Kohle: Kapitel 27

Nadine hatte drei Geschwister, davon zwei sehr junge Halbgeschwister aus den späteren Ehen ihrer Eltern, die ihre Kinder sein konnten. Und sie war sechs-fache Tante. Sie war die Älteste und hatte am meisten an ihrer Familie zu leiden.

Sie war auch der erste Mensch, die erste Frau in ihrer Familie gewesen, im Kampf um höhere Bildung. Die Frauen ihrer Familie waren alle Ausgeburten an Fruchtbarkeit, was die kinderlose Nadine überhaupt nicht verstehen konnte. Sie selbst hatte sich bewußt gegen Kinder entschieden, wie fast alle ihrer Ex Freunde und ihr Mann. Zwei Ex-Freunde hatten sich bereits in jungen Jahren sterilisieren lassen, was sie sehr verantwortungsvoll fand. Die Geschichte Deutschlands, die globale Entwicklung und Klimaerwärmung hatten Nadine schon als Kind entsetzt.

Ausserdem wollte sie die Reproduktionslinie ihrer Familie beenden. Sie hatte sich früh mit Hirnforschung, Trauma und Epigenetik auseinandergesetzt und war überzeugt, dass sie ihren ungeborenen Kindern einen Gefallen getan hätte. Sowohl genetisch, als auch was die Entwicklung einer Kindheit in Deutschland betraf.

Die Eltern hatten mit ihrer Erziehung der harten Hand nur Versager und psychisch kranke Kinder produziert. Nadine war neidisch auf ihre Halbschwester, die nie Gewalt erlebt hatte und von Menschen gefördert wurde, sodass sie als junge Frau mit Migrationshintergrund, die nicht die Sprache ihres Vaters sprach, weil er meist beruflich abwesend war, mit einer Mutter, die das Kind als Wunschkind verwöhnte, ohne Gewalt, Lehrerin an einem Gymnasium wurde und drei Kinder in die Welt setzte. So glücklich und optimistisch, auch naiv und verblendet war sie, ihr Heil als Frau in der Mutterschaft und der Knechtschaft einer Ehe zu finden, wo der Mann das Sagen hatte. Ihr dominanter nichtsnütziger Ehemann, der sich über seine ungeliebten Eltern finanziell gesund stieß und sie gleichzeitig verachtete, hasste Kunst, genauso wie Nadines Vater, weshalb er seiner Frau verbot, Nadines Kunst in ihr elternfinanziertes Eigenheim zu hängen. Deshalb hielt Nadine auch von allen Geschwistern Abstand, weil einer dümmer war als der andere. Allein 12 Jahre musste sich Nadine wegen ihrer lieblosen Kindheit in psychiatrische Behandlung begeben, während die Halbschwester mit Dauergrinsen ihre Schwangerschaftsbäuche auf Instagram der ganzen Welt präsentierte. Das Dauergrinsen und die Unterwürfigkeit unter die Männer hatte sie von ihrer Mutter übernommen. Weshalb Nadine grundsätzlich keine devoten Frauen mochte, ja sie verachtete.

Sie hatte sich schon als Kind mehrfach ihren Eltern erfolglos mit Hilfe des Jugendamts widersetzt, abgesetzt, war abgehauen, auch ins Ausland, aber immer zurückgekehrt, weil es woanders ebenfalls nicht so toll war, wenn sie ein Land oder Kultur einmal sehr gut kennengelernt hatte. Als Kind lernte sie andere Familien kennen und wenn Eltern besonders lieb zu ihren Kindern waren, flehte Nadine diese Eltern an, von ihnen adoptiert zu werden.

Eigentlich wollte sie als Kind schon in die USA auswandern, nach New York, aber das war ohne akademische Karriere unmöglich, weshalb dieser Weg ein für allemal verschlossen war. Und Großbritannien, der kleine Bruder der USA, war politisch genauso verkommen wie die USA, weshalb dieses Land keine Heimat bot.

Nadine war entwurzelt und zutiefst ihrer Familie entfremdet. Schon in ihrem Studium hatte sie sich abstrakt mit Identität und Heimat beschäftigt. Nur so konnte sie sich dem Thema Heimat und Geschichte nähern. Sie hatte auch noch nie in ihrem Leben Wurzeln geschlagen und deshalb keine Freunde. Nur Bekannte und die Liebsten lebten weit weg im Ausland. Auch in Berlin hielt sie nichts, ausser ihr Mann, ohne den sie verloren gewesen wäre. Manche Teutonenficker, also Sabbelfreier, wollten mit ihr Freundschaften eingehen und suchten eine kostenlose Gesellschaftsdame oder Lebenspartner. Darunter war auch ein ehemaliger Stammkunde und Top Manager, der als äußerst vermögender Frührentner wegen der vielen tollen Nutten seine Zelte in Berlin aufschlug, um sich als alter, weißer, lediger Mann noch einmal jung und spritzig zu fühlen. Aber Nadine brach den Kontakt ab, weil sie sich in seinem Beisein wie eine unbezahlte Prostituierte fühlte.



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