Kohle: Kapitel 23

Als ob das nicht alles schlimm genug gewesen wäre, wurde Nadine fast Opfer des Terroranschlags in London 2005 und kam mit dem Schrecken davon. Sie kam gerade aus Brighton mit dem Zug, wo sie am Vortag ein Bewerbungsgespräch an der Universität hatte. Morgens um 9 Uhr saß sie schon in der Londoner U-Bahn, wo sie Stunden später evakuiert wurde. Was kann ein Mensch aushalten, bevor er verrückt wird? Sie hatte schon ein enormes Maß an Resilienz aufgebaut und war für alle Schrecken gewappnet. Aber irgendwann ist bei jedem Menschen das Maß des Erträglichen einfach voll und so zerstörte sie bei der Heimkehr ihre Wohnung, weil plötzlich ihre Sicherungen durchgingen und der eingekapselte Terror in ihrer Seele sich irgendwie entladen mußte. Sie hatte auch die Nase voll von London und zog deshalb mit ihrem Beischlafutensilienköfferchen aufs Land in die Grafschaft Kent, wo sie endlich zur Ruhe kam. Sie hatte ihre amerikanische Freundin Christine bei einer Sexparty in London kennengelernt und sie verstanden sich auf Anhieb. 

Christine hatte sich in einem Schloß in Kent, südwestlich von London eingemietet. Zuletzt lebte und arbeitete sie viele Jahre als Hure in Las Vegas. Zusammen mit ihrem Great Dane, einer deutschen Dogge namens Caesar. Praktischerweise war der Schlossherr ein exzentrischer Deutscher namens Michael, der sein Leben lang im Ausland als Hotelmanager gearbeitet hatte und zuletzt auf den Bahamas zu einem kleinen Vermögen gekommen war, das er in das Schloß investiert hatte, um das ruhige englische Landleben zu genießen. Er hatte nur die ersten Lebensjahre seiner Kindheit in Deutschland verbracht und wuchs dann bei seinem Vater in Rio de Janeiro und bei seiner Mutter in Baden-Baden auf, arbeitete in der Schweiz, in den USA, in Jordanien, wo er Freundschaft mit dem damaligen König schloss und selbst Arafat persönlich kennenlernte. Später arbeitete er in Paris und schließlich auf den Bermudas als Manager in der gehobenen Hotellerie. Wenn er nicht gerade von Teeny Mösen träumte, schrieb er Briefe an Politiker, in der Hoffnung den Nahost-Konflikt zu lösen. Er erhielt natürlich fast niemals Antwort, außer freundliche Grüße mit den Amtssiegeln von Politikern und Königen, die er als Hotelmanager der Upper Class alle persönlich kannte. Nadines Briefe an Politiker blieben immer unbeantwortet.

Christine wurde dann zusammen mit der Dogge Caesar in die USA abgeschoben, weil ihr englischer Ex Freund, dem sie aufgrund häuslicher Gewalt den Laufpass gegeben hatte, sie als illegale Prostituierte bei der Polizei verpfiff. Christine wollte dann in New Mexico eine Hundezucht mit Great Danes beginnen und kaufte für Caesar noch eine Herzdame namens Kleopatra hinzu. Christine hatte auch eine Tochter und Enkelkinder in New Mexico, genau genommen in Albuquerque. Christine war eine junge und schöne Grossmutter, 42 Jahre alt, mit langen roten Haaren und sehr heller Haut. In England ist dieser Frauentyp auch als „English Rose“ bekannt.
Aus der Hundezucht wurde dann aber nichts, denn Kleopatra war viel zu jung und mußte immer aufpassen, nicht von Caesar vergewaltigt zu werden. 1,5 Jahre ging alles gut, dann sah Caesar in einem unbeaufsichtigten Moment seine Chance und bestieg Kleopatra, verletzte sie leider dabei so arg, daß sie notoperiert werden musste und keine Kinder mehr bekommen konnte. Christine zog dann mit den Hunden zurück in ihre Heimat nach Montana.

Das Leben im Schloß war einfach herrlich. Hier fühlte sich Nadine sicher und sie bedauerte, daß sie immer nach Berlin pendeln mußte, wo es dann mit der Ruhe schnell vorbei war, da sie auf ihren temperamentvollen Mann und seine Ex traf, die nur nervte. Hier im Schloß hatte sie zwar keinen Internet Zugang, aber sie bereitete vor ihren Reisen alles sorgfältig vor, damit die Werbeanzeigen pünktlich bei ihrer Ankunft starteten. Aber das Telefon blieb meist leise, denn es gab in der ländlichen Umgebung und aufgrund der langen Anfahrt nur wenige potentielle Kunden. Manche ihrer Kunden kamen auch extra aus London, um sie zu besuchen. 

Die genaue Adresse und Wegbeschreibung erhielten ihre Besucher jedoch erst am Ortseingang und sie delegierte sie per Handy auf das Anwesen. Nadine steckte dann immer die Nase aus ihrem Turmzimmer und konnte schon anhand der Aussprache am Telefon und am Autofabrikat erkennen, ob es sich bei dem Kunden um jemandem aus der Unterschicht, der Arbeiterklasse oder der unteren, mittleren oder oberen Mittelschicht handelte. Am liebsten waren ihr jene aus der mittleren Mittelschicht, auch selbständige Handwerker. Herren aus der Oberschicht und Aristokratie bediente sie nicht so gerne und die verkehrten üblicherweise auch nicht mit öffentlich zugänglichen Damen ihres Standes, da sie als zu preiswert erschien. Obwohl es da mal jemanden gab, mit Chauffeur und Rolls-Royce, der hat sich nicht abschrecken lassen, daß Nadine sowas von off class war. Er war auch ein Exzentriker, der klassenübergreifend vögelte, wie Nadine.

Das Schloß stand unter Denkmalschutz und war vom National Trust als Grade I gelistet. Gebaut wurde es 1839 und der bewohnte Teil bestand aus einem neo-gotischen Turm, der 150 Fuß hoch war und als bekanntes Wahrzeichen der Region galt. Sie nannte ihn immer zärtlich den Sex Tower. Der ursprüngliche Besitzer und Erbauer hatte sich so eine Aussichtsplattform schaffen wollen, um bei guter Sicht bis ans Meer zu schauen, das etwa eine Stunde Autofahrt entfernt lag. Als Spähposten wurde er im zweiten Weltkrieg von den Engländern genutzt, um vor dem Herannahen deutscher Bomber zu warnen.

Der Turm beherbergte mehrere Räume. Jeder Raum hatte eine andere Farbe. Nadine wohnte im blauen Zimmer über dem blauen Badezimmer mit Jaccuzzi und bunten, gotischen Fenstern. Um warmes Wasser zu bekommen, mußte sie immer den Tank aufwärmen. Dann gab es das rote Zimmer, ein Pool-Dance-Room für private Sex Parties. Der Salon mit riesigen Kamin war aus braunem Mauerwerk mit gotischen Fenstern und wurde von Michael bewohnt, der von morgens bis abends vor der Glotze hockte, wenn er nicht gerade ans Essen dachte. Er war übergewichtig, bewegte sich nur ins Dorf, um den Strom zu bezahlen oder den Lottoschein abzugeben. Schwarz war der ebenerdige Dungeon, wo Christine wohnte und ihre Gäste empfing. Wie ein gigantischer Phallus reckte und streckte der Turm sich in der Landschaft empor und kitzelte den Himmel. Das weisse Zimmer – ein verstecktes Geheimzimmer – lag am höchsten unter dem Dach versteckt. Auf dem Dach nisteten Falken, die unter Naturschutz standen. Manchmal kamen Ornithologen vorbei, um die seltenen Tiere und ihre Brutplätze zu fotografieren.

Jedenfalls waren ihre handverlesenen Gäste, die sie aus Dutzenden von Anrufern auswählte, von ihrer Unterkunft immer zutiefst beeindruckt und überrascht, obwohl sie ja in ihren Werbeanzeigen bereits auf ein gotisches Anwesen hingewiesen hatte. Mitglieder der respektablen Arbeiterklasse ließen sich natürlich nichts anmerken, wenn sie die Klassengrenze übersprangen. 

Das ein deutsches Fräulein ihre Familienjuwelen verwöhnte, wurde von ihren englischen Gästen sehr goutiert. Das Gesamtpaket, das Nadine offerierte, davon zehrten ihre Kunden noch Jahre, und eines Tages würden sie vielleicht ihren Kindern und Kindeskindern von der Schloßprinzessin erzählen. Kunden der mittleren Mittelklasse riefen zur Begrüssung vor Ort immer das Gleiche: “ Oh, it’s so fantastic. How did you find this place?“
Selbstverständlich empfing sie nur im kleinen Schwarzen oder im hochgeschlossenen Kostüm, das keine Einblicke gestattete. Sie stand nicht halbnackt im Türrahmen, so wie es in Bordellen üblich ist. Und mit High Heels die vielen schmalen Wendeltreppen rauf und runter laufen war eher hinderlich, weshalb sie die warmen Pantoffeln von Michael trug. Die High Heels zog sie erst im Beisein ihrer Gäste wieder an, wenn sie gemeinsam das blaue Zimmer betraten.

Da sie maximal einen Gast am Tag empfing, hatte Nadine viel Zeit. Entweder ging sie im Schlosspark spazieren und fotografierte die Schlangen am Teich oder sie leistete ihrem Gastgeber Michael beim Fernsehen Gesellschaft, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Oft lag sie einfach auf ihrem Bett und las Zeitungen wie die Times, den Independent oder Guardian, die sie sich täglich im Dorf besorgte. Im Dorf wurde natürlich getuschelt und jeder wußte, daß im Schloß spezielle Parties gefeiert wurden, weil die Regenbogenpresse einmal darüber berichtet hatte, indiskret über einen prominenten Gast. 

Manchmal wurde sie von Dorfbewohnern auch angesprochen, die neugierig fragten, woher sie komme und was sie in Hadlow mache. Ihre Standardantwort war immer, daß sie eine deutsche Verwandte von Michael war und Buchautorin, um hier in Ruhe zu arbeiten. Natürlich glaubten sie ihr kein Wort und wahrscheinlich wußten sie, daß sie eine Prostituierte ist. Michael bekam ja öfter Damenbesuch, ähnlich einer Terminwohnung. Darunter waren oft unerfahrene Anfängerinnen, 18 Jahre alt, die ohne Kondom vögelten und die meist aus der Unterschicht des englischen Nordens stammten. Manchmal gelang es Nadine, die jungen Frauen aufzuklären. Ansonsten mieteten sich Frauen stundenweise ein. Darunter war einmal eine beeindruckende junge Frau, die selbst Falknerin mit einer Falknerausbildung war und genau wie Nadine gerne Gäste mit Fetischen bediente.

Aber sie achtete auch sehr darauf, daß nur wenige Kunden sie aufsuchten, sodaß es in der Umgebung nicht weiter auffiel. In diesem Dorf gab es einen Bäcker, der täglich frische Sandwiches zubereitete und mit denen sie sich eindeckte. Manchmal kam auch ein regionaler Fischhändler mit seinem kleinen Lieferwagen vorbei und Michael kaufte frischen Fisch. Am liebsten mochte Nadine den Rochen, weil die Gräten so schön waren und sich wie wie ein Fächer aufblätterten. 

Und dann 2011, nach einem jahrelangen Rechtsstreit, mußte Michael, und damit auch Nadine, ihr Domizil verlassen, weil Michael die Denkmalschutzauflagen nicht erfüllen konnte. Und so flog er aus dem Schloss und kam im Austausch in einer Sozialwohnung mit lebenslangem Wohnrecht unter. Das Schloß wurde zwischenzeitlich restauriert und steht seither leer, Michael wurde blind und lebt nun in einem Altersheim, wo er noch oft an die vielen Sexparties, rasierte Muschis und Cream Pie zurückdenkt.



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