Kohle: Kapitel 15

Nadine mochte nicht mehr an ihre letzte Arbeitsstelle erinnert werden, an ein Unternehmen, für das sie mehr als zehn Jahre gearbeitet, ja sich den Arsch aufgerissen hatte. Nur mit Hilfe von einigen Vorgesetzten war es ihr in letzter Sekunde gelungen, endlich dieses Netzwerk zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Nadine schön aufgelöst, mitsamt ihrer Arbeit, in die sie so viel Zeit und Herzblut investiert hatte. 

Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, wurde aufsässig und aggressiv ihren Kolleginnen gegenüber, sie stand kurz vor der Einweisung in die Psychiatrie, die ihr schon dreimal das Leben gerettet hatte.

Sie war dermaßen traumatisiert durch das schlechte Arbeitsklima und ihrem Wissen um entsetzliche Straftaten, daß sie auch nach ihrem Ausstieg Anfälle von Übelkeit überkam, sobald sie auch nur an das Unternehmen dachte. Es war ein ständiger Trigger.

Ihre ganze Arbeit war vergeblich gewesen, denn nach ihrem Ausstieg wurden all ihre Projekte eingestampft und verschwanden auf Nimmerwiedersehen aus dem Netzwerk. In diesem Netzwerk hatte sie miterleben müssen, wie vor ihren Augen schwere Straftaten stattfinden konnten, ohne die Täter jemals zur Rechenschaft zu ziehen. Das Primat des Wachstums war die Ursache, wo an digitaler Sicherheit überhaupt nicht zu denken war. Nur dieses Primat hatte es erlaubt, alle ethischen Bedenken auszuschalten und die Mitarbeiter in stille und schweigende Komplizenschaft zu ziehen. Seit sie das erste Mal im Netzwerk mit Kinderpornografie und Zwangsprostitution konfrontiert wurde, begann sie alle Sicherheitslücken zu identifizieren und Konzepte zu entwickeln, die zugunsten des Wachstums in Schubladen verschwanden und niemals das Licht der Welt erblickten. 

Es wäre so einfach gewesen, Maßnahmen zu ergreifen, um weitere Straftaten zu unterbinden. Stattdessen wurde eine eigene Abteilung gegründet und Straftaten dorthin ausgelagert und bearbeitet. Diese Abteilung wuchs und wuchs, während Nadine immer kleiner wurde und ihre Trauer um die Opfer immer größer. Was sie besonders traurig stimmte, war die Tatsache, dass auch alle Kolleginnen und Sexarbeiter nur die Schultern zuckten, wenn sie das Thema ansprach. Deshalb war auch keine Kommunikation möglich und Nadine isolierte sich zunehmend innerhalb ihres Teams. Fast jeden Tag weinte sie und flehte in stillen Gebeten bei Gott um Unterstützung, sie endlich aus diesem Höllenloch heraus zu holen. Denn sie war auch schon zu alt für den Arbeitsmarkt, um jemals wieder einen neuen Job zu finden. Als Frau jenseits der 50 mit ihrem Werdegang und öffentlichen Outing als Prostituierte war es in Deutschland absolut ausgeschlossen, einen Job zu finden. Selbst bei Arbeitgebern, die sich für Prostituierte und ihre Gesundheit engagierten, war jede Initiative vergeblich. So oft es Nadine über viele Jahre auch probierte, obwohl sie die formalen Qualifikationen erfüllte und die notwendigen Erfahrungen mitbrachte.

Niemals wurde eine echte Sexarbeiterin eingestellt, wobei Sexarbeiter in der Stellenausschreibung explizit aufgefordert wurden, sich zu bewerben. Das war alles eine völlig verlogene Scheiße und nur Leute mit Fake Biografien, selbst Fake-Sexarbeiter, also Leute, die in ihrer Biografie Sexarbeit zur Vorteilsnahme vortäuschen und die durch Opportunismus und Staatstreue auffielen, wurden rekrutiert. Nadine hatte einige dieser Fake Sexarbeiter enttarnt, genauso wie sie die wahren Machenschaften aufdeckte, die hinter Prostitutionsgegnern und ihrer Spendenindustrie stehen. Sie hatte auch darüber geschrieben, aber es interessierte sich niemand für diesen ganzen Fake, mit dem die Bevölkerung verarscht wurde, die sich durch mediales Framing und Junk Science eine Meinung über die Rotlicht Branche bildeten.

Zwar wurde sie häufig zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber wenn die neuen Arbeitgeber erfuhren, für welches Unternehmen sie zuletzt gearbeitet hatte, schlugen alle die Hände über den Kopf zusammen und lehnten die Zusammenarbeit mit Nadine mit fadenscheinigen Ausreden ab. Das Unternehmen hatte ein so schlechtes Image, dass niemand etwas mit Nadine zu tun haben wollte. Sogar von Prostituierten, Aktivisten und Akademikern, die sie gut kannte und die ihre Doktorarbeiten über Prostitution schrieben, wurde sie geschnitten, manchmal bemitleidet, dass sie für dieses Unternehmen tätig war. Sie wurde von weiten Teilen der Rotlicht und Unterstützer Szene gemieden, weil sie für dieses Netzwerk arbeitete. Aber niemand streckte die Hand aus und bot ihr Hilfe oder Unterstützung an. In der Szene der selbst berufenen Lifestyle -Aktivisten für Hurenrechte hatte sie zumindest in Deutschland niemals Solidarität erfahren, nur von außen, von ihren Freunden im Ausland, die versuchten, sie vergeblich aus der Isolation zu holen. Sie hätte ins englischsprachige Ausland gehen müssen, wo es kein Problem war, als ehemalige Prostituierte mit ihrem Wissen und praktischer Erfahrung einen Job in der Sozialarbeit zu bekommen. Alternativ hätte sie in einer NGO arbeiten können, als Politikwissenschaftlerin. Aber nach all ihren Erfahrungen mit Vereinen, Verbänden und NGOs war sie zu der Überzeugung gekommen, daß es völlig sinnlos ist, sich dort weiterhin zu engagieren.

Stattdessen mußte sie in Berlin bleiben, weil sie ihren Mann nicht zurücklassen wollte, der schon alt und krank war und dessen Rente nicht zum Leben reichte. Ihr Mann hatte nicht mehr die Kraft für einen Neuanfang im Ausland. Und sie wollte ihn auch nicht im Stich lassen, wo er sich doch als Einziger rührend um sie gekümmert hatte, wenn sie über Monate in der Psychiatrie einsaß. Sie hatten beschlossen, gemeinsam unterzugehen. Lebenslang Deutschland. Das war ihr gemeinsames Schicksal, dem sie sich nicht entziehen konnten. Sie hatten sich beide zeitlebens in und an diesem Land namens Deutschland abgearbeitet und ertrugen ihr Schicksal ähnlich wie die Schriftsteller Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek in Österreich. Schon der Literaturkritiker und Auschwitz Überlebende Reich-Ranicki hatte immer betont, dass Deutschland ein völlig verhunztes Land sei. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem Auschwitz kroch. Die Themen Rassismus und Antisemitismus werden erst jetzt in den Medien hochgekocht, nachdem der NSU und andere Mörderbanden Mitbürger und Politiker reihenweise töteten. Seitdem kann niemand mehr an der braunen Soße vorbeisehen, die überall aus den Ritzen kriecht. Nadine erinnerte sich an die Zeiten Anfang der neunziger Jahre, Solingen, Rostock, anderswo … Wo Menschen von Nazis auch heimtückisch ermordet wurden, daran, wie sie selbst von schwer bewaffneter Polizei eingekesselt und über viele Stunden festgehalten wurde, nur weil sie an einer Mahnwache in Solingen teilnahm.

Niemals würde sie vergessen, wie viele ihrer ausländischen Freunde in Berlin und London von der Polizei behandelt wurden, wieviel Rassismus sie regelmäßig im Alltag ertragen mußten, wobei Nadine mehrfach Zeugin wurde. Dieses Land ist einfach verhunzt und das wissen auch alle Wissenschaftler, die sich intensiv mit diesen autoritären und destruktiven Strukturen seit den Anfängen der Bundesrepublik auseinander gesetzt haben.

Es war ihr Schicksal, in Deutschland zu verrecken und nicht ihr Glück in England oder USA zu finden, wo sie lange glücklich studiert, gelebt und gearbeitet hatte.



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