Kohle: Kapitel 9

Als Nadine das allererste Geld im Bordell verdient hatte, 12,50€ nach Zahlung der Miete für einen Quickie bar auf die Kralle, da war sie ungeheuer glücklich, erleichtert, weil sie nun in der Lage war, wieder selbständig Geld zu verdienen. Moralische Bedenken hatte sie keine, da sie ein sexuell aktives Leben geführt hatte. Innerhalb kürzester Zeit arbeitete sie sich in der Preisliste auf Sterne Niveau hinauf und wechselte dann schnell von Bordellen in die selbständige Sexarbeit eines Independent Escort, wo sie zuletzt nur noch Hotelbesuche annahm und Preise für besondere Erotik Leistungen empfing. Sie war ein Ausnahmetalent als Hure. Vielleicht nicht so jung und attraktiv wie viele andere, aber ausgesprochen sensibel, achtsam und geduldig mit ihren Kunden. Durch ein ausgefeiltes und mehrstufiges Screening Verfahren bei der Kontaktanbahnung, teilte sich die Spreu vom Weizen und sie traf ausschließlich seriöse und sympathische Kunden. Diese Männer, die ihr nun ein regelmäßiges Einkommen bescherten, wurden von ihr geliebt und umgekehrt ebenso. Ihre kleine Stammkundschaft aus ganz Europa ermöglichte ihr auch ein Überleben in Krisenzeiten. Diesen Männern, die sich wie sie anonym bewegen mußten und auf Diskretion bedacht waren, widmete sie auch einige ihrer Bühnenprogramme, als sie Performance Künstlerin und Stand up Comedian war. Diese Männer hätte sie niemals verraten oder erpresst. Leider kam sowas in der Szene ebenfalls vor. Auch das unglücklich verliebte Freier ihr Haus und Hof verkauften, ihr Familienglück riskierten, um mit einer Hure auch privat zusammen zu sein. Die Liebe ist ein ständiges Thema und verächtlich sprechen viele von Seelenfickern, Rausholern oder Liebeskaspern. Dieses Schicksal blieb ihr erspart, da sie bereits in einer Beziehung lebte und das auch offen kommunizierte. Die Liebe ist überall, auch in der Prostitution, die keine seelenlose, entfremdete Arbeit darstellt, wie in anderen Berufsbranchen. Als Hure muß man schauspielerisches und psychologisches Talent vereinen, um mit sich und dem Kunden eine freundschaftliche Zweisamkeit zu entwickeln, wo sich beide im Schutz der Anonymität und Vertrautheit fallen lassen können.

Es ging ihr vor allem um Lebenszeit und daß sie mit einem einzigen Termin in der Woche das Gleiche wie im Bordell in einer Woche verdienen konnte. Mit diesem Verdienst war es natürlich nicht möglich, Rücklagen zu bilden, um sich eine Eigentumswohnung zu kaufen, wie es einige clevere Kolleginnen taten. Sie wollte möglichst wenig Kontakt zu Kunden und ihre Lebenszeit optimal ausnutzen, um mit ihrem Mann zusammen zu sein und um an kreativen Projekten zu arbeiten und sich politisch in der Hurenbewegung zu engagieren. Auch wenn der Weg am Anfang beschwerlich war, Hochleistungssport für kleines Geld, einige gewalttätige Erfahrungen durch Kunden, war sie nun in einer Phase der Professionalisierung angelangt, wo ihr keine Fehler mehr passieren konnten und wo alles glatt lief. Im Rückblick betrachtet waren es wunderschöne Jahre, auch wenn das Streßlevel in diesem Job ständig an ihr nagte.

Sie war jedoch von allen Depressionen befreit, seit sie ihren Mann kennen gelernt hatte. Gemeinsam zogen sie durch Berlin um die Häuser und führten das Leben der Bohemians. Den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen, Zeitung lesen und sich mit Menschen austauschen. Eine herrlich friedvolle Zeit. 

Eigentlich war das nicht ihr Plan gewesen, nach Berlin zurück zu kehren, aber die Liebe macht jede Planung zunichte. In London hatte sie es sich schön in einem Studio eingerichtet, bot in einem jüdischen Bordell erotische Massagen an und arbeitete als Partygirl namens Diamond. Hätte sie etwas mehr Durchhaltevermögen bewiesen, hätte sie sich auch in London etabliert. Aber sie entschied, zwischen Berlin und London zu pendeln, zumal sie sich ein Nest in einem Schloß in der Grafschaft Kent, südlich von London, eingerichtet hatte. So ging das acht Jahre lang und sie schrieb in dieser Zeit die schönsten Gedichte und verbesserte deutlich ihre Englischkenntnisse. Außerdem reiste sie ständig zu Demonstrationen und Events der Hurenbewegung im In- und Ausland, bot Workshops an, hielt Vorträge im britischen Parlament über die deutsche Prostitutionsgesetzgebung, reiste im Prinzip einmal um die ganze Welt und lernte Aktivisten und Unterstützer dabei kennen, die in 20 Jahren ein internationales Netzwerk aufgebaut hatten und die damit die Hurenbewegung globalisierten. Es war ein aufregender Prozess, dieser Entwicklung beizuwohnen und ein Teil davon zu sein.

Es gibt keine Nibelungentreue innerhalb der Hurenbewegung, obwohl Solidarität die oberste Prämisse sein sollte. Wie in allen sozialen Bewegungen und Gruppen, gibt es immer Menschen, die aufgrund einer privilegierten Situation in der Kritik stehen oder die Privilegien mißbrauchen. Dadurch kann man in Deutschland auch nicht von einem homogenen Zusammenschluss sprechen, sondern es sind häufig Einzelinteressen, die die Mehrheitsinteressen repräsentieren wollen. Dadurch entstehen Konflikte und der Zusammenhalt steht auf dem Spiel. Man ordnet sich nicht mehr gemeinsamen Zielen unter, sondern versucht Einzelinteressen durchzusetzen und spaltet die Bewegung in verschiedene Lager auf. Teile und Herrsche gilt im politischen Prozess und so auch hier. 

Das Hauptproblem, und so kennen wir es auch aus sonstigen sozialen Zusammenhängen und Unternehmen, ist die Kommunikation und die mangelnde Sensibilisierung für Machtverhältnisse, fehlende Empathie und Bildung. Es gibt elementare Bildungsunterschiede, die in der Kommunikation offensichtlich werden, wo jeder mit einem unterschiedlichen Wissensstand und sozialen Hintergrund aufeinander trifft. Wo aber auch viele Menschen zusammen kommen, die aufgrund ihrer Erfahrungswelten mißtrauisch, unsensibel wahlweise hochsensibel sind und dabei vor allem sehr langsam. Langsam im Denken und langsam im Handeln. Politik funktioniert vielfach nach „negativer Auslese“. Wer etwas verändern will, wird ausgebremst, weil man als Gesprächspartner salonfähig sein möchte und radikalere Stimmen innerhalb der Bewegung deshalb lieber unterdrückt. Dadurch bekommt man Berufspolitiker und Berufsaktivisten, die von ihrem Job, ihrer Position und ihrem Kampf um Anerkennung abhängig sind. Dies wiederum verstärkt den Widerstand von abweichenden Meinungen, die nicht erfolgreich in die politische Arbeit integriert werden. Dies hat zur Folge, dass viele Gruppen oder Bewegungen nach außen wie ein chaotischer und zerstrittener Haufen erscheinen. Dennoch glaubte Nadine an die gemeinsamen Ziele, wo jeder Mensch sich gemäß unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten einbringen kann und sollte. Auch Menschen wie sie, die seit ihrer Kindheit an psychischen Störungen litt, das offen mit anderen kommunizierte und damit nicht allein war. Dennoch mußte sie lernen, daß Menschen wie sie diskriminiert wurden, auch von den eigenen Mitstreitern. Wenn dir so die Legitimation für deine Arbeit abgesprochen wird, dann brauchst du auch nichts mehr zu sagen und nicht mehr zu kämpfen. Dann ist es Zeit, eine Bewegung zu verlassen, deren Teil sie über 20 Jahre war. Dann ist es Zeit, neue Wege zu gehen. 



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.