Kohle: Kapitel 32

Nadine vermißte ihr Berlin der 90er Jahre sehr. Auch musikalisch. Als sie noch im Sniper in Mitte Pornos auf 100 Bildschirmen gleichzeitig guckte und dazu Haschkekse aß, war die Welt in Ordnung.

Der Underground Berlins der 90er wurde abgelöst von einer drögen Hipsterkultur mit weißen Turnschuhen. Das Geld, das nach Berlin drängelte, richtete somit auch ästhetischen Schaden an. Halbschwule, die Vollbärte trugen, um die holde Weiblichkeit mit einem Image des wilden Mannes aus der kanadischen Tundra zu beeindrucken. Gleichzeitig wandelte sich im Straßenbild die Weiblichkeit in Blümchenkleid tragende Büllerbü Apologetinnen, die nun die Preise für Kaffee mit Soja Milch in die Höhe trieben und Veganismus als Staatsdoktrin auslobten, nachdem die Rauchkultur und Sexyness löchriger Netzstrümpfe endgültig ausgetrieben worden waren.

Anzüge waren jetzt schmal geschnitten, für dünne Flachärsche massgeschneidert, und die Hosen standen auf Hochwasser. Dazu trug man Vollbart und liess sich Chips unter die Haut transplantieren, um kontaktlos eine Coca Cola zu zahlen. Man fuhr SUV und boxte die Fahrradfahrer von der Strasse und die Ureinwohner aus ihrer Heimat am Prenzlauer Berg, die sich in den neuen Feinkostläden rings um den Kollwitzplatz auch keinen Liter Milch mehr hätten leisten können. Oder ein Stück Seife für 400€ in den Luxus Kosmetikläden in der Knaackstrasse.

Ihr ehemaliger Stammkunde aus Frankfurt war dorthin gezogen, wo er als Alleinstehender auf 280 qm eine Monatsmiete von 8000€ löhnte. Der Rest ging für die Nutten drauf. Dort veranstaltete er inmitten von Mid-Century Möbeln seine Orgien. Die Wohnung sah aus wie aus dem Katalog und der Gastgeber wurde schon nervös, wenn der Untersetzer unter dem Glas Whisky nicht millimeter genau platziert war. Immerhin war er kein Kunstverächter und sie konnte ihm einige Bilder ihres Mannes verkaufen, damit es etwas wohnlicher wurde. Trotzdem fühlte sie sich dort wie eine unbezahlte Escortdame, die ständig dem ausgezeichneten Geschmack des Gastgebers huldigen musste. Zumindest spiegelte er eine hochwertige Ästhetik wider, anders als Shopping Queen, wo depravierte Konsumentinnen ihren schlechten Geschmack und Klassismus zelebrierten.

Ihr Stammkunde des guten Geschmacks lebte in einer völlig anderen Welt als Nadine. Sein Leben war von endlosen Geldströmen und gelangweilten Konsum geprägt, ähnlich wie das Leben ihres Vaters.

Nadine hingegen bestand regelmäßig Abenteuer und war zuletzt wegen einem Krümel Hasch in einem spanischen Gefängnis in Barcelona gelandet und nur ihr Chef konnte sie mit Anwälten befreien. Ihr Chef war zwar auch Multimillionär, aber mit einem guten Herzen. Er hatte auch freiwillig Nadines Honorar bezahlt, als sie monatelang wegen Krankheit ausfiel. Als Freiberuflerin hätte sie sonst aus der geschlossenen Psychiatrie heraus Hartz4 beantragen müssen.



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