Kohle: Kapitel 21

Aus der Vorurteilsforschung wusste Nadine, dass Vorurteile Einstellungen sind, die nicht auf Erfahrungen basieren, sondern zumeist auf Stereotypen. Aber die vermittelten Erfahrungen und Informationen über die Medien sowie individuelle Erfahrungen waren ebenfalls Grundlage von Vorurteilen Gruppen gegenüber. Bei Nadine hatte sich ein Trauma als Vorurteil manifestiert, nämlich die Erfahrungen von Gewalt, sogenannten „Einzelfällen“, weshalb sie nun eine Angst vor Männern entwickelt hatte. Dieser Prozess begann nach dem Ausstieg aus der Prostitution und mündete in einer Psychose, wo Panik Attacken sie überwältigten, weil sie nicht mehr auf die Straße gehen konnte, ohne panische Angst zu haben. Sie hatte privat Gewalt mit zwei Männern erlebt, wobei es sich um deutsche gebildete Männer aus dem linksliberalem Spektrum handelte. Sie hatte aber auch Gewalt im Bordell mit drei bildungsfernen Kunden migrantischer Herkunft erlebt, die ihr den Mund und den Hals zudrückten, weshalb sie zunächst die Arbeit in Bordellen einstellte, später sämtliche Ansammlungen von Männern in Berlin Kreuzberg großräumig mied und schließlich ganz aus dieser Gegend wegzog, nur um dann vor der Haustür ihrer neuen Wohnung nachts belästigt zu werden, nachdem sie ein Taxi verlassen hatte. Es war zum verzweifeln, da sie sich nun nirgendwo mehr sicher fühlen konnte.

Sie wollte mit allen Mitteln vermeiden, auf der Straße angesprochen und sexuell belästigt zu werden. In ihrem neuen Stadtteil hatte sich sogar eine Frauengruppe gegründet, die sich gegenseitig virtuell unterstützten und die regelmäßig von diesen Übergriffen auf der Straße oder vor ihrer Haustür berichteten. Es gab jetzt die Möglichkeit, auf dem Nachhauseweg telefonisch von einem Mitarbeiter des Gewalt-Telefons begleitet zu werden. Aber im Notfall wäre trotzdem niemand kurzfristig zur Stelle gewesen, um eine Tat zu verhindern. Oft hatte Nadine den Eindruck, Frauen und Trans Personen seien vogelfrei und ohne Rechte. 60% aller ermordeten Trans Personen sind Sexarbeiter. Es gab sogar Frauen, die deshalb aus Berlin weg gezogen waren oder die nur einen Suizid als Ausweg sahen. Darüber wurde niemals öffentlich berichtet. Auch weil die Opfer aus Angst die Täter nicht öffentlich benennen wollten, um sich keinen Rassismusvorwurf einzuhandeln und als Opfer ein zweites Mal erniedrigt zu werden. Das machte viele stumm.  Das Problem ist also nicht nur Gewalt in der Prostitution, sondern nationalitätenübergreifende männliche Gewalt, auch häusliche Gewalt in der Gesellschaft insgesamt, wobei man hier von einem Femizid sprechen muß, da jeden dritten Tag eine Frau ermordet wird. Zumeist vom Partner oder Ex. Im Jahr 2020 gab es 148.000 Gewalttaten gegenüber Frauen und das sind nur die Zahlen, die zur Anzeige gebracht wurden. Die Dunkelziffer ist um ein vielfaches höher, insbesondere während der Corona Krise, wo Frauen in Not keine Hilfe rufen können, da sie von den Männern kontrolliert werden. So ähnlich wie Zwangsprostituierte ständig unter Kontrolle standen. So war es auch in Frankreich und man stellte in allen Supermärkten Vertrauensleute auf, an die sich Frauen wenden konnten. Der Weg zum Supermarkt wird meist nicht von den gewalttätigen Partnern kontrolliert. Der Supermarkt ist quasi die einzige Schutzzone vor häuslicher Gewalt. 

20% aller Gewalttaten geht von Frauen aus und Männer werden Opfer. Auch hier ist die Dunkelziffer höher, da Männer dies ebenfalls selten zur Anzeige bringen, um nicht als Schwächling zu gelten.  Es gab auch Gewalt gegen Männer in der Prostitution, nicht nur den berühmten Beischlafdiebstahl und Betrug, sondern auch Raub mit Einsatz von K.O. Tropfen. Nadines Vater hatte das einmal erlebt, als ihm seine zweite Frau, die es nur auf sein Geld abgesehen hatte, die Tropfen aus Rache verabreichte. Die Gesellschaft hat also ein massives Gewaltproblem.

Aber ihre Furcht vor Männern resultierte auch aus Erzählungen und Erfahrungen vieler anderer Sexarbeiterinnen und Zwangsprostituierte, die mit ihr in geschützten Räumen darüber sprachen. Darunter waren auch Frauen, die in ihre Werbeanzeigen schrieben, daß sie nicht von „Südländern“ kontaktiert werden wollen. War das rassistisch? Selbst viele schwarze Frauen wollten im Bordell immer den Kontakt mit schwarzen Männern vermeiden, auch um als Prostituierte nicht erkannt zu werden. In der Perspektive der Linksidentitären ist es rassistisch, dabei resultierte die Entscheidung, nicht mit „Südländern“ zu verkehren zumeist auf schlechten Erfahrungen. Das also von einer Bevölkerungsminderheit überproportionale Frauenfeindschaft und Transphobie ausging. Aber jeder Sexarbeiter ist ein autonomes Subjekt und entscheidet immer wieder neu, welche Kunden er oder sie an sich heranläßt. Es liegt also in der persönlichen Verantwortung gesund zu bleiben und Grenzüberschreitungen zu vermeiden und idealerweise als Warnung zu melden und zu teilen.

Wenn diese Frauen also aufgrund schlechter Erfahrungen beschlossen hatten, keinen Sex mit „Südländern“ zu akzeptieren, war das eine bewußte Willensentscheidung, die man zu respektieren hatte. Die persönliche freie Willensentscheidung eines Individuums war für Nadine zentrale Grundlage menschlichen Handelns. Die Freiheit jederzeit Nein zu sagen gehörte selbstverständlich dazu. Nadine wurde in einem geschützten Raum von Sexarbeitern gesperrt, nachdem sie dort eine Reisewarnung für Escorts im arabischen Raum veröffentlicht hatte und dies auch mit Erzählungen von mehreren Escorts begründete. Also Augenzeugenberichten und keine Gerüchte. Dabei ist es in vielen Ländern üblich, daß sich Escorts untereinander gegenseitig vor gefährlichen Individuen und Hot Spots warnten. Warum taucht dann ein Rassismus Vorwurf hierzulande auf, wenn Escorts über erlebte Folter berichteten und das Frauen spurlos verschwanden wie in Italien? Machten sich die Iinksidentitären Aktivisten nicht zum Komplizen der Täter, wenn sie die Opfer zum Schweigen brachten? Das macht Amnesty International und das Auswärtige Amt auch, daß es für Städte und Regionen ein Monitoring und Berichtewesen gibt, auf dessen Grundlage Reisewarnungen veröffentlicht werden. Und das gilt auch für die LGBTIQ Szene, deren Leben in bestimmten Regionen und Ländern besonders gefährdet ist. Das ihre Reisewarnung nun von linksidentitären Sexarbeitern blockiert wurde, zeigte doch, wie verwirrt diese Leute sind. Statt Empathie mit den Opfern von Gewalt zu zeigen, deren Aussagen offenbar als unglaubwürdig eingestuft wurden, wurde die Berichterstatterin Nadine blockiert. Warnungen über gefährliche Regionen und Kunden waren jedoch absolut lebensnotwendig für Prostituierte und es gibt in allen westlichen Ländern Warnsysteme. 

Als die ausländischen Botschaften sich mit dem Regierungsumzug in Berlin ansiedelten, gab es für die Botschaftsmitarbeiter glasklare Instruktionen, welche Gegenden von Berlin sie als Ausländer meiden sollten, wozu auch die ehemaligen „national-befreiten Zonen“ der Rechtsradikalen zählten. 

Viele Sexarbeiter sprachen öffentlich immer wieder von Klischees und Vorurteilen gegenüber ihrer Berufsgruppe, aber sie negierten vollends, daß sich Klischees aus Erfahrungswissen nähren und damit eine reale Grundlage in der Wirklichkeit haben. Sie selber kritisierten Vorurteile und Klischees über ihre Berufsgruppe, aber negierten empirisches Erfahrungswissen, was den Klischees zugrunde lag. Die Vermeidung des Opfer Narrativs entsprach auch der Verdrängung, als Opfer stigmatisiert zu sein. Mit Opfern wollen viele nichts zu tun haben, ähnlich wie mit Kranken. Menschen machen einen Bogen um Opfer und Kranke, weil es irgendwie ansteckend sein könnte. Oder sind es unbewußte Ängste, Opfer zu werden, die abgewehrt werden?

Jedenfalls hatte Nadine oft Schulterzucken geerntet, wenn sie das Thema Gewalt in der Prostitution im deutschsprachigen Raum zur Sprache brachte. Sie hatte auf etwas mehr Mitgefühl gehofft und auf die Frage, wie man dieses Problem bekämpfen kann. Nadine konnte ja schließlich nicht die Welt alleine retten. Denn man kann präventiv Wege finden, Wissensvermittlung zu verbreiten, Informationen über Prozesse des Kundenscreenings übermitteln, Kanäle für Reportings öffnen, Rat und Unterstützung geben und Schutzwohnungen anbieten. Die einzigen, die Schutzwohnungen in Deutschland bereitstellten, waren ausgerechnet die Prostitutionsgegner. Aber in Notfällen mußte man mit diesen Prostitutionsgegnern kooperieren, um Hilfe einzuleiten. Sie wußte von Menschenhandelsopfern, die nur durch die Unterstützung von Bordellbetreibern oder Kunden in die Schutzwohnungen vermittelt wurden. Es macht also keinen Sinn, Sexkunden zu kriminalisieren, wie es das Sexkaufverbot fordert. Denn dann würden die Kunden Angst haben, Unterstützungsleistungen anzubieten und den Opfern wäre nicht geholfen. Auch in England machten sich Kunden strafbar, wenn sie Fälle von Zwangsprostitution meldeten und sich indirekt belasteten, weshalb ihre Bereitschaft sank, mit den Behörden zu kooperieren. Und England hatte Gesetze, die sämtliche Aktivitäten um die selbständige Sexarbeit herum kriminalisierten. Das also alle dritten Parteien, die Sexarbeiter in der Abwicklung ihrer Geschäfte unterstützten, Kunden, Fahrer, Taxi Fahrer unter Menschenhandelsverdacht standen. 

Dabei gibt es viele Kundschafter unter den Kunden, die Frauen in Notlagen unterstützen. Aber da sie als Freier stigmatisiert sind, äußern sie sich dazu im Regelfall nicht öffentlich. Es war wirklich wie beim Geheimdienst, dass kaum jemand aus der Szene sprechen wollte. Und dort, wo gesprochen wurde und aufgeklärt, wurden viele Sprecherinnen der Szene, auch Bordellbetreiber, von Journalisten meist vorgeführt und verarscht, weshalb man zu Recht das Gebot in der Rotlicht Szene ausgab, den Kontakt zu Journalisten zu vermeiden, da man einfach zu viel schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte. Wenn man als gesellschaftlicher Außenseiter gebrandmarkt ist, wird man natürlich mißtrauisch und vorsichtig. Und fast alle Prostituierten, die Nadine kannte, waren extrem mißtrauisch, weil sie einfach schon so oft in ihrem Leben enttäuscht worden waren. Deshalb drang im Regelfall auch nichts nach außen und viele Ereignisse wurden innerhalb der Szene geregelt, lautlos und diskret.

Aber Nadine hielt sich nicht an das Gebot, weil sie unprofessionelle Politiker und Prostitutionsgegner verachtete und man alle Waffen der Wortkunst zücken mußte, um Fakes, Lügen, gefälschte Zahlen, Statistiken und Junk Science zu entlarven, die behaupteten, dass fast alle Prostituierten Opfer von Menschenhandel seien und die Branche und ihre Betreiber kriminell. Zum Glück konnte Nadine als Sozialwissenschaftlerin mit Zugang zu Zahlen und Statistiken diesen Betrug entlarven, aber sie blieb unerhört und war nicht zitierfähig, weil sie nicht über das symbolische Kapital verfügte, sondern nur eine Ex-Hure war. Hätte sie einen Doktortitel gehabt und das gleiche Buch zum Thema mit Klarnamen veröffentlicht, hätte die Sache anders ausgesehen. Aber ein Buch im Selbstverlag unter Pseudonym wurde selbst von studentischen Prostituierten nicht ernst genommen, die diese Zahlen für ihre eigenen Forschungsarbeiten benötigten. Es war auch keine wissenschaftliche Studie, sondern ein politisches Sachbuch mit Insiderwissen und sie konnte die Quellen nicht offenlegen, da sie sonst versiegt wären. Das ist auch üblich in der journalistischen Praxis. Warum wurde sie dann nicht ernst genommen? Sie entschied in ihrer zweiten Auflage auf diesen Punkt ausführlich einzugehen und ein statistisches Schaubild einzufügen, um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Aber wer glaubte schon einer Ex-Nutte?!



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.