Kohle: Kapitel 14

Nadine entschied sich, weiterhin im Hintergrund zu agieren, quasi als graue Eminenz mit Rat beiseite zu stehen, aber die Jungen machen zu lassen. Sie war selber in einem Alter angekommen, wo man eher die beobachtende und beratende Rolle einnimmt. Ansonsten hockte sie im digitalen Maschinenraum der Bewegung und der Rotlicht Industrie und war darauf bedacht, daß ihre Küken beschützt wurden. Da sie keine Kinder hatte, konzentrierte sich ihre Fürsorge auf ihren Mann und auf die Huren. In den vielen Jahren in der digitalen Welt der Adult Industry hatte sie Wege gefunden, nützlich für die Bewegung zu sein, auch wenn sie nun auf der anderen Seite der Macht arbeitete.

Sie machte das Monitoring seit 20 Jahren, seit 10 Jahren professionell. Das bedeutet in digitalen Netzen zu arbeiten und mit verschiedenen Gruppen in Verbindung zu sein. Sie sammelte Informationen über Jahrzehnte, um sie dann in einen digitalen Automaten zu spucken. Sie nannte das Online Outreach und wurde Expertin auf diesem Gebiet. Ihr war schon früh klar, dass das Internet einen Weg bot, mit Sexarbeitern in Verbindung zu bleiben und sie mit nützlichen Informationen zu versorgen. Ihre Großmutter hatte ihr ja vorgeschlagen, beim Geheimdienst zu arbeiten und in gewisser Weise machte sie das auch und legte wie eine Glucke die Flügel über den Nachwuchs und nahm sie virtuell unter ihre Fittiche. 

Nadine war besessen von den sozialen Medien und dem Internet. Ständig hielt sie Ausschau nach Informationen. Sie hatte Probleme einzuschlafen, weil sie kaum abschalten konnte. Sie stand unter Zeitdruck, weil sie noch so viele Aufgaben zu erfüllen hatte und sie die Sorge umtrieb, dass sie sie in ihrer begrenzten Lebenszeit nicht alle erfolgreich ans Ziel führen könnte.  Manchmal lag Nadine mit offenen Augen in der Dunkelheit wach und zerbrach sich den Kopf. Ständig versuchte sie Prozesse zu optimieren, die Kommunikation zu verbessern und gleichzeitig ihren Kopf nicht zu überfordern. Ihre Psyche war ihre Achillesferse und sie durfte nicht wieder bis zum Zusammenbruch arbeiten. In manischen Phasen konnte das durchaus vorkommen. Also bewegte sie sich ständig auf dünnem Eis.

Ihr Forschergeist drang auch in die Untiefen der virtuellen Welten ein, ins Darknet, in die Algorithmen und sie begann sich mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Sie war davon überzeugt, dass man nur mit Intelligenz die Probleme in der Sexarbeit lösen könne. Auch gelang es ihr, in diesem Bereich beruflich zu arbeiten und Geld zu verdienen. Schließlich entschied sie sich, ihre Doktorarbeit abzuschließen. Nach 20 Jahren Forschung in der internationalen Sexindustrie und im Austausch mit internationalen Netzwerken online und offline, war einfach der Zeitpunkt gekommen, wo sie alle ihre Erkenntnisse der Wissenschaft zur Verfügung stellen wollte.

Sie entschied sich, über Peer Strukturen zu schreiben, ihrem Lieblingsthema seit ihrem Indien-Besuch. Nur in Indien waren aus ihrer Sicht die größten Erfolge in der internationalen Hurenbewegung gelungen und sie wollte dieses Wissen nutzen, um auch in Deutschland ähnliche Strukturen zu schaffen, vor allem virtuell, weil die meisten Sexarbeiter im Netz aktiv waren und nur noch selten auf der Straße, wo es bereits Outreach Strukturen gab. Aber anderswo gab es große Versorgungslücken.

Ihre Doktorarbeit war von der Einsicht begleitet, daß Gewalt in der Prostitution weltweit verbreitet ist. Ursache ist nicht nur eine verletzliche Position von Sexarbeitern, Marginalisierung und Stigma, sondern der fehlende Zugang zu Wissen rund um Sexarbeit, um Risiken in der Sexarbeit zu minimieren. Ihre Forschungsarbeit sollte Perspektiven und Projekte aufzeigen, um den Mangel an Wissen und Information zu überwinden. Dies mit bereits bestehenden Praxisbeispielen, die in Selbsthilfe-Strukturen entwickelt wurden. In Indien konnte durch Peer-to-Peer Arbeit in den größten Rotlichtvierteln Südostasiens Gewalt und Zuhälterei eingedämmt, Strukturen selbstbestimmten Arbeitens gelegt und die HIV-Rate in den letzten 30 Jahren stark gesenkt werden. Wenn auch in der westlichen Welt Peer-Netzwerke stärker unterstützt werden und Ressourcen bereitgestellt, könnten Sexarbeitende professionalisiert und entstigmatisiert und das Gewalt- und Gesundheitsrisiko radikal gesenkt werden. 

Das Problem war doch folgendes:

Prostitution ist kein Ausbildungsberuf, aber als Beruf anerkannt. Ohne Ausbildung, Bildung und Wissen können Sexarbeiter ihre Arbeit nicht professionell ausüben und das bedeutet gesund und sicher bleiben. Während das Thema Beratung im Internet für Prostitutierte noch unerreichbares Ziel von staatlichen Runden Tischen zur Prostitution ist und einige wenige Fachberatungsstellen ihr Angebot auch um Online Beratung ergänzen, ist eine Infrastruktur weltweit entstanden, die von und für Sexarbeitende organisiert ist. Dazu zählen ehrenamtliche Initiativen am Straßenstrich, die Erweiterung des Beratungsangebots einiger Fachberatungsstellen im Internet, selbst organisierte Gruppen, die in den sozialen Medien oder als NGOs hörbar werden sowie gemeinnützige Initiativen und Projekte, die innerhalb von privatwirtschaftlichen Unternehmen angesiedelt sind.

Bislang besteht das Problem, dass der Zugang zu Wissen rund um sichere Sexarbeit ziemlich hochschwellig ist oder Ressourcen kaum vorhanden sind. Also Geld. Knapp 80% aller Sexarbeitenden in Deutschland sind Migranten, die aufgrund von Sprachbarrieren und kulturellen Gründen kaum Zugang zu Beratung und Unterstützung finden oder erst zu spät, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, das bedeutet, das sich krisenhafte Entwicklungen so sehr manifestiert haben, das Sexarbeiter von Hilfe abhängig sind. Verbände und Vereine, die in Deutschland Prostituierte vertreten und hochschwellige Öffentlichkeitsarbeit machen, werden von der Mehrheit der Sexarbeiter:innen einfach nicht verstanden. Migrantische Sexarbeitende fühlen sich durch einen politischen Berufsverband, der von deutschen Sexarbeitenden geleitet wird, auch nicht repräsentiert.

Beratungsstellen, die aufsuchende Beratung anbieten, konzentrieren sich mit wenig Ressourcen auf den Straßenstrich oder vereinzelten Bordellen. Die Mehrheit der Sexarbeitenden arbeitet jedoch nicht ständig am gleichen Ort, die Szene ist von hoher Fluktuation, Mobilität und häufigen Standortwechseln geprägt, was den Aufbau eines Vertrauensverhältnis zu Sozialarbeitenden erschwert, in einer Krisensituation Hilfe anzunehmen. Aufsuchende Arbeit findet in den meisten Fällen nicht statt und kann es aufgrund knapper Ressourcen auch gar nicht. Sexarbeitende in Privatwohnungen werden genauso wenig erreicht, wie Prostituierte, die in Hotels oder in Wohnungen von Kunden arbeiten, in sogenannten Terminwohnungen und in ständig wechselnden Städten und Ländern. 

Es bestehen also zwei Herausforderungen: mit wenigen Ressourcen eine breite Zielgruppen-Ansprache zu erreichen sowie mehrsprachige Hilfe-Infrastrukturen im Internet aufzubauen, an strategischen Schnittstellen, wo Sexarbeitende tatsächlich auch erreicht werden, die sonst unerreichbar sind oder die sich in einer Krisensituation keine Hilfe suchen. Insofern kommt der Präventionsarbeit hier eine Schlüsselstellung zu, denn noch immer ist es so, daß Gewalt gegen Sexarbeitende weit verbreitet ist. International werden zwischen 45-75% aller Sexarbeiter:innen regelmässig Opfer von Gewalt. Und es sind hauptsächlich Prostitutionsgegner, die diese Tatsache für ihre Zwecke ausnutzen und gefährliche Sexkaufverbote fordern.

Nadines Forschungsarbeit sollte also nun alle Informationen über Hilfe Strukturen zusammen tragen, die von Sexarbeitenden in Deutschland und Europa in den letzten 20 Jahren entwickelt wurden. Ihre Arbeit sollte Perspektiven aufzeigen, effiziente Hilfsangebote im Internet zu entwickeln. Die Mehrheit aller Sexarbeitenden bahnt den Kundenkontakt über das Internet an; nur noch ein Bruchteil auf dem Straßenstrich, wo die Mehrheit keinen Zugang zu Technologien hat.

Professionalisierung bedeutet die Risikominimierung in der Sexarbeit, auf gefährliche Kunden zu treffen, die Reduzierung von Gewalt- und Gesundheitsrisiken, auch online Bedrohungen. Eine effiziente Aufklärung im Internet ist der Schlüssel, um Zielgruppen zu erreichen, die ohne Ausbildung und Bildung noch höheren Risiken ausgesetzt sind. Die bereits vorhandenen Strukturen gilt es zu stärken und bekannt zu machen und um weitere Angebote mehrsprachig und niedrig schwellig zu erweitern. Professionelle Sexarbeit für wenige privilegierte Menschen kann nicht die Regel sein, sondern die Verbreiterung eines Online Angebots von Wissen in die Tiefen der verschiedenen Prostitutionsmilieus hinein, die bislang noch unerreichbar sind.

Letztlich hatte sie selber solche Selbsthilfe-Strukturen online und offline aufgebaut und Nadine kannte die Szene sehr gut. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, wo sie ja aufgrund vieler Reisen in persönlichen Kontakt mit Netzwerken stand. Also machte Nadine ihre Arbeit der letzten 20 Jahre selbst zum Forschungsgegenstand. Ihr Schicksal erfüllte sich.



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