Kohle: Kapitel 30

Bei Prostitutierten ist das generelle Mißtrauen ausgesprochen hoch. Zu Recht, aber teilweise wahnhaft. In der deutschen Hurenbewegung gönnte sich keiner auch nur den Dreck unter den Fingernägeln. Wie Hyänen gingen die fragmentierten entsolidarisierten Gruppen aufeinander los und es erinnerte Nadine an den Rattenkönig, eine an den Schwänzen verklebte Rattenschar, wo jeder in völlig verschiedene Richtungen drängt und sich immerzu mit eigenen Befindlichkeiten und Identitäten auseinandersetzte, aber nicht mehr mit gemeinsamen Zielen und Interessen.

Auch hatte es eine Tradition in der politischen Szene, dass eine Blockwartmentalität ständig über die Bewegung wachte, um Fehlverhalten von Gruppen, Verbänden, Individuen aufzuspüren und öffentlich zu tadeln, Menschen zu canceln und auszuschließen. Für manche kann das den sozialen Tod bedeuten.

Am Anfang hatte Nadine immer die Verantwortung bei sich selbst gesucht, bis sie herausfand, dass das systemisch ist und das sie keine Schuld traf. Von daher unterschied sich der blinde Rigorismus nicht von der Dummheit und Militanz der Prostitutionsgegner. Es wurden ständig künstliche Barrieren, Klassen und Unterschiede aufgebaut und markiert, dabei kommen Prostituierte aus allen Milieus. Man leugnete vielmehr, dass ähnlich wie in der Gesamtbevölkerung auch, nicht nur sehr viele Frauen, sondern auch viele Prostituierte von Gewalt und Trauma betroffen sind. Wahlweise betonte man das Trauma, um sich gegen andere Prostituierte aufzuwerten und abzugrenzen. 

Unter diesem Gesichtspunkt stellte sich die Frage, wie man an solidarische Ziele anknüpfen kann und wie man Einvernehmen gewaltlos herstellt und friedlich nebeneinander koexistieren kann. War dies überhaupt möglich?

Die Banker und die Prostituierten waren immer die ersten vor Ort, sobald neues Territorium erschlossen wurde. Das gilt auch für das Internet. Die Adult Industry war eine große innovative Kraft. Vielleicht hatte sie als Pionier auch progressives Potential? Das wollte Nadine herausfinden. Aber dennoch gab es den wilden Westen überall und die neoliberale Transformation der Gesellschaft traf besonders Menschen in den unteren Einkommensbereichen, deren Existenzgrundlage letztlich zerstört wurde. Damit diese zerstörerischen Prozesse der Menschheit verborgen bleiben, bedarf es ständiger massiver Manipulation, damit nach dem Teile-und-Herrsche Prinzip die Armen und Schwächsten noch weiter nach unten durchtreten und sich gegenseitig fertig machen. Der Neoliberalismus hatte ein Wesen geschaffen, den Homo Öconomicus -, der in permanenter Konkurrenz seinen persönlichen Nutzen zu optimieren suchte. Die Funktionssysteme des Geistes waren durch Angst und Macht geprägt und zivilisatorische und damit auch demokratische ausgleichende Mechanismen mehr und mehr zurück gedrängt. 

Um Prostitution zu verstehen, muß man verstehen, wie Angst und Macht in der Menschheitsgeschichte funktioniert haben. Die unerschöpfliche Aggressivität, der unersättliche Hunger nach Macht ging mit der Unfähigkeit zu einem sozialen Miteinander her. Identitäres Denken zeichnet sich durch die Einteilung in höher und minderwertige Menschengruppen aus, der Kulturrassismus entspringt dem Recht des Stärkeren und steht jedem Egalitätsprinzip entgegen. Durch das Teile-und-Herrsche Prinzip und die inneren Spaltungen blieb es natürlich beim Status Quo, wo Reiche sich mit Repression die Macht sichern. Dadurch kann die Gefahr revolutionärer Umbrüche besänftigt werden. Ein Machtverlust der Eliten kann so niemals erreicht werden, auch weil die Repression ständig durch Indoktrinationstechniken kompensiert werden muß, wozu Fakes und Fake News gehören, die zu Verwirrung und Unsicherheit gehören und ebenfalls zu Empathieverlust und den Rückgang von Solidarität beitragen.

Die Undurchschaubarkeit des Lebens schwächt jeden Gedanken an Gemeinschaft. Deshalb ist die ständige Angst-Erzeugung und die Stabilisierung von Feindbildern letztlich auch ein Feind der Demokratie und seinen Institutionen der Solidarität und Gemeinschaft. Wenn Politiker schon öffentlich sagen, daß Arme nicht als Klasse gelten, sondern als „Abfall des Marktes“, sollte jedem klar sein, wem die letzte Stunde geschlagen hat. Wie Warren Buffet schon formulierte, dass im Krieg der Reichen gegen die Armen natürlich die Reichen gewinnen. Das Unbehagen in der Kultur erhöht die politische Ohnmacht und der Kultur- und Sozialrassismus feiern den Status Quo.

Dazu trägt Verwirrung und Desinformation im großen Stil bei, die als politische Strategien auch bewußt eingesetzt werden. Desinformation hat Meinungsmanipulation und Propaganda abgelöst und findet mit den Methoden der Überflutung inkohärenter Information, inhaltsleeren, fragmentierten und inkonsistenten Nachrichten sowie die Eingewöhnung an faktenwidrige Narrative statt. Deshalb befand sich die Kommunikationskultur auch in der Hurenbewegung im freien Fall. Dabei muss jedoch das zivilisierende Element von ganz unten kommen und die massive Gegenaufklärung im Namen eines egalitären Humanismus bekämpfen. Nur dies ist die Rettung vor einem Rückfall in die Barbarei.



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