Kohle: Kapitel 10

Nadine begann alle Brücken hinter sich abzubrechen und hakte auf ihrer Arschlochliste einen nach dem anderen ab. Überall dort, wo sich Kommunikation als Einbahnstraße erwies, zog sie einen Schlussstrich. 

Dabei dachte sie oft an ihre Eltern und ob sich auf die alten Tage noch ein Kontaktabbruch lohne. Aber der Krebs der Mutter stand wie ein Elefant im Raum. Ihr gefühlskalter Vater, der sie auch im fortgeschrittenen Alter regelmäßig mit Intrigen der Familie belästigte oder ihr Vorwürfe machte, das aus ihr nichts geworden war, blieb trotz allem ein Bezugspunkt. Die vielen Jahre, die sie bei ihrem Vater alleine aufgewachsen war, hatte eine besondere Nähe entstehen lassen. Schon als Kleinkind im Alter von 3 Jahren trommelte Nadine ihren Vater regelmäßig nach Verlassen der Wohnung zurück. Sie tobte und klopfte solange gegen die Tür, bis der Vater zurückkam und sie zur Arbeit mitnahm. Sie wollte nicht mit ihrer Mutter zusammensein und suchte jede Gelegenheit, um in der Nähe von ihrem Vater zu sein. Er spielte niemals mit Nadine, außer ganz selten ein Gesellschaftsspiel, wo er gegen das Kind spielte und vom Ehrgeiz gepackt war, zu gewinnen. Niemals ließ er zu, daß das Kind gewann. 

Indem der Vater sie mit in die Werkstatt und auf Baustellen nahm oder mit ihr verreiste, eröffnete sich für sie eine abenteuerliche Welt des Außen. Früher war ihr Vater Taubenzüchter gewesen, eine weitverbreitete Tradition nicht nur im Ruhrgebiet. An Wochenenden fuhren sie zu Ausstellungen, wo die putzigen Tiere in Käfigen ausgestellt wurden. Neugierig lief Nadine in den großen Hallen umher und durch die Gänge vorbei an den Käfigen und konnte kaum Unterschiede im Aussehen entdecken. Die schönste Taube wurde am Schluß prämiert und der stolze Besitzer konnte mit einer weiteren Medaille nach Hause fahren. Der Vater war sehr vertrauensselig und offenherzig und schloß schnell Kontakt mit Fremden. Deshalb besuchte man auch regelmäßig Bekannte, auch welche, die auf Bauernhöfen wohnten, in Hochhäusern oder langweiligen Einfamilienhäusern mit Kiesauffahrt. Dort konnte man sich meist freier bewegen als zuhause, wo alles verboten war. Kein Rumtollen, keine Freunde einladen, dafür Hausarbeit und Termine des Vaters erledigen. In so einem Geschäftshaushalt gab es mehr zu tun als woanders. Sie wurde permanent beschäftigt und hatte kaum freie Zeit, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auch Sport wurde ihr verordnet, den sie aus tiefstem Herzen haßte. Sie mochte weder Drill noch Dressur und danach sah für sie alles aus.

Aber die schönsten Zeiten mit ihrem Vater, waren immer die Reisen nach Spanien.  Wenn sie dort allein waren und im Winter Kaminholz in den nahe gelegenen Weinbergen einsammelten oder trockenes Pinienholz im Kamin verbrannten. Dann roch die Luft nach den ätherischen Ölen der Pinien und der Raum war von einer wohligen Wärme erfüllt, während alle anderen Zimmer ungeheizt blieben. Oder sie sammelten Schnecken nach einem starken Sommergewitter. Wenn sie nach dem Regenschauer in den Weinbergen herauskrochen und sie später bei der spanischen Tante im Kochtopf landeten. Denn der Vater hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Gärtner entwickelt. Nach getaner Arbeit kam José der Gärtner ins Haus und die Männer tranken einen Cognac. Über viele Jahre hatte sich eine Freundschaft entwickelt, obwohl es Sprachbarrieren gab und die Eltern kein spanisch und der Gärtner kein deutsch sprach. Die Eltern sprachen immer mit Händen und Füßen und die spanische Familie war begeistert. Dieses ältere Ehepaar lebte in einem typisch spanischen Haus mit Innenhof in einem winzigen Dorf an der Costa Blanca. Das Dorf hiess Teulada und hatte sich über die letzten 50 Jahre stark verändert. Verloren war der pittoreske Charme und eine Armee käseweißer und Bermuda Hosen tragender Trampeltiere ruinierte die schöne Aussicht.

Der Sohn des Gärtners gründete ein eigenes Bauunternehmen, um die Ferienhäuser der Touristen und Residenten aufzubauen. Die ganze Küste wurde dadurch verschandelt und zubetoniert. Nadine rechnete immer mit dem nächsten Erdbeben und dass die Kitschbuden in sich zusammen fallen.  Als sie im Alter von vier Jahren das erste Mal dort war, gab es noch ein Fischerdorf am Meer, dann einen Yachthafen, Apartmenthäuser und Restaurants, wo sich die Ausländer verlustierten. Auch der Vater kaufte sich ein kleines Motorboot und beachtete niemals die Regeln und Vorschriften. Mal rammte er bei der Ausfahrt aus dem Hafen andere Boote, dann versenkte er sein Boot versehentlich, als er in der Kneipe am Strand saß und angetrunken dabei zusah, wie sein Boot unterging. Das Boot hatte weder Rettungswesten, Rettungsringe oder Funkgeräte an Bord und im Notfall hätte es keine Hilfe gegeben. Aber Hauptsache überall damit angeben, dass man ein Haus und ein Boot hat. Es war zum fremdschämen. Gebildete Eltern wollten auch nichts mit ihren neureichen Eltern zu tun haben, auch wenn sie ein Mittelschichtsleben führten. Ihre Eltern hatten durch ihre Arbeit häufig mit Millionären zu tun. Der Vater reparierte ihre Häuser und die Mutter ihre Füße, denn sie war nach der Scheidung Fußpflegerin und Kosmetikerin geworden. Ihre Mutter hatte schon immer gerne Pickel ausgedrückt. Es war sozusagen ihr Traumjob, denn sie hatte als Drogistin in jungen Jahren gelernt. Sie empfand keinen Ekel, die Hühneraugen zu entfernen und die Zehennägel abzufräsen. Nadine gruselte es allein schon an den Gedanken.

Als Kind war sie von der Sonne so stark verbrannt, daß schon Bekannte ihre Eltern darauf ansprachen, warum sie nicht geschützt wurde. Aber die Eltern waren mit sich selbst beschäftigt und nicht damit, Sonnencreme zu verteilen. Und Nadine war froh, wenn sie nicht berührt und die klebrige Creme auf ihren Körper verteilt wurde, wo sich anschließend der dreckige Sand reinfraß, um eine Allergie zu verursachen.

Die Verwahrlosung hatte auch positive Seiten, denn bei vielen Gelegenheiten konnte sie sich absetzen und man ließ sie gewähren. Dadurch hatte sie manchmal Freiheiten, die kaum ein anderer in ihrem Alter hatte. Oft durfte sie ihren Vater in den Nachtclub begleiten, obwohl Kinder nicht zulässig waren. Aber in Spanien spielten die Kinder der Einheimischen bis Mitternacht auf den Straßen und das Leben fand in der Nacht statt. Und der Vater war auch ein zahlungskräftiger Gast und man ließ ihn gewähren. Er hatte immer eine ganze Flasche Krimsekt mit seinem Namen dort deponiert. Nadine beobachtete fasziniert die Erwachsenen, wie sie tanzten, soffen und immer lauter wurden. Nach Saufgelagen im Elternhaus kroch sie als Zweijährige schon unter den Tisch herum und griff nach Gläsern mit Resten vom Vorabend, beschnupperte sie und beschloß, sie zu probieren,

Jedenfalls war in den 70er und 80ern bei ihren Eltern immer Party und öffentliche Szenen einer Ehe angesagt und es gab kaum einen Abend, wo die Eltern zu Hause blieben. Dann mußte sie auf die Schwester aufpassen, die zu cholerischen Ausbrüchen neigte. Aber das beste war natürlich, bis Sendeschluss aufzubleiben und Filme zu schauen, die eigentlich für Kinder ungeeignet sind. 

Ihre Eltern waren ein sehr attraktives Paar und immer modisch gekleidet. Die Mutter las die Vogue, das zerlesene Exemplar ihrer Busenfreundin, die uns auch immer mit abgelegten und zerschlissenen Kleidern ihrer Tochter beglückte. Das Lesen der Vogue hatte die Mutter modisch und ästhetisch geprägt und sie entwickelte einen ausgezeichneten Geschmack. Auch Kochen konnte sie ausgesprochen gut. Der Fraß, den später die Haushälterin auftischte, war dagegen grausam, sodaß Nadine nach der Schule nicht nach Hause ging, sondern sich vom Taschengeld eine warme Mahlzeit kaufte. Die gute Küche ihrer Mutter hatte ihren Geschmack versaut und anspruchsvoll werden lassen. Wenn dann eine Haushälterin Essen aus der Dose zubereitete und es als hausgemacht ausgab, bemerkte sie sofort den Unterschied. Irgendwann begann sie ihren Vater zu beklauen, um sich täglich einen Imbiss zu kaufen.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.