Politiker: Augen auf!

Nach seriöser Zählung von Werbeanzeigen, die ich als Sozialwissenschaftlerin vor Corona im zweiten Halbjahr 2019 auf den 10 größten deutschen bundesweiten und regionalen Werbeportalen durchgeführt habe, sind nicht 400.000-700.000 aktive Sexarbeitende in Deutschland tätig, sondern ca. 60.000 (Doppelprofile rausgerechnet, also viele machen gleichzeitig auf mehreren Plattformen Werbung und dürfen nicht doppelt gezählt werden, wobei es schwierig ist verschiedene Profile einer Sexarbeiterin zu identifizieren, die in unterschiedlichen Rollen unterwegs ist – Escort und Domina u.ä.), wobei damals 2/3 also 40.400 registriert waren. Dona Carmen hat mit einer anderen Methode 90.000 Sexarbeitende in Deutschland errechnet. Die Registrierungen haben sich durch Corona auf etwa 20.000 halbiert. Die Dunkelziffer ist nicht so hoch, da auch die meisten Migrant:innen in den einschlägigen Werbeportalen Werbung schalten und dadurch transparent und zählbar sind, was ich vor 2 Jahren für mein Buch Sexwork 3.0 getan habe.

Es gibt noch eine Dunkelziffer besonders bei der mann-männlichen Prostitution sowie teils Minderjährigen Prostitution gegen Taschengeld, die auf Dating Plattformen Kontakte suchen, die öffentlich nicht direkt mit Prostitution in Verbindung stehen. Da für Stricher und (minderjährige) Taschengeld-Prostitutierte vom Selbstverständnis der jungen Leute nicht wirklich als Beruf Sexarbeit gilt, gibt es ohne Professionalisierung und Zugang zu sicheren Strukturen viele Verletzungen zu beklagen und natürlich wird es auch nicht registriert, angemeldet bzw. kann es bei Minderjährigen auch garnicht und Straftaten nicht angezeigt. Das bedeutet zusammengefasst, daß es für eine Berufsgruppe von etwa 60.000 Sexarbeitenden kein ProstSchG braucht, auch nicht zum Schutz von etwa 400 bekannten Fällen von Zwangsprostitution im Jahr (hier gibt es seit 2016 ja ein eigenes Gesetz gegen Zwangsprostitution) vs der Behauptung von Prostitutionsgegnern, daß der Anteil von Zwangsprostituierten bei 95% liegt, auf der Grundlage von 400.000-700.000. Man muß Nutzer von Plattformen verifizieren, um Minderjährige auszuschließen bzw. die liberalen, weil kostenfreien Zugänge für Kriminelle und Fakes auf Dating Plattformen und Anzeigenportalen zu unterbinden. Das ist der einzig effektive Weg, Nachfrage und Angebot von Zwangsprostituierten und Minderjährigen-Prostitution sinken zu lassen. Und dies ist ja der Grund für das ProstSchG. Und bitte nicht wieder auf mich einschlagen, wenn ich im Zusammenhang mit Minderjährigen den Begriff Prostitution verwende. Sex gegen Geld ist für mich persönlich Prostitution, egal ob Sugardating, Taschengeldsex oder professionelle Sexarbeit, Escort unabhängiger Dienstleister. Es gibt einen zunehmenden Trend zu Amateuren, die ohne Wissen und Schutzmaßnahmen arbeiten.

Es ist ganz klar, dass sich die damalige Regierung damals bei den Gesetzentwürfen und Beratungen zum Prostituiertenschutzgesetz hauptsächlich von Sozialarbeiterinnen und Prostitutionsgegnerinnen hat beraten lassen, die mit falschen Zahlen operieren, da hohe Zahlen mehr Eindruck in der Presse schinden und politischen Handlungsdruck auslösen, da man sie in der Öffentlichkeit skandalisieren kann und womit Spendenorganisationen der Prostitutionsgegner leichter Spenden eintreiben können. Wo Opfer drauf steht und mit dramatischen Zahlen operiert wird, fließen enorme Geldsummen und das wissen auch jene, die mit erfundenen Opferbiografien Anerkennung, Rechte und Geld einsammeln. Statt eine Politik der Resilienz – gegen Armut, Bildungsferne und damit gegen Vulnerabilität und Ausbeutung – zu schaffen und mit entsprechenden Ressourcen umzusetzen, werden Sexarbeiter in aller Welt im Namen der Missionierung und Rettungsindustrie in Zwangsumschulungen gezwungen oder erhalten nur unter der Bedingung Unterstützung, wenn sie die Prostitution verlassen. Weder erlauben die Ausstiegshilfen in Frankreich mit Sexkaufverbot den Aufbau einer eigenständigen Existenz, noch generieren Niedriglöhne in der Textilindustrie Asiens, in die zwangsumgeschult wurde, das Auskommen für eine große Familie, weshalb viele Prostituierte wieder einsteigen. Denn nur hier können viele Ungelernte und Analphabeten ein ausreichendes Einkommen erzielen. Auch arme und ungebildete Menschen sind oft intelligent und handeln nach einem rationalen Kosten/Nutzen Kalkül.

Niemals hätte die Regierung ein Prostituiertenschutzgesetz beschlossen auf der Grundlage von Fakten und realen Zahlen, dazu sind die Zahlen in der Realität insgesamt zu klein. Im Prinzip hat sich die alte Regierung von hysterischen und verblendeten, irrationalen und irregeleiteten Prostitutionsgegnern verarschen lassen.

Ich hab viele Jahre recherchiert zum Thema Zwangsprostitution und auch zu den in der Öffentlichkeit kursierenden Zahlen. Zur Erinnerung: 400.000 war die Schätzung einer angetrunkenen Sozialarbeiterin einer Berliner Beratungsstelle Ende der 80er Jahre in einem informellen Gespräch mit einem Journalisten. 700.000-900.000 sind Zahlen von Prostitutionsgegnern wie Alice Schwarzer, die ein Bundesverdienstkreuz erhalten hat und der man somit Glauben schenkt.

Besorgniserregend sind vor allem die zunehmend nicht professionell arbeitenden Amateure, die in ihrem Selbstverständnis keine Sexarbeiter bzw. Prostituierte sind; gefährdet, weil sie sich bei der Suche nach dem schnellen Geld, uninformiert in Gefahr und Leichtsinn begeben und deshalb vulnerabel sind. Jetzt während der Corona Pandemie seit 2 Jahren läßt sich ja beobachten, daß nach den Bordellschließungen viele Sexworker, die Mehrzahl Migrantinnen, nicht mehr in die Bordelle zurück gekehrt sind, da sie mehr Geld verdienen, wenn sie in Privatwohnungen oder in billigen Hotels auf eigene Tasche arbeiten. Die sog. Armutsprostituierten sind keineswegs naiv und dumm, sondern handeln nach einem Kosten/Nutzen Kalkül. Allerdings arbeiten viele auch ohne Registrierung und damit illegal und sind dem Zugang zu Hilfsangeboten von Beratungsstellen entzogen. Genauso wie der Aufklärung zu einer Impfung. Es haben sich neue anarchische Strukturen im Markt entwickelt, der zunehmend von Migranten organisiert wird, schließlich gibt es 80% migrantische Sexworker in Deutschland und Europa (auch bei den Engeln gibt es eine strukturelle Veränderung, was die nachrückende Generation betrifft; die deutschen Betreiber und Betreiberinnen werden in Zukunft wahrscheinlich Geschichte sein, wenn die meisten Sexworker nicht in die Bordelle zurückkehren setzt ein Bordellsterben ein bzw werden Strukturen geschlossen oder verkauft. Dieser Generationenwechsel wird für die Zukunft entscheidend sein und ob Prostitution mit einem kriminellen Umfeld weiterhin in Verbindung gebracht werden kann oder nicht. Corona wird wahrscheinlich bis 2025 ein Thema sein sagen Wissenschaftler. Bis dahin hat sich die Struktur der Prostitution in Deutschland stark verändert und die Frage ist, wer sie kontrolliert, wer die Mehrheit der Frauen kontrolliert oder ob es Möglichkeiten für sie gibt, sich zu professionalisieren und möglichst ohne Abhängigkeiten zu arbeiten und selbst organisierte Strukturen aufzubauen. Idealerweise unter entkriminalisierten Bedingungen wie in Neuseeland.

Hier erläutere ich kurz einige meiner Forschungsergebnisse.



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