Kohle: Kapitel 13

Was viele Sexarbeit Aktivisten immer noch nicht verstanden hatten, die sich hauptsächlich selbstreferentiell in einer kleinen Sexwork Bubble im Internet bewegen, und die meist von Gender und LGBTIQ Themen frequentiert ist:  Für unterprivilegierte Prostituierte in Deutschland, denen technischer Onlinezugang, Kenntnisse der deutschen Sprache und/oder ausreichende Medienkompetenz fehlen, führt das Internet zu keinem Empowerment und sie sind deshalb kaum mobilisierbar oder organisierbar im Netz. Organisation entsteht nur an der Basis in persönlichen Gesprächen. Wenn sich hier jedoch verschiedene Gruppen bekämpfen, ist auch diese Form der Selbst-Organisation zum Scheitern verurteilt. Gleichzeitig bleiben die Potentiale neuer Technologien für die Organisationsmacht im Internet fast ungenutzt. Wobei eine Ursache die Zensur von Adult Content ist, das die Werbung und die Kommunikation von Prostituierten in den sozialen Medien einschränkt.

Ein Denkfehler besteht darin, daß man träumt, auf der Straße mit Pappschildern und Bannern bewaffnet, die Welt verändern zu können. Bei der geringen Zahl mobilisierter Sexarbeiter, die öffentlich sichtbar werden, sind aber diese Aktionen nach außen unwirksam und nur im Bereich des Empowerments von Prostituierten maximal identitätsstiftende Events. Dabei geht die wichtige Arbeit hinter den Kulissen erst richtig los. Die leise Arbeit, die für die Öffentlichkeit und damit auch für die Mehrheit der Prostituierten unsichtbar ist. Das Digitale ist nur ein Verstärker von Kommunikation, aber die persönliche Ansprache an der Basis ist der Schlüssel. Man kann keinen politischen Verband etablieren, wenn nur Blog-Geschichten und Online Sachen gepostet werden. Das bedeutet, daß Online-Aktivismus in dieser Form eine marginale Rolle spielt und nur einen selbstbestätigenden Charakter bei den postenden Personen hat.

Wenn man diese digitale Entwicklung in den letzten 10 Jahren beobachtet, ist es doch immer wieder erstaunlich wie pedantisch und gläubig viele Menschen sind und dass Verschwörungstheorien, Prostitutionsmythen, das Happy Hooker Narrativ, Sexkaufverbotsforderungen, inklusive Lügen und Junk Science sowie die Sprachpolizei der neuen Puritaner auf Beifall stossen und das veröffentlichte Gespräch bestimmen. Man hat in einer digitalen Bubble das Gefühl, daß Aktivisten in einer Zeitkapsel leben, die nicht an die Vergangenheit und Zukunft anschlußfähig ist. Wo ewig wiederkehrend die immer gleichen Beschwörungen aufgesagt werden, als folge man einem Heilsversprechen. Dabei verschärft eine autoritäre Sprachpolizei die Ungleichheiten in der Gesellschaft nur und schafft bei der Mehrheit keine Zustimmung und damit keine Anschlußfähigkeit. Sich über akademische Diskurse und verklausulierte Abkürzungen und Sprechweisen unverständlich zu machen, ist nicht ausgesprochen demokratisch und führt mittelfristig in die Selbst-Isolation.

Dabei ist die digitale Organisation von Interessen – nicht von Identitäten – für die Stärkung sozialer Bewegungen und Verbandsaktivitäten ausgesprochen sinnvoll. Es gibt jedoch keine Social Media Strategien der Verbände, um öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, sondern jeder postet wild drauf los. Die Notwendigkeit von Strategien ist aber gegeben, da politische Prostitutions-Verbände meist keine hohen Mitgliederzahlen vorweisen können und die Prostitutionspolitik kaum Bedeutung in der Öffentlichkeit hat, und auch kaum Relevanz in der Politik. Vergleicht man die politischen Berufsverbände mit dem ADAC, liegt der Anteil an Mitgliedern und sichtbaren Aktivisten im Promillebereich im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Das bedeutet, daß es faktisch keine digitale Reichweite gibt, wenn man über deutschsprachige soziale Medien alle Nichtdeutschen und Migranten erreichen will, die die große Mehrheit bei den Sexarbeitern in Deutschland und Europa stellen. 

Die prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Prostitution sind ein weiterer Grund fehlender Organisation. Nur wenige Gutverdiener mit viel Zeit können sich politische Arbeit überhaupt leisten. Die vorhandene Schwächung von Prostitutionsverbänden kann nur aufgehalten werden, in dem die Verbände die Organisationsmacht in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen. Die klassischen Tugenden der Mitgliedergewinnung und Kampagnenführung sind sukzessive abhanden gekommen, weil sich die Verbände auf ihrer institutionellen Macht ausgeruht und Kompromisse am Verhandlungstisch angestrebt haben. Diese Kompromißhaltung ist mit der Respectability Politik einher gegangen und den Ausschluss abweichender Stimmen innerhalb der Organisation, die sich nun alternativ in anderen Gruppen organisieren. Die politische Führung der Hurenbewegung hat aufstrebenden, meist jungen Menschen kein Gewicht gegeben und radikaleren Stimmen nicht vertraut, auch um im Gespräch mit Politikern als respektabel und salonfähig zu erscheinen.

Um das Ruder rumzureißen, müßte es eine mitgliederorientierte Verbandspolitik geben, die mit neuen Methoden ein „Social Movement Unionism“ aufbauen müßte. Zu den Methoden zählen öffentlichkeitswirksame Aktionen, die mit anderen politischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen mediale Aufmerksamkeit auf die eigenen Forderungen und Ziele lenken sowie Druck auf Kontrahenten innerhalb der eigenen Bewegung aufbauen. Alle Mitglieder müssen von Beginn an in Entscheidungen über die Ziele und die Durchsetzung von Kampagnen eingebunden sein. Man muß wegkommen von der Vorstellung eines Service-Verbandes, der vermittelt über die Mitgliedsbeiträge die Interessen der Mitglieder vertritt und sie stattdessen zur Selbstaktivität auffordern, um Kampagnen selbständig durchzuführen. Kampagnen müssen kontinuierlich geführt werden über die Mittel von Demonstrationen, Pressekonferenzen, das Tragen von Emblemen der Hurenbewegung, Straßenblockaden, das Aufrufen zu Protesten und Boykotts sowie Mittel des zivilen Ungehorsams. Nur so läßt sich die angepasste Respectability Politik der deutschen Verbände brechen. Bislang bleibt die Hurenbewegung seit Jahrzehnten auf einer bloßen Mobilisierung und Empowerment Stufe stehen, die Vorstufe politischen Handelns. Die Mitglieder der Verbände müssen jedoch in die taktische und strategische Planung einbezogen werden. Sonst verbleibt noch jede gut gemeinte Initiative bei den Funktionären der Hurenbewegung. Es braucht also ein Konzept für die Organisation unterschiedlicher Interessen, das die Hegemonie der Basis, der Mitglieder und das Empowerment  in den Vordergrund stellt. Eine soziale Bewegung wie die Hurenbewegung ist nur dann erfolgreich, wenn die Mitglieder der Hurenbewegung aktiv beteiligt sind. 

Also muß an der Basis systematisch für Mehrheiten gekämpft und versucht werden, jede einzelne Sexarbeiterin und Sexarbeiter persönlich anzusprechen und für die Ziele des Verbandes zu gewinnen. Besonders wichtig dabei ist die Mitwirkung von Meinungsführern in der Hurenbewegung, die bislang nicht zum tragen kommt, da sich innerhalb der Bewegung Fronten gebildet haben, die keine Kooperation ermöglicht. Dies setzt jedoch eine andere Ansprache und Beteiligung voraus als bislang, die nämlich auch Persönlichkeiten berücksichtigt, die sich von den Verbänden abgewandt haben. Wie Nadine. 



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