Kohle: Kapitel 20

Nadine hatte es bei Konferenzen häufig mit Sozialarbeitern und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen zu tun bekommen, die dachten, dass Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, sich in einer Situation befinden, in der sie keine andere Wahl haben, als Sexarbeit zu verrichten, und dass es die Aufgabe von Feministinnen sei, Sexarbeiterinnen dabei zu helfen, alternative Einkommensquellen zu finden.

Im Jahr 2010 nahm Nadine auf der XVIII. Internationalen AIDS-Konferenz in Wien, Österreich, an einer Sitzung über Sexarbeit teil. Dort stellte eine Feministin verwundert die Frage: „Warum sollte sich jemand für die Sexarbeit entscheiden?“

Die meisten Sexarbeiter wachsen in patriarchalischen Gesellschaften auf und werden von Geburt an mit bestimmten Erzählungen darüber gefüttert, was richtig und falsch ist. Als junges Mädchen wird einem in der kirchlichen Erziehung beigebracht, dass nur böse Mädchen Sex haben. Einige Mädchen werden als „Matratzen“ bezeichnet, weil angeblich alle Jungen in der Nachbarschaft mit ihnen geschlafen hätten. Nadine fing in ihrer Jugend an, zu hinterfragen, warum die Gesellschaft versucht, den Körper, die Entscheidungen und die Sexualität von Frauen zu kontrollieren.

Dabei haben alle Menschen das Recht, Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, dass sie je nach ihren aktuellen Lebensumständen unterschiedliche Entscheidungen treffen können und dass Sexarbeit für viele Menschen eine logische Wahl und legitime Form des Gelderwerbs ist. Schließlich kann man im Kapitalismus sonst nicht überleben.

Man muß Sexarbeit als legitime Arbeit betrachten. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sind historisch unterdrückte Gruppen, die die Möglichkeit brauchen, die Realität ihres eigenen Lebens mit anderen Menschen zu teilen. Idealerweise in geschützten Räumen.

Über ein Thema sprachen Sexarbeiter in Deutschland nicht gerne. Und das war Gewalt, weil sie auch Angst hatten, sich damit dem Opfer Narrativ zu unterwerfen, was wiederum eine Ursache des Stigma-Managements war. Im Ausland wurde lautstark über Gewalt gesprochen und Nadine dabei nicht ausgeschlossen. Hier war sie das erste Mal in der Lage, ihre Stimme zu erheben und zu berichten, was ihr in der Sexarbeit widerfahren war. Im Ausland kommt von der Gewalt durch Zuhälter und Kunden noch die Polizeigewalt hinzu. Jedenfalls ist es in den USA und Afrika üblich, daß Prostituierte von Polizeibeamten verhaftet, erpresst und vergewaltigt werden, die ihnen ihre Einnahmen abnehmen. Diese Situation war also nicht mit den deutschsprachigen Ländern, Ländern mit liberaler Rechtsprechung vergleichbar, aber die linksidentären Aktivisten taten so, als ob man die amerikanischen Verhältnisse auf Westeuropa übertragen könnte. Das ging Nadine so dermaßen auf den Sack, daß man sämtliche Slogans der amerikanischen Hurenbewegung einfach 1:1 kopierte und auf die Plakate schmierte, ohne die historischen Unterschiede zu bemerken.

Wie schafft man es also, Feministinnen, die die Arbeit anderer verurteilen, zu überzeugen, eine Verfechterin der Rechte von Sexarbeiterinnen zu werden? Das ist eine zentrale Frage.

Deshalb muß man viele Bücher, Artikel und Quellen über Sexarbeit lesen und viele Gespräche mit Prostituierten, auch Prostitutionsgegnern führen. Nur wenn man den Menschen zuhört, die am meisten von einem Thema betroffen sind, ist es wahrscheinlicher, dass man ein tieferes Verständnis für dieses Thema entwickelt. In den sozialen Medien folgte Nadine vielen Sexarbeiter-Aktivisten und Prostitutionsgegnern, und ihre Beiträge und Einblicke in ihre Arbeit gaben ihr immer wieder Gelegenheit, zu lernen und zu wachsen und ihre eigenen Erfahrungen zu spiegeln und Annahmen zu hinterfragen. All diese Erfahrungen und Kenntnisse bildeten nun die Grundlage ihrer eigenen Forschung. Sie war zutiefst optimistisch, noch andere Prostitutionsgegner überzeugen zu können, was ihr bislang nur einmal gelungen war. Durch ein Gedicht, dass sie bei einem Event in Glasgow vortrug und wo sich hinterher eine Prostitutionsgegnerin unter Tränen bei ihr und der Bewegung entschuldigte.



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