Kohle: Kapitel 29

Ins Gefängnis zu gehen, ist für viele Menschen oftmals die einzige Möglichkeit, zu überleben. Das gleiche gilt für die geschlossene Psychiatrie oder Wohnraum im Lockdown.

Prostitution ist kein Gefängnis, sondern ein Akt der Selbstliebe, im Kampf ums überleben und finanzieller Unabhängigkeit und insofern ein emanzipatorischer Akt. Nadine übte Prostitution aus, um ihren linken Überzeugungen treu zu bleiben. Der deutsche Wissenschaftsapparat hatte sie genau deshalb exkommuniziert. Staatstreue war und ist in Deutschland mit der Anti-Kommunismus-Doktrin verbunden und mit einem Kritikverbot neoliberaler Wirtschaftspolitik. Der akademische Nachwuchs muß seine Staatstreue beweisen und Klappe halten, um beruflich weiter zu kommen. Das war für Nadine keine Lebensperspektive, die weder die Klappe halten noch Verrat an ihren linken Positionen üben konnte.

Eigentlich hätte sie es wissen müssen, als ein Professor sie als Studentin aus dem Seminar warf. Aber sie war so naiv zu glauben, dass sie es trotzdem schaffen könnte und das nur die wissenschaftliche Leistung zählt. Schon als Doktorandin wurde ihr verboten, mit der PDS zu sprechen, die sie zu einer Veranstaltung einluden. Aber das auch der Daumen drauf gehalten wurde, wenn man neoliberale Politik kritisiert, wäre ihr nicht eingefallen, da sie das kapitalistische Ausland beobachtete, wo es sogar marxistische Professoren gab. Nur in Deutschland war alles anders und sie war nicht die einzige Akademikerin, die aus dem Apparat geschreddert wurde. Als sie in Ostdeutschland an verschiedenen neugegründeten politikwissenschaftlichen Fakultäten arbeitete, fiel ihr auf, dass mit dem Systemwechsel die neuen Lehrstühle nicht von den Besten besetzt wurden, sondern fast nur vom westdeutschen Mittelmaß, denen so ein Karrieresprung gelang. An opportunity of history, eine Jobmaßnahme für Arschkriecher, die im Osten das gleiche Süppchen wie im Westen kochten.

Das westdeutsche akademische Mittelmaß läßt sich durch Opportunismus charakterisieren, wo einige Professoren sich erst nach der Pensionierung trauen, über Themen zu schreiben, zu denen sie zuvor nicht den Mut aufgebracht hatten. Sie sind auch dadurch charakterisiert, dass sie kaum Englisch sprechen, deshalb den internationalen Forschungsstand ignorieren und in der internationalen Forschung nicht viel zu sagen haben. Sicher mag es Ausnahmen geben, wie das Max Planck Institut und Spitzenforschung hier und da, aber der Normalfall waren keine Spitzenleistungen, sondern Muckertum. Nadine wandte sich angewidert von ihrem alten Leben ab.

Nadines Geschichte ist auch eine Geschichte von Freiheit und der Kampf um Unabhängigkeit. Manches Mal bezeichnete sie sich als Auto-Kannibale, weil ihre mentale Dysfunktion drohte die Kohärenz ihrer Identität zu zerstückeln, was wiederum zu einer Atomisierung und schließlich zur Auslöschung des Selbst führt. Ein Grund, warum sie sich über viele Jahre mit der interdisziplinären Identitätsforschung sowie der Psychoanalyse beschäftigt hatte. Je länger sie über Identität forschte, desto größer wurden ihre Zweifel, dass Identität überhaupt als Wissenschaftskonzept taugte. Sie hatte kein Verständnis von Identität als kohärente und unveränderliche Einheit wie ein abgeschlossenes Gefäß, sondern sah hier eher Dynamik, unbegrenzte Transformation und Fluidität als Grundlage personaler sowie kollektiver Identität.

Und nach dem Ausstieg aus dem akademischen Lehrbetrieb stand nun Überleben um jeden Preis auf ihrem persönlichen Lehrplan. Und den Preis bestimmte sie selbst. Als aktive Schreiberin in Freierforen veröffentlichte sie einmal ein Traktat über die Würde des Escort, nachdem dort Kunden der Meinung waren, daß sie als Kunden durch Bezahlung bestimmen, welche Musik gespielt wird. Es war der einzige Text in ihrem gesamten Leben, der von mehr als 280 Menschen in diesem Forum von Kunden und Escorts gelesen und positiv bewertet wurde. Sie war also mit ihrem Ringen um Autonomie in einem asymmetrischen Machtgefälle zwischen Prostituierten und Kunden nicht allein, was ihr Auftrieb gab.

Frauen dagegen, die freiwillig in die Sklaverei und damit in die unbezahlte Selbstausbeutung einer Ehe einwilligten, aus Liebe, gaben ihre Autonomie zugunsten der Selbstaufgabe unmittelbar auf. Und jene Ehefrauen, die ohne Liebe und mit rein monetären Interessen eine Ehe eingegangen waren, beschwerten sich nun, dass sie die Beine breit machen mußten und jammerten, wenn der Olle täglich mehrmals Sex wollte. Sie willigten auch nur in den Sex ein, um sich durch Wohlverhalten mit Luxusgütern bezahlen zu lassen oder um keine männliche Aggression und Gewalt zu riskieren. So sah das Menschenbild von Nadine nun einmal aus, die in ihrem privaten Umfeld über viele Generationen auch nie etwas anderes kennengelernt hatte.

Es gab im Regelfall ein ökonomisches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und dort, wo Frauen umgekehrt ihre Männer finanziell unterstützten, wurden sie belächelt und bemitleidet. Das wußte sie, weil sie immer mit armen Intellektuellen und Künstlern Beziehungen eingegangen war. Ihr Vater und ihre Großeltern hatten sie doch immer vor den armen Schluckern gewarnt.

Aus ihrer Sicht war eine Ehe deshalb vergleichbar mit Prostitution, nur dass die Sex Partner wechselten. In beiden Bereichen ging es darum, den Mangel an weiblicher finanzieller Autonomie durch einen Tauschhandel auszugleichen. Kohle ist nun einmal die zentrale Währung. Sie kann in Unabhängigkeit und Freiheit führen, aber auch in die Selbstverleugnung und Sklaverei.

Nadine durchwanderte im Ringen um Autonomie von Kindesbeinen an viele Krisen, aber stand immer auf wie Phoenix aus der Asche, um weiter wie David gegen Goliath in alle Richtungen zu kämpfen. Gegen einen neoliberalen Staat, Dumpfbacken und übergriffige Menschen. Den politischen Aktivismus verglich sie immer mit einem Marathonlauf, den auch nur die wenigen alten Kämpferinnen nachvollziehen können, die nicht nur ein paar Plakate in die Luft gehalten, sondern sich und andere Sexarbeiter erfolgreich organisiert und geduldig Prostitutionspolitik über meist mehrere Generationen hinaus gemacht haben. Ihr Zugang ist historisch vermittelt, die Anfänger handelten ahistorisch.

Und nun wurde sie von selbstgerechten Anfängern auf ihre weiße Hautfarbe reduziert und musste sich vorwerfen lassen, privilegiert und gebildet zu sein. Eine Bildung, die nicht vor Gewalt geschützt hatte. Sie gehörte zu den vielen Prostituierten ohne Altersvorsorge. Dabei wurde sie zwangsgeoutet und enterbt und konnte nur durch das Risiko des Outings überhaupt Sprecherin am Katzentisch der Nuttenrepublik werden, wo sie mit dummen und beratungsresistenten Politikern diskutieren mußte. Wobei man sich durch öffentliche Sichtbarkeit in der Szene keine Freunde unter den Kunden macht und der Umsatz sinkt. Das war ihr vorher schon klar. Der Schlüssel zu erfolgreichem politischen Aktivismus ist jedoch ein streng egalitärer Humanismus, Geduld, Analyse, Expertise, Erfahrung, Wissen, Durchhaltevermögen, permanenter Widerstand sowie Vernetzungs- und Outreach-Arbeit, um Prostituierte online und offline zu erreichen, aufzuklären und zu unterstützen. Aber keine Identität. Da reicht es nicht aus, Pappschilder in die Kamera zu halten und mit irgendeinem Opferstatus punkten zu wollen. Es reicht auch nicht aus, für eine legale Sexarbeit zu streiten, wenn man die Illegalen vergißt, die Unbequemen und Menschen mit Behinderungen, mit chronischen, auch psychischen Erkrankungen in den eigenen Reihen silenced und ausblendet. Sowas wurde von vielen Politikern auch nicht ernstgenommen. Und von den alten Hasen der globalen Aktivisten Szene ebenfalls nicht, die man ja auch deshalb ausschalten wollte.

So wie es eine historische Konkurrenz von Opfergruppen gab, gab es sie mittlerweile auch innerhalb der LGBTIQ Szene. Auch Prostitution war durch Konkurrenz und weniger durch Solidarität geprägt. Dafür aber durch knallharte neoliberale Kosten-Nutzen-Denke. Und diese Konkurrenz brach sich Bahn in einer Konkurrenz der Mehrfach-Stigmatisierungen, um gegen andere Prostituierte punkten zu wollen, die „nur“ als Prostituierte gebrandmarkt waren. Dabei saßen alle Prostituierten und ihre Sprecher weltweit im gleichen Boot, nur in Deutschland glaubte man noch, daß man nur dann erfolgreich ist, wenn man andere marginalisierte Prostituierte vom Diskurs und im Kampf um Fördermittel ausschließt. Ein Wettbewerb der Schwäche also, nicht der Stärke.



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