Kohle: Kapitel 26

Nadine löste 2002 ihre Wohnung in Berlin auf, um nach Bristol zu ziehen. Sie hatte sich in den Sänger von Massive Attack verknallt, der in Bristol wohnte. Angeblich hatte er gelegentlich Escort Girls gedatet, weshalb Nadine die Hoffnung hatte, von Robert del Naja gebucht und gevögelt zu werden.

Um das herauszufinden, hatte Nadine ihre große, schöne und aufwändig renovierte Wohnung in allen Regenbogenfarben kurzerhand aufgelöst und war nach Bristol gezogen. Mit nichts als drei Koffern. Dort angekommen lebte und arbeitete sie in einem kleinen Puff in Bristol: Suzys Ranch, so hieß der Puff, die auch einen Ableger in Swindon hatten, auf halber Strecke zwischen Bristol und London. Die Gäste waren korrekt und haben immer kleine Geschenke mitgebracht. Anders als die deutschen Geizfreier. Selbst deutsche Stammkunden fingen ja an, das Honorar runter zu handeln.

Jedenfalls hatte sie sich in Bristol auf die Suche nach Robert del Naja gemacht, einer der Frontmen von Massive Attack. Sie erfuhr, daß Massive Attack auch einen Nachtclub in Bristol besaßen. Nadine reiste wie ein Fan natürlich dorthin, um mit Robert einen Whiskey zu trinken, traf jedoch niemanden aus der Combo an. Nachdem sie Robert auch nach zig Wochen des Wartens nicht traf, packte sie ihre sieben Sachen und zog nach London in ein Studio in Mornington Crescent, einem mit Ungeziefer und Flöhen verseuchten Apartment. Der schwarze Schädlingsbekämpfer im weißen Ganzkörperanzug und Kartuschen voller Vernichtungsmittel auf dem Rücken, sagte zur Begrüßung nur „willkommen in London“ und berichtete, das die Hygiene in London überall im Arsch war. Zwei Lebensvergiftungen in kürzester Zeit und eine Lungenentzündung waren dann auch ein Grund, wieder das Weite zu suchen.

Während ihrer Odyssee durch Großbritannien arbeitete sie in ihrer Anfangszeit in einem jüdischen Puff in Hendon, Nord-London, der als Massagesalon getarnt war, da Bordelle verboten waren. Jüdisch deshalb, weil hier ausschließlich jüdische Kunden verkehrten und das Management, ein Ehepaar namens Jenny und Tony, liberale Juden waren, die sich nur für Sex, Geld und koscheres Essen interessierten.

Sie fanden es ulkig, dass Nadine die einzige deutsche Sexarbeiterin dort war, die dort jemals tätig war. Jedenfalls hatte sie auch orthodoxe Kunden, die sich eine Ganzkörper Massage gönnten. Währenddessen unterhielt sie sich mit ihren Kunden meist über Philosophie und Theologie. Es gibt ja sehr viele gelehrte Leute unter den Orthodoxen. Sie unterhielten sich über Gershom Sholem, Walter Benjamin, Emmanuel Levinas. Sie konnte da etwas mitreden, da sie ja zuletzt in einem Institut für deutsch-jüdische Geschichte gearbeitet hatte, in Verbindung mit Lehrverpflichtungen.

Eines Nachts gab es einen antisemitischen Anschlag auf den Puff. Das Haus wurde mit antisemitischen Schmierereien besprüht. Außerdem prangte das Wort „Huren“ auf der Fassade. In einer Nacht-und-Nebel Aktion entfernte Nadine alle Schmierereien. Die Manager waren gerade in Spanien, wo sie eine Residenz hatten und einige Tage Urlaub machten. Außerdem mußte Nadine eine Russin im Kleiderschrank verstecken, die sich illegal im Land aufhielt, als die Bullen anrückten.

Man konnte auch Sozialversicherungsnummern unter der Hand kaufen. Deshalb arbeiteten in diesem Puff viele osteuropäische Huren, die ihr Geld nicht in Schönheitsoperationen investierten, sondern in einen legalen Aufenthalt.

Nadine erfuhr später, daß die Polizei das illegale Bordell hochgenommen hatte, nachdem sich die Steuerfahndung auf ihre Fersen geheftet hatte und Jenny und Tony ihre Existenz verloren. Zuvor hatte Jenny sich nach 40 Jahren scheiden lassen, weil ihr Tony sich immer an die Mädels im Laden heranpirschte. Gegenüber Nadine hatte er nie Annäherungsversuche unternommen und sie glaubte, daß eine mißgünstige Hure Jenny den Flo ins Ohr gesetzt hatte. Das Ende vom Lied war, daß sich Tony ein Jahr nach der Scheidung das Leben nahm. Jennys homosexueller Bruder, der schon früh seine Wohnung für schwule Paare vermietete und gleich noch ein paar Immobilien zur Vermietung hinzu kaufte, ging zusammen mit seiner Schwester nach Malaga, wo sie AirBnBs vermieten. Überhaupt sind die Engländer geschäftstüchtiger und gastfreundlicher als die Deutschen.

Aber in London konnte Nadine keinen Aufschlag machen, weil sie schon zu verwöhnt war. In England lebten die Leute im Erwachsenenalter in WGs, was ein Graus war, aber notwendig, aufgrund der hohen Immobilienpreise.

Deshalb zog sie in das verseuchte Loch, um allein zu sein. Vor ihrem Küchenfenster stand ein alter Baum und sie fütterte immer die Eichhörnchen mit Nüssen. Wenn nicht alles verseucht gewesen wäre, wär sie geblieben.

Sie hatte ihre Möbel eingelagert und ein paar Habseligkeiten bei ihrem Freund, dem Bücherwurm, untergestellt. Von dort aus suchte sie sich eine schöne und standesgemäße Wohnung in Berlin, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. In Neukölln schaffte sie auch wieder in einem kleinen Bordell in der Wildenbruchstraße an, mit einem armenisch-jüdischen Chef, der immer entspannt auf dem Sofa lag. Mit der Hausdame freundete sie sich an und sie feierten Techno Parties im Puff, sobald Cheffe den Laden verlassen hatte. Mit Speed in der Nase hungerte sich Nadine auf 50 kg herunter.

Die meisten ihrer Kunden waren Ausländer, die nicht glauben wollten, das Nadine Deutsche war. Sie fragten dauernd nach ihrer Herkunft und meinten, sie hätten noch nie eine deutsche Hure kennengelernt, die freundlich zu ihnen war. Deshalb glaubten sie aufgrund ihres Aussehens, sie sei auch eine Osteuropäerin. Manchmal verirrten sich auch Künstler in den Puff, die Zeichnungen von ihr anfertigten. Dort lernte sie auch einen bekannten Aktivisten in der Behindertenbewegung kennen, der dann regelmäßig mit seinem Betreuer zu ihr kam und ihr zeigte, wie man als Hure mit einem fragilen Körper umgehen muß. Es war der bekannte Aktivist Matthias Vernaldi, der leider viel zu früh verstorben ist und den sie sehr vermisste. Er hatte auch eine eigene Zeitung – das Mondkalb – aus dem Boden gestampft und war so umtriebig wie sie.

Nadine war Ästhetin. Neben politischer Arbeit interessierte sie sich für Kunst, Architektur und Design. Die Schönheit tröstete sie. Nadine hatte auch Kunden ohne Beine getroffen, die ihren Körper hassten und sich die Schamhaare ausrissen. Ein Kunde in London nannte sich Orpheus mit gespaltener Wirbelsäule und ohne Beine, der darauf bestand, dass das Zimmer komplett abgedunkelt war, damit Nadine nicht seinen Körper sehen konnte. Aber sie waren alles schönen Seelen, weil sie Sexarbeitende wertschätzten. Manche outeten sich öffentlich als engagierten Kunden und engagierten sich als Anwälte für die Rechte von Huren und Kunden. Ästhetik bedeutet nicht nur die Perfektion von Dingen und Gegenständen, sondern bei Menschen eben die schöne Seele.



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