Wut und Mut

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ (Thukydides)

Obwohl es jetzt über 20 Jahre her ist, dass meine Doktorarbeit zensiert wurde, weil sie als „zu links“ galt und ich aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb exkommuniziert wurde, treibt mich immer noch eine unbändige Wut, die mich zunächst in die Prostitution führte und dann wieder hinaus.

Für die Gutachter meiner Doktorarbeit hatten als Indizien für meine „zu linke“ Gesinnung meine Kritik am Neoliberalismus den Ausschlag gegeben. Noch heute könnte ich vor Wut heulen. Denn was bedeutet Neoliberalismus eigentlich? Es bedeutet, daß Sozialrassismus und Sozialdarwinismus nicht nur die Ideologie der Mächtigen und Reichen ist, sondern sich in der Gesellschaft insgesamt breit gemacht hat. So wie mich Prostituierte ausgelacht haben, wenn ich sie fair behandelte und alle Einnahmen gerecht teilte, so hat sich auch die abstiegsgefährdete Mittelschicht längst aus der Solidargemeinschaft verabschiedet und spricht in einem Jargon der kalten Verachtung über die Armen und Randgruppen, die nicht als Klasse betrachtet werden, was es einfacher macht, den Einzelnen zu hassen.

Die Armen werden als „Abfall des Marktes“ betrachtet und spiegelt sich auch in Aussagen führender Eliten wider: der Verwaltungspräsident von Nestlé, dem größten Nahrungsmittelkonzern der Welt, bezeichnete 1996 „Arbeitsunwillige und Arbeitsunfähige als Wohlstandsmüll“. Der amtierende Premier von Großbritannien Boris Johnson sagte 2005, dass „die unteren 20% der Gesellschaft uns mit Proleten, Verlierern, Prostituierten, Einbrechern, Drogenabhängigen und Kriminellen versorgen“ und der französische Staatspräsident Macron lehrte uns, dass es Leute gibt, „die Erfolg haben und Leute, die NICHTS sind.“ Schon Warren Buffet, amerikanischer Großinvestor und 85 Milliarden schwer, konstatierte, dass die Reichen einen Krieg gegen die Armen führen, den die Reichen gewinnen.

Letztlich zeigt sich der Sozialrassismus auch in Identitätspolitiken, wo eine Gruppe der Gesellschaft gegen eine andere ausgespielt wird, wo alle weißen, alten Männer zu Sexisten und Kolonialisten erklärt werden bzw. alle Freier zu Kriminellen, wie es die feministische Politik in acht Staaten konstatiert, wo das Sexkaufverbot bereits in Kraft ist.

Die Ideologie der Ungleichheit, die in allen Ecken der Gesellschaft angekommen ist, führt auch dazu, daß emphatische, mitfühlendende Menschen wie ich ausgelacht werden, auch von Personen, die die Spaltung der Hurenbewegung befördert haben. Das ist auch der Grund, warum die linke Partei ihre Klientel kaum erreicht, die einzige Partei, die die soziale Frage zufriedenstellend beantworten kann und eine Institution der Gemeinschaft und Solidarität ist, wird von jenen verachtet, für die linke Politik hauptsächlich gemacht wird: die Armen und Nichtprivilegierten. Im Prinzip ist alles seitenverkehrt, wie die Agenturbetreiberin in Berlin, die sich als „linke Lobbyhure“ in linken Medien gestenreich verkauft und die Damen, die sich bei ihr bewerben, erst einmal um 3000€ für professionelle Escortfotos bei einem bestimmten Hausfotografen erleichtert und als Bedingung zur Zusammenarbeit erklärt. Wahrscheinlich kassiert sie von diesem Honorar für den Fotografen ebenfalls eine Provision, aber das ist reine Spekulation und ich schreibe den Namen der Betreiberin nicht aus, da sie sehr klagewütig ist und ich mir Stress ersparen will, meiner Gesundheit zuliebe.

Es ist schon schlimm, wer sich heutzutage als „links“ bezeichnet. Die sozialen Medien legen öffentlich Zeugnis davon ab. Oder wer sich als studiert und intellektuell bezeichnet, aber keinen eigenständigen Gedanken zu formulieren weiß.

In diesem Moloch der neoliberalen, durch kapitalisierten Gesellschaft in allen Lebensbereichen, fand ich ausgerechnet in der Prostitution mehr Menschlichkeit im Umgang mit Männern – Betreibern und Kunden – als in allen Prestige trächtigen Berufen, in denen ich zuvor gearbeitet hatte (Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung, im öffentlich-rechtlichen Medium WDR, im Bundespresseamt etc). Und die Repressionen, die man durch das Arbeitsamt erlebt, sind nicht auszuhalten, weshalb nicht nur ich mich in eine prekäre Selbständigkeit zu retten suchte.

Aus meiner Wut, die mich zeitlebens begleitet hat, wurde der unbedingte Wille zum Überleben, allerdings nicht auf Kosten anderer Menschen. Deshalb schlug ich alle Angebote aus, Bordellbetriebe oder Escortagenturen zu übernehmen und von dem hart erarbeiteten Hurenlohn anderer Frauen zu profitieren. Auf keinen Fall wollte ich in der Branche und politischen Aktivismus länger bleiben als nötig, wo von Solidarität kaum eine Rede sein kann. Dennoch mußte ich in den sauren Apfel beißen, im Umfeld der Prostitution weiter zu arbeiten, da ich keinen Einstieg in andere erstrebenswerte Berufe fand und ich mit 40 schon eine alte, weiße Frau war.

Seit 2011 ist es mir jedoch durch eine berufliche Chance gelungen, mich in der digitalen Industrie in allen Sparten fortzubilden und weiter zu entwickeln, sodaß ich in diesem Jahr einen Karrieresprung gemacht habe und endlich dort weitermachen kann, wo ich bei meiner Doktorarbeit stehen geblieben bin. Nämlich virtuelle Räume und Online Medien der Gemeinschaft und Solidarität sowie gemeinnützige Projekte aufzubauen und ein Buch zu schreiben, das mich als Analystin qualifizierte, die nun für die Digitalindustrie Problemlösungen entwickelt. Ich muß mich also auch weiterhin als Sozialistin in einem kapitalistischen Umfeld bewegen, das ich mit prägen kann und möchte. Bald auch als CEO einer non-profit Dating-App für Sexworker, weshalb ich auch dann wieder nicht nur von Prostituierten ignoriert oder belächelt werde, weil mich nicht das Geld antreibt, sondern um die Welt ein kleines Stück besser zu machen, indem ich Dual Power Projekte aufbaue. Ich möchte mit niemandem tauschen, denn dies ist für mich vollkommenes Glück, mich nicht mit der verachtenswerten Nuttenrepublik gemein zu machen.

Martyra Peng: Wut


2 Kommentare on “Wut und Mut”

  1. herzkoma sagt:

    Vielleicht die Doktorarbeit mit der oben gemachten Erklärung nochmals einreichen? Die Profs wechseln und sind heute offener. Damals war ja alles gegen Links gerichtet. Was hast du denn studiert, wenn man fragen darf?

  2. Ariane sagt:

    Politologie, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie. Das Thema meiner Doktorarbeit ist mittlerweile von einer Wissenschaftlerin in den USA bearbeitet worden. Ich hab da aber ein neues Thema und schon ein paar Wissenschaftler kontaktiert, aber die haben mich an Professorinnen der Gender Studies verwiesen, was für mich überhaupt nicht in Frage kommt. Gender Studies hab ich vor 26 Jahren unterrichten müssen und fand es damals schon überflüssig. Deshalb hab ich die Doktorarbeit jetzt erstmal auf Eis gelegt.


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