Kohle: Kapitel 22

Freier erinnerten Nadine an Krittelkünstler, also professionelle Kritiker, die davon leben, Literatur, Musik und Theaterstücke zu kritisieren, aber nichts eigenständiges schaffen, außer ihr Gift über die Arbeit anderer zu ergießen. Marcel Duchamps meinte über Kritiker, dass Schmeißfliegen am Arsch des Künstlers seien.

Das von der FAZ gelobte Theaterstück „Lulu-Die Nuttenrepublik“ von Volker Lösch an der Schaubühne, in dem Nadine mitwirkte, das Nadine mit zwei Jahren Vorarbeit initiiert hatte und für den Sorechchor zwölf Huren, auch am Straßenstrich, gecastet hatte, wurde von einem Krittelkünstler aus Berlin verrissen, der schon lange eine Rechnung mit dem erfolgreichen Regisseur offen hatte. Der Regisseur wiederum hatte den Kritiker im Stück als präpotenten, koksenden Freier und Looser dargestellt und natürlich hatte der sich wiedererkannt, was ihn umso fuchsiger machte, als er seinen Verriss schrieb.

Das Theaterstück wurde trotz ständig ausverkaufter Vorstellungen nach sieben Monaten vorzeitig vom Intendanten abgesetzt, weil die dummen Huren Aktivistinnen aus Berlin trotz energischem Einspruch von Nadine eine Veranstaltung an der Schaubühne zum Thema Menschenhandel gesprengt hatten. Und der Intendant schlug zurück.

Wieviel Arbeit in diesem Stück steckte war unvorstellbar und diese selbst ernannten Sofa Aktivisten für Hurenrechte machten einfach alles kaputt und den Chor arbeitslos.

Kritik ist auch Thema in den Bewertungsforen von Freiern in der westlichen Hemisphäre, wobei besonders Deutschland, Großbritannien und die USA mit ihren sogenannten Internet Hobbyisten hervorstechen, die die Performance einer Hure bewerten. Auf dem Fleischmarkt wird das Frischfleisch einer Stute genauso bewertet wie Automobile bei motor-talk.de, das Preis-Leistungsverhältnis pedantisch rauf und runter diskutiert und Preisvergleiche angestellt. So wie wir uns über die „Raffkes“ in der politischen Klasse aufregen, so ereiferten sich die Freier über „professionelle Abzockerinnen“ in der Prostitution. Habgier und Geiz sind kein Privileg der Mächtigen. Die Deutschen sind auch nicht das einzige Volk von Schnäppchenjägern geworden, auch die Engländer, wie Nadine über acht Jahre in London erfahren durfte. Es ist eine seltsame Mischung von Geiz und Habgier, möglichst viel haben zu wollen und möglichst wenig dafür zu bezahlen. Das Wort vom „Preis-Leistungs-Verhältnis“ taucht in fast allen Unterhaltungen über Prostituierte, Immobilien oder Urlaubsreisen spätestens im zweiten Satz auf.

Beim Lesen in Freierforen hatte Nadine einige Charakterstudien entwickelt, indem sie die Psycho-Methode der Familienaufstellung in ihre Methode der KZ-Aufstellung transformierte. Lehrreich, wenn man sich das Szenario ausmalt, in welchen beruflichen Rollen unsere Mitmenschen sich aufgrund ihres Auftretens während der Nazi Zeit wahrscheinlich befunden hätten. Vom passiven Mitläufer und Unschuldslamm, über Menschen, die das Recht von den Füßen auf den Kopf stellten bis zu den Administratoren des Lagersystems.

Es gab vor allem die trägen und passiven Zuschauer, die Dienst nach Vorschrift machten, nur im Forum mitlasen, die vermeintlich aus ihrer persönlichen Verantwortung entlassen waren, wenn andere Freier Frauen abstempelten oder von Zwangsprostituierten profitierten und mit vollster Gleichgültigkeit die erkennbare Not ignorierten, die einige ausgebeutete Frauen gegenüber Kunden zum Ausdruck brachten. Konkret gab es auch den Fall, dass Nadine den gewaltsamen Übergriff eines Kunden, eines ranghohen Forumnutzers im Forum selbst publik machte, um andere Frauen vor ihm zu warnen. Die Mehrheit unterstützte natürlich den Täter mit vollster Solidarität, der den Übergriff öffentlich und im persönlichen Gespräch relativierte, indem er meinte, dass Frauen doch auf Schläge stehen.

Etwa drei Freier aus einer Meute von 200 aktiven Kunden bezweifelten jedoch nicht ihre Warnung und standen ihr beiseite und stellten sich der klassischen Täter/Opfer Umkehr entgegen. Keine der anwesenden Frauen kam aus der Deckung, aus Angst, sich bei Kunden unbeliebt zu machen und Umsätze zu verlieren. Nur diese drei Männer handelten ethisch und gerecht und hätten im KZ wahrscheinlich soziale Funktionen inne gehabt. Es gab ja die Gruppen, die im KZ den Widerstand organisierten und sich gegenseitig im Überlebenskampf unterstützten. Dann gab es auch die Kapos, die die Aufsicht über den Vernichtungsapparat vor Ort führten. Diese Rolle hielten zwei Foren-Administratoren inne, die sich nur für einen geräuschlosen Forenablauf sorgten und sich für das erlittene Unrecht nicht nur gleichgültig zeigten, sondern Nadine eine Mitschuld gaben.

Im Forum gab es eine Prostituierte, die mit einem ehemaligen Polizisten verheiratet war und die bei jeder Gelegenheit Nadine öffentlich schikanierte. Sie war Ostberlinerin mit einer Blitzbirne, genau wie zwei Nazi-Bräute, die sie zuvor in einem Schweizer Bordell kennengelernt hatte. An diesen drei Frauen konnte man hervorragend den aggressiven autoritären und rechtsradikalen Charakter studieren, von dem nicht nur Ostdeutschland befallen ist. Im Bordell trafen Angehörige unterschiedlicher sozialer Klassen und politischer Fraktionen aufeinander und es taten sich Abgründe auf, wenn man genau hinschaute.

Der Psychoanalytiker Arno Grün erklärte die terrorisierende Macht des Nationalsozialismus als Erkaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen in der deutschen Gesellschaft. Die Menschen hätten aus Angst vor dem Lebendigen in sich selbst ihr Inneres zum Fremden gemacht. Trotzdem fühlten sich diese Sklaven-Freier und Huren frei, weil sie andere be- und verurteilten, schikanierten und bedrohten. Es geht immer darum, das Lebendige zu töten, denn das bedrohte sie. Die Menschenverachtung, die sie in der Benutzung und Beurteilung der minderjährigen „Zigeuner Huren“ am Straßenstrich zum Ausdruck brachten, wie sie die sogenannten Abzockerinnen bestraften, indem sie heimlich unter ihre Kopfkissen beim Abschied urinierten, sprach Bände über diese verkommene Foren Gemeinde.

Wer es nicht ertragen kann, dass es Menschen mit anderen Sitten, Verhaltensweisen, Aussehen, Sprachen gibt, die sich nicht an das deutsche Ordnungsgefüge anpassen, die sich nicht „auf Linie“ bringen lassen mit dem, was scheinbar als „zugehörig“ definiert wurde, findet leicht zum radikalen Vorurteil. Gefördert wird der Haß auf das „Unterwegssein“ der Migranten, die Verachtung der fremden Sprache und die aggressive Feindschaft gegenüber dem urbanen Leben. Es gibt Gegenden in Brandenburg, in denen ein Auto mit Berliner Kennzeichen bereits als unerträglicher Fremdkörper wahrgenommen wird.

Die für die deutsche Kulturgeschichte typische Identität, die auf einer Identifikation mit Angst einflößenden Autoritäten beruht, ist ständig von Auflösung bedroht. Solche Menschen können ihr Selbst nur durch die Schaffung von Feindbildern konsolidieren. Menschen, so Arno Grün, die eine innere Kohärenz entwickeln und daraus ihr Identitätsgefühl beziehen, verlieren auch unter extremen Frustrations- und Deprivationsbedingungen nicht ihr Vertrauen und ihren Glauben an sich selbst. So wie Nadine, die ihre eigene Fremdheit in ihrer Familie, ihrem Milieu und Gesellschaft luzide analysierte, um im Puff nicht verrückt zu werden.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.