Kohle: Kapitel 19

Der Masterplan sah vor, daß eine Kommunikationsstrategie nach innen und außen entwickelt wurde. Nach Jahren des Widerstands hatte Nadine soviel Kenntnisse gesammelt, um strategische Verbesserungen auszuarbeiten, die auch Eingang in ihre Doktorarbeit fanden.

Nadine kritisierte die Fokussierung auf das Opfernarrativ und Happy Hooker Narrativ in der Bewegung selbst. Diese Fokussierung begünstigte es, dass Fakten im Dienste politischer Interessen verbogen wurden. Diese Narrative beherrschten jedoch die Medien, wo auch keine Diskussionen differenziert, sondern nur polarisiert stattfanden, insbesondere in Auseinandersetzung mit Prostitutionsgegnern. Entsprechend waren die öffentlichen Auswirkungen, das sich besonders benachteiligte Sexarbeiter mit der Happy Hooker Erzählung nicht anfreunden konnten.

Die Fokussierung auf das Opfernarrativ in der Sexarbeiter Bewegung selbst läßt auch die einst bürgerrechtlich orientierten Aktivisten zunehmend in ein linksidentitäres Fahrwasser abdriften. An der bisherigen Forschung zur Prostitution kritisiert Nadine eine zu starke Fokussierung auf Opferbiografien und Marginalisierungen im Diskurs, die dazu tendiert, den historischen Kontext ebenso auszublenden wie „unerwünschte“ biografische Aspekte. Dass Prostituierte oft sehr eigenwillige Akteure waren und sind, die ihre Biografien trotz widriger Umstände mehr oder weniger „erfolgreich“ gestalteten, geriet dabei völlig aus dem Blick. Allerdings wurden bei einer ständigen Betonung der Erzählung von der glücklichen Hure aus einer privilegierten Perspektive die Perspektiven benachteiligter Sexarbeiter vollständig ausgeblendet und Probleme wie Gewalt und Ausbeutung fielen unter den Tisch. Das Narrativ der glücklichen Hure hatte insofern Bestand, daß Sexarbeiter, die von Journalisten mit dem Opfernarrativ konfrontiert wurden, dem gegenüber entgegen setzen wollten, dass es auch selbstbestimmte Sexarbeiter gibt, die ihren Beruf lieben. Das Happy Hooker Narrativ war also auch ein Ausdruck von Stigma-Management. Die unglücklichen Huren konnten sich natürlich in dieser Erzählung überhaupt nicht wiederfinden.

Deshalb interessierte Nadine sich auch für die Sozialgeschichte sozialer Bewegungen wie die Hurenbewegung, den Auswirkungen von Diskriminierung und Kriminalisierung von Prostitution sowie dem Stigma-Management von Prostituierten.

Nadine, das Kommunikationswunder im Stigma-Management, nutzte alle Tricks und Kanäle, um ihren Zielen näher zu kommen. Als Mensch respektiert zu werden und auf die Rechte Durchsetzung zu pochen. Nadine war so etwas wie eine unbezahlte Anwältin für Huren, ein Advokat im Sinne von Interessenvertreterin in der Hurenbewegung, wie man es in den USA nennt.

Nadine litt jedoch am Elfenbeinturm Syndrom: Man ackert und ackert und kaum jemand interessiert sich dafür. Dies ist umso ärgerlicher, wenn man in der eigenen Bewegung ignoriert wird.

Deshalb hatte sie das Thema mehrfach auf die Theaterbühne gebracht, als Sprecherin auf Podien und Diskussionsrunden, mit Solo Performances und Storytelling, Comedy & Unterhaltung, mit Interviews als Sexarbeiterin, später als Pressesprecherin der Bewegung hatte sie fast 15 Jahre gebloggt, geschrieben und veröffentlicht, Reden gehalten, Gedichte geschrieben, Social Media Kampagnen entwickelt und die Bewegung über 15 Jahre fotografiert und dokumentiert. Ihre Bücher und Tweets hatten wenig Reichweite. Ihr fehlte das symbolische Kapital, um wahrgenommen zu werden. Sie war nicht zitierwürdig, auch nicht innerhalb der eigenen Bewegung, weil sie gerne mal drauf los polterte, wenn der Geduldsfaden riß und sich die Empfindsamen und Selbstgerechten empört von ihr zurück zogen. Nur mit dem Theaterstück an der Schaubühne hatte sie es mit Volker Lösch in die Qualitäts-Medien geschafft, daß auch die goldenen Federn der FAZ, Süddeutsche & Co berichteten. Dies ist insofern relevant, da Multiplikatoren und Meinungsführer diese Medien lesen.

Kuratieren und moderieren von digitalem Content war eine ihrer beruflichen Aufgaben. Digitales Outreach, um Sex Worker in allen Ecken und Enden des Internet, auf der Strasse, in den Medien zu erreichen ihre Passion.

Um gehört und wahrgenommen zu werden, musste sie also wieder zurück den Weg in die Wissenschaft antreten. Nur eine Doktorarbeit ist der Nachweis für Expertise und Glaubwürdigkeit, und keine Meister Titel, Fick und Blowjob Preise im Rotlicht Milieu.

Sie kannte einige ehemalige Sexarbeiter, die ebenfalls zum Thema Sexarbeit promoviert hatten, jedoch nur im englisch sprachigen Ausland. Nur zwei Frauen in Deutschland fielen ihr aktuell ein, die Sexarbeiterinnen, Aktivistinnen, Kollektiv Unternehmerinnen mit abgeschlossener Promotion waren.

Die unsichtbare Revolution hatte längst begonnen und Sexarbeiter auf der ganzen Welt legten neue Strukturen in dieser globalen Bewegung. Und mit der globalen Bewegung war Nadine verbunden, weil sie aufgrund ihrer vielen Reisen im In- und Ausland Sexarbeiter, Unterstützer und Aktivisten vor Ort persönlich kennengelernt hatte.

Bei ihrer Social Media Strategie mußte sie jedoch folgendes berücksichtigen: Auf Facebook waren im deutschsprachigen Raum hauptsächlich der Pöbel & die Alten unterwegs, die bildungsfern und resistent gegenüber jedweder Aufklärung und Fakten waren. Bei Twitter waren die Selbstgerechten unterwegs, die sich nur für ihre Bubble interessierten und teilweise im linksidentitären Fahrwasser schwammen. Also musste sie Streaming Formate für youtube, tic toc und Instagram entwickeln, um neue Verbreitungswege zu finden.

Bei Tic Toc entwickelten Kinder und Jugendliche durch die reine Anschauung von Videos mit Menschen mit Tourette Syndrom selber ein Tourette Syndrom. Ein interessantes Thema für die Hirnforschung, aber eine Herausforderung, jungen Leuten häppchenweise Aufklärung zu verabreichen. Am besten sie entwickelte in Bildzeitungsmanier Videos über die Entlarvung von Pretty Women Mythen, Loverboys als allgemeines Frauenschicksal und sexuellen Missbrauch durch kirchliche Sektierer. Hier brauchte man brillanten Content und ein zukunftsträchtiges Geschäfts- und Kommunikationsmodell. Als Social Media und Content Redakteurin war sie hier bestens geschult. Diese Medien wurden von Jungen genutzt und die Jungen sind die Zukunft.

Deshalb war sie auf Gedeih und Verderb gezwungen zu promovieren, um von Stakeholdern, Meinungsführern und Multiplikatoren endlich gehört zu werden. So wie die kleine Greta Thunberg, die sich durch kompromisslose Blockade Gehör verschaffte, weil die Rettung des Planeten wichtiger ist, als Schulstoff aus vorgestrigen Zeiten. Und dabei stand auch die Identitätspolitik im Wege, die die Sofa Aktivisten am kochen hielten. Linksidentitär ist leider die korrekte Bezeichnung dieser Politik der Spaltung, aber Nadine sah nicht ein, sich dieser katastrophalen Entwicklung anzuschließen, die leider erfolgreich in fast allen Medien-Redaktionen auf offene Ohren stieß. Aber wohlmeinende Kritiker wie Nadine gingen in diesem Identitätsgetöse einfach unter.

Es gab keine Interkonnektivität, keine freundschaftlichen und solidarischen Verknüpfungen innerhalb der deutschen Hurenbewegung und ihrer verfeindeten Netzwerke. Nadine selbst stand eher als Beobachterin am Seitenrand. Anders sah es im Ausland aus, wo noch gekämpft wurde und wo auch ihre Freunde waren. Ganz weit weg.

Es scheiterte offenbar am ausgeprägten Narzissmus der Meinungsführer innerhalb der Szene, die wohlwollende Kommunikationsprozesse zwischen unterschiedlichen Gruppen blockierten. Und dieser Charakterzug ließ es kaum zu, sich tatsächlich um die echten Probleme von Prostituierten zu kümmern, um gemeinschaftlich Lösungswege zu finden.

Im Vergleich mit dem Ausland, wo Kriminalisierung von Prostituierten an der Tagesordnung war, war die Hurenbewegung in Ländern mit liberaler Rechtsprechung ziemlich leise und wirkungslos. Die Interessenverbände suchten verzweifelt nach neuen Aufgaben, um eine gewisse politische Legitimation herzustellen und ihre Orientierungslosigkeit hatte sie anfällig für radikale Ideologien werden lassen. Mangels alternativer Berufsaussichten drängen nun Akademiker in die Bewegung, in Nichtregierungsorganisationen und in die Medien, die sonst arbeitslos wären. Es sind die Akademiker, die über Queer Theorie, Postkolonialismus, intersektionale Diskriminierung geforscht haben, was bei diskriminierten und benachteiligten Menschen zunächst auf fruchtbaren Boden fällt. Fakt ist jedoch, daß die rechtliche Gleichstellung in den westlichen Demokratien weitgehend erreicht ist und mit Fragen der Identität kein Blumentopf zu gewinnen ist, wenn es eigentlich um harte politische Interessen und Machtkämpfe geht. Früher erlaubte man sich, sich nur aufgrund von Glaubwürdigkeit, Expertise und Ausbildung um Positionen in der Bewegung zu bewerben. Heutzutage bilden sich Leute ein, daß allein Diskriminierungserfahrung und die Hautfarbe als sichtbares Zeichen einer Marginalisierung sie für Spitzenposten prädestiniere. Das haben die linksidentitären Teile der Hurenbewegung leider immer noch nicht verstanden, das dies nicht ausreichend ist, um komplexe politische Interessenpolitik erfolgreich durchzusetzen.



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