Kohle: Kapitel 24

Michael nannte Nadine immer seine Rakete, wegen ihres Künstlernamens Ariane de Saint Phallus. Nadine nahm kein Koks, aber ihre Lunte brannte von beiden Seiten, weshalb sie immer schnell und ungeduldig wie eine Rakete war. Nur bei ihren Kunden war sie sanft wie ein Kätzchen. Es gab nur ein einziges Mal einen Betriebsunfall, als sie einem Kunden beim Lutschen fast ein Ei abriß. Sonst war sie für ihre weichen Hände bekannt, die die Familienjuwelen sanft streichelten. Manchmal sah sie Kolleginnen mit langen künstlichen Fingernägeln, die unwirsch den Sack umfaßten und lang zogen. Das war Nadine völlig zuwider. Sie haßte professionelle Kolleginnen, denen jede Empathie abhanden gekommen war und die lustlos ihre Nummern durchzogen.

Auch wurde sie von manchen Kolleginnen ausgelacht, weil Nadine wenig Interesse an einem hohen Geldverdienst hatte und das Geld bei Parties und Duo Dates immer fair aufteilte, obwohl sie die Arbeit damit hatte und alles organisierte. Aber sie wollte immer fair sein und sich nicht an Kolleginnen bereichern. Zum Dank wurde Nadine für ihre Fairness ausgelacht. Ärgerlich auch, wenn sie ein Duo Date mit einem Stammkunden einfädelte, sie das Geld teilten und die Partnerin sich so garnicht anstrengte, dem Kunden eine gute Zeit zu bereiten. Hinterher beschwerten sich die Kunden bei ihr und sie beschloß, keine Duo Dates mehr durchzuführen. 

Ein ukrainisches Partygirl namens Roxanne, die öfter an ihren Gentlemen Parties teilnahm, lachte sie ebenfalls nach einer Party aus, dafür, das Nadine sie nicht ausgebeutet hatte. Manchmal gingen sie zusammen nach einer langen Sexparty in Swingerclubs oder ihre Lieblingsbar das Kumpelnest. Dort riß sich Roxanne dann gerne die Klamotten vom Leib und zeigte jedem ihre getunten Titten. Das hatte Nadine früher auch schon oft gemacht, nur das sie keine Silikonbrüste hatte.

Roxanne war sehr ehrgeizig und schaffte es schnell, zwei Massagesalons zu eröffnen und sehr viel Geld zu verdienen. Leider verkokste sie die ganze Kohle und war dann Neese und verlor alles so schnell, wie sie es verdient hatte. Immerhin hatte sie sich eine Eigentumswohnung in ihrer Heimat zusammen gevögelt. Genauso wie eine andere deutsche Kollegin in Berlin, die Damenschneiderin war und abends ihre Stammkunden verführte. Sie hatte soviel Stammkunden, die Schlange standen, daß sie nicht mehr inserieren mußte. Sie sah aus wie Marilyn Monroe, ihr weicher und schöner Körper glich einer Sanduhr und sie empfing immer im kleinen Schwarzen. Sie war auch die einzige Frau, mit der sie noch ein Duo Date anbot, aber das kam sehr selten vor. Nadine hatte in Berlin kaum Stammkunden, da es für Escort ein großes Angebot bei sehr kleiner Nachfrage gab. Die meisten buchten über Agenturen, es gab vielleicht eine Handvoll unabhängige Escorts wie Nadine. Finanziell lohnte es sich für unabhängige Damen einfach nicht. Deshalb flog sie ja immer nach England oder sonstige europäische Ausland, um Geld zu verdienen. Berlin war sprichwörtlich arm und unsexy. 

Bei all ihren Touren durch Europa hatte Nadine nur ein einziges Mal gut verdient. Als sie ein Luxus-Apartment im Hafen von Oslo angemietet hatte und eine Bekannte überzeugen konnte, sie aus Sicherheitsgründen zu begleiten. Und das war auch notwendig, weil irgendwelche Zuhälter sich als Kunden getarnt reinschlichen und die Lage peilen wollten. Um die Konkurrenz auszuschalten. Es ist zwar nichts passiert, aber trotz der guten Umsätze entschied sich Nadine nicht mehr zu verreisen. Sie war auch stinksauer auf ihre Bekannte, die kein Bock mehr hatte zu arbeiten, nachdem sie genug Geld im Sack hatte. Die Kunden standen Schlange und konnten nicht bedient werden. Nadine war jedoch Hochleistungssportlerin und fleißig. 

Nadine hatte auch Pech mit ihren Vermietern, weshalb sie mehrmals umziehen mußte. Zuletzt lebten sie in einer Künstlerwohnung mit Atelier im Hinterhof am Hackeschen Markt in der 5 Etage ohne Aufzug. Das hielt schlank. Leider erkrankte ihr Mann schwer und sie mussten in eine Erdgeschosswohnung ziehen, weil er nicht mehr die Treppen steigen konnte. Dabei hatte sie ihm die schöne Wohnung an der Museumsinsel ins Nest gelegt, damit er sich daran erfreuen kann, ein eigenes Atelier zu haben. Vorher hatten sie ja auch das Pech, aus einer wunderschönen Remise mit Atelier und eigenem Hofgarten ausziehen zu müssen, weil sich die Vermieterin nicht an die Absprachen hielt, die bei Mietvertragsabschluß vereinbart worden waren. Das Atelier hatte einen kleinen Zierofen, der täglich 12-16 Stunden in Betrieb war und irgendwann explodierte, weil die Vermieterin weder eine Wartung des Schornsteins durchgeführt, noch einen Ofen reingestellt hatte, der für längeren Betrieb taugte. Sie hatte aber versprochen, eine Heizung einzubauen, wenn sie das Atelier nicht warm bekommen. Sie weigerte sich nun, das zu tun. Es war einfach unbeschreiblich. Sie war eine Jüdin aus Osteuropa, die in New York eine eigene Galerie betrieb. Als Nadine ihr anbot, sich beim Einbau der Heizung zu beteiligen, lehnte sie ab, da es sich um eine Gasheizung handelte. Es mußte nur eine kurze Verbindung zwischen Wohnung und Atelier hergestellt werden, da in der Wohnung der Anschluß für das Erdgas war. Sie meinte, Gas käme nicht in Frage, weil Deutschland mit seiner Geschichte die Juden vergast hatte. Allerdings verstand Nadine nicht, warum sie dann überhaupt eine Wohnung in Deutschland gekauft hatte, dem Land der Täter. Aber die vergleichsweise niedrigen Immobilienpreise in Berlin waren ja der Hauptgrund, daß die Ausländer so viel aufkauften und die plötzliche Nachfrage die Preise in die Höhe trieb. Jedenfalls mußte sie auch ihre schöne Wohnung an der Museumsinsel aufgeben und sie zogen nach Kreuzberg zurück an eine laute Verkehrskreuzung ohne Schallschutzfenster. Als sich ihr Lungenleiden wegen dem Feinstaub verschlechterte und tätliche Übergriffe gegen Frauen und betrunkene Männer in der Gegend überhand nahmen, beschlossen sie, noch einmal umzuziehen. In dieser Kreuzberger Wohnung ist Nadine dann verrückt geworden. Der ständige Auto- und Motorradlärm, der Dreck und die Abgase vor dem Fenster im Erdgeschoß und der Verlust eines Weggefährten waren dann doch zuviel und sie versank im Wahnsinn und kommunizierte nur noch mit Algorithmen. Sie glaubte, daß sie die Algorithmen über Gedankenkraft steuern konnte. Ihr Mann kam auch nicht mehr an sie heran, der Herr über den Algorithmen und der Computerkunst. Nur wenn er die Wohnung verließ, klammerte sie sich an ihm fest, um ihn daran zu hindern. Sie war fest davon überzeugt, dass er sonst gekidnappt würde.

Man sagt ja, dass sich viele Menschen nach einer Krise oder Todeserfahrung spirituell öffnen, dass sie eine Gotterfahrung machen. Dies war bei Nadine ebenso der Fall. Als sie tagelang wieder nicht schlafen konnte und nachts durch die mit hellem Vollmond beschienene Wohnung hin und her wanderte und sich schließlich in der Küche niederliess, da schaute sie in die Dunkelheit zum Fenster und sah ein leuchtendes Kreuz. Es waren nur die Umrisse des Fensterrahmens hinter einem Vorhang, aber Nadine war überzeugt, daß Gott zu ihr sprach. Daraufhin holte sie sich Hilfe und verließ deshalb nach sechs Monaten das erste Mal die Wohnung. Seitdem drehte sich ihr Leben zum Guten.

Sie konnte sich noch an ihre ersten Berührungen von Silikonbrüsten erinnern. Das war in Holland in einer Bar, wo 200 grölende bierselige Männer einer Stripperin Geld zusteckten. Nadine war gerade mal 17 Jahre alt, als die Stripperin sie auf die Bühne zog, ihr eine Flasche Körperöl in die Hand drückte und sie bat, ihre Brüste zu massieren. Das machte Nadine sehr gerne, die großen Brüste von Frauen zu massieren, nur das sie nicht lesbisch war, wie sich später herausstellen sollte. Nadine mochte auch nur Frauen, wenn sie exzentrisch, laut, wütend, lachend und sehr selbstbewusst waren. Eben Frauen aus der Rotlicht Szene, das war ihr Einstand, damals in der Kneipe in Venlo. Seitdem hing sie bei ihren Reisen in aller Welt nur in den Rotlicht Bezirken ab und war als großzügiger Gast gerne gesehen, wenn sie den Kolleginnen eine Flasche Champagner spendierte.

Neugierig wurde sie dann häufig von den Frauen umringt, die wissen wollten, wer sie war. Sie erzählte dann, daß sie eine Hure war, die Feierabend in einer Bar mit schönen Frauen machte. Die Frauen und Trans Huren waren immer begeistert und sie schlugen ihr vor, mit ihnen an der Stange zu tanzen. Auch privat hatte sie viele lesbische und trans Freundinnen, die irgendwas wie genderfluid waren. Jede war irgendwie anders. Manches Mal in lesbischen Clubs oder Bars pirschte sich auch die eine oder andere Frau an sie heran, aber die waren ihr meist nicht hübsch genug oder zu männlich im Auftreten. Die Femmes dagegen hielten sich diskret zurück. Mehr als eine Bekanntschaft mit ihren trans Freundinnen einzugehen, kam auch nicht in Betracht. Meist waren sie sehr exaltiert und laut und unterhielten den ganzen Laden. Aber ihre beste Freundin, die trans war und eine bekannte Varietékünstlerin, begleitete sie fast durch ihr ganzes Berliner Leben. Bei den großen Sexparties, die sie manchmal organisierte, mußte ihre Freundin immer ein Dienstmädchen-Kostüm und High Heels tragen und ihre Gäste bewirten. Natürlich zahlte ihr Nadine für diesen Freundschaftsdienst ein gutes Honorar. Einmal klopfte ein Gast an der Tür zur Suite und ihre Freundin öffnete die Tür und bat den Gast heran. Er schaute sie kurz an, rief erschreckt „Ariane????“, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Offenbar hatte er geglaubt, daß Nadine plötzlich eine Geschlechtsumwandlung vollzogen hatte, die ihm offenbar mißfiel. 

So eine Party war generalstabsmäßig geplant und lief immer perfekt. Ziel war immer, den Gästen die beste Zeit zu bereiten. Dafür besorgte Nadine köstliche italienische Vorspeisen in einem Feinkostladen, ließ im Hintergrund Pornos und Ambient Musik laufen und verführte die Gäste nach allen Regeln der Kunst. Die Wertsachen konnte jeder Gast in einer Mappe im Tresor einschließen, er bekam einen frischen Bademantel, Handtücher und Einweg-Pantoffeln. Damit schlenderten die Herren in der fast 200qm großen Suite umher, tranken ihren Weißwein und ließen sich von Nadine verwöhnen. Nur selten war auch eine andere Dame anwesend aus den genannten Gründen. Es war eine Odyssee gewesen, bis sie diesen Ort gefunden hatte. Sie hatte viele Serviced Apartments, Wohnungen, Hotelzimmer, Hotelsuiten ausprobiert, aber nichts entsprach ihren Ansprüchen. Meist war alles viel zu klein und Nadine liebte es großzügig. Obwohl sie auch Betriebswirtschaft studiert hatte, nahm Nadine ihren Gästen nie viel Geld ab. Die Qualität der Gäste war gewährleistet, weil sie ein ausgefeiltes Kundenscreening durchlaufen mußten. Deshalb lief immer alles harmonisch ab und Nadine fühlte sich zehn Jahre jünger. Sexparties waren so etwas wie Jungbrunnen für sie mit meist sechs Gästen. Nur wenn eine Freundin dabei war, durften es auch mal 12 Gäste sein. Und die Location war ein Traum über den Dächern von Berlin Charlottenburg am Kudamm. Er war öffentlich zugänglich, verfügte auch über eine Tiefgarage, hatte einen Vordereingang mit Concierge und einen Hintereingang. Der Aufzug konnte ohne Chipkarte betätigt werden und man konnte direkt aus der Tiefgarage zu Nadine fahren. Leider wurde das Gebäude umgewandelt in Co-Working Spaces und sie kann die Adresse auch nicht mehr weiter empfehlen. Das ganze Business besteht aus Empfehlungen und Warnungen und man braucht eine lange Zeit, um sich einen glaubwürdigen Ruf zu erarbeiten. Nadine wünschte sich, daß es den anderen Huren auch so gut ginge wie ihr, weshalb sie alle guten Adressen und Warnungen mit den Kolleginnen teilte. Aber dies ist nicht unbedingt üblich in der Szene und viele sind auch völlig unzuverlässig und immer gestresst. Meist konnten sie nicht mit Geld umgehen, so wie Nadine. Aber viele geschäftstüchtigere Kolleginnen wurden Betreiberinnen und ließen andere für sich arbeiten, kauften sich ein Pferd und gründeten eine Familie. Völlig unspektakulär. 



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