Kohle: Kapitel 18

Die glücklichste und zugleich grösste Geringverdienerin in der Prostitution war eindeutig Nadine. Während ihre Kolleginnen aus ärmeren Ländern sich mit ihrem Körpereinsatz Immobilien kauften, Geschäfte und Restaurants in ihrer Heimat eröffneten, versanken die meisten deutschen Huren irgendwann in Altersarmut und Sozialhilfe. Dies war die einzige Sorge, die Nadine ständig umtrieb. Die Sorge war begründet, da ihre Einkünfte niemals reichten, um zu sparen, um in die Altersvorsorge zu investieren. Aber sowas interessierte die Jungen aktuell nicht, die Nadine lieber in Awareness Programme schicken wollten.

Die größte Gefahr für Sexarbeiter ging vom Pöbel aus. Die größten Gefahren der Menschheit waren Gewalt und Fundamentalismus.

Nadine fühlte sich schon seit ihrer Jugend zu Tunten, Transen und Prostituierten hingezogen, weil sie selbst Außenseiterin war, sich in der akademischen und bürgerlichen Welt wie ein Fremdkörper fühlte und nur ihre Heimat bei Künstlern und Ausgestoßenen fand.

Ihr Mann, der innerhalb von 60 Sekunden abspritzte wie ein Krokodil, liebte als Künstler runde Prachtärsche, schlanke Fesseln und glückliche Frauen. Keine knochigen Bürokraten-Ärsche oder verkniffene Frauen mit hängendem Mundwinkeln und Doppelkinn wie Dr. Angela Merkel.

Die meisten Frauen hatten auch einen Haltungsschaden, konnten nicht gerade, sondern nur mit vorgebeugten Schultern laufen, um sich unsichtbar für gierige Männeraugen zu machen. Da steht doch schon Opfer auf der Stirn geschrieben und die Wissenschaft belegt, dass meist keine Sexbomben vergewaltigt werden, die mit geradem Gang auf High Heels betören, sondern unscheinbare Frauen mit Haltungsschaden. Frustrierte Frauen sahen immer aus wie ein Nußknacker. Kaum ein Lächeln auf den Lippen, verbittert, einsam, alkoholabhängig. Viele mit Schulden und alleinerziehend. Da will doch kein Mann mehr ran. Wer will schon Jammern, Wehklagen, vollgeschissene Windeln ertragen, wie eine Frau begehren, deren einzige Aufmerksamkeit sich auf die Nachkommenschaft konzentriert? Denen erotische Anziehung völlig abhanden gekommen ist und die sich niedliche Dildos in Form blauer Delphine einführen? Nadine wollte keine verbitterte Mutter werden, keine Ausgeburt an Fruchtbarkeit, keine Frau, die jeden anerkennenden Pfiff auf der Strasse als patriarchalen Übergriff verstand. Sie wollte lachen und fröhlich sein, wie ein Kind, wo sie noch tanzend und lachend in die Kamera geschaut hatte.

Warum laufen die Männer also bitte reihenweise zu Prostituierten?

Männer mögen keine keifenden Frauen, die den Verkehr eingestellt haben, sondern gute Zuhörerinnen, die auch noch Spaß hatten, mit ihren Schwänzen zu spielen. So einfach war das.

Im Prinzip war die Bewegung ein ständiger Trigger. Auch aufgrund verletzender und unachtsamer Aussagen von Weggefährten. Empathielose Ungeheuer, die sich ausgerechnet die Rettung der Menschen- und Hurenrechte auf die Fahnen geschrieben hatten. Auch hämmerten regelmäßig die internationalen Schlagzeilen auf sie ein, wenn Kolleginnen zu Tode kamen. Und ihr war bewusst, dass die meisten Toten überhaupt nicht den Weg in die Schlagzeilen fanden.

So hockte sie im digitalen Maschinenraum und versuchte, die Küken zu schützen. Damit sie nicht in die gleichen Fallen tappten wie sie. Prostitution ist ein Lernprozess und als Anfänger ist man den höchsten Risiken ausgesetzt, genau wie meist junge und unerfahrene Frauen in der Schußlinie stehen. Also musste diese Sicherheitslücke mit allen Mitteln geschlossen werden.

Deshalb empfand sie Identitätspolitik und Sprachpolizei in der Bewegung völlig kontraproduktiv, da auf undemokratische Weise eine Symbolpolitik die eigentlichen Probleme kaschierten und nicht lösten, nämlich Fundamentalismus und Gewalt, Armut und Dummheit.

Sie war in einem übergriffigen und bildungsfernen Elternhaus aufgewachsen, mit Roger Whittaker, dem Blauen Bock und Wim Thoelke im Abendprogramm. Schlager und Volksmusik erfüllten alle Kriterien der Folter, genau wie die Lektüre der Bildzeitung. In diesem Milieu hatten Kinder und Frauen keine Rechte. Wo 99% ihrer Nachbarn Asis waren, von denen genauso viel toxische Gefahr ausging wie von Gläubigen, die alles Fremde ablehnen und mit Baseball Schlägern auf Tunten, Transen, Ausländer und Nutten losgingen.

Und nun wollte sie die Sprachpolizei in Awareness Programme schicken, um sie über Rassismus aufzuklären? Ausgerechnet sie, die die Grundlagen des Antisemitismus, die Vorurteilsforschung, Feminismus und Gendertheorie schon vor 25 Jahren an Universitäten unterrichtet hatte und deren Freundeskreis schon immer bunt und divers war, wie es neudeutsch heisst. Die Gutmenschen waren von der Idee besessen, die Welt mit einer Bevormundungspolitik, einer elitären Sprachpolizei und Konzepten aus dem Elfenbeinturm zu erlösen, aber da bissen sie bei Nadine auf Granit, die eine strenge Empirikerin war und die Ursachen des Faschismus lange studiert hatte.

Mit ihrer speziellen Werbung und Preispolitik gelang es Nadine gezielt, das linke, aufgeklärte und linksliberale Milieu anzusprechen, um sich den bildungsfernen und gefährlichen Pöbel vom Hals zu halten. Aus der Einstellungsforschung wusste sie, dass das linksliberale Milieu am intelligentesten und ungefährlichsten war, weshalb ihr mit Kunden auch nie wieder Gewalt widerfuhr. Aber solange die meisten Huren geld- und konsumgeil waren, wurden alle Sicherheitsbedenken über Bord geworfen. Jetzt brauchte es einen Masterplan und Wissen über Sexarbeit von Profis für die ungebildete Masse.



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