Kohle: Kapitel 16

Nadine war nicht für das Glück gemacht. Sie leistete zwar Sisyphusarbeit, aber im Regelfall ohne Anerkennung und Wertschätzung. Sei es die berufliche oder politische Arbeit. Sie lebte in einer Art Vakuum, weil die Kommunikation mit anderen Menschen oft nicht funktionierte. Wenn Ausländer mit ihr englisch sprachen, verstand sie kaum ein Wort. Sie hatte immer Probleme, wenn sie mit Spaniern, Franzosen oder Chinesen sprach und konnte nicht folgen. Anders, wenn sie sich mit Engländern unterhielt. Wenn man in einem internationalen Unternehmen mit 100 Nationalitäten an Bord Englisch als Betriebssprache teilt, geht häufig Information verloren, weil es nicht nur ihr so ging. Sie hatte auch nicht mehr so viel Gelegenheit, englisch zu sprechen, weshalb sie sich auf unsicheren Terrain bewegte. Ihre Präsentationen in deutscher Sprache waren ausgezeichnet, aber in der englischen Sprache haperte es ein wenig und sie war mit sich selbst unzufrieden.

Immerhin war es ihr trotz Widerständen gelungen, einen erfolgreichen Spendenfonds für Sexarbeiter durchzusetzen, aber ihre anderen Projekte verschwanden alle im digitalen Sumpf. Projekte, an denen sie lange gearbeitet hatte, teilweise ehrenamtlich und über viele Monate und Jahre. Es war einfach zum verzweifeln. Deshalb mußte sie etwas bleibendes schaffen und das waren Bücher, damit all ihr Wissen nicht in den digitalen Welten verloren ging oder gelöscht wurde. Sie selbst hatte ja nicht nur ihre Doktorarbeit zerstört, sondern auch zwei Blogs gelöscht, an denen sie 12 Jahre gearbeitet hatte. Sie hatte auch schon einige Bilder ihrer Kunstsammlung zerstört und einmal ihre Wohnung komplett auseinandergenommen. Das war in Momenten der Krise, wo sie noch unbehandelt war und keine Medikamente einnahm. Da gab es Trigger Momente, wo Nadine panisch und aggressiv wurde und sogar Seerosen aus einem Teich riß, als sie mit ihrem Freund, dem Buchhändler, vorbei paddelte. 

Der Buchhändler, der sie später aus dem Bordell erfolglos retten wollte. Sie hatte ihn zu einem sehr kritischen Zeitpunkt kennen gelernt, als sie gerade ihre Doktorarbeit verbrannt hatte und keine neuen beruflichen Schritte gehen konnte. Der Buchhändler hatte sich rührend um sie gekümmert, hatte versucht, sie aus ihrer Depression heraus zu holen, hatte ihr Geschenke gemacht, Kunst und Bücher, damit sie durch die Ästhetik und Schönheit getröstet wird. Aber es war alles vergebens. Und sie hatte die vergebliche Mühe so satt. Dabei ist die Liebe das wichtigste auf der Welt, weshalb sie später von London nach Berlin zurück zog, um mit ihrem Mann zusammen zu sein. Es war klar, daß es ein Künstler und Intellektueller sein mußte und als sie ihren Mann kennenlernte, gewann sie den Eindruck, sie hätte einen ungeschliffenen Diamanten entdeckt. Ein Mensch, dessen Wesen funkelte, und der aufgrund von Armut von den Frauen ignoriert wurde. Als sie ein Paar wurden, wurden plötzlich einige Frauen nervös, die ihn zuvor links liegen gelassen hatten. Erst durch die Anwesenheit von Nadine gewann der Künstler an Wert und damit das Interesse dieser Frauen, die sie erst mal weg beißen mußte. Einmal stellte sie sich vor diesen Hyänen auf und meinte laut „das ist mein Mann“, um mal klar die Grenzen dieser Damen aufzuzeigen. Jedenfalls war es erstaunlich, das viele Frauen aus ihren Löchern krochen und versuchten ihre Rechte geltend zu machen, wenn sie in einem Konkurrenzverhältnis zu einer anderen Frau standen. Nadine hatte den Eindruck, dass sie sich garnicht für die Persönlichkeit ihres Mannes interessierten, sondern nur darum, einen Mann zu erobern, um ihn anschließend wieder wegzuwerfen. Zumindest hatte sie es bei diesen Frauen, die sie gut kannte, zuvor beobachtet.

Jedenfalls war es erstaunlich, wie sie in den letzten 20 Jahren alle Krisen gemeinsam bewältigt hatten und das sie nach ihren vielen Reisen und Auslandsaufenthalten überhaupt ein Zuhause gefunden hatte. Ein Zuhause, in dem sie sehr glücklich war, wo sie in getrennten Arbeitszimmern arbeiteten und rund um die Uhr beisammen waren. Nadine hatte nicht die Kochlust ihrer Mutter geerbt, weshalb sie diese Aufgabe an ihren Mann abgab, aber sich sonst um die Versorgung kümmerte. Der Mann kochte immer westfälische Kriegsküche, aber mittlerweile war er auf internationale Küche umgeschwenkt und das Essen den Bedürfnissen von Nadine angepasst. Er hatte trotzdem viel Macht über sie. So hatte er ihr eine Katze verboten und erlaubte nur Pflanzenhaltung, um die er sich auch in Nadines Abwesenheit nicht kümmern konnte. Im Prinzip ging das ganze Geld nur für Computer, Computerzubehör, Rauchwaren, Spirituosen und Essen drauf. Außerdem mußten die Bilder des Mannes in einer Druckerei hergestellt werden, Kosten, die sie sich teilten. Jetzt hatte sie auch wieder eine Galerie gefunden, wo bald eine Ausstellung stattfinden sollte. Meistens verkaufte er nichts.

Früher verbrachte sie Jahre bei Tischrunden in Weinläden, aber auch dieser Genuss war ihr nicht mehr vergönnt, da die Ladenbetreiberinnen ihre eigenen besten Gäste waren und die Läden runter gesoffen hatten. Sie hatte auch noch einen Platz an einem Stammtisch in Berlin Kreuzberg, aber die Leute waren alles reiche Stinker, Professoren und Apotheker, Senatsangestellte, also alte weiße Männer und Frauen, mit denen sie nicht viel anfangen konnte, obwohl sie mittlerweile selber alt und weiß war. Sie war auf der Suche nach einem intellektuellen Kreis gewesen, so wie sie es während des Studiums erlebt hatte, als sie noch ihre Stammtische in Duisburg, Düsseldorf und München hatte. Und da sie ja den akademischen Zirkel verlassen hatte und ihren sozialen Status verlor, hatte sie keinen Anschluß mehr gefunden. Erst in der Hurenbewegung und bei ihren Reisen ins Ausland blühte sie wieder auf, um im Alter ihre Ruhe am Schreibtisch zu finden. Sie vermied nach Möglichkeit die Wohnung zu verlassen, weil sie nicht mehr jung und schön war und sich unansehnlich fand. Das wollte sie ihrer Umwelt einfach nicht mehr zumuten. 



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