Kohle: Kapitel 39

Es gibt freiwillige Prostituierte, genauso wie Ehefrauen, die Ausbeutungsverhältnisse zunächst freiwillig eingehen und im Laufe der Zeit dann dazu gezwungen werden und sich in der Zwangsprostitution wiederfinden. Auch gibt es ehemalige Zwangsprostituierte, die als Kind verschleppt und ausgebeutet wurden und nach ihrer Befreiung dann in die freiwillige Sexarbeit einsteigen, auch weil sie teils aus gesundheitlichen, mentalen Gründen keinen anderen Job finden und ausüben können.

Viele Freiwillige arbeiten mit zunehmenden Alter unfreiwillig in der Sexarbeit, weil sie woanders nicht so viel Geld in kürzester Zeit verdienen können. Natürlich gab es auch Prostituierte, die noch keine Gewalt erlebt hatten, aber die hatten andere Arbeitsbedingungen wie in SM Studios und fickten nicht. Die Mehrheit fickte und lutschte Schwänze, teilte Intimität. Wie in einer Beziehung.

Wenn Menschen sich so nah kommen und die Atmosphäre sexuell aufgeladen ist, dann krachte es wie in jeder guten Beziehung auch mal. Leider gab es hier wie dort einen Femizid. Prostituierte mußten wie alle anderen Frauen dran glauben, genauso wie viele Transgender. In Deutschland, in aller Welt. 

Damals hatte Nadine einen deutschen Regisseur kennengelernt, der seine Kindheit in Südamerika verbrachte und später einmal dorthin zurück kehrte, nur um festzustellen, dass Menschen dort tagtäglich terrorisiert wurden. Frauen und Transgender waren vogelfrei. Männer wurden massakriert. Man tötete und zerstückelte sie und schichtete ihre Körperteile in Plastiksäcken an der nächsten Bushaltestelle auf, um die Bevölkerung zu warnen.

Das Recht des Stärkeren und der Femizid hatte sich jedoch nicht nur in Südamerika breit gemacht, sondern weltweit. Menschen wurden aufgrund ihres Geschlechts, eindeutig oder uneindeutig, vergewaltigt, gefoltert und ermordet. Ob eine Transgender Frau in der Türkei oder am Straßenstrich in Berlin, Lesben in Ungarn und Polen oder Homosexuelle in arabischen Ländern, Russland und Afrika.

Weltweit hatte sich der Terror ausgebreitet und Nadine entschied sich nach vielen Reisen, lieber zuhause zu bleiben. Die weiterhin offenen Kanäle ihres Netzwerks ließen sie nach jeder Meldung erschaudern, weshalb sie auch alljährlich den Gedenktag gegen Gewalt an Prostituierte am 17. Dezember öffentlich oder still daheim beging. Für sie war jeder Tag ein Gedenktag, da permanent schlechte Nachrichten auf sie einwirkten.



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