Kohle: Kapitel 28

Ein Sklave ist jemand, der auf jemanden wartet, der ihn befreit. Ähnlich verhält es sich mit dem Cinderella Komplex, wo Frauen auf Retter warten, und der Frage, warum Frauen beschließen, in einer dysfunktionalen Beziehung zu bleiben.

Die devoten Schnepfen symbolisierten für Nadine die selbst gewählte Sklaverei, Abhängigkeit und Unterstützung der Dominanzverhältnisse des Patriarchiats. Sie erduldeten Demütigungen und Gewalt gegen sich und ihre Kinder, während Nadine ihr ganzes Leben um Freiheit, Autonomie und Unabhängigkeit kämpfte. Als Studentin arbeitete sie eine Zeit lang in der Nachtschicht in einem Frauenhaus. Die Erfahrung war eine Katastrophe, da fast alle Frauen zu ihren prügelnden Ehrenmännern zurückkehrten und sich und ihre Kinder den Sadisten weiter zum Fraß vorwarfen.

Feministinnen bezeichneten Prostituierte als Verräterinnen an ihrem eigenen Geschlecht. Aber das Gegenteil war der Fall, da die meisten Prostituierten sehr genau wußten, was sie taten, nämlich keine kostenlose Care Arbeit wie Hausfrauen und aufopfernde Mütter zu machen, sondern sich vom Patriarchiat bezahlen zu lassen, um finanziell unabhängig zu sein. Im Prinzip stand Prostitution für das Gegenteil von Sklaverei, und wurde deshalb auch von den Schnepfen bekämpft. Sie beneideten die Huren in Wirklichkeit um ihre Freiheit. Natürlich gab es unter den Huren auch einige geldgeile Goldgräberinnen, die sich einen reichen Ehemann suchten, aber das machten andere Frauen ja auch und wer will strukturell benachteiligten Frauen das im Kapitalismus schon vorwerfen. Prostitution galt dem Tauschhandel in einer unfairen Geschlechter-Ökonomie, nur die Vertragsgrundlage unterschied sich von der heiligen Ehe.

Ungelöst blieb die Frage, warum Frauen in Abhängigkeit zu Männern blieben, die gewalttätig und tyrannisch waren. Für diesen Fall stand exemplarisch Nadines Mutter, die mehrfach aus- und wieder eingezogen war, wegen der finanziellen Abhängigkeit und weil sie ein Luxusleben führte mit Kleidung von Balenciaga und Schmuck von Cartier. Auch die Mutter von Nadines Mann hatte ein ähnliches Schicksal, die dazu noch von ihrem Mann mit einer Geliebten jahrzehntelang betrogen wurde und wie ein Hund litt. Alles aus Liebe. So sehr, dass sie Nadine bei ihrem ersten Kennenlernen unter Tränen ihre Lebensgeschichte erzählte. Ihren Großmüttern mußte sie auf dem Sterbebett versprechen, eine freie Frau zu werden und dieses Versprechen löste sie ein.

Es gab viele Menschen, die sofort Vertrauen zu Nadine hatten. Auch die Mutter ihres Exfreundes, die Nadine um Rat bat und ihr von dem tyrannischen Ehemann berichtete, der mit einer Glocke signalisierte, wann die Frau ihm sein Bier zu bringen hatte. Nadine machte ihr Mut, sich zu befreien und anders als ihre eigene Mutter zog die Mutter ihres Freundes tatsächlich aus und liess den Mann allein zurück, der sich in kürzester Zeit zu Tode soff. Einer der Söhne entdeckte nach Tagen die verfaulende Leiche des Vaters, der mit seinem mächtigen Körper die Haustür versperrte. Der Sohn musste sich energisch Zugang zum Haus verschaffen und hatte den toten Vater, der den Eingang versperrte, beiseite schieben müssen.

Aber schlimmer als dieses Schicksal war die Jugend von Nadine. Nämlich den gewaltsamen Tod ihrer 15 jährigen Schulfreundin, die von ihrem 19 jährigen Bruder mit einem Hammer erschlagen wurde, während sie Klavier spielte. Anschliessend hatte der Bruder ihre Augen ausgestochen, sich mit schwarzer Farbe bemalt und vergeblich versucht, sich selbst mit einem Computer in der Badewanne einen elektrischen Schlag zuzufügen. Als das mißlang lief er auf die Straße und schrie, dass er seine Schwester getötet habe. Er wollte als einziger Mann im Haus ursprünglich alle Schwestern töten, was misslang. Zurück blieb eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die mit einem Schlag zwei davon verlor. Der Bruder bekam nur vier Jahre und landete in der Forensik in Wuppertal. Danach ging Nadine keine Freundschaften mehr ein. Damals wurde es in der Schule nicht thematisiert und ihre ermordete Freundin totgeschwiegen. Nadine erfuhr es aus der Bildzeitung, die ihr Vater täglich las. Dort war auch das 30 stöckige Hochhaus im Ghetto von Duisburg abgebildet, und die Wohnung, wo der Mord geschah. Das mit den ausgestochenen Augen und weitere gewaltvolle Details erfuhr sie von Nachbarn, die mit einem der Polizisten befreundet waren, die die Wohnung aufgebrechen mußten.

Ihre eigene Mutter konnte sich schliesslich nur von Nadines Vater lösen, weil sie einen anderen Mann kennenlernte und dadurch den Mut fand, aus der Ehe mit dem Tyrannen auszusteigen. Allerdings tauschte sie einen reichen Choleriker gegen einen armen Tyrannen aus und die Scheiße ging von vorne los. Sie war jedoch gebrochen und konnte sich aus der zweiten Ehe nicht mehr befreien, obwohl sie zutiefst unglücklich war und erkrankte wohl auch deshalb an Krebs, an dem sie schon seit 17 Jahren litt. Dabei war ihre Mutter trotz finanzieller Selbständigkeit und Unabhängigkeit durchaus in der Lage gewesen, alleine mit dem gemeinsamen Kind zu leben. Ähnlich verhielt es sich auch, als ihre Mutter ihren Vater kennengelernt hatte, den sie aufgrund der Schwangerschaft mit Nadine angeblich heiraten mußte. Aber Ende der 60er Jahre mit Anti-Baby-Pille hätte der Unfall garnicht sein müssen und sie hätte Nadine mit Unterstützung der Großmutter durchgebracht. Ihre Mutter hatte also den gewaltvollen Charakter längst erkannt, bevor sie die Ehe geschlossen hatte. Und ihr Großvater ebenfalls, dem ihre Mutter auf dem Sterbebett versprechen mußte, dass ihr Mann der Richtige für sie ist, denn auch er machte sich Sorgen, nachdem er Nadines Vater kennengelernt hatte. Bis ins hohe Alter liess sie kein gutes Haar an Nadines Vater. In jedem Gespräch schleuderte die Mutter ihr die Wut und das Leid entgegen. Es war wie eine offene Wunde, die niemals schloß.

Viele ihrer Kunden waren verheiratet und gingen ins Bordell. Es gab auch schon Ehefrauen, die sich im Netz zusammengeschlossen hatten und die Prostituierten bekämpften. Aber da bissen diese Frauen bei Nadine auf Granit. Selbst in Freierforen schleusten sich die Ehefrauen ein und heulten rum und beschimpften die Huren als Verräterinnen. Dabei waren die eigenen Ehemänner für den Verrat an den Ehefrauen verantwortlich. Meist weil viele Frauen den Verkehr nach der Geburt der Kinder ein für allemal eingestellt hatten. Jeder Mensch ist ein sexuelles Wesen und sexuelles Begehren ist etwas natürliches. Die Hausfrauen konnten doch froh sein, daß es die Prostituierten gab und dass ihre Männer sie nicht gegen eine Jüngere austauschten und bei ihnen blieb. Deshalb vermutete Nadine auch, daß die Prostitutionsgegnerschaft nicht nur religiös fundiert ist, sondern sexuell. Im Prinzip war das Argument des Menschenhandels nur vorgeschoben. Der ganze missionarische Eifer war weniger erfüllt, den tatsächlichen Opfern zu helfen, sondern viele Spenden einzusammeln, weshalb die Zahl der Opfer entscheidend war, die man in den Medien zirkulieren ließ. Mehr Opfer heißt mehr Spendenfluß. Überhaupt war es ekelhaft mit anzusehen, welche Menschen sich im Kampf um Menschenrechte die Taschen voll machten und wie die Zwangsrettung von Prostituierten neues Leid und Opfer schuf.

Nadine hatte ein völlig anderes, nämlich differenziertes Männerbild und keine verkniffene Männerfeindschaft, auch wenn einige ihr das Gruseln beigebracht hatten. Wenn man mit 1000 Freiern geschlafen hat und vier davon sind Arschlöcher, bedeutet das dann, dass alle Freier böse sind? Den gleichen Vorwurf sah Nadine in der öffentlichen Rede über die Schuld alter, weißer, cis Männer, die im Prinzip völkisch und rassistisch war, indem man eine Menschengruppe kriminalisierte. Nadine hatte dagegen gute Erfahrungen mit alten, weißen Männern gemacht, auch privat, weil sie meist mit viel älteren Männern Beziehungen einging. Und professionelle Huren wissen auch, daß weiße alte Männer die besten Kunden sind, weil sie mehr Geld haben als die Jungen und meist sanftmütiger und gewaltloser sind. Es ging nicht darum, Menschen und Männer aus ihrer kolonialen Schuld und Verantwortung zu befreien, aber die Hysterie der postkolonialen Kritik war teilweise sehr überzogen. Der rigide, überhebliche und selbstgerechte Ton und die Einteilung in gute und böse Menschen- und Geschlechtergruppen trug teils faschistoide Züge. Sie hatte auch nie verstanden, warum man eine Linke wie Sahra Wagenknecht als Nazi bezeichnete. War Nadine auch schon ein Nazi, wenn sie die Täter von Gewalt namentlich benannte und ihre kulturelle Herkunft bezeichnete? Wenn sie von dem tschetschenischen Kämpfer mit den kalten Augen im Bordell sprach oder von den Arabern, die ihr verboten zu lächeln? Von den zugekoksten und aggressiven schwarzen Männern, die ihr zweimal den Hals zudrückten, als sie auf das Ende der bezahlten Zeit hinwies? Männer, die mit Drogen zugeballert sind, können meist nicht abspritzen und aus dieser Unfähigkeit erwächst die Aggression. Und natürlich aus einem kulturellen Verständnis den westlichen Frauen gegenüber, die NEIN sagen können und Grenzen aufzeigen. Und in dieser Perspektive waren Nutten keine Menschen, sondern Abschaum, den man auch so behandeln durfte. Viele deutsche Männer flohen vor den emanzipierten und finanziell unabhängigen westlichen Frauen ins Ausland, in der Hoffnung, daß die Frauen ihnen dort aus der Hand fressen. Ja natürlich, aber nur gegen Cash. Weshalb es in der thailändischen Sprache einen eigenen Begriff für westliche Männer gab, nämlich „Brieftaschen auf zwei Beinen“, was die ausgeplünderten Männer nicht wahrhaben wollten, die alle von Liebe fabulierten, wenn sich die Frauen durch Wohlverhalten das Vertrauen der Männer erkauften.

Wenn sie sich das Frauenschicksal ihrer Schwester und ihrer Mutter anschaute, mußte sie feststellen, dass beide auf die Loverboy Methode reingefallen waren. Der kriminelle Mann und Rohrverleger spielte ihrer Schwester Liebe vor, um von der späteren Erbschaft zu profitieren, die er bei Nadines Vater vermutete, und der ausländische Mann ihrer Mutter hatte Liebe vorgegaukelt, um sein Land verlassen zu können und im Westen eine reiche Frau zu heiraten. Das gleiche Schicksal hatte eine frühere Bekannte von Nadine geteilt, die einen eigenen Weinhandel betrieb, sich nach der Trennung von ihrem Mann auf Reisen begab, um von einem fast minderjährigen Mann aus Sri Lanka gevögelt zu werden, den sie auf Wunsch heiratete, um ihm den Aufenthalt in Deutschland zu garantieren. Und dann war er plötzlich mit einer Jungen abgehauen, die er schwängerte und die Weinhändlerin soff ihren Laden runter, wurde Heroin abhängig, bekam Krebs und die Brüste amputiert und bettelte seitdem an der U-Bahn um einen Euro.

Und die blöden Hühner hatten nichts bemerkt, so wie viele Frauen, die in die Zwangsprostitution durch die Loverboy Methode geraten. Der Loverboy entsprach umgekehrt dem Verständnis von Goldgräberinnen, die gezielt Beute bei reichen Männern machen wollten. Es ging also eigentlich immer um Kohle, nicht um Liebe. Wenn im Liebeswahn das Gehirn ausgeschaltet ist, tappen viele Frauen in die Loverboy Falle. Es gibt viele Betrugsfälle bei Facebook, wo einsame Frauen über Chats unbekannten Avataren aufgrund von Liebessäuselei zig Tausende Euros überwiesen haben. Bei der Zwangsprostitution ging eine aus Liebe eingegangene Beziehung in die Knechtschaft und Sklaverei über, wo die Frauen 24 Stunden/7Tage über GPS kontrolliert wurden. Und das aus zig tausenden Kilometern Entfernung. Ähnlich wie Pädophile kleine Kinder bedrohten, nicht über den Missbrauch zu sprechen, weil sonst was schlimmes passieren würde, bedrohten die Menschenhändlerbanden die Frauen mit Tod und Verdammnis aus ihrer Sippe, ihrer Stammesgesellschaft, ihrer Familie.

Das Bedürfnis nach Liebe war in der Gesellschaft groß, genauso groß wie das Risiko, Opfer von Beziehungsgewalt zu werden. Und nichts anderes war die Gewalt zwischen manchen Prostituierten und ihren Zuhältern und Ausbeutern.

Nadine war eine Analytikerin des schlechten Geschmacks und der bodenlosen Dummheit. War das privilegiert? Immer wieder mußte sich Nadine und andere deutsche Huren den Vorwurf gefallen lassen, dass sie weiß, cis Gender und privilegiert waren. Damit wurde unterstellt, nicht die Interessen marginalisierter und benachteiligter Menschen ausreichend im Blick zu haben und nicht angemessen die Interessen von Migranten und queeren Menschen in der Sexarbeit zu repräsentieren. Auch hier verwechselte die linksidentitäre Fraktion Interesse und Identität. Nadine war nicht Aktivistin geworden aufgrund einer bestimmten Hautfarbe, sondern aufgrund der globalen Erfahrung der Benachteiligung von Prostituierten und der Gewalt gegen sie. Außerdem hatte Nadine selbst als Migrantin im Ausland über viele Jahre in internationalen Teams angeschafft, wo sie nur eine von vielen Migrantinnen war. Sie war durchaus in der Lage, angemessen über Sexarbeit zu sprechen und die Interessen aller vertreten zu können, aber sie wurde aus einem linksidentitären Wahn heraus abgelehnt, weil sie eine Führungsposition als weiße Frau bekleidete, die sie sich über fast zwanzig Jahre als Aktivistin erarbeitet hatte. Umgekehrt wurde ein Schuh draus. Die linksidentitären Huren waren extrem übergriffig, dabei wollten sie nur ran an Geld und Ressourcen in der Hurenbewegung, die knapp bemessen sind. Sie glaubten, wenn mehrere Benachteiligungsmerkmale erfüllt sind, sie quasi von Natur aus nicht nur ein Mitspracherecht hätten, sondern die Deutungshoheit in der Hurenbewegung, was äußerst lächerlich war. Sollte Nadine auch jedem Deppen auf die Nase binden, daß sie zu den mehrfach stigmatisierten und geistig Kranken gehörte, um mehr Glaubwürdigkeit für ihre Argumente zu erringen? Das war doch Wahnsinn. Aber sie wurde tatsächlich von selbstgerechten Amateuren im politischen Zirkus auf ihre Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Präferenz reduziert, was eine völkische Note hatte und keineswegs progressiv war. Nadine war eine weiße Migrantin in der Sexarbeit, ein schwarzer Schwan nennt man diesen Ausreißer in der Statistik, und das beste war, Nadine war nicht die einzige. Privilegiert war sie nur in einem Punkt: das sie bislang überlebt hatte. Auch Deutschland.



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