleidung an der Champs Elysées neu ein und in Amsterdam betrank und bekiffte sie sich.

Der Vater sprach bei ihrer Rückkehr natürlich nicht mehr mit ihr und sie musste als erstes eine Aufstellung aller Ausgaben machen, die sie während ihrer Reise hatte. Anschließend arbeitete Nadine das geklaute Geld in der Werkstatt ab, solange bis der Vater wieder mit ihr sprach. Mit ihrem Abitur war es allerdings Essig, da sie mehrere Wochen unentschuldigt gefehlt hatte. Sie flog vom Gymnasium und machte eine Ausbildung und lebte allein. Endlich Ruhe.


Kohle: Kapitel 30

Bei Prostitutierten ist das generelle Mißtrauen ausgesprochen hoch. Zu Recht, aber teilweise wahnhaft. In der deutschen Hurenbewegung gönnte sich keiner auch nur den Dreck unter den Fingernägeln. Wie Hyänen gingen die fragmentierten entsolidarisierten Gruppen aufeinander los und es erinnerte Nadine an den Rattenkönig, eine an den Schwänzen verklebte Rattenschar, wo jeder in völlig verschiedene Richtungen drängt und sich immerzu mit eigenen Befindlichkeiten und Identitäten auseinandersetzte, aber nicht mehr mit gemeinsamen Zielen und Interessen.

Auch hatte es eine Tradition in der politischen Szene, dass eine Blockwartmentalität ständig über die Bewegung wachte, um Fehlverhalten von Gruppen, Verbänden, Individuen aufzuspüren und öffentlich zu tadeln, Menschen zu canceln und auszuschließen. Für manche kann das den sozialen Tod bedeuten.

Am Anfang hatte Nadine immer die Verantwortung bei sich selbst gesucht, bis sie herausfand, dass das systemisch ist und das sie keine Schuld traf. Von daher unterschied sich der blinde Rigorismus nicht von der Dummheit und Militanz der Prostitutionsgegner. Es wurden ständig künstliche Barrieren, Klassen und Unterschiede aufgebaut und markiert, dabei kommen Prostituierte aus allen Milieus. Man leugnete vielmehr, dass ähnlich wie in der Gesamtbevölkerung auch, nicht nur sehr viele Frauen, sondern auch viele Prostituierte von Gewalt und Trauma betroffen sind. Wahlweise betonte man das Trauma, um sich gegen andere Prostituierte aufzuwerten und abzugrenzen. 

Unter diesem Gesichtspunkt stellte sich die Frage, wie man an solidarische Ziele anknüpfen kann und wie man Einvernehmen gewaltlos herstellt und friedlich nebeneinander koexistieren kann. War dies überhaupt möglich?

Die Banker und die Prostituierten waren immer die ersten vor Ort, sobald neues Territorium erschlossen wurde. Das gilt auch für das Internet. Die Adult Industry war eine große innovative Kraft. Vielleicht hatte sie als Pionier auch progressives Potential? Das wollte Nadine herausfinden. Aber dennoch gab es den wilden Westen überall und die neoliberale Transformation der Gesellschaft traf besonders Menschen in den unteren Einkommensbereichen, deren Existenzgrundlage letztlich zerstört wurde. Damit diese zerstörerischen Prozesse der Menschheit verborgen bleiben, bedarf es ständiger massiver Manipulation, damit nach dem Teile-und-Herrsche Prinzip die Armen und Schwächsten noch weiter nach unten durchtreten und sich gegenseitig fertig machen. Der Neoliberalismus hatte ein Wesen geschaffen, den Homo Öconomicus -, der in permanenter Konkurrenz seinen persönlichen Nutzen zu optimieren suchte. Die Funktionssysteme des Geistes waren durch Angst und Macht geprägt und zivilisatorische und damit auch demokratische ausgleichende Mechanismen mehr und mehr zurück gedrängt. 

Um Prostitution zu verstehen, muß man verstehen, wie Angst und Macht in der Menschheitsgeschichte funktioniert haben. Die unerschöpfliche Aggressivität, der unersättliche Hunger nach Macht ging mit der Unfähigkeit zu einem sozialen Miteinander her. Identitäres Denken zeichnet sich durch die Einteilung in höher und minderwertige Menschengruppen aus, der Kulturrassismus entspringt dem Recht des Stärkeren und steht jedem Egalitätsprinzip entgegen. Durch das Teile-und-Herrsche Prinzip und die inneren Spaltungen blieb es natürlich beim Status Quo, wo Reiche sich mit Repression die Macht sichern. Dadurch kann die Gefahr revolutionärer Umbrüche besänftigt werden. Ein Machtverlust der Eliten kann so niemals erreicht werden, auch weil die Repression ständig durch Indoktrinationstechniken kompensiert werden muß, wozu Fakes und Fake News gehören, die zu Verwirrung und Unsicherheit gehören und ebenfalls zu Empathieverlust und den Rückgang von Solidarität beitragen.

Die Undurchschaubarkeit des Lebens schwächt jeden Gedanken an Gemeinschaft. Deshalb ist die ständige Angst-Erzeugung und die Stabilisierung von Feindbildern letztlich auch ein Feind der Demokratie und seinen Institutionen der Solidarität und Gemeinschaft. Wenn Politiker schon öffentlich sagen, daß Arme nicht als Klasse gelten, sondern als „Abfall des Marktes“, sollte jedem klar sein, wem die letzte Stunde geschlagen hat. Wie Warren Buffet schon formulierte, dass im Krieg der Reichen gegen die Armen natürlich die Reichen gewinnen. Das Unbehagen in der Kultur erhöht die politische Ohnmacht und der Kultur- und Sozialrassismus feiern den Status Quo.

Dazu trägt Verwirrung und Desinformation im großen Stil bei, die als politische Strategien auch bewußt eingesetzt werden. Desinformation hat Meinungsmanipulation und Propaganda abgelöst und findet mit den Methoden der Überflutung inkohärenter Information, inhaltsleeren, fragmentierten und inkonsistenten Nachrichten sowie die Eingewöhnung an faktenwidrige Narrative statt. Deshalb befand sich die Kommunikationskultur auch in der Hurenbewegung im freien Fall. Dabei muss jedoch das zivilisierende Element von ganz unten kommen und die massive Gegenaufklärung im Namen eines egalitären Humanismus bekämpfen. Nur dies ist die Rettung vor einem Rückfall in die Barbarei.


Kohle: Kapitel 29

Ins Gefängnis zu gehen, ist für viele Menschen oftmals die einzige Möglichkeit, zu überleben. Das gleiche gilt für die geschlossene Psychiatrie oder Wohnraum im Lockdown.

Prostitution ist kein Gefängnis, sondern ein Akt der Selbstliebe, im Kampf ums überleben und finanzieller Unabhängigkeit und insofern ein emanzipatorischer Akt. Nadine übte Prostitution aus, um ihren linken Überzeugungen treu zu bleiben. Der deutsche Wissenschaftsapparat hatte sie genau deshalb exkommuniziert. Staatstreue war und ist in Deutschland mit der Anti-Kommunismus-Doktrin verbunden und mit einem Kritikverbot neoliberaler Wirtschaftspolitik. Der akademische Nachwuchs muß seine Staatstreue beweisen und Klappe halten, um beruflich weiter zu kommen. Das war für Nadine keine Lebensperspektive, die weder die Klappe halten noch Verrat an ihren linken Positionen üben konnte.

Eigentlich hätte sie es wissen müssen, als ein Professor sie als Studentin aus dem Seminar warf. Aber sie war so naiv zu glauben, dass sie es trotzdem schaffen könnte und das nur die wissenschaftliche Leistung zählt. Schon als Doktorandin wurde ihr verboten, mit der PDS zu sprechen, die sie zu einer Veranstaltung einluden. Aber das auch der Daumen drauf gehalten wurde, wenn man neoliberale Politik kritisiert, wäre ihr nicht eingefallen, da sie das kapitalistische Ausland beobachtete, wo es sogar marxistische Professoren gab. Nur in Deutschland war alles anders und sie war nicht die einzige Akademikerin, die aus dem Apparat geschreddert wurde. Als sie in Ostdeutschland an verschiedenen neugegründeten politikwissenschaftlichen Fakultäten arbeitete, fiel ihr auf, dass mit dem Systemwechsel die neuen Lehrstühle nicht von den Besten besetzt wurden, sondern fast nur vom westdeutschen Mittelmaß, denen so ein Karrieresprung gelang. An opportunity of history, eine Jobmaßnahme für Arschkriecher, die im Osten das gleiche Süppchen wie im Westen kochten.

Das westdeutsche akademische Mittelmaß läßt sich durch Opportunismus charakterisieren, wo einige Professoren sich erst nach der Pensionierung trauen, über Themen zu schreiben, zu denen sie zuvor nicht den Mut aufgebracht hatten. Sie sind auch dadurch charakterisiert, dass sie kaum Englisch sprechen, deshalb den internationalen Forschungsstand ignorieren und in der internationalen Forschung nicht viel zu sagen haben. Sicher mag es Ausnahmen geben, wie das Max Planck Institut und Spitzenforschung hier und da, aber der Normalfall waren keine Spitzenleistungen, sondern Muckertum. Nadine wandte sich angewidert von ihrem alten Leben ab.

Nadines Geschichte ist auch eine Geschichte von Freiheit und der Kampf um Unabhängigkeit. Manches Mal bezeichnete sie sich als Auto-Kannibale, weil ihre mentale Dysfunktion drohte die Kohärenz ihrer Identität zu zerstückeln, was wiederum zu einer Atomisierung und schließlich zur Auslöschung des Selbst führt. Ein Grund, warum sie sich über viele Jahre mit der interdisziplinären Identitätsforschung sowie der Psychoanalyse beschäftigt hatte. Je länger sie über Identität forschte, desto größer wurden ihre Zweifel, dass Identität überhaupt als Wissenschaftskonzept taugte. Sie hatte kein Verständnis von Identität als kohärente und unveränderliche Einheit wie ein abgeschlossenes Gefäß, sondern sah hier eher Dynamik, unbegrenzte Transformation und Fluidität als Grundlage personaler sowie kollektiver Identität.

Und nach dem Ausstieg aus dem akademischen Lehrbetrieb stand nun Überleben um jeden Preis auf ihrem persönlichen Lehrplan. Und den Preis bestimmte sie selbst. Als aktive Schreiberin in Freierforen veröffentlichte sie einmal ein Traktat über die Würde des Escort, nachdem dort Kunden der Meinung waren, daß sie als Kunden durch Bezahlung bestimmen, welche Musik gespielt wird. Es war der einzige Text in ihrem gesamten Leben, der von mehr als 280 Menschen in diesem Forum von Kunden und Escorts gelesen und positiv bewertet wurde. Sie war also mit ihrem Ringen um Autonomie in einem asymmetrischen Machtgefälle zwischen Prostituierten und Kunden nicht allein, was ihr Auftrieb gab.

Frauen dagegen, die freiwillig in die Sklaverei und damit in die unbezahlte Selbstausbeutung einer Ehe einwilligten, aus Liebe, gaben ihre Autonomie zugunsten der Selbstaufgabe unmittelbar auf. Und jene Ehefrauen, die ohne Liebe und mit rein monetären Interessen eine Ehe eingegangen waren, beschwerten sich nun, dass sie die Beine breit machen mußten und jammerten, wenn der Olle täglich mehrmals Sex wollte. Sie willigten auch nur in den Sex ein, um sich durch Wohlverhalten mit Luxusgütern bezahlen zu lassen oder um keine männliche Aggression und Gewalt zu riskieren. So sah das Menschenbild von Nadine nun einmal aus, die in ihrem privaten Umfeld über viele Generationen auch nie etwas anderes kennengelernt hatte.

Es gab im Regelfall ein ökonomisches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und dort, wo Frauen umgekehrt ihre Männer finanziell unterstützten, wurden sie belächelt und bemitleidet. Das wußte sie, weil sie immer mit armen Intellektuellen und Künstlern Beziehungen eingegangen war. Ihr Vater und ihre Großeltern hatten sie doch immer vor den armen Schluckern gewarnt.

Aus ihrer Sicht war eine Ehe deshalb vergleichbar mit Prostitution, nur dass die Sex Partner wechselten. In beiden Bereichen ging es darum, den Mangel an weiblicher finanzieller Autonomie durch einen Tauschhandel auszugleichen. Kohle ist nun einmal die zentrale Währung. Sie kann in Unabhängigkeit und Freiheit führen, aber auch in die Selbstverleugnung und Sklaverei.

Nadine durchwanderte im Ringen um Autonomie von Kindesbeinen an viele Krisen, aber stand immer auf wie Phoenix aus der Asche, um weiter wie David gegen Goliath in alle Richtungen zu kämpfen. Gegen einen neoliberalen Staat, Dumpfbacken und übergriffige Menschen. Den politischen Aktivismus verglich sie immer mit einem Marathonlauf, den auch nur die wenigen alten Kämpferinnen nachvollziehen können, die nicht nur ein paar Plakate in die Luft gehalten, sondern sich und andere Sexarbeiter erfolgreich organisiert und geduldig Prostitutionspolitik über meist mehrere Generationen hinaus gemacht haben. Ihr Zugang ist historisch vermittelt, die Anfänger handelten ahistorisch.

Und nun wurde sie von selbstgerechten Anfängern auf ihre weiße Hautfarbe reduziert und musste sich vorwerfen lassen, privilegiert und gebildet zu sein. Eine Bildung, die nicht vor Gewalt geschützt hatte. Sie gehörte zu den vielen Prostituierten ohne Altersvorsorge. Dabei wurde sie zwangsgeoutet und enterbt und konnte nur durch das Risiko des Outings überhaupt Sprecherin am Katzentisch der Nuttenrepublik werden, wo sie mit dummen und beratungsresistenten Politikern diskutieren mußte. Wobei man sich durch öffentliche Sichtbarkeit in der Szene keine Freunde unter den Kunden macht und der Umsatz sinkt. Das war ihr vorher schon klar. Der Schlüssel zu erfolgreichem politischen Aktivismus ist jedoch ein streng egalitärer Humanismus, Geduld, Analyse, Expertise, Erfahrung, Wissen, Durchhaltevermögen, permanenter Widerstand sowie Vernetzungs- und Outreach-Arbeit, um Prostituierte online und offline zu erreichen, aufzuklären und zu unterstützen. Aber keine Identität. Da reicht es nicht aus, Pappschilder in die Kamera zu halten und mit irgendeinem Opferstatus punkten zu wollen. Es reicht auch nicht aus, für eine legale Sexarbeit zu streiten, wenn man die Illegalen vergißt, die Unbequemen und Menschen mit Behinderungen, mit chronischen, auch psychischen Erkrankungen in den eigenen Reihen silenced und ausblendet. Sowas wurde von vielen Politikern auch nicht ernstgenommen. Und von den alten Hasen der globalen Aktivisten Szene ebenfalls nicht, die man ja auch deshalb ausschalten wollte.

So wie es eine historische Konkurrenz von Opfergruppen gab, gab es sie mittlerweile auch innerhalb der LGBTIQ Szene. Auch Prostitution war durch Konkurrenz und weniger durch Solidarität geprägt. Dafür aber durch knallharte neoliberale Kosten-Nutzen-Denke. Und diese Konkurrenz brach sich Bahn in einer Konkurrenz der Mehrfach-Stigmatisierungen, um gegen andere Prostituierte punkten zu wollen, die „nur“ als Prostituierte gebrandmarkt waren. Dabei saßen alle Prostituierten und ihre Sprecher weltweit im gleichen Boot, nur in Deutschland glaubte man noch, daß man nur dann erfolgreich ist, wenn man andere marginalisierte Prostituierte vom Diskurs und im Kampf um Fördermittel ausschließt. Ein Wettbewerb der Schwäche also, nicht der Stärke.


Kohle: Kapitel 28

Ein Sklave ist jemand, der auf jemanden wartet, der ihn befreit. Ähnlich verhält es sich mit dem Cinderella Komplex, wo Frauen auf Retter warten, und der Frage, warum Frauen beschließen, in einer dysfunktionalen Beziehung zu bleiben.

Die devoten Schnepfen symbolisierten für Nadine die selbst gewählte Sklaverei, Abhängigkeit und Unterstützung der Dominanzverhältnisse des Patriarchiats. Sie erduldeten Demütigungen und Gewalt gegen sich und ihre Kinder, während Nadine ihr ganzes Leben um Freiheit, Autonomie und Unabhängigkeit kämpfte. Als Studentin arbeitete sie eine Zeit lang in der Nachtschicht in einem Frauenhaus. Die Erfahrung war eine Katastrophe, da fast alle Frauen zu ihren prügelnden Ehrenmännern zurückkehrten und sich und ihre Kinder den Sadisten weiter zum Fraß vorwarfen.

Feministinnen bezeichneten Prostituierte als Verräterinnen an ihrem eigenen Geschlecht. Aber das Gegenteil war der Fall, da die meisten Prostituierten sehr genau wußten, was sie taten, nämlich keine kostenlose Care Arbeit wie Hausfrauen und aufopfernde Mütter zu machen, sondern sich vom Patriarchiat bezahlen zu lassen, um finanziell unabhängig zu sein. Im Prinzip stand Prostitution für das Gegenteil von Sklaverei, und wurde deshalb auch von den Schnepfen bekämpft. Sie beneideten die Huren in Wirklichkeit um ihre Freiheit. Natürlich gab es unter den Huren auch einige geldgeile Goldgräberinnen, die sich einen reichen Ehemann suchten, aber das machten andere Frauen ja auch und wer will strukturell benachteiligten Frauen das im Kapitalismus schon vorwerfen. Prostitution galt dem Tauschhandel in einer unfairen Geschlechter-Ökonomie, nur die Vertragsgrundlage unterschied sich von der heiligen Ehe.

Ungelöst blieb die Frage, warum Frauen in Abhängigkeit zu Männern blieben, die gewalttätig und tyrannisch waren. Für diesen Fall stand exemplarisch Nadines Mutter, die mehrfach aus- und wieder eingezogen war, wegen der finanziellen Abhängigkeit und weil sie ein Luxusleben führte mit Kleidung von Balenciaga und Schmuck von Cartier. Auch die Mutter von Nadines Mann hatte ein ähnliches Schicksal, die dazu noch von ihrem Mann mit einer Geliebten jahrzehntelang betrogen wurde und wie ein Hund litt. Alles aus Liebe. So sehr, dass sie Nadine bei ihrem ersten Kennenlernen unter Tränen ihre Lebensgeschichte erzählte. Ihren Großmüttern mußte sie auf dem Sterbebett versprechen, eine freie Frau zu werden und dieses Versprechen löste sie ein.

Es gab viele Menschen, die sofort Vertrauen zu Nadine hatten. Auch die Mutter ihres Exfreundes, die Nadine um Rat bat und ihr von dem tyrannischen Ehemann berichtete, der mit einer Glocke signalisierte, wann die Frau ihm sein Bier zu bringen hatte. Nadine machte ihr Mut, sich zu befreien und anders als ihre eigene Mutter zog die Mutter ihres Freundes tatsächlich aus und liess den Mann allein zurück, der sich in kürzester Zeit zu Tode soff. Einer der Söhne entdeckte nach Tagen die verfaulende Leiche des Vaters, der mit seinem mächtigen Körper die Haustür versperrte. Der Sohn musste sich energisch Zugang zum Haus verschaffen und hatte den toten Vater, der den Eingang versperrte, beiseite schieben müssen.

Aber schlimmer als dieses Schicksal war die Jugend von Nadine. Nämlich den gewaltsamen Tod ihrer 15 jährigen Schulfreundin, die von ihrem 19 jährigen Bruder mit einem Hammer erschlagen wurde, während sie Klavier spielte. Anschliessend hatte der Bruder ihre Augen ausgestochen, sich mit schwarzer Farbe bemalt und vergeblich versucht, sich selbst mit einem Computer in der Badewanne einen elektrischen Schlag zuzufügen. Als das mißlang lief er auf die Straße und schrie, dass er seine Schwester getötet habe. Er wollte als einziger Mann im Haus ursprünglich alle Schwestern töten, was misslang. Zurück blieb eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die mit einem Schlag zwei davon verlor. Der Bruder bekam nur vier Jahre und landete in der Forensik in Wuppertal. Danach ging Nadine keine Freundschaften mehr ein. Damals wurde es in der Schule nicht thematisiert und ihre ermordete Freundin totgeschwiegen. Nadine erfuhr es aus der Bildzeitung, die ihr Vater täglich las. Dort war auch das 30 stöckige Hochhaus im Ghetto von Duisburg abgebildet, und die Wohnung, wo der Mord geschah. Das mit den ausgestochenen Augen und weitere gewaltvolle Details erfuhr sie von Nachbarn, die mit einem der Polizisten befreundet waren, die die Wohnung aufgebrechen mußten.

Ihre eigene Mutter konnte sich schliesslich nur von Nadines Vater lösen, weil sie einen anderen Mann kennenlernte und dadurch den Mut fand, aus der Ehe mit dem Tyrannen auszusteigen. Allerdings tauschte sie einen reichen Choleriker gegen einen armen Tyrannen aus und die Scheiße ging von vorne los. Sie war jedoch gebrochen und konnte sich aus der zweiten Ehe nicht mehr befreien, obwohl sie zutiefst unglücklich war und erkrankte wohl auch deshalb an Krebs, an dem sie schon seit 17 Jahren litt. Dabei war ihre Mutter trotz finanzieller Selbständigkeit und Unabhängigkeit durchaus in der Lage gewesen, alleine mit dem gemeinsamen Kind zu leben. Ähnlich verhielt es sich auch, als ihre Mutter ihren Vater kennengelernt hatte, den sie aufgrund der Schwangerschaft mit Nadine angeblich heiraten mußte. Aber Ende der 60er Jahre mit Anti-Baby-Pille hätte der Unfall garnicht sein müssen und sie hätte Nadine mit Unterstützung der Großmutter durchgebracht. Ihre Mutter hatte also den gewaltvollen Charakter längst erkannt, bevor sie die Ehe geschlossen hatte. Und ihr Großvater ebenfalls, dem ihre Mutter auf dem Sterbebett versprechen mußte, dass ihr Mann der Richtige für sie ist, denn auch er machte sich Sorgen, nachdem er Nadines Vater kennengelernt hatte. Bis ins hohe Alter liess sie kein gutes Haar an Nadines Vater. In jedem Gespräch schleuderte die Mutter ihr die Wut und das Leid entgegen. Es war wie eine offene Wunde, die niemals schloß.

Viele ihrer Kunden waren verheiratet und gingen ins Bordell. Es gab auch schon Ehefrauen, die sich im Netz zusammengeschlossen hatten und die Prostituierten bekämpften. Aber da bissen diese Frauen bei Nadine auf Granit. Selbst in Freierforen schleusten sich die Ehefrauen ein und heulten rum und beschimpften die Huren als Verräterinnen. Dabei waren die eigenen Ehemänner für den Verrat an den Ehefrauen verantwortlich. Meist weil viele Frauen den Verkehr nach der Geburt der Kinder ein für allemal eingestellt hatten. Jeder Mensch ist ein sexuelles Wesen und sexuelles Begehren ist etwas natürliches. Die Hausfrauen konnten doch froh sein, daß es die Prostituierten gab und dass ihre Männer sie nicht gegen eine Jüngere austauschten und bei ihnen blieb. Deshalb vermutete Nadine auch, daß die Prostitutionsgegnerschaft nicht nur religiös fundiert ist, sondern sexuell. Im Prinzip war das Argument des Menschenhandels nur vorgeschoben. Der ganze missionarische Eifer war weniger erfüllt, den tatsächlichen Opfern zu helfen, sondern viele Spenden einzusammeln, weshalb die Zahl der Opfer entscheidend war, die man in den Medien zirkulieren ließ. Mehr Opfer heißt mehr Spendenfluß. Überhaupt war es ekelhaft mit anzusehen, welche Menschen sich im Kampf um Menschenrechte die Taschen voll machten und wie die Zwangsrettung von Prostituierten neues Leid und Opfer schuf.

Nadine hatte ein völlig anderes, nämlich differenziertes Männerbild und keine verkniffene Männerfeindschaft, auch wenn einige ihr das Gruseln beigebracht hatten. Wenn man mit 1000 Freiern geschlafen hat und vier davon sind Arschlöcher, bedeutet das dann, dass alle Freier böse sind? Den gleichen Vorwurf sah Nadine in der öffentlichen Rede über die Schuld alter, weißer, cis Männer, die im Prinzip völkisch und rassistisch war, indem man eine Menschengruppe kriminalisierte. Nadine hatte dagegen gute Erfahrungen mit alten, weißen Männern gemacht, auch privat, weil sie meist mit viel älteren Männern Beziehungen einging. Und professionelle Huren wissen auch, daß weiße alte Männer die besten Kunden sind, weil sie mehr Geld haben als die Jungen und meist sanftmütiger und gewaltloser sind. Es ging nicht darum, Menschen und Männer aus ihrer kolonialen Schuld und Verantwortung zu befreien, aber die Hysterie der postkolonialen Kritik war teilweise sehr überzogen. Der rigide, überhebliche und selbstgerechte Ton und die Einteilung in gute und böse Menschen- und Geschlechtergruppen trug teils faschistoide Züge. Sie hatte auch nie verstanden, warum man eine Linke wie Sahra Wagenknecht als Nazi bezeichnete. War Nadine auch schon ein Nazi, wenn sie die Täter von Gewalt namentlich benannte und ihre kulturelle Herkunft bezeichnete? Wenn sie von dem tschetschenischen Kämpfer mit den kalten Augen im Bordell sprach oder von den Arabern, die ihr verboten zu lächeln? Von den zugekoksten und aggressiven schwarzen Männern, die ihr zweimal den Hals zudrückten, als sie auf das Ende der bezahlten Zeit hinwies? Männer, die mit Drogen zugeballert sind, können meist nicht abspritzen und aus dieser Unfähigkeit erwächst die Aggression. Und natürlich aus einem kulturellen Verständnis den westlichen Frauen gegenüber, die NEIN sagen können und Grenzen aufzeigen. Und in dieser Perspektive waren Nutten keine Menschen, sondern Abschaum, den man auch so behandeln durfte. Viele deutsche Männer flohen vor den emanzipierten und finanziell unabhängigen westlichen Frauen ins Ausland, in der Hoffnung, daß die Frauen ihnen dort aus der Hand fressen. Ja natürlich, aber nur gegen Cash. Weshalb es in der thailändischen Sprache einen eigenen Begriff für westliche Männer gab, nämlich „Brieftaschen auf zwei Beinen“, was die ausgeplünderten Männer nicht wahrhaben wollten, die alle von Liebe fabulierten, wenn sich die Frauen durch Wohlverhalten das Vertrauen der Männer erkauften.

Wenn sie sich das Frauenschicksal ihrer Schwester und ihrer Mutter anschaute, mußte sie feststellen, dass beide auf die Loverboy Methode reingefallen waren. Der kriminelle Mann und Rohrverleger spielte ihrer Schwester Liebe vor, um von der späteren Erbschaft zu profitieren, die er bei Nadines Vater vermutete, und der ausländische Mann ihrer Mutter hatte Liebe vorgegaukelt, um sein Land verlassen zu können und im Westen eine reiche Frau zu heiraten. Das gleiche Schicksal hatte eine frühere Bekannte von Nadine geteilt, die einen eigenen Weinhandel betrieb, sich nach der Trennung von ihrem Mann auf Reisen begab, um von einem fast minderjährigen Mann aus Sri Lanka gevögelt zu werden, den sie auf Wunsch heiratete, um ihm den Aufenthalt in Deutschland zu garantieren. Und dann war er plötzlich mit einer Jungen abgehauen, die er schwängerte und die Weinhändlerin soff ihren Laden runter, wurde Heroin abhängig, bekam Krebs und die Brüste amputiert und bettelte seitdem an der U-Bahn um einen Euro.

Und die blöden Hühner hatten nichts bemerkt, so wie viele Frauen, die in die Zwangsprostitution durch die Loverboy Methode geraten. Der Loverboy entsprach umgekehrt dem Verständnis von Goldgräberinnen, die gezielt Beute bei reichen Männern machen wollten. Es ging also eigentlich immer um Kohle, nicht um Liebe. Wenn im Liebeswahn das Gehirn ausgeschaltet ist, tappen viele Frauen in die Loverboy Falle. Es gibt viele Betrugsfälle bei Facebook, wo einsame Frauen über Chats unbekannten Avataren aufgrund von Liebessäuselei zig Tausende Euros überwiesen haben. Bei der Zwangsprostitution ging eine aus Liebe eingegangene Beziehung in die Knechtschaft und Sklaverei über, wo die Frauen 24 Stunden/7Tage über GPS kontrolliert wurden. Und das aus zig tausenden Kilometern Entfernung. Ähnlich wie Pädophile kleine Kinder bedrohten, nicht über den Missbrauch zu sprechen, weil sonst was schlimmes passieren würde, bedrohten die Menschenhändlerbanden die Frauen mit Tod und Verdammnis aus ihrer Sippe, ihrer Stammesgesellschaft, ihrer Familie.

Das Bedürfnis nach Liebe war in der Gesellschaft groß, genauso groß wie das Risiko, Opfer von Beziehungsgewalt zu werden. Und nichts anderes war die Gewalt zwischen manchen Prostituierten und ihren Zuhältern und Ausbeutern.

Nadine war eine Analytikerin des schlechten Geschmacks und der bodenlosen Dummheit. War das privilegiert? Immer wieder mußte sich Nadine und andere deutsche Huren den Vorwurf gefallen lassen, dass sie weiß, cis Gender und privilegiert waren. Damit wurde unterstellt, nicht die Interessen marginalisierter und benachteiligter Menschen ausreichend im Blick zu haben und nicht angemessen die Interessen von Migranten und queeren Menschen in der Sexarbeit zu repräsentieren. Auch hier verwechselte die linksidentitäre Fraktion Interesse und Identität. Nadine war nicht Aktivistin geworden aufgrund einer bestimmten Hautfarbe, sondern aufgrund der globalen Erfahrung der Benachteiligung von Prostituierten und der Gewalt gegen sie. Außerdem hatte Nadine selbst als Migrantin im Ausland über viele Jahre in internationalen Teams angeschafft, wo sie nur eine von vielen Migrantinnen war. Sie war durchaus in der Lage, angemessen über Sexarbeit zu sprechen und die Interessen aller vertreten zu können, aber sie wurde aus einem linksidentitären Wahn heraus abgelehnt, weil sie eine Führungsposition als weiße Frau bekleidete, die sie sich über fast zwanzig Jahre als Aktivistin erarbeitet hatte. Umgekehrt wurde ein Schuh draus. Die linksidentitären Huren waren extrem übergriffig, dabei wollten sie nur ran an Geld und Ressourcen in der Hurenbewegung, die knapp bemessen sind. Sie glaubten, wenn mehrere Benachteiligungsmerkmale erfüllt sind, sie quasi von Natur aus nicht nur ein Mitspracherecht hätten, sondern die Deutungshoheit in der Hurenbewegung, was äußerst lächerlich war. Sollte Nadine auch jedem Deppen auf die Nase binden, daß sie zu den mehrfach stigmatisierten und geistig Kranken gehörte, um mehr Glaubwürdigkeit für ihre Argumente zu erringen? Das war doch Wahnsinn. Aber sie wurde tatsächlich von selbstgerechten Amateuren im politischen Zirkus auf ihre Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Präferenz reduziert, was eine völkische Note hatte und keineswegs progressiv war. Nadine war eine weiße Migrantin in der Sexarbeit, ein schwarzer Schwan nennt man diesen Ausreißer in der Statistik, und das beste war, Nadine war nicht die einzige. Privilegiert war sie nur in einem Punkt: das sie bislang überlebt hatte. Auch Deutschland.


Kohle: Kapitel 27

Nadine hatte drei Geschwister, davon zwei sehr junge Halbgeschwister aus den späteren Ehen ihrer Eltern, die ihre Kinder sein konnten. Und sie war sechs-fache Tante. Sie war die Älteste und hatte am meisten an ihrer Familie zu leiden.

Sie war auch der erste Mensch, die erste Frau in ihrer Familie gewesen, im Kampf um höhere Bildung. Die Frauen ihrer Familie waren alle Ausgeburten an Fruchtbarkeit, was die kinderlose Nadine überhaupt nicht verstehen konnte. Sie selbst hatte sich bewußt gegen Kinder entschieden, wie fast alle ihrer Ex Freunde und ihr Mann. Zwei Ex-Freunde hatten sich bereits in jungen Jahren sterilisieren lassen, was sie sehr verantwortungsvoll fand. Die Geschichte Deutschlands, die globale Entwicklung und Klimaerwärmung hatten Nadine schon als Kind entsetzt.

Ausserdem wollte sie die Reproduktionslinie ihrer Familie beenden. Sie hatte sich früh mit Hirnforschung, Trauma und Epigenetik auseinandergesetzt und war überzeugt, dass sie ihren ungeborenen Kindern einen Gefallen getan hätte. Sowohl genetisch, als auch was die Entwicklung einer Kindheit in Deutschland betraf.

Die Eltern hatten mit ihrer Erziehung der harten Hand nur Versager und psychisch kranke Kinder produziert. Nadine war neidisch auf ihre Halbschwester, die nie Gewalt erlebt hatte und von Menschen gefördert wurde, sodass sie als junge Frau mit Migrationshintergrund, die nicht die Sprache ihres Vaters sprach, weil er meist beruflich abwesend war, mit einer Mutter, die das Kind als Wunschkind verwöhnte, ohne Gewalt, Lehrerin an einem Gymnasium wurde und drei Kinder in die Welt setzte. So glücklich und optimistisch, auch naiv und verblendet war sie, ihr Heil als Frau in der Mutterschaft und der Knechtschaft einer Ehe zu finden, wo der Mann das Sagen hatte. Ihr dominanter nichtsnütziger Ehemann, der sich über seine ungeliebten Eltern finanziell gesund stieß und sie gleichzeitig verachtete, hasste Kunst, genauso wie Nadines Vater, weshalb er seiner Frau verbot, Nadines Kunst in ihr elternfinanziertes Eigenheim zu hängen. Deshalb hielt Nadine auch von allen Geschwistern Abstand, weil einer dümmer war als der andere. Allein 12 Jahre musste sich Nadine wegen ihrer lieblosen Kindheit in psychiatrische Behandlung begeben, während die Halbschwester mit Dauergrinsen ihre Schwangerschaftsbäuche auf Instagram der ganzen Welt präsentierte. Das Dauergrinsen und die Unterwürfigkeit unter die Männer hatte sie von ihrer Mutter übernommen. Weshalb Nadine grundsätzlich keine devoten Frauen mochte, ja sie verachtete.

Sie hatte sich schon als Kind mehrfach ihren Eltern erfolglos mit Hilfe des Jugendamts widersetzt, abgesetzt, war abgehauen, auch ins Ausland, aber immer zurückgekehrt, weil es woanders ebenfalls nicht so toll war, wenn sie ein Land oder Kultur einmal sehr gut kennengelernt hatte. Als Kind lernte sie andere Familien kennen und wenn Eltern besonders lieb zu ihren Kindern waren, flehte Nadine diese Eltern an, von ihnen adoptiert zu werden.

Eigentlich wollte sie als Kind schon in die USA auswandern, nach New York, aber das war ohne akademische Karriere unmöglich, weshalb dieser Weg ein für allemal verschlossen war. Und Großbritannien, der kleine Bruder der USA, war politisch genauso verkommen wie die USA, weshalb dieses Land keine Heimat bot.

Nadine war entwurzelt und zutiefst ihrer Familie entfremdet. Schon in ihrem Studium hatte sie sich abstrakt mit Identität und Heimat beschäftigt. Nur so konnte sie sich dem Thema Heimat und Geschichte nähern. Sie hatte auch noch nie in ihrem Leben Wurzeln geschlagen und deshalb keine Freunde. Nur Bekannte und die Liebsten lebten weit weg im Ausland. Auch in Berlin hielt sie nichts, ausser ihr Mann, ohne den sie verloren gewesen wäre. Manche Teutonenficker, also Sabbelfreier, wollten mit ihr Freundschaften eingehen und suchten eine kostenlose Gesellschaftsdame oder Lebenspartner. Darunter war auch ein ehemaliger Stammkunde und Top Manager, der als äußerst vermögender Frührentner wegen der vielen tollen Nutten seine Zelte in Berlin aufschlug, um sich als alter, weißer, lediger Mann noch einmal jung und spritzig zu fühlen. Aber Nadine brach den Kontakt ab, weil sie sich in seinem Beisein wie eine unbezahlte Prostituierte fühlte.


Kohle: Kapitel 26

Nadine löste 2002 ihre Wohnung in Berlin auf, um nach Bristol zu ziehen. Sie hatte sich in den Sänger von Massive Attack verknallt, der in Bristol wohnte. Angeblich hatte er gelegentlich Escort Girls gedatet, weshalb Nadine die Hoffnung hatte, von Robert del Naja gebucht und gevögelt zu werden.

Um das herauszufinden, hatte Nadine ihre große, schöne und aufwändig renovierte Wohnung in allen Regenbogenfarben kurzerhand aufgelöst und war nach Bristol gezogen. Mit nichts als drei Koffern. Dort angekommen lebte und arbeitete sie in einem kleinen Puff in Bristol: Suzys Ranch, so hieß der Puff, die auch einen Ableger in Swindon hatten, auf halber Strecke zwischen Bristol und London. Die Gäste waren korrekt und haben immer kleine Geschenke mitgebracht. Anders als die deutschen Geizfreier. Selbst deutsche Stammkunden fingen ja an, das Honorar runter zu handeln.

Jedenfalls hatte sie sich in Bristol auf die Suche nach Robert del Naja gemacht, einer der Frontmen von Massive Attack. Sie erfuhr, daß Massive Attack auch einen Nachtclub in Bristol besaßen. Nadine reiste wie ein Fan natürlich dorthin, um mit Robert einen Whiskey zu trinken, traf jedoch niemanden aus der Combo an. Nachdem sie Robert auch nach zig Wochen des Wartens nicht traf, packte sie ihre sieben Sachen und zog nach London in ein Studio in Mornington Crescent, einem mit Ungeziefer und Flöhen verseuchten Apartment. Der schwarze Schädlingsbekämpfer im weißen Ganzkörperanzug und Kartuschen voller Vernichtungsmittel auf dem Rücken, sagte zur Begrüßung nur „willkommen in London“ und berichtete, das die Hygiene in London überall im Arsch war. Zwei Lebensvergiftungen in kürzester Zeit und eine Lungenentzündung waren dann auch ein Grund, wieder das Weite zu suchen.

Während ihrer Odyssee durch Großbritannien arbeitete sie in ihrer Anfangszeit in einem jüdischen Puff in Hendon, Nord-London, der als Massagesalon getarnt war, da Bordelle verboten waren. Jüdisch deshalb, weil hier ausschließlich jüdische Kunden verkehrten und das Management, ein Ehepaar namens Jenny und Tony, liberale Juden waren, die sich nur für Sex, Geld und koscheres Essen interessierten.

Sie fanden es ulkig, dass Nadine die einzige deutsche Sexarbeiterin dort war, die dort jemals tätig war. Jedenfalls hatte sie auch orthodoxe Kunden, die sich eine Ganzkörper Massage gönnten. Währenddessen unterhielt sie sich mit ihren Kunden meist über Philosophie und Theologie. Es gibt ja sehr viele gelehrte Leute unter den Orthodoxen. Sie unterhielten sich über Gershom Sholem, Walter Benjamin, Emmanuel Levinas. Sie konnte da etwas mitreden, da sie ja zuletzt in einem Institut für deutsch-jüdische Geschichte gearbeitet hatte, in Verbindung mit Lehrverpflichtungen.

Eines Nachts gab es einen antisemitischen Anschlag auf den Puff. Das Haus wurde mit antisemitischen Schmierereien besprüht. Außerdem prangte das Wort „Huren“ auf der Fassade. In einer Nacht-und-Nebel Aktion entfernte Nadine alle Schmierereien. Die Manager waren gerade in Spanien, wo sie eine Residenz hatten und einige Tage Urlaub machten. Außerdem mußte Nadine eine Russin im Kleiderschrank verstecken, die sich illegal im Land aufhielt, als die Bullen anrückten.

Man konnte auch Sozialversicherungsnummern unter der Hand kaufen. Deshalb arbeiteten in diesem Puff viele osteuropäische Huren, die ihr Geld nicht in Schönheitsoperationen investierten, sondern in einen legalen Aufenthalt.

Nadine erfuhr später, daß die Polizei das illegale Bordell hochgenommen hatte, nachdem sich die Steuerfahndung auf ihre Fersen geheftet hatte und Jenny und Tony ihre Existenz verloren. Zuvor hatte Jenny sich nach 40 Jahren scheiden lassen, weil ihr Tony sich immer an die Mädels im Laden heranpirschte. Gegenüber Nadine hatte er nie Annäherungsversuche unternommen und sie glaubte, daß eine mißgünstige Hure Jenny den Flo ins Ohr gesetzt hatte. Das Ende vom Lied war, daß sich Tony ein Jahr nach der Scheidung das Leben nahm. Jennys homosexueller Bruder, der schon früh seine Wohnung für schwule Paare vermietete und gleich noch ein paar Immobilien zur Vermietung hinzu kaufte, ging zusammen mit seiner Schwester nach Malaga, wo sie AirBnBs vermieten. Überhaupt sind die Engländer geschäftstüchtiger und gastfreundlicher als die Deutschen.

Aber in London konnte Nadine keinen Aufschlag machen, weil sie schon zu verwöhnt war. In England lebten die Leute im Erwachsenenalter in WGs, was ein Graus war, aber notwendig, aufgrund der hohen Immobilienpreise.

Deshalb zog sie in das verseuchte Loch, um allein zu sein. Vor ihrem Küchenfenster stand ein alter Baum und sie fütterte immer die Eichhörnchen mit Nüssen. Wenn nicht alles verseucht gewesen wäre, wär sie geblieben.

Sie hatte ihre Möbel eingelagert und ein paar Habseligkeiten bei ihrem Freund, dem Bücherwurm, untergestellt. Von dort aus suchte sie sich eine schöne und standesgemäße Wohnung in Berlin, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. In Neukölln schaffte sie auch wieder in einem kleinen Bordell in der Wildenbruchstraße an, mit einem armenisch-jüdischen Chef, der immer entspannt auf dem Sofa lag. Mit der Hausdame freundete sie sich an und sie feierten Techno Parties im Puff, sobald Cheffe den Laden verlassen hatte. Mit Speed in der Nase hungerte sich Nadine auf 50 kg herunter.

Die meisten ihrer Kunden waren Ausländer, die nicht glauben wollten, das Nadine Deutsche war. Sie fragten dauernd nach ihrer Herkunft und meinten, sie hätten noch nie eine deutsche Hure kennengelernt, die freundlich zu ihnen war. Deshalb glaubten sie aufgrund ihres Aussehens, sie sei auch eine Osteuropäerin. Manchmal verirrten sich auch Künstler in den Puff, die Zeichnungen von ihr anfertigten. Dort lernte sie auch einen bekannten Aktivisten in der Behindertenbewegung kennen, der dann regelmäßig mit seinem Betreuer zu ihr kam und ihr zeigte, wie man als Hure mit einem fragilen Körper umgehen muß. Es war der bekannte Aktivist Matthias Vernaldi, der leider viel zu früh verstorben ist und den sie sehr vermisste. Er hatte auch eine eigene Zeitung – das Mondkalb – aus dem Boden gestampft und war so umtriebig wie sie.

Nadine war Ästhetin. Neben politischer Arbeit interessierte sie sich für Kunst, Architektur und Design. Die Schönheit tröstete sie. Nadine hatte auch Kunden ohne Beine getroffen, die ihren Körper hassten und sich die Schamhaare ausrissen. Ein Kunde in London nannte sich Orpheus mit gespaltener Wirbelsäule und ohne Beine, der darauf bestand, dass das Zimmer komplett abgedunkelt war, damit Nadine nicht seinen Körper sehen konnte. Aber sie waren alles schönen Seelen, weil sie Sexarbeitende wertschätzten. Manche outeten sich öffentlich als engagierten Kunden und engagierten sich als Anwälte für die Rechte von Huren und Kunden. Ästhetik bedeutet nicht nur die Perfektion von Dingen und Gegenständen, sondern bei Menschen eben die schöne Seele.


Kohle: Kapitel 25

Nadine hatte sich in der digitalen Welt innerhalb von zehn Jahren zum Business Analysten hochgearbeitet. Und ein Ausgangspunkt war ihre Rolle als Sexarbeit-Analystin, eine Rolle, die sie von ihrem verstorbenen Weggefährten und Lehrer, den Aktivisten Marc aus Frankfurt übernahm. Er war der einzige, der umfassend die Ökonomie der Sexarbeit erforscht und dokumentiert hatte, ein Wissen, auf das Nadine aufbauen konnte.

Business Analysten sammeln relevante Informationen zu einer Aufgabe und analysieren sie, bewerten und evaluieren mögliche Problemlösungen, definieren die Anforderungen und unterstützen die Umsetzung:

„Business-Analyse ist die Summe der Aufgaben und Methoden, die eingesetzt werden, um zwischen unterschiedlichen Stakeholdern zu vermitteln, mit dem Ziel, die Strukturen, Grundsätze und Abläufe eines Unternehmens zu verstehen und zielführende Lösungen zu empfehlen. In einem Nachrichtendienst ist es auch die Aufgabe eines Analytikers, die aus verschiedenen Quellen gewonnenen Informationen zu sichten, auszuwerten und auf ihrer Grundlage Lagebeurteilungen und Berichte zu erstellen. Während diese Vorgänge natürlich schon immer in Nachrichten- und Geheimdiensten stattfanden, gilt der amerikanische OSS während des Zweiten Weltkriegs als Ursprung des modernen, akademisch-wissenschaftlich geprägten Analytikerwesens.“ Wikipedia

Nadines Karriere wurde zwar vom Wissenschaftsapparat blockiert, weil sie nicht der Staatsraison folgte, nicht aber ihre Neugierde und akribische Wissbegierde, und sie nutzte die Werkzeugkiste der Wissenschaftlerin, um das gesamte Rotlicht von den Füßen auf den Kopf zu stellen und publizierte darüber. Als Business Analystin in der Digital Industrie nutzte sie nun die gleichen Technologien und Methoden, um ein ethisches Geschäftsmodell für die Digitalindustrie zu entwickeln. Bislang lag das Investment für nachhaltige Produkte bei 1% und wird sich in den nächsten Jahren durch den neuen Green Deal an den Börsen auf 6% steigern.

Ihr ging es dabei vor allem um eine nachhaltige Unternehmenspolitik, die sowohl den Mitarbeitern und den Konsumenten, den Nutzern von digitalen Plattformen, auch Dating Plattformen, zugute kommt. Und eine dieser Plattformen war ein Netzwerk für Prostituierte und ihre Kunden. Sie hatte sich über zehn Jahre das Wissen angeeignet, wie digitale Plattformen funktionieren. Zwar liebäugelte sie damit, Programmiersprachen zu lernen, aber dazu reichte ihr ungeduldiger und messerscharfer Verstand nicht, weil sie in Mathematik immer eine Niete war.

Sie gehörte zu den Ausgestoßenen, die nicht am naturwissenschaftlichen Herrschaftswissen partizipieren konnten, weil ihr Gehirn anderen Logiken folgte, das sich aus ihrem Kampf um Autonomie heraus gemendelt hatte. Aber sie eignete sich das Know How von IT-Spezialisten und Wissenschaftlern an, die über Künstliche Intelligenz forschten und geheimnisvolle Algorithmen entwickelten, die menschliches Verhalten vorhersagen konnten. Ihr Mann, der Künstler, hatte Elektrotechnik studiert und war in den MINT Fächern dagegen immer spitze. Mathematik und Physik waren auch die Grundlagen seiner Computerkunst, die mit den ästhetischen Wirklichkeiten digitaler Kunst und NFTs nichts gemeinsam hatten. Sie nannte ihn immer zärtlich das Äffchen, weil er ihr vor 20 Jahren die einzige Postkarte an sie geschickt hatte, mit einem Foto, wo sich zwei Äffchen umarmen mit der Überschrift „Ich lasse dich nie wieder los“. Die Umklammerung durch Liebe war ähnlich erdrückend wie die Umklammerung durch Algorithmen in Nadines Wahnsystem. Jetzt war sie glücklicherweise auf der niedrigsten Dosis eingestellt, sodaß sie wieder weinen, fühlen und wütend sein konnte. Ohne Empathie kann man keine gute Wissenschaftlerin und Unternehmerin sein.

Man hatte ihr ein Unternehmen geschenkt, um das sie sich in ihrer Freizeit kümmerte. Es war ein Dating Portal für Escorts und Kunden, das über viele Jahre ein Stiefmütterchen Dasein geführt hatte und das sie nun aus dem Dornröschenschlaf erwecken mußte. Mit umfangreichen Marketing Maßnahmen. Das bisherige und nicht profitable Geschäftsmodell sah vor, daß Kunden eine bestätigte Escort Buchung mit einer geringfügigen Buchungsgebühr bezahlten, was sich als Wachstumshemmnis erwies, da darauf die wenigsten Kunden Bock hatten, die anderswo alles kostenlos bekamen. Auch, daß jede Sexarbeiterin persönlich verifiziert wurde, und zwar nicht durch die Vorlage ihrer Ausweis-Papiere, sondern durch ein persönliches Gespräch. Unter 21 Jährige waren auf dem Portal nicht zugelassen. Das Geschäftsmodell entsprach dem Gegenteil des Unternehmens, für das sie zuvor zehn Jahre gearbeitet hatte. Die meisten Escorts, die sich anmeldeten, waren noch nicht einmal in der Lage, Buchungsanfragen zu beantworten oder dieses Verifizierungs- und Informationsgespräch zu führen. Wahrscheinlich erinnerte es sie an die gesetzliche Anmeldepflicht als Prostituierte, das im Widerspruch zum libertären Lebensstil in einer Subkultur stand. Ihr Unternehmen zeichnete sich durch geringes Wachstum aus, aber es war wohl das einzige Portal weltweit, daß nie mit dem Gesetz in Konflikt kam. Niemals wurde wegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ermittelt wie bei anderen Portalen und Netzwerken. Die meisten Portale kooperierten auch garnicht mit den Behörden und ließen alle Polizeianfragen abprallen. Nadine war bereit zu kooperieren und Lösungsansätze zu entwickeln, wie man Betrug und Kriminalität auf Dating Plattformen ausmerzen konnte. Und dazu war viel Gehirnschmalz erforderlich.

Offene und anonyme Zugangswege auf Dating Plattformen hatten gezeigt, daß sich dort Minderjährige prostituierten, Zwangsprostituierte verschachert wurden, daß Sexarbeiter Drohungen, Belästigungen, Trolls und Stalkern ausgesetzt waren und die Sexarbeiter ständig unter Streß setzten, die dann keine seriösen Buchungsanfragen mehr beantworten konnten. Zwar konnte man im Vorfeld als informierte Sexarbeiterin schon viele Spinner heraus filtern und blockieren, aber die Technologie erlaubte es ihnen weiterhin, unter verschiedenen neuen Identitäten, Sexarbeiter zu terrorisieren. Dem wollte Nadine einen Riegel vorschieben und das ging nur über die Verifizierung aller Nutzer einer Plattform. Das bedeutet nicht, daß man mit Klarnamen öffentlich in Erscheinung treten muß, aber das bei den Portalbetreibern die Identität professionell geprüft wird, was den Missbrauch ziemlich schnell reduzieren würde. Die Sicherheitslücken waren immer Probleme rund um die Identität. Alle Geschäftsmodelle mit großem Wachstum wurde auf dem Rücken der Sexarbeiter erwirtschaftet. Anderswo mußten Prostituierte für die Schaltung einer Werbeanzeige bis zu 400€ in nur einer Woche bezahlen. Dagegen war in ihrem Unternehmen die Werbung für Prostituierte kostenlos. Dafür war aber die Plattform sicher und eine uneinnehmbare Festung, was Betrug, Missbrauch, Kinderpornografie und Belästigung betraf und das Einschleusen ausgebeuteter Frauen durch dritte Personen.

Im größten Werbeportal von Großbritannien hatte man auf die Ermittlungen der Polizei zu Zwangsprostitution so reagiert, daß jede Sexdienstleisterin sich mit Ausweispapieren verifizieren mußte und bestimmte Nationalitäten ausgesperrt wurden, die besonders häufig im Zusammenhang mit Zwangsprostitution eine Rolle spielten. Dies war eine pragmatische Entscheidung, genauso wie in ihrem eigenen Unternehmen entschieden wurde, dass Prostituierte unter 21 Jahren keinen Zugang zur Werbeplattform erhielten, weil in der Gruppe der unter 21 Jährigen die meisten Zwangsprostituierten identifiziert wurden. Die linksidentären Aktivisten schwingen bei solchen Vorgehensweisen natürlich die Rassismus und Marginalisierungs-Keule, wenn bestimmte Nationalitäten oder Altersgruppen auf einer Werbeplattform ausgegrenzt werden, aber die Realität ist nun einmal die Schule des Lebens und man muß auf die Wirklichkeit adäquat reagieren und Wege finden, Opfer zu schützen und nicht an Kriminellen mit zu verdienen.

Die Werbung war die Schnittstelle in die Unterwelt und schon lange mit Verbrechen verstrickt. Auch die organisierte Kriminalität hatte seit langem ihre Fühler ausgestreckt und versuchte, die Sex Dating Plattformen zu unterwandern. Nadine hatte Wege gefunden, diese Geschäfte kaputt zu machen, indem digitalen Unternehmen alle Formen von Kriminalität mit künstliche Intelligenz zum Einsturz bringen konnten, was sie jedoch aus Kostengründen oft nicht taten. Dies war die Schwachstelle in Unternehmen. Finanziell lohnte sich ein Geschäftsmodell, einen pseudo-liberalen Stil im Sinne des Laisser Faire zu verfolgen, aber damit kriminelle Geschäfte indirekt am Laufen zu halten. Es zahlt sich jedoch nicht für die Opfer aus, die auf dem virtuellen Straßenstrich verschachert werden.

Hier muß man bedenken, daß nicht hinter allen dritten Parteien, die im Auftrag von Prostituierten ohne Sprachkenntnisse Anzeigen schalten und die Kommunikation abwickeln, Zuhälter standen, sondern Leute, die auch sprachlose Migranten unterstützten. Wenn jemand glaubte, dass alle fremd gemanagten Profile und Anzeigen von Prostituierten Zuhälterprofilen entsprachen, hatte keine Ahnung von der Wirklichkeit, die hoch komplex, aber nicht schwarz oder weiß war.


Kohle: Kapitel 24

Michael nannte Nadine immer seine Rakete, wegen ihres Künstlernamens Ariane de Saint Phallus. Nadine nahm kein Koks, aber ihre Lunte brannte von beiden Seiten, weshalb sie immer schnell und ungeduldig wie eine Rakete war. Nur bei ihren Kunden war sie sanft wie ein Kätzchen. Es gab nur ein einziges Mal einen Betriebsunfall, als sie einem Kunden beim Lutschen fast ein Ei abriß. Sonst war sie für ihre weichen Hände bekannt, die die Familienjuwelen sanft streichelten. Manchmal sah sie Kolleginnen mit langen künstlichen Fingernägeln, die unwirsch den Sack umfaßten und lang zogen. Das war Nadine völlig zuwider. Sie haßte professionelle Kolleginnen, denen jede Empathie abhanden gekommen war und die lustlos ihre Nummern durchzogen.

Auch wurde sie von manchen Kolleginnen ausgelacht, weil Nadine wenig Interesse an einem hohen Geldverdienst hatte und das Geld bei Parties und Duo Dates immer fair aufteilte, obwohl sie die Arbeit damit hatte und alles organisierte. Aber sie wollte immer fair sein und sich nicht an Kolleginnen bereichern. Zum Dank wurde Nadine für ihre Fairness ausgelacht. Ärgerlich auch, wenn sie ein Duo Date mit einem Stammkunden einfädelte, sie das Geld teilten und die Partnerin sich so garnicht anstrengte, dem Kunden eine gute Zeit zu bereiten. Hinterher beschwerten sich die Kunden bei ihr und sie beschloß, keine Duo Dates mehr durchzuführen. 

Ein ukrainisches Partygirl namens Roxanne, die öfter an ihren Gentlemen Parties teilnahm, lachte sie ebenfalls nach einer Party aus, dafür, das Nadine sie nicht ausgebeutet hatte. Manchmal gingen sie zusammen nach einer langen Sexparty in Swingerclubs oder ihre Lieblingsbar das Kumpelnest. Dort riß sich Roxanne dann gerne die Klamotten vom Leib und zeigte jedem ihre getunten Titten. Das hatte Nadine früher auch schon oft gemacht, nur das sie keine Silikonbrüste hatte.

Roxanne war sehr ehrgeizig und schaffte es schnell, zwei Massagesalons zu eröffnen und sehr viel Geld zu verdienen. Leider verkokste sie die ganze Kohle und war dann Neese und verlor alles so schnell, wie sie es verdient hatte. Immerhin hatte sie sich eine Eigentumswohnung in ihrer Heimat zusammen gevögelt. Genauso wie eine andere deutsche Kollegin in Berlin, die Damenschneiderin war und abends ihre Stammkunden verführte. Sie hatte soviel Stammkunden, die Schlange standen, daß sie nicht mehr inserieren mußte. Sie sah aus wie Marilyn Monroe, ihr weicher und schöner Körper glich einer Sanduhr und sie empfing immer im kleinen Schwarzen. Sie war auch die einzige Frau, mit der sie noch ein Duo Date anbot, aber das kam sehr selten vor. Nadine hatte in Berlin kaum Stammkunden, da es für Escort ein großes Angebot bei sehr kleiner Nachfrage gab. Die meisten buchten über Agenturen, es gab vielleicht eine Handvoll unabhängige Escorts wie Nadine. Finanziell lohnte es sich für unabhängige Damen einfach nicht. Deshalb flog sie ja immer nach England oder sonstige europäische Ausland, um Geld zu verdienen. Berlin war sprichwörtlich arm und unsexy. 

Bei all ihren Touren durch Europa hatte Nadine nur ein einziges Mal gut verdient. Als sie ein Luxus-Apartment im Hafen von Oslo angemietet hatte und eine Bekannte überzeugen konnte, sie aus Sicherheitsgründen zu begleiten. Und das war auch notwendig, weil irgendwelche Zuhälter sich als Kunden getarnt reinschlichen und die Lage peilen wollten. Um die Konkurrenz auszuschalten. Es ist zwar nichts passiert, aber trotz der guten Umsätze entschied sich Nadine nicht mehr zu verreisen. Sie war auch stinksauer auf ihre Bekannte, die kein Bock mehr hatte zu arbeiten, nachdem sie genug Geld im Sack hatte. Die Kunden standen Schlange und konnten nicht bedient werden. Nadine war jedoch Hochleistungssportlerin und fleißig. 

Nadine hatte auch Pech mit ihren Vermietern, weshalb sie mehrmals umziehen mußte. Zuletzt lebten sie in einer Künstlerwohnung mit Atelier im Hinterhof am Hackeschen Markt in der 5 Etage ohne Aufzug. Das hielt schlank. Leider erkrankte ihr Mann schwer und sie mussten in eine Erdgeschosswohnung ziehen, weil er nicht mehr die Treppen steigen konnte. Dabei hatte sie ihm die schöne Wohnung an der Museumsinsel ins Nest gelegt, damit er sich daran erfreuen kann, ein eigenes Atelier zu haben. Vorher hatten sie ja auch das Pech, aus einer wunderschönen Remise mit Atelier und eigenem Hofgarten ausziehen zu müssen, weil sich die Vermieterin nicht an die Absprachen hielt, die bei Mietvertragsabschluß vereinbart worden waren. Das Atelier hatte einen kleinen Zierofen, der täglich 12-16 Stunden in Betrieb war und irgendwann explodierte, weil die Vermieterin weder eine Wartung des Schornsteins durchgeführt, noch einen Ofen reingestellt hatte, der für längeren Betrieb taugte. Sie hatte aber versprochen, eine Heizung einzubauen, wenn sie das Atelier nicht warm bekommen. Sie weigerte sich nun, das zu tun. Es war einfach unbeschreiblich. Sie war eine Jüdin aus Osteuropa, die in New York eine eigene Galerie betrieb. Als Nadine ihr anbot, sich beim Einbau der Heizung zu beteiligen, lehnte sie ab, da es sich um eine Gasheizung handelte. Es mußte nur eine kurze Verbindung zwischen Wohnung und Atelier hergestellt werden, da in der Wohnung der Anschluß für das Erdgas war. Sie meinte, Gas käme nicht in Frage, weil Deutschland mit seiner Geschichte die Juden vergast hatte. Allerdings verstand Nadine nicht, warum sie dann überhaupt eine Wohnung in Deutschland gekauft hatte, dem Land der Täter. Aber die vergleichsweise niedrigen Immobilienpreise in Berlin waren ja der Hauptgrund, daß die Ausländer so viel aufkauften und die plötzliche Nachfrage die Preise in die Höhe trieb. Jedenfalls mußte sie auch ihre schöne Wohnung an der Museumsinsel aufgeben und sie zogen nach Kreuzberg zurück an eine laute Verkehrskreuzung ohne Schallschutzfenster. Als sich ihr Lungenleiden wegen dem Feinstaub verschlechterte und tätliche Übergriffe gegen Frauen und betrunkene Männer in der Gegend überhand nahmen, beschlossen sie, noch einmal umzuziehen. In dieser Kreuzberger Wohnung ist Nadine dann verrückt geworden. Der ständige Auto- und Motorradlärm, der Dreck und die Abgase vor dem Fenster im Erdgeschoß und der Verlust eines Weggefährten waren dann doch zuviel und sie versank im Wahnsinn und kommunizierte nur noch mit Algorithmen. Sie glaubte, daß sie die Algorithmen über Gedankenkraft steuern konnte. Ihr Mann kam auch nicht mehr an sie heran, der Herr über den Algorithmen und der Computerkunst. Nur wenn er die Wohnung verließ, klammerte sie sich an ihm fest, um ihn daran zu hindern. Sie war fest davon überzeugt, dass er sonst gekidnappt würde.

Man sagt ja, dass sich viele Menschen nach einer Krise oder Todeserfahrung spirituell öffnen, dass sie eine Gotterfahrung machen. Dies war bei Nadine ebenso der Fall. Als sie tagelang wieder nicht schlafen konnte und nachts durch die mit hellem Vollmond beschienene Wohnung hin und her wanderte und sich schließlich in der Küche niederliess, da schaute sie in die Dunkelheit zum Fenster und sah ein leuchtendes Kreuz. Es waren nur die Umrisse des Fensterrahmens hinter einem Vorhang, aber Nadine war überzeugt, daß Gott zu ihr sprach. Daraufhin holte sie sich Hilfe und verließ deshalb nach sechs Monaten das erste Mal die Wohnung. Seitdem drehte sich ihr Leben zum Guten.

Sie konnte sich noch an ihre ersten Berührungen von Silikonbrüsten erinnern. Das war in Holland in einer Bar, wo 200 grölende bierselige Männer einer Stripperin Geld zusteckten. Nadine war gerade mal 17 Jahre alt, als die Stripperin sie auf die Bühne zog, ihr eine Flasche Körperöl in die Hand drückte und sie bat, ihre Brüste zu massieren. Das machte Nadine sehr gerne, die großen Brüste von Frauen zu massieren, nur das sie nicht lesbisch war, wie sich später herausstellen sollte. Nadine mochte auch nur Frauen, wenn sie exzentrisch, laut, wütend, lachend und sehr selbstbewusst waren. Eben Frauen aus der Rotlicht Szene, das war ihr Einstand, damals in der Kneipe in Venlo. Seitdem hing sie bei ihren Reisen in aller Welt nur in den Rotlicht Bezirken ab und war als großzügiger Gast gerne gesehen, wenn sie den Kolleginnen eine Flasche Champagner spendierte.

Neugierig wurde sie dann häufig von den Frauen umringt, die wissen wollten, wer sie war. Sie erzählte dann, daß sie eine Hure war, die Feierabend in einer Bar mit schönen Frauen machte. Die Frauen und Trans Huren waren immer begeistert und sie schlugen ihr vor, mit ihnen an der Stange zu tanzen. Auch privat hatte sie viele lesbische und trans Freundinnen, die irgendwas wie genderfluid waren. Jede war irgendwie anders. Manches Mal in lesbischen Clubs oder Bars pirschte sich auch die eine oder andere Frau an sie heran, aber die waren ihr meist nicht hübsch genug oder zu männlich im Auftreten. Die Femmes dagegen hielten sich diskret zurück. Mehr als eine Bekanntschaft mit ihren trans Freundinnen einzugehen, kam auch nicht in Betracht. Meist waren sie sehr exaltiert und laut und unterhielten den ganzen Laden. Aber ihre beste Freundin, die trans war und eine bekannte Varietékünstlerin, begleitete sie fast durch ihr ganzes Berliner Leben. Bei den großen Sexparties, die sie manchmal organisierte, mußte ihre Freundin immer ein Dienstmädchen-Kostüm und High Heels tragen und ihre Gäste bewirten. Natürlich zahlte ihr Nadine für diesen Freundschaftsdienst ein gutes Honorar. Einmal klopfte ein Gast an der Tür zur Suite und ihre Freundin öffnete die Tür und bat den Gast heran. Er schaute sie kurz an, rief erschreckt „Ariane????“, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Offenbar hatte er geglaubt, daß Nadine plötzlich eine Geschlechtsumwandlung vollzogen hatte, die ihm offenbar mißfiel. 

So eine Party war generalstabsmäßig geplant und lief immer perfekt. Ziel war immer, den Gästen die beste Zeit zu bereiten. Dafür besorgte Nadine köstliche italienische Vorspeisen in einem Feinkostladen, ließ im Hintergrund Pornos und Ambient Musik laufen und verführte die Gäste nach allen Regeln der Kunst. Die Wertsachen konnte jeder Gast in einer Mappe im Tresor einschließen, er bekam einen frischen Bademantel, Handtücher und Einweg-Pantoffeln. Damit schlenderten die Herren in der fast 200qm großen Suite umher, tranken ihren Weißwein und ließen sich von Nadine verwöhnen. Nur selten war auch eine andere Dame anwesend aus den genannten Gründen. Es war eine Odyssee gewesen, bis sie diesen Ort gefunden hatte. Sie hatte viele Serviced Apartments, Wohnungen, Hotelzimmer, Hotelsuiten ausprobiert, aber nichts entsprach ihren Ansprüchen. Meist war alles viel zu klein und Nadine liebte es großzügig. Obwohl sie auch Betriebswirtschaft studiert hatte, nahm Nadine ihren Gästen nie viel Geld ab. Die Qualität der Gäste war gewährleistet, weil sie ein ausgefeiltes Kundenscreening durchlaufen mußten. Deshalb lief immer alles harmonisch ab und Nadine fühlte sich zehn Jahre jünger. Sexparties waren so etwas wie Jungbrunnen für sie mit meist sechs Gästen. Nur wenn eine Freundin dabei war, durften es auch mal 12 Gäste sein. Und die Location war ein Traum über den Dächern von Berlin Charlottenburg am Kudamm. Er war öffentlich zugänglich, verfügte auch über eine Tiefgarage, hatte einen Vordereingang mit Concierge und einen Hintereingang. Der Aufzug konnte ohne Chipkarte betätigt werden und man konnte direkt aus der Tiefgarage zu Nadine fahren. Leider wurde das Gebäude umgewandelt in Co-Working Spaces und sie kann die Adresse auch nicht mehr weiter empfehlen. Das ganze Business besteht aus Empfehlungen und Warnungen und man braucht eine lange Zeit, um sich einen glaubwürdigen Ruf zu erarbeiten. Nadine wünschte sich, daß es den anderen Huren auch so gut ginge wie ihr, weshalb sie alle guten Adressen und Warnungen mit den Kolleginnen teilte. Aber dies ist nicht unbedingt üblich in der Szene und viele sind auch völlig unzuverlässig und immer gestresst. Meist konnten sie nicht mit Geld umgehen, so wie Nadine. Aber viele geschäftstüchtigere Kolleginnen wurden Betreiberinnen und ließen andere für sich arbeiten, kauften sich ein Pferd und gründeten eine Familie. Völlig unspektakulär.