Kohle: Kapitel 41

In Deutschland bleiben die einsamen Rufer in der Wüste meist ungehört. Auch deshalb verlor man unverstandene Pioniere ans Ausland oder ins Prekariat. Nadine und ihr Mann konnten ein Lied davon singen.

Wenn du originelle und innovative Ideen hast, kommt kaum einer in Deutschland mit oder wird gar ausgebremst und bekämpft von Leuten, die langsam oder zu faul im Denken sind. Die europäischen Staaten wurden im Ausland als „lazy nations“, faule Staaten bezeichnet. Aus der Sicht von Indern und Chinesen waren wir im Westen alle fett gemästete faule Schweine, ein Westen, der ähnlich wie das römische Imperium langsam auseinanderfiel.

Erfinder und schrullige Einzelgänger spielten in England dagegen eine völlig andere Rolle und wurden gesellschaftlich wertgeschätzt, was auch die Besonderheit des britischen Humors auszeichnete. Die in Deutschland belächelten und zumeist arbeitslosen Geisteswissenschaftler fanden auch in Frankreich immer eine Festanstellung, oft als Lehrer.

Nadine fragte sich oft, was Deutschland volkswirtschaftlich und kulturell durch selbst geschaffene Innovationshemmnisse verlustig ging. Wenn mit nicht wenig Steuergeldern gepamperte Akademiker in Call Centern oder als Museums-Wächter versauerten. Wenn man also zum Rennpferd ausgebildet und auf den Acker abgestellt wurde.

Es gab viele Menschen mit der neoliberalen und sozialrassistischen Denke vom Recht des Stärkeren, dass also die „Mutigen und Starken“ es auch unter den widrigsten Bedingungen immer nach oben schaffen und erfolgreich sind. Dass also Erfolglosigkeit als selbst gemacht empfunden wurde.

Die gleiche Denke lag der Selbst-Optimierungs- und Resilienz-Ideologie sowie dubiosen, auch von Jobcentern eingesetzte NLP-Programmen zugrunde, dass natürliches Widerstandsvermögen den meisten Menschen eigen sei, um Krisen zu bewältigen und nur aktiviert werden muss, um stark und selbstbewusst zu sein. Bei den anderen müsse man dann eben ein wenig nachhelfen, weshalb sich eine ganze Achtsamkeitsindustrie entwickelte, die mit den Nöten und Hoffnungen der Menschen Kasse machte, wo selbst Ratgeber Literatur Buchpreise erhielt.

Von gefolterten, traumatisierten Überlebenden, auch aus Konzentrationslagern, wusste man aber, dass die Mehrheit drüber schwieg, dass man das Trauma durch ewiges Storytelling nicht am leben halten wollte. Andere zerbrachen daran. Weil sie keine Resilienz hatten, nämlich übermenschliche Kräfte.

Diesem ganzen Popanz lag ein Menschenbild zugrunde, dass der Neoliberalismus in die Köpfe gepflanzt hatte. Alle, die in der Globalisierung nicht mitkamen, die ein Trauma nicht bewältigen konnten, waren selbst schuld, weil sie nicht lernwillig und anpassungsfähig waren. Die strukturellen Ursachen und Folgen eines Traumas wurden individualisiert und personalisiert, sodass Überlebende sich für das eigene Versagen schlecht fühlen und schämen sollten.

Diese Entwicklung zeigte im Osten Deutschlands, wie eine schon zu DDR Zeiten desintegrierte Gesellschaft unter dem kapitalistischen Druck auseinander fiel und teils ihr Heil in Sozialdarwinismus, Sozial- und Kulturrassismus suchte und AFD wählte. Merkel hatte die AFD erst stark gemacht. Traurig aber wahr.

Das Denken der Offenen Grenzen machte Angst. Vor allem bei der Vorstellung, dass präpotente junge Männer nach Deutschland strömten, die für Lohndumping, sexuelle Straftaten und Drogenhandel verantwortlich gemacht wurden. Diese Angst wurde von neurechten, mit Steuergeldern gepamperten Intellektuellen wie Bevölkerungswissenschaftlern in der Jungen Freiheit noch angestachelt.

Die Bild Zeitung hatte ganze Arbeit geleistet, die Gesellschaft zu spalten und Ängste vor den Fremden am kochen zu halten. Die Bildzeitung war die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland, die anderen bürgerlichen und linken Medien fielen dahinter stark ab, was Auflage und Reichweite betraf.

Nadines Kritik an linksidentitären Aktivisten hatte jedoch garnichts mit dem Gender-Gaga Bashing der Bild-Zeitung gemeinsam, die sogar heuchlerisch eine eigene Queer-Seite publizierten.

Das gemeinsame Interesse am Überleben musste im Zentrum aller Überlegungen von sensiblen Geistern stehen, aber keine Sprachpolizei, die die Gräben in der Bewegung vertiefte. Man musste sich endlich dazu überwinden, diese Frontstellung aufzugeben, sich gegenseitig zu schwächen. Die Politik der Schwäche musste einer Politik der Stärke weichen.



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