Kohle: Kapitel 25

Nadine hatte sich in der digitalen Welt innerhalb von zehn Jahren zum Business Analysten hochgearbeitet. Und ein Ausgangspunkt war ihre Rolle als Sexarbeit-Analystin, eine Rolle, die sie von ihrem verstorbenen Weggefährten und Lehrer, den Aktivisten Marc aus Frankfurt übernahm. Er war der einzige, der umfassend die Ökonomie der Sexarbeit erforscht und dokumentiert hatte, ein Wissen, auf das Nadine aufbauen konnte.

Business Analysten sammeln relevante Informationen zu einer Aufgabe und analysieren sie, bewerten und evaluieren mögliche Problemlösungen, definieren die Anforderungen und unterstützen die Umsetzung:

„Business-Analyse ist die Summe der Aufgaben und Methoden, die eingesetzt werden, um zwischen unterschiedlichen Stakeholdern zu vermitteln, mit dem Ziel, die Strukturen, Grundsätze und Abläufe eines Unternehmens zu verstehen und zielführende Lösungen zu empfehlen. In einem Nachrichtendienst ist es auch die Aufgabe eines Analytikers, die aus verschiedenen Quellen gewonnenen Informationen zu sichten, auszuwerten und auf ihrer Grundlage Lagebeurteilungen und Berichte zu erstellen. Während diese Vorgänge natürlich schon immer in Nachrichten- und Geheimdiensten stattfanden, gilt der amerikanische OSS während des Zweiten Weltkriegs als Ursprung des modernen, akademisch-wissenschaftlich geprägten Analytikerwesens.“ Wikipedia

Nadines Karriere wurde zwar vom Wissenschaftsapparat blockiert, weil sie nicht der Staatsraison folgte, nicht aber ihre Neugierde und akribische Wissbegierde, und sie nutzte die Werkzeugkiste der Wissenschaftlerin, um das gesamte Rotlicht von den Füßen auf den Kopf zu stellen und publizierte darüber. Als Business Analystin in der Digital Industrie nutzte sie nun die gleichen Technologien und Methoden, um ein ethisches Geschäftsmodell für die Digitalindustrie zu entwickeln. Bislang lag das Investment für nachhaltige Produkte bei 1% und wird sich in den nächsten Jahren durch den neuen Green Deal an den Börsen auf 6% steigern.

Ihr ging es dabei vor allem um eine nachhaltige Unternehmenspolitik, die sowohl den Mitarbeitern und den Konsumenten, den Nutzern von digitalen Plattformen, auch Dating Plattformen, zugute kommt. Und eine dieser Plattformen war ein Netzwerk für Prostituierte und ihre Kunden. Sie hatte sich über zehn Jahre das Wissen angeeignet, wie digitale Plattformen funktionieren. Zwar liebäugelte sie damit, Programmiersprachen zu lernen, aber dazu reichte ihr ungeduldiger und messerscharfer Verstand nicht, weil sie in Mathematik immer eine Niete war.

Sie gehörte zu den Ausgestoßenen, die nicht am naturwissenschaftlichen Herrschaftswissen partizipieren konnten, weil ihr Gehirn anderen Logiken folgte, das sich aus ihrem Kampf um Autonomie heraus gemendelt hatte. Aber sie eignete sich das Know How von IT-Spezialisten und Wissenschaftlern an, die über Künstliche Intelligenz forschten und geheimnisvolle Algorithmen entwickelten, die menschliches Verhalten vorhersagen konnten. Ihr Mann, der Künstler, hatte Elektrotechnik studiert und war in den MINT Fächern dagegen immer spitze. Mathematik und Physik waren auch die Grundlagen seiner Computerkunst, die mit den ästhetischen Wirklichkeiten digitaler Kunst und NFTs nichts gemeinsam hatten. Sie nannte ihn immer zärtlich das Äffchen, weil er ihr vor 20 Jahren die einzige Postkarte an sie geschickt hatte, mit einem Foto, wo sich zwei Äffchen umarmen mit der Überschrift „Ich lasse dich nie wieder los“. Die Umklammerung durch Liebe war ähnlich erdrückend wie die Umklammerung durch Algorithmen in Nadines Wahnsystem. Jetzt war sie glücklicherweise auf der niedrigsten Dosis eingestellt, sodaß sie wieder weinen, fühlen und wütend sein konnte. Ohne Empathie kann man keine gute Wissenschaftlerin und Unternehmerin sein.

Man hatte ihr ein Unternehmen geschenkt, um das sie sich in ihrer Freizeit kümmerte. Es war ein Dating Portal für Escorts und Kunden, das über viele Jahre ein Stiefmütterchen Dasein geführt hatte und das sie nun aus dem Dornröschenschlaf erwecken mußte. Mit umfangreichen Marketing Maßnahmen. Das bisherige und nicht profitable Geschäftsmodell sah vor, daß Kunden eine bestätigte Escort Buchung mit einer geringfügigen Buchungsgebühr bezahlten, was sich als Wachstumshemmnis erwies, da darauf die wenigsten Kunden Bock hatten, die anderswo alles kostenlos bekamen. Auch, daß jede Sexarbeiterin persönlich verifiziert wurde, und zwar nicht durch die Vorlage ihrer Ausweis-Papiere, sondern durch ein persönliches Gespräch. Unter 21 Jährige waren auf dem Portal nicht zugelassen. Das Geschäftsmodell entsprach dem Gegenteil des Unternehmens, für das sie zuvor zehn Jahre gearbeitet hatte. Die meisten Escorts, die sich anmeldeten, waren noch nicht einmal in der Lage, Buchungsanfragen zu beantworten oder dieses Verifizierungs- und Informationsgespräch zu führen. Wahrscheinlich erinnerte es sie an die gesetzliche Anmeldepflicht als Prostituierte, das im Widerspruch zum libertären Lebensstil in einer Subkultur stand. Ihr Unternehmen zeichnete sich durch geringes Wachstum aus, aber es war wohl das einzige Portal weltweit, daß nie mit dem Gesetz in Konflikt kam. Niemals wurde wegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ermittelt wie bei anderen Portalen und Netzwerken. Die meisten Portale kooperierten auch garnicht mit den Behörden und ließen alle Polizeianfragen abprallen. Nadine war bereit zu kooperieren und Lösungsansätze zu entwickeln, wie man Betrug und Kriminalität auf Dating Plattformen ausmerzen konnte. Und dazu war viel Gehirnschmalz erforderlich.

Offene und anonyme Zugangswege auf Dating Plattformen hatten gezeigt, daß sich dort Minderjährige prostituierten, Zwangsprostituierte verschachert wurden, daß Sexarbeiter Drohungen, Belästigungen, Trolls und Stalkern ausgesetzt waren und die Sexarbeiter ständig unter Streß setzten, die dann keine seriösen Buchungsanfragen mehr beantworten konnten. Zwar konnte man im Vorfeld als informierte Sexarbeiterin schon viele Spinner heraus filtern und blockieren, aber die Technologie erlaubte es ihnen weiterhin, unter verschiedenen neuen Identitäten, Sexarbeiter zu terrorisieren. Dem wollte Nadine einen Riegel vorschieben und das ging nur über die Verifizierung aller Nutzer einer Plattform. Das bedeutet nicht, daß man mit Klarnamen öffentlich in Erscheinung treten muß, aber das bei den Portalbetreibern die Identität professionell geprüft wird, was den Missbrauch ziemlich schnell reduzieren würde. Die Sicherheitslücken waren immer Probleme rund um die Identität. Alle Geschäftsmodelle mit großem Wachstum wurde auf dem Rücken der Sexarbeiter erwirtschaftet. Anderswo mußten Prostituierte für die Schaltung einer Werbeanzeige bis zu 400€ in nur einer Woche bezahlen. Dagegen war in ihrem Unternehmen die Werbung für Prostituierte kostenlos. Dafür war aber die Plattform sicher und eine uneinnehmbare Festung, was Betrug, Missbrauch, Kinderpornografie und Belästigung betraf und das Einschleusen ausgebeuteter Frauen durch dritte Personen.

Im größten Werbeportal von Großbritannien hatte man auf die Ermittlungen der Polizei zu Zwangsprostitution so reagiert, daß jede Sexdienstleisterin sich mit Ausweispapieren verifizieren mußte und bestimmte Nationalitäten ausgesperrt wurden, die besonders häufig im Zusammenhang mit Zwangsprostitution eine Rolle spielten. Dies war eine pragmatische Entscheidung, genauso wie in ihrem eigenen Unternehmen entschieden wurde, dass Prostituierte unter 21 Jahren keinen Zugang zur Werbeplattform erhielten, weil in der Gruppe der unter 21 Jährigen die meisten Zwangsprostituierten identifiziert wurden. Die linksidentären Aktivisten schwingen bei solchen Vorgehensweisen natürlich die Rassismus und Marginalisierungs-Keule, wenn bestimmte Nationalitäten oder Altersgruppen auf einer Werbeplattform ausgegrenzt werden, aber die Realität ist nun einmal die Schule des Lebens und man muß auf die Wirklichkeit adäquat reagieren und Wege finden, Opfer zu schützen und nicht an Kriminellen mit zu verdienen.

Die Werbung war die Schnittstelle in die Unterwelt und schon lange mit Verbrechen verstrickt. Auch die organisierte Kriminalität hatte seit langem ihre Fühler ausgestreckt und versuchte, die Sex Dating Plattformen zu unterwandern. Nadine hatte Wege gefunden, diese Geschäfte kaputt zu machen, indem digitalen Unternehmen alle Formen von Kriminalität mit künstliche Intelligenz zum Einsturz bringen konnten, was sie jedoch aus Kostengründen oft nicht taten. Dies war die Schwachstelle in Unternehmen. Finanziell lohnte sich ein Geschäftsmodell, einen pseudo-liberalen Stil im Sinne des Laisser Faire zu verfolgen, aber damit kriminelle Geschäfte indirekt am Laufen zu halten. Es zahlt sich jedoch nicht für die Opfer aus, die auf dem virtuellen Straßenstrich verschachert werden.

Hier muß man bedenken, daß nicht hinter allen dritten Parteien, die im Auftrag von Prostituierten ohne Sprachkenntnisse Anzeigen schalten und die Kommunikation abwickeln, Zuhälter standen, sondern Leute, die auch sprachlose Migranten unterstützten. Wenn jemand glaubte, dass alle fremd gemanagten Profile und Anzeigen von Prostituierten Zuhälterprofilen entsprachen, hatte keine Ahnung von der Wirklichkeit, die hoch komplex, aber nicht schwarz oder weiß war.



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