Kohle: Kapitel 11

Nadine hatte eine kriminelle Ader. Das wusste sie früh. Ladendiebstahl, Einbruch, Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung und Körperverletzung gehen auf ihr Konto. Nur sie hat sich nie erwischen lassen und die Straftaten sind lange verjährt oder fanden im Kindesalter statt.

Sie machte dabei den Unterschied, dass sie Gründe anführte, warum sie damals nicht anders handeln konnte und warum sie sich gezwungen sah, kriminell zu handeln. Auch für arbeitslose und arme Freunde hatte sie Verdienstbescheinigungen gefälscht, um eine Wohnung zu finden oder einen kreativen Lebenslauf für Bewerbungsunterlagen entwickelt. Es hat auch immer wunderbar geklappt. Wenn die Hürden so hoch und sinnlos sind, um Anschluß in die Gesellschaft zu finden, dann müssen kreative Lösungen her. Nadine war in jeder Hinsicht kreativ und so entwickelte sie nach und nach ein Netzwerk aus Menschen und Ideen, die sie auf künstlerische Weise zum Ausdruck brachte. 

Nadine war auch sehr phantasievoll bei der Auswahl ihrer Pseudonyme und Künstlernamen. Als Performance Künstlerin nannte sie sich Goldschwanz, eine ironische Anspielung auf das Patriarchat des heiligen Schwanzes. Als Autorin schrieb sie unter verschiedenen Namen und als Sexarbeiterin hatte sie gleich vier Namen, die zum Einsatz kamen: Stella, Ariane de Saint Phallus, Diamond, Madame Claude. Was sie beruflich mit ihrem Mann vereinte, war die diskrete Kunst. Ihr Mann hatte die diskrete Malerei vor vierzig Jahren erfunden und entwickelt und war ein Pionier in der Computerkunst. Und das, was sie als Escortdame leistete, war ebenfalls eine diskrete Kunst aus Schauspiel, Psychologie und erotischer Kunst. Kunst heisst hier, dass man auch Sex zur Meisterschaft bringen kann. Sie war wortgewandte Meisterin in vielen Paysex Foren, moderierte zwölf Jahre geschützte Räume für Sexarbeiter und schulte Normalbürger in Liebeskunst an ihrer Love School. Diese Liebesschule hatte sie in Berlin gegründet, die später in Akademie Aspasia umbenannt werden sollte. Aber auch das Sex Coaching war nur eine Phase, wie alles bei ihr nur Phasen waren. Die Prostitution war auch nur eine Phase, die sie direkt in die digitale Phase führen sollte.

In ihren Erinnerungen meinte Nadine wiederholt, daß sie Anteil an etwas ganz Großem und Revolutionären habe. Das sie Teil der Bewegung ist. Die globale Bewegung der Prostitutierten, die sich nicht überall als Sexarbeiter bezeichnen wollen. Die Bewegung ist in den globalen Norden und den globalen Süden geteilt, aber die globale Dachorganisation ist nicht nur weiß. Im Westen ist die Hurenbewegung fragmentiert, sie verfolgen unterschiedliche Interessen und sprechen nicht mit einer Stimme. Die innovativsten Orte der Hurenbewegung sind Kalifornien, Indien und Afrika. Sie erzählte gerne von ihrem Wanderzirkus als Escort, wo sie in vielen Ländern dieser Erde Station gemacht hatte und dabei die seltsamsten Dinge erfuhr. Carol Leigh lernte sie in Las Vegas kennen, auch Robyn Few, Norma Jean Almodovar, Akynos, Cheyenne Doroshow und Cris Sardina. Carol war die Erfinderin des Begriffs Sexarbeit. Norma war erst ein kalifornischer Cop, bevor sie in die Sexarbeit einstieg. Cris koordinierte den Widerstand im Weißen Haus und Akynos die afro-amerikanische Bewegung der Sexarbeiter. Robyn, die leider viel zu früh verstarb, ist nach einem Gefängnisaufenthalt mit dem SWOP Projekt gestartet, das in allen Bundesstaaten Chapter hat. SWOP steht für Sexwork Outreach Project. Mit SWOP Australien gelang eine Entkriminalisierungspolitik im Bundesstaat New South Wales zu starten, was wiederum in Neuseeland Nachahmer fand. Sie hatte natürlich lange darüber nachgedacht, was eine Entkriminalisierungspolitik vereinfachte und welche Bedeutung Migration dabei hat. Nadine selbst hatte in Ländern mit Sexkaufverboten gearbeitet und am Straßenstrich in New York City Outreach Arbeit gemacht, das heißt direkt am Straßenstrich Unterstützungsleistungen für Sexarbeiter angeboten.

Die meisten internationalen NGOs werden durch Spenden oder den Gesundheitsministerien finanziert, um die niedrigen Raten sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) bei Sexarbeitern aufrechtzuerhalten, die HIV-Übertragung in der Sexindustrie zu eliminieren und Hepatitis-und STI-Infektionen bei Sexarbeitern zu reduzieren. Geld gibt es nur beim Thema Gesundheit, nicht bei Rechten, um gegen die Pharmalobby anzustinken, die verhindert, das Sexarbeiter den Zugang zu Gesundheitsdiensten und Generika finden. Deshalb haben politische Verbände immer Schwierigkeiten mit der Finanzierung, da sie meist nicht unmittelbar soziale Arbeit leisten und keine staatlichen Mittel erhalten. Sie sind von Spenden und NGOs abhängig, die lokale Programme finanzieren. Die afrikanische Bewegung hat sich direkt das beste Vorbild gesucht, nämlich die Bewegung in Indien, die flächendeckend Peer Programme entwickelt und damit sehr erfolgreich Präventionsarbeit und Gesundheitspolitik gemacht hat. Die afrikanischen Gruppen sind professionell organisiert, tragen den nötigen Kampfgeist und Know How, was man in vielen westlichen Staaten leider vermißt. Es sind Sexarbeiter mit Migrationserfahrung wie sie, die im Westen die Oberhand an der Basis haben. Davon völlig abgekoppelt sind politische Verbände, deren Führer immer noch weiß, privilegiert sind und das normal finden.

 In New York überlegte sie zu bleiben und ihr Glück an der Wall Street zu suchen. Generell riet sie Escorts, immer dort zu arbeiten, wo das meiste Geld sitzt, sonst lohne sich diese anspruchsvolle Arbeit nicht wirklich. Dies hatte sie aufgrund eigener Erfahrung über viele Jahre im Wanderzirkus gelernt. Aber die Vorstellung, illegal zu arbeiten und jederzeit mit Abschiebung rechnen zu müssen, hielt sie von der Idee ab. Sie kannte auch Fälle von Escorts, denen man in Deutschland traumhafte Gagen in New York versprochen hatte und die ohne Information, Wissen und Kontakten in die Fremde reisten, wo ihnen schlimme Dinge widerfuhren. Escorts fanden sich plötzlich in der Zwangsprostitution wieder oder ihnen wurden bei Orgien mit arabischen Kunden die Brustwarzen abgebissen. Andere wurden in Italien entführt und nur noch tot aufgefunden. Deshalb war Nadine überzeugt, dass man das Unglück an der Wurzel packen und ein globales Awareness Programm schaffen sollte, um Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in aller Welt Zugang zu Wissen, Rechte, Gesundheit und Obdach zu garantieren. Dieses Programm wäre in ein globales Maßnahmenpaket gegen Armut integriert, das vom globalen Norden finanziert würde. Nur mit diesem Programm könnte man es schaffen, Grundlagen für eine Sexarbeit zu schaffen, die keine Opfer schafft. 



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