Kohle: Kapitel 31

Identitätspolitik war letztlich nur ein Kampf um Geld und knappe Ressourcen und die Huren ließen sich am Nasenring durch eine neoliberale Arena führen, die darauf baute, dass Sofa Aktivisten und talentlose Gender Studies Studierende nicht arbeitslos wurden, die Jobs in Redaktionen, Universitäten und NGOs begehrten und die Deutungshoheit beanspruchten und die darauf bauen konnten, dass die verwirrten Küken der politischen Macht nichts entgegen setzen konnten, ausser sich gegenseitig in der politischen Bedeutungslosigkeit aufzulösen.

Was hatten die Sofa Aktivisten in den letzten 20 Jahren schon beigetragen? Sie hatten keine Gesetze über viele Jahre kritisch und öffentlich begleitet, hatten nicht an Anhörungen im Bundestag oder im britischen Parlament teilgenommen, hatten keine Vorträge bei Konferenzen gehalten und Memoranden der globalen Bewegung abgefaßt, hatten nicht auf dem Rechtsweg versucht, Sonderverordnungen oder Sperrbezirksverordnungen zu kippen oder bitterarme, teils minderjährige Analphabetinnen vor Ausbeutung und Gewalt durch Freier und die eigenen Familien zu schützen, hatten keine illegalen oder wohnungslosen Kolleginnen mit Wohnraum versorgt oder schwarze Huren am Strassenstrich von NYC mit sauberen Crack-Pfeifen. Sie saßen an ihrem Handy in ihrer kuscheligen Wagenburg, diskutierten Gendertheorie und übertrafen sich gegenseitig im Austausch von Befindlichkeiten.

Das war das Gegenteil einer progressiven Allianz, die nötig war, die Nuttenrepublik aus den Angeln zu heben. Wenn die Nutten es nicht schafften, sich vor der neoliberalen Agenda zu schützen, waren sie angeschissen. Jetzt bedurfte es der Vernunft, um die versprengten Gruppen ins richtige Fahrwasser zu balancieren. Denn die Ampeln standen auf rot und es war höchste Zeit, das Ruder hochzuziehen und endlich Kurs aufzunehmen.

Allerdings hatte Nadine zu diesem Zeitpunkt die zerstrittene Gemeinde längst verlassen, beschäftigte sich nicht mehr mit Kunden- und Beziehungsgewalt, sondern mit internationaler organisierter Kriminalität und Künstlicher Intelligenz. In Deutschland waren die Zahlen im Bereich Rotlicht-Kriminalität seit Jahrzehnten rückläufig. Das Rotlicht galt nicht mehr als so profitabel, denn die meisten Prostituierten arbeiteten in die eigenen Taschen und hatten kein Interesse mehr, ihren hart verdienten Hurenlohn mit Vermietern zu teilen. Kriminelle wichen zunehmend in die Cyber Kriminalität aus.

Ähnlich wie es parasitäre und symbiotische Beziehungen auf zwischenmenschlicher Ebene mit Lebenspartnern und Loverboys gab, wo die Grenzen zwischen Einvernehmen und Illegalität verschwammen, war auch die organisierte Kriminalität dadurch geprägt, dass sie sich mit legalen Unternehmungen überschnitt.

Opfern von Menschenhandel war oft gar nicht bewußt, daß sie Opfer eines Verbrechens waren. Es gab bei der Zwangsprostitution einen fließenden Übergang zwischen Rekrutierung der Opfer in den sozialen Medien und Internetplattformen im Netz, der Werbung über unauffällige Kontaktanzeigen auch in prostitutionsfernen Anzeigenportalen und natürlich Ausbeutung. Den Opfern war oft nicht bewusst, wann sich sichere Beziehungen in unsichere Beziehungen verwandelten und meist von Liebe oder Angst geblendet.

Viele Frauen waren auf dem Entwicklungsstand von Kindern und leichte Beute. Man konnte nur noch über Comics und Piktogramme mit ihnen kommunizieren, um sie über Gefahren ins Bild zu setzen, aber auch das war nicht ausreichend. Menschen in der Migration, in einem fremden Land, in der Prostitution waren verwundbarer für Ausbeutung und Gewalt als andere Menschen, die man privilegiert nennen kann. Unter den Opfern gab es keine Klassen und Geschlechterunterschiede, sie kamen aus allen Bereichen des Lebens. Es konnte jeden Menschen treffen.

Die Ausbeuter versenkten das Schwarzgeld in völlig normalen Aktivitäten, die in die Mitte der Gesellschaft hinein reichten. Sie gründeten Firmen, kauften Autos, Flugzeuge, Luxus Kreuzfahrten, wuschen das schmutzige Geld über Bankkonten, Immobilien, Luxusgüter, Kunst.

Mit einer stereotypisierenden Medienberichterstattung, einem akademischen Diskurs und offiziellen Berichten kam man der grauen Realität kaum bei, wenn aus schwarz weiß wurde, und aus weiß schwarz. Diese Dynamik und Komplexität im lokalen und globalen Maßstab war sehr schwer zu durchschauen, denn die Verstecke waren häufig legale Unternehmungen.

Nadine war als Kind und Jugendliche selbst chronische Ausreißerin und kriminell gewesen und wußte um die potentiellen Gefahren, alleine und minderjährig auf der Straße unterwegs zu sein. Deshalb zeichnete sie Comics, die sie in Berliner Wärmestuben von Ausreißern verteilte. Sie nannte diese Initiative Kinderpolizei. Kinder sollten gehört werden, denn sie haben auch eine Stimme und das Recht zu sprechen. Manche der jungen Aktivistinnen waren ebenfalls auf dem Entwicklungsstand von wütenden Kindern, die die Alten weg haben wollten. Aber Nadine war nicht ihr Feind, im Gegenteil.

Manchmal, wenn sie mit den Ausreißern gemütlich zusammen saß, erzählte Nadine ihre Geschichten als Ausreißerin. Wo sie im Urlaub mit ihrer Familie in den USA ausgebüchst war oder sich während eines Urlaubs auf dem Bauernhof im Heu versteckt hatte oder im Keller ihres Zuhauses. Der Höhepunkt war allerdings der Trip nach Spanien gewesen, als sie im Alter von 16 Jahren zusammen mit dem Freund ihrer Schwester in einer spontanen Nacht- und Nebelaktion ausbüchsten, nicht ohne vorher den Safe des Vaters zu knacken und einen größeren Geldbetrag zu klauen. Der Freund ihrer Schwester besuchte ein Internat und hatte ein Auto, einen alten VW Käfer. Mit dem sind sie Richtung Frankreich gefahren und alle Reifen platzten unterwegs. Natürlich musste Nadine alles zahlen. Was kein gutes Omen war.

Sie schlugen sich bis nach Marseille durch, wo das Auto repariert wurde und Nadine sich die Haare ganz kurz wie ein Junge schnitt. Aus Sicherheitsgründen. Sie kauften sich Schlafsäcke und sind dann weiter nach Spanien getrampt, in den tiefsten Süden. In Malaga zerstritten sie sich, weil der Freund ihrer Schwester ihr Geld klauen wollte und Nadine flüchtete und nahm einen Flug auf die Kanarischen Inseln. Dort lernte sie junge Handwerksgesellen auf der Walz kennen, denen sie sich anschloß, um dann gemeinsam auf die Insel La Gomera zu reisen. Dort lebte Nadine allein an einem Strand mit schwarzem Sand. Sie wanderte täglich in die nahe gelegene Bananen Plantage, um sich zu waschen und aß von morgens bis abends Bananen. Dabei dachte sie über ihr Leben nach und was aus ihr werden sollte. Sie beschloß nach zwei Wochen nach Hause zurück zu kehren und machte noch eine schöne Zugreise über Madrid, Paris und Amsterdam zurück ins Ruhrgebiet. In Paris kleidete sie sich der Jahreszeit entsprechend mit Luxus Winterkleidung an der Champs Elysées neu ein und in Amsterdam betrank und bekiffte sie sich.

Der Vater sprach bei ihrer Rückkehr natürlich nicht mehr mit ihr und sie musste als erstes eine Aufstellung aller Ausgaben machen, die sie während ihrer Reise hatte. Anschließend arbeitete Nadine das geklaute Geld in der Werkstatt ab, solange bis der Vater wieder mit ihr sprach. Mit ihrem Abitur war es allerdings Essig, da sie mehrere Wochen unentschuldigt gefehlt hatte. Sie flog vom Gymnasium und machte eine Ausbildung und lebte allein. Endlich Ruhe.



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