Kohle: Kapitel 38

Im Prinzip war Nadine eine sensible Künstlerseele, die sich auf der Erde verlaufen hatte. Eine Karriere als Sängerin oder Musikerin war aufgrund ihres Asthma und mangels Förderung nicht möglich. Und den Mut, sich an einer Kunstakademie in jungen Jahren zu bewerben, hatte sie nicht, weil sie nicht glaubte, gut genug zu sein und weil sie Angst vor der Freiheit hatte. Deshalb blieb nur die Philosophie und Psychologie und das Nachdenken über politische Strategien. Im Prinzip war ihr Job als Analytikerin des Rotlichts ähnlich wie ein Job beim Geheimdienst.

Die künstlerische Seite kam auch regelmäßig zum Ausdruck und brach sich irgendwann als Autorin und Publizistin für ein Sex Magazin Bahn. Es war eine einsame Arbeit, wie die als Forscherin und Wissenschaftlerin, aber sie liebte die Konzentration und Einsamkeit.

Nadine war ihren Kunden sowas von dankbar, als Künstlerseele überleben zu können. Deshalb hatte sie sich mit einer guten Performance revanchiert und immer versucht, ihren Kunden ganz individuell das Beste zu geben, was an Finger- und Mundfertigkeit möglich ist. Sie hatte aber so viele zauberhafte und respektvolle Kunden in ihrem Hurenleben kennen gelernt. Als Escortdame hatte sie nur als Anfängerin gruselige Erfahrungen mit Gewalt gemacht, danach nie wieder.

Unter ihren Kunden waren bekannte und weniger bekannte Politiker, Handwerker, Software Entwickler, Wissenschaftler, Psychologen, Professoren, Chirurgen, Rechtsanwälte, ranghohe Militärs, Banker und Manager, Wirtschaftsprüfer und reiche Frührentner, die sich mit 40 aufs Altenteil zurück zogen. Insgesamt kann man sagen, daß die vielen positiven Erfahrungen mit Männern im Laufe ihres Lebens dazu beitrugen, dass sie als einzige androgyne Lesbe nur mit Männern zusammenlebte. Sexuell fand sie Frauen oft attraktiver, aber sie konnte mit den meisten Frauen nichts anfangen, da die schlechten Eigenschaften überwogen.

Außerdem hatte sie einen männlichen Blick und sezierte weibliche Kommunikation mit perfider Unnachgiebigkeit und Logik. Die meisten Frauen waren immer noch in alten Rollenmodellen verhaftet und sie wünschten sich hauptsächlich Sicherheit, finanzielle Sicherheit, und waren bereit, dafür alles zu tun. Vielleicht war das biologisch bedingt und mit der Fortpflanzung zeugte man eine Ordnung, an die man sich festklammern konnte. Blind vor Liebe vertraute man oft den Falschen.

Ein Mensch, der die Freiheit liebt, sieht anders aus. Das schlimme war auch, daß Frauen wie eine aussterbende Schildkrötenart behandelt wurden, dabei waren sie keine Minderheit, sondern teilten die Hälfte des Himmels mit Männern und nicht-eindeutigen Individuen. Da Nadines Identität uneindeutig war und blieb, fühlte sie sich anderen abweichenden Personen zugehörig und fand hier eine Art Zuhause. Genauso wie viele Huren in Bordellen eine Art Familie fanden. 

Genauso wie bei ihrem Mann, der sie intellektuell, politisch und künstlerisch beriet. Die Liebe war das Größte auf der Welt. Wenn es diesen Mann nicht gegeben hätte, wäre ihr Leben ziemlich trostlos gewesen. Ihr Mann war ein gutmütiges Bärchen, das aber auch explodieren konnte, wenn ihm etwas gegen die Hutschnur ging. Das wirkte manchmal unberechenbar und Nadine bekam Angst vor lauten Stimmen. Dabei war sie selber laut, weshalb sich auch schon Leute bei ihr beschwert hatten und dies als übergriffig empfanden. Die Stimme war auch deshalb laut, weil sie als Kind gegen lautere Stimmen ständig anschreien mußte und auf der Bühne oder bei Demos ohne Mikrophon sprechen und Reden halten mußte. Sowas wirkt sich natürlich aus. Zum Glück hatte sie eine recht sonore Stimme und nicht diese hellen Piepsstimmen, die ihr regelmäßig parlamentarische Reden vergraulten.

Eine jüngere Freundin behauptete einmal, dass Nadine aussehe wie ein Zuhälter. Da hatte Nadine sich ihre weißen Haare lang wachsen lassen und trug Bomber Jacken und Springer Stiefel. Nach dieser Ansage änderte Nadine allerdings ihren Kleidungsstil und zog wieder bürgerliche Kleidung an. Die langen weißen Haare wurden umgefärbt und kurz geschnitten. Überhaupt fand sie, daß ältere Frauen ab 50 mit längeren Haare aussahen wie Hexen. Und es war lächerlich, wenn sie sich bei Shopping Queen in Klamotten zwangen und wie 20 aussehen wollten. Und so wollte Nadine dann doch nicht aussehen. Das war auch der Grund, warum die meisten Politikerinnen ihrer Generation ähnlich aussahen, nämlich wie Chef-Sekretärinnen oder Gewerkschafterinnen. Es war wirklich nicht leicht alt zu werden, man in den Spiegel schaute und feststellte, daß man optisch wie eine prominente Prostitutionsgegnerin aussah. 



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