Kohle: Kapitel 8

Es ist Folter zuzuhören, wenn die Mutter und ihr ungarischer Ehemann sprechen. Jeder allein ist schon eine Zumutung, aber im Doppelpack einfach nur noch ein Grauen. Sie sprechen durcheinander, fallen sich dauernd ins Wort, schreien und drohen, hören einander oder Dritten kaum zu und können sich sprachlich nicht verständigen. Die Sprache ist abgehackt, die Inhalte redundant, die Wortbeiträge monologisch und tränenreich, die Stimmen laut, klagend und wehleidig. Gern hätte Nadine den Kontakt zu ihren Eltern vollständig abgebrochen, aber sie hatte sonst niemanden auf der Welt, außer ihren Mann, der auch schon alt war. 

Man hat es häufig bei Kindern beobachtet, dass sie trotz Qualen, schwerer Misshandlungen und Missbrauch weiterhin zu ihren Eltern stehen. Die weder ihre Eltern verklagen können noch wollen. Es gibt auch keine bekannten Fälle, wo Kinder erfolgreich ihre Eltern wegen schwerer Körperverletzung verklagt haben, zumindest auf Schmerzensgeld für die Therapiekosten. Warum soll der Steuerzahler die Therapiekosten übernehmen, die von den Eltern verursacht wurden? Weshalb Nadine Anwältin werden wollte, um für Kinder- und Bürgerrechte zu kämpfen. Das war Nadines eigentliche Passion, die ihr jedoch von zwei sexistischen Arschlöchern zunichte gemacht wurden. Lehrern, denen sie sich gegenüber zur Wehr setzen mußte und die sich mit einer schlechten Benotung im Abitur an ihr rächten. Deshalb war ihr Bildungsweg extrem steinig, da sie mit einem Fachabitur erst eine Ausbildung absolvieren mußte, bevor sie studieren konnte.

Sie studierte auch Psychologie im Nebenfach und verschlang die Psychoanalyse und die Werke bedeutender Psychologen, die über Kinder geschrieben haben. Sie verschrieb sich der interdisziplinären Identitätsforschung und schrieb sogar darüber eine Doktorarbeit, die zensiert wurde und der Anfang vom Ende eines hoffnungsvollen akademischen Talentes war. Ihr Professor widmete ihr sogar Bücher und schrieb ihr Widmungen hinein: „Für die schönste Antichristin der Weltgeschichte“ oder „für den aufgehenden Star am Wissenschaftshimmel“. Sowas. 

Natürlich nutzte sie dieses Wissen, um sich selbst zu therapieren. Sie lernte viel von Melanie Klein, Alice Miller, Sándor Ferenczi, Aby Warburg, Sigmund Freud und C G Jung über das Unbewußte und schloß eine lebenslange Freundschaft mit einer ihrer Professorinnen in München, bei der sie viel gelernt hatte und die leider vor ein paar Jahren verstarb, weshalb Nadine nun niemanden mehr hatte, mit dem sie sich intellektuell unterhalten konnte. 

Die Ursache, warum Nadine noch an ihrer Familie klebte, kann man mit Bonding erklären und mit dem was der Psychologe Ferenczi als „Identifikation mit dem Aggressor“ beschrieb, auch als Stockholm-Syndrom bekannt. Der Aggressor sind hier die Eltern und Nadine hatte gelernt, sich mit ihnen zu identifizieren, um zu überleben. Sie versuchte immer, das Verhalten der Eltern vorher zu sehen, um sich rechtzeitig zu schützen. Dieser Prozess ist ein Abwehrmechanismus zur Angstbewältigung und zwingt das Opfer sich mit dem Täter unbewußt zu identifizieren. Vor allem traumatische Erfahrungen in der Kindheit, bei denen das Maß der Ohnmacht und Abhängigkeit besonders groß ist, wie in einer repressiven und autoritären Beziehungsstruktur oder einem manipulativen, durch Liebesentzug geprägten erzieherischen Missbrauch führen zur Identifikation mit den Eltern als letzte Notbremse und Schutz vor einem Zusammenbruch des Selbst angesichts überwältigender Attacken und nicht integrierbarer Affekte. Die Folge der Identifikation ist die Unterdrückung der persönlichen Autonomie. Diese lebenslange Identifikation bedeutet eine transgenerationale Traumatisierung, weshalb Nadine schon früh beschloß, keine Kinder zu bekommen, um diesen Kreislauf des Verderbens und der destruktiven Tradition zu durchbrechen und die Traumatisierung nicht an die nächste Generation weiter zu geben. Wiederholte Gewalterfahrungen können zu einer Zerstückelung der Persönlichkeit führen, also einer Atomisierung des Selbst. Dem wollte sich Nadine entgegen stellen, was ihr trotz Analyse jedoch nicht gelang. 

Auch ihre Schwester erkrankte an einer bipolaren Störung. Die Mutter nannte das Kind oft „die Dicke“ und bezichtigte sie, für den Krebs verantwortlich zu sein, weil ihre Schwester mit dem Kriminellen zusammen soviel Unglück über die Familie gebracht hatte. Es ist jedoch wissenschaftlich erwiesen, dass es zwischen Krebs und Kummer keinen kausalen Zusammenhang gibt. Bei der Schwester ist deshalb ein Schuldgefühl entstanden, das Quelle eines ständigen Abwehrkonfliktes ist, weil das Opfer – nämlich die Schwester – Hass auf ihre Mutter entwickelt hat, der wiederum Schuldgefühle hervorruft und daher verdrängt und von der Mutter abgelenkt und gegen sich selbst gerichtet wird. In der Folge kommt es zu schweren Störungen auf Beziehungsebene zwischen Mutter und Tochter, zu Depressionen und selbstverletzenden Verhalten und nach außen und innen gerichtete Aggressivität. Es findet laut Ferenczi eine traumatische Progression statt. Das bedeutet, daß die Angst des Kindes vor den hemmungslosen Erwachsenen das Kind zum Psychiater machen, um sich vor den Gefahren seitens der Eltern ohne Selbstkontrolle zu schützen. Deshalb muss sich das Kind vollkommen mit den Eltern identifizieren und führt zu einem Zustand des Lebendig-Totseins. Ferenczi schreibt, dass der Aggressor sich Stück für Stück das Opfer einverleibt und die naive, angstlose und ruhige Glückslage, in der das Opfer bis dahin lebte, vollständig annektiert.  



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.