Kohle: Kapitel 36

Im Prinzip sind alle Prostituierten privilegiert, die Zugang zu Wissen und Information haben, die imstande sind, an Konferenzen oder Demonstrationen von und für Sexarbeiter teilzunehmen, egal ob Deutsche oder Migranten. Und natürlich sind alle Prostituierten privilegiert, die Zugang zu Grundsicherung in Deutschland haben. Aber dies gegenüber Jobcentern für EU-Migranten durchzusetzen, funktioniert vielerorts nicht, trotz der Unterstützung der Fachberatungsstellen. Die Corona Krise hatte ja deutlich gezeigt, dass EU-Migrantinnen benachteiligt sind, auch wenn sie Rechte haben. Von den Nicht-EU Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus mal ganz zu schweigen.

Die Mehrheit aller Sexarbeiter in Deutschland weiß nichts von der Existenz der politischen Verbände und wissen auch nicht um ihre Rechte bzw. können sie diese Rechte allein kaum durchsetzen. Dazu bedarf es mindestens EU-Bürger Status, Sprachkenntnisse und auch Wege für Menschen ohne Bildung und Unterstützung von Analphabeten, um sich umfassend zu informieren und auch aktiv zu werden. Hier helfen keine Sofa Aktivisten. 

Außerdem interessieren sich die meisten Huren nur für die Kohle und fürs Ficken, aber kaum für Politik. Da waren sie keine Ausnahmen, denn die Mehrheit der Bundesbürger handelte genauso. Wenn also die Generation Beleidigt unter den Huren Aktivisten sich weniger um Fragen der Sensibilität und Befindlichkeiten kümmern würde, sondern endlich juristische Wege der Rechtedurchsetzung beschreiten würde, wäre vielen Sexarbeitenden geholfen. Aber das fand in den letzten zwanzig Jahren auch nicht statt. Nadine hatte gemacht, was sie konnte. Für andere Projekte fehlte ganz einfach die Unterstützung, gegen Sonderverordnungen Rechtsmittel einzulegen, da braucht es aktive Sexarbeiter, die unmittelbar von einer Verordnung betroffen sind und den juristischen Weg bereit sind zu gehen. Es gibt auch einen Rechtshilfefonds bei einer Berliner Beratungsstelle, aber der Zugang zu diesen Ressourcen ist mit der Hürde verbunden, dass die Sexarbeiterin, die den Klageweg beschreitet, aus der Anonymität heraus treten und den Fall für die Öffentlichkeit dokumentieren muß.

Im Wege standen die Sofa Aktivisten, die ihre Energie auf Identitätsfragen fokussierten und keine konstruktive Entwicklung nach vorne brachten, sich auch unkooperativ im Umgang mit den Verbänden zeigten. Man kann so weder erfolgreich politische Lobbyarbeit im Sinne diverser und mehrfach stigmatisierter und benachteiligter Personenkreise in der Sexarbeit machen, noch Verordnungen kippen und Alternativen der Prostitutions-Regulierung entwickeln, wenn man nur mit sich selbst beschäftigt ist. 

Tatsächlich fanden positive Entwicklungen außerhalb der Verbände und Befindlichkeits-Truppen statt. Zuletzt hatte eine bayerische Domina gegen ihren Arbeitgeber – den bayerischen Staat – geklagt, ihr Gewerbe ausüben zu dürfen und hatte auch gewonnen. Und das alles im Alleingang, ohne Verbände, Beratungsstellen oder sogenannte Unterstützergruppen.

Es zeigte nur, daß jeder Mensch ein Experte ist; jeder Mensch hat etwas beizutragen. Jeder Mensch hat Expertise und dies spiegelt die Hurenbewegung leider überhaupt nicht wieder, indem bestimmte Personen oder Menschengruppen, Verbände ausgeschlossen und öffentlich attackiert wurden, anstatt zu kooperieren und für gemeinsame Ziele zu kämpfen. Es gibt doch vergleichsweise wenig Menschen, die in der Hurenbewegung überhaupt Gesicht zeigen können und das Risiko eines Outings auf sich genommen haben, um sich öffentlich zu artikulieren. Eine Wertschätzung gab es im übrigen aus den eigenen Reihen kaum dafür, dieses Risiko und die viele ehrenamtliche Arbeit auf sich zu nehmen. Was nix kostet ist nix wert?! 

Es gab immerzu öffentlich Kritik aus meist linken und linksidentären Gruppen, die aber selbst nichts produktives beizusteuern hatten, um dringende Probleme zu lösen. Interessenpolitik fand einfach nicht statt. Da Nadine für viele ihrer Initiativen über viele Jahre keine Beachtung gefunden hatte und viele Sofa-Aktivisten in Konkurrenz zu ihr standen und sie als weiße privilegierte Cis Frau in Komplizenschaft mit Verbänden sahen, konnte sie auch nicht zwischen den Fronten vermitteln.

Niemals hatte sie soviel Dummheit im Ausland erlebt, in ihrer Zeit als internationale Aktivistin. Solche destruktiven Entwicklungen wie in Deutschland waren einfach einmalig auf der Welt. Auch für ihre vielen gelungenen Initiativen gab es keine Wertschätzung oder positives Feedback aus den eigenen Reihen. Im Gegenteil: ihre Stimme wurde einfach totgeschwiegen und ihre mißliche Situation als sogenannte mehrfach stigmatisierte Sexarbeiterin mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen gegen sie gewendet, ihre Legitimation als Verbandssprecherin deshalb aberkannt.

Die Berliner Sofa-Aktivisten hatten sogar aus ideologischen Gründen ihr Theaterprojekt zerstört und Sexarbeiter in die Arbeitslosigkeit getrieben. Auch deshalb hatte sich Nadine aus diesen ganzen destruktiven Prozessen der Hurenbewegung zurück gezogen, um ihre Zeit, Energie und Geld auf konstruktivere Themen zu lenken, womit sie dann auch einigermaßen erfolgreich war. Sie entwickelte weiter erfolgreiche Online Outreach Projekte mit kapitalistischen Mitteln, da sie nicht auf den Staat warten konnte sowie eine kostenlose Werbeplattform für Escorts. Nadine war wohl die einzige aus der Prostitutionsbranche, die keinen Profit aus Prostituierten schlug und die ihnen durch die Möglichkeit des Verkaufs von Online Content wie bei Onlyfans ein zusätzliches finanzielles Einkommen sicherte und ihnen die Fakes vom Hals hielt.



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