Kohle: Kapitel 34

Um nicht völlig den Verstand zu verlieren, sublimierte Nadine und transformierte ihre ureigenen Nöte und Interessen durch Psychoanalyse in eine höhere Erkenntnis. Dadurch hielt sie sich mental stabil. Sublimierung, so sagt es die Psychoanalyse schon, ist ein Vorgang der Veränderung von Triebenergie in künstlerisch-schöpferische, intellektuelle oder in gesellschaftlich anerkannte Interessen, Tätigkeiten und Produktionen. Alle schöpferischen Manifestationen im Zusammenhang mit ihrer politischen Arbeit waren das Ergebnis einer tiefen Verwandlung und Anverwandlung einer langen Leidensgeschichte, sie war Ausdruck von Autonomie, dem Sieg, im Ringen über die eigenen Unzulänglichkeiten.

Als Studentin studierte sie alles zum Thema Double-Bind-Theorie und welche dysfunktionalen Kommunikationsstrukturen den gesunden Menschenverstand unterlaufen und kam so auf den Psychologen Ronald D. Laing, der über menschliche Erfahrung Bücher geschrieben hatte und zeigen konnte, daß eine Geisteskrankheit wie Schizophrenie, die eigentlich eine Stoffwechselstörung ist, sich erst durch krankmachende Strukturen manifestiert. 

„Ronald D. Laings Studie über Formen menschlicher Erfahrung zeigt, wie mit Hilfe sozialpsychologischer und psychoanalytischer Ansätze gesellschaftliche Strukturen begriffen werden können. Psychische Defekte sind für ihn nicht Probleme des einzelnen, sondern Reaktionen der Subjekte auf krankmachende Gesellschaftsstrukturen, die Psychiatrie individualisiert das Problem nur. Erst wenn die Vereinzelten, und das sind letztlich alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, sich ihrer selbst und ihres Gegenübers durch Erfahrung im emphatischen Sinn wirklich bewußt werden, kann der Zustand des schlechten Ganzen aufgehoben werden.“

Psychosen, und nichts anderes ist Schizophrenie, steht immer im Zusammenhang mit einer familiären oder gesellschaftlichen Entstehungsgeschichte. Dazu hatte Nadine ihre eigene familiäre dysfunktionale Kommunikation untersucht, wo permanent Doppelbotschaften, Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen kommuniziert wurden. Und natürlich spielte die Unmöglichkeit, Urvertrauen zu den Eltern aufzubauen, eine wesentliche Grundlage. Eine Double Bind Situation entsteht, wenn entgegengesetzte Informationen auf einen einprasseln, die man nicht mehr richtig oder falsch zuordnen kann. Oder wenn jemand behauptet, dass entgegen der eigenen Wahrnehmung, der Himmel rot und nicht blau ist und man bestraft wird, obwohl man die Wahrheit sagt.

Wahrscheinlich hatte ihre eigene historische Analyse des Wahnsinns als Krankheit, als Teil ihrer Identität, aber auch Prostitution dazu geführt, dass Nadine sich selbst nie stigmatisiert hatte. Sie abstrahierte von ihrer eigenen Erfahrung im wissenschaftlichen Kontext und konnte sich so logisch Prozesse erklären, die ihre Innen- und Außenwelt berührten. Schimpfworte wie „Nutte“ oder „Schlampe“ konnten deshalb völlig an ihr abprallen. Auch Scham hatte sie nie darüber empfunden, dass sie ein sexuelles Leben geführt und auch Prostitution ausgeübt hatte.

Auch wenn Menschen sich in ihrem Umfeld von ihr voller Unverständnis abwandten, weil sie die Vorstellung anekelte, daß eine intelligente Frau wie Nadine freiwillig Sex mit Fremden gegen Geld hat und sich aus einer gesellschaftlich anerkannten Position freiwillig in die prekäre Unterschicht katapultierte. Das Schlampenstadium hatte sie ja bereits in jungen Jahren durchlaufen, als sie wechselnde Freunde und Sexpartner hatte. Auch da hatte sie sich nie schlecht gefühlt, sondern fand es selbstverständlich, neue Erfahrungen zu machen, auch in sexueller Hinsicht. Warum nur Männer dieses Privileg haben sollen, war ihr völlig unklar gewesen.

Ihre Familie, die davon wußte, thematisierte es nie, auch nicht, als sie darüber ein Buch schrieb und im Fernsehen als Sexarbeiterin auftrat. Für ihre Familie war Nadine so eine Art Alien von einem anderen Stern, den man nicht wirklich verstand, aber respektierte. Und das war auch das einzige, was nötig war, um sich wie ein Mensch zu fühlen. Dafür liebte sie ihre Eltern, daß sie als Mensch angenommen wurde. Ihre Mutter versicherte ihr immer wieder, dass sie geliebt wurde, auch ohne einen erfolgreichen Lebenslauf vorweisen zu können. Für ihre Eltern war es völlig unverständlich, dass sie keine Karriere und Kinder wollte und auch keinen Ehemann mit Eigenheim, aber man ließ sie in ihrem So-Sein gewähren.

So oft Nadine auch über ihre Familie jammerte, war sie sich doch bewußt, daß sie mit Kindern anderer Eltern niemals hätte tauschen wollen. Dazu hatte sie zu viel gesehen. Ihre Familie war vergleichbar mit Familie Flodder aus der gleichnamigen Fernsehserie und sie waren einfachen Gemüts. Das muß man zur Kenntnis nehmen, man kann daran nichts ändern und muß das beste draus machen. Letztlich liebte Nadine ihre Familie, insbesondere ihre Eltern und ihre Schwester, zu der sie auch keinen Kontakt mehr hatte, jedoch sehr. Aber ein Kontaktabbruch ist manchmal notwendig, um keinen Verletzungen mehr ausgesetzt zu sein. Dazu hatte ihre Schwester sie zu oft enttäuscht, obwohl Nadine ihr mehrere Male im Leben geholfen hatte. Aber irgendwann ist dann auch einfach eine rote Linie überschritten, wo man sich schützen und Grenzen ziehen muß.



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