Kohle: Kapitel 7

Seit Nadine Psychopharmaka nahm, konnte sie nicht mehr weinen. Sie hatte die Dosis auf ein Mindestmaß reduziert, damit ihre Emotionen Ausdruck finden konnten. Die neueste Generation der Psychopharmaka soll angeblich nicht mehr so schädlich sein, aber sie hatte immer Zweifel an dieser Aussage. Der Prozess der Einstellung, das geeignete Medikament zu finden, hatte allein sechs Jahre gedauert. Bei einem Medikament, das sie ein Jahr einnahm, waren die Nebenwirkungen besonders schlimm, und sie litt unter Nerven-Entzündungen, die Stromschläge im Brustraum verursachten und konnte den Urin nicht mehr halten. Außerdem litt sie unter der extremen Gewichtszunahme in kürzester Zeit, die eine vormals schöne und attraktive Frau in eine übergewichtige, unattraktive und asexuelle Person verwandelte, die für Männer quasi über Nacht unsichtbar wurde. Nach acht Jahren erhielt sie eine Folgediagnose, die sich von der ursprünglichen leicht unterschied und anzeigte, daß sich die Erkrankung offenbar merklich gebessert hatte. Die Diagnose Schizophrenie war einer anderen gewichen: nun wurde ihr eine schizo-affektive Störung seit ihrer frühesten Kindheit attestiert.

Sie unternahm alles, um Trigger auszuschließen und arbeitete über 2 Jahre schwer daran, einen neuen Job zu finden, um diese menschenverachtende Realität nicht mehr zu nah an sich heran kommen zu lassen. In der Psychiatrie lernte sie eine Frau mit der gleichen Diagnose kennen. Bei ihr war der Trigger und Stressfaktor ein ähnlicher Job wie bei Nadine, nur das die Frau für die Polizei beschlagnahmtes Bildmaterial sichten und auswerten mußte. Bilder von Kindesmißbrauch, Vergewaltigungen, Folter und Mord.

Sie lernte, daß Schizophrenie eine Stoffwechsel-Störung ist. Die Wahrscheinlichkeit daran zu erkranken ist genetisch bedingt. Schon bei ihrem Urgroßvater wurde die gleiche Krankheit diagnostiziert, weshalb er von seiner Familie zwangseingewiesen und anschließend von den Nazis im Euthanasieprogramm in einer Landesklinik in Sachsen ermordet wurde. Dazu hatte sie schon in ihrer Jugend recherchiert, als ihre Großmutter väterlicherseits von ihrem Vater sprach. Tochter und Mutter hatten ihn zwangseinweisen lassen, weil er Dreck gemacht hatte. Genau genommen hatte er Zigarettenstummel von der Straße eingesammelt, weil er kein Geld hatte und völlig mittellos war, um sich welche zu kaufen und seine Frau und Tochter das Rauchen strengstens verboten hatten. Das war der Grund, ihn los zu werden. Seine Psychose – und Schizophrenie war damalig eine Standard Diagnose und nicht immer zutreffend – stand unmittelbar in Verbindung mit seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg, wo er offenbar traumatisiert wurde. Die Oma meinte dann immer, daß die Russen ihn in der Klapper getötet hätten. An die Russen-These glaubte Nadine schon in ihrer Jugend nicht und begann zu recherchieren, welche Aufzeichnungen es aus dieser Zeit gab. Schon sehr früh hatte sie begonnen, die Geschichte des Nationalsozialismus zu studieren und fand heraus, daß es eine Doktorarbeit dazu gab, die sie sich besorgte und die exakt die Euthanisierungsprogramme in Sachsen beschrieb, inklusive Namensnennung der Kliniken. Hier wurde eindeutig bewiesen, dass der Ur-Opa nicht von den Russen ermordet wurde, sondern von den Nazis.

Natürlich teilte sie diese Tatsache ihrer Oma mit, die die Wahrheit unwirsch abwehrte und auf ihrer Russen-These beharrte. Ihr Verhalten ließ sich damit erklären, weil sie selbst mit der nationalsozialistischen Ideologie sympathisiert hatte und deshalb auch nichts auf die Nazis kommen ließ. Die Ideologie überlebte auch nach dem Krieg im Kopf ihrer Großmutter, die Nadine regelmäßig mit unreflektierter rassistischer und völkischer Ideologie traktierte. Nadines Vater übernahm die Ideologie von seiner Mutter, weshalb Nadine sich auch permanent mit dem Vater auseinandersetzen mußte, wenn er wieder mal seine Nazi Sprüche vom Stapel ließ. Als Studentin der deutsch-jüdischen Geschichte erklärte Nadine ihrem Vater bei einer langen Autofahrt einmal die Wurzeln des Antisemitismus und die Geschichte des jüdischen Volkes. Danach wurde Nadine nicht mehr mit Nazi Sprüchen traktiert. Nur einmal noch, als sie ihren Vater und seine 19 jährige zweite Ehefrau und Goldgräberin, selbst überzeugte Rassistin und Antisemitin, in der elterlichen Wohnung besuchte, da knallte es. Um es genau zu sagen, da gab es beim Abendessen einen bösen Streit und Nadine riß die Tischdecke vom Tisch, mit Tellern und Gläsern, alles räumte sie ab. Was war geschehen? Es war der Abend, wo sie ihrem Vater stolz mitteilte, daß sie die ersten Seminare an der Universität leitete und wo sie ihre Seminarthemen aufzählte. Ein Seminar handelte von feministischen Machttheorien, was wiederum ein Trigger bei ihrem Vater los trat, denn er schrie sofort drauflos, dass man alle Feministinnen vergasen müsse. Ja vergasen! Genauso wie Obdachlose, die unnütz sind. Nadine war so entsetzt, daß sie zurück schrie, daß sie eine Feministin sei und er ein scheiss Nazi und das, wenn es hart auf hart im politischen Kampf käme, sie auf der anderen Seite stünde und schneller schießt als er. Daraufhin riss sie das Abendmahl vom Tisch und verließ schnurstracks die Wohnung. Noch lange nach diesem Ereignis herrschte zwischen ihnen Funkstille.

Ihre Mutter hatte immer sehr unter ihrem Ehemann gelitten. Trotzdem entschied sich Nadine mit 12 Jahren nach der Scheidung der Eltern, bei ihrem Vater zu bleiben, obwohl er cholerisch und zornig, ungerecht und bösartig war. Die Mutter meinte dazu lapidar gegenüber Dritten, dass Nadine nur wegen des Geldes beim Vater geblieben ist. Dies war allerdings nicht wahr. Das Problem war einfach, daß sie ihre Mutter als nicht vertrauenswürdig, nicht zuverlässig einstufte, dass die Mutter von Launen getrieben, völlig unberechenbar und gewalttätig war. Wie oft war ihre Mutter während der Ehe erst aus- und dann wieder eingezogen? Wie oft hatte ihre Mutter ihr gesagt, dass sie ein Unfall war und ihr die Schuld gab, dass sie meinen Vater heiraten mußte, als sie schwanger mit Nadine war? Wie oft hatte die Mutter ihr gesagt, das sie versucht habe, sie abzutreiben und das es leider nicht geklappt habe? Eine Mutter, die 24 Stunden, 7 Tage die Woche die Klappe nicht halten konnte, permanent Schwachsinn erzählte, ihren Vater im Beisein Dritter beleidigte und demütigte. Eine Mutter, die ständig fremdging und Nadine als Alibi mißbrauchte und sie dazu dazu zwang, ihrem Vater gegenüber zu lügen. Eine Mutter, die ständig über andere Menschen, insbesondere Frauen hetzte, die unter Alkohol jeden Anstand verlor und bei jeder Party in der Kellerbar einen Ehestreit vom Zaun brach, sich öffentlich über ihren Vater lustig machte, schlecht über ihn im Beisein dritter Personen, auch Fremden sprach, selbst über intimste Dinge. Ihre Frau war ein Mensch, die nur von ihren Trieben und Ego-Interessen getrieben war und völlig ungefiltert jeden Gedanken in die Menge schleuderte.

Diese Frau war einfach nicht verläßlich. Sie war nicht liebevoll und hatte Nadine als Kind auch niemals beschützt. Wenn es drauf ankam, stand sie immer auf der anderen Seite, genau wie ihr Vater. Nadine berichtete in meiner Praxis von so vielen schockierenden Erlebnissen mit ihrer Mutter, die man kaum teilen und aufzählen mag, so unermeßlich schlimm war das Verhalten der Eltern, die Nadine völlig krank gemacht haben.

Ihre Mutter hatte Nadine letztlich immer verraten, dabei körperlich und seelisch mißhandelt. Das muss man einfach mal so sagen. Schon als Nadine gerade laufen konnte, gab es keinen Kinderwagen mehr und sie musste ständig neben der sich abhetzenden Mutter rennen, obwohl ihre kleinen Beinchen kaum Schritt mit der Geschwindigkeit halten konnten. Sie mußte sich schon als Kleinkind an die Geschwindigkeit der Eltern anpassen, die völlig rücksichtslos waren, die Bedürfnisse des Kindes vollständig ignorierten und die auch niemals bemerkten, dass dieses kleine Kind ein Mindestmaß an Rücksichtnahme und Schutz benötigte.

Deshalb war sie einfach erleichtert, als ihre Mutter endlich auszog und sich mit einem armen ungarischen Kellner aus dem Staub machte, der wiederum glaubte, einen Goldfisch an Land gezogen zu haben, weshalb er auch auf eine sofortige Hochzeit drängte, um seinen Aufenthaltsstatus in Deutschland zu legalisieren. Ihre Mutter war aber so von Liebe erfüllt, dass sie die wahren Motivationen ihres neuen Partners nicht verstand und auf seine Loverboy Strategie hereinfiel. Allerdings war sie nicht der dicke Goldfisch, wie ihr zweiter Ehemann leider lernen mußte, denn Nadines Vater hatte klugerweise einen Ehevertrag aufgesetzt, so daß ihr nur Unterhalt zustand, aber nicht die Hälfte vom Unternehmen, das diese Frau in kürzester Zeit an die Wand gesetzt hätte. Und weil der Ungar auf der Eheschließung bestand, entschied die Mutter von monatlichen Unterhaltszahlungen abzusehen, die bei einer erneuten Eheschließung nämlich enden würden und sich besser eine einmalige Summe auszahlen zu lassen, die sehr hoch war und die sie innerhalb von ein paar Jahren in ihrem Kleinunternehmen versenkte, weil sie nicht mit Geld umgehen konnte.

Dieses Schicksal, nicht mit Geld umgehen zu können und sich nur auf dem Geld von Ehemännern auszuruhen, teilte auch die jüngere Schwester von Nadine, die sich schon früh auf einen kriminellen Betrüger einließ, der Menschen um ihre Ersparnisse und Gesundheit im In- und Ausland brachte, um das unverdiente Geld gemeinsam zu verzocken. Die kleine, dumme, dicke Schwester, die letztlich über sehr viele Jahre von den kriminellen Machenschaften ihres Mannes nicht nur profitierte, sondern ihn dabei auch aktiv unterstützte sowie drei Kinder gebar, die alle den dummdreisten Charakter ihrer Eltern geerbt haben. Eine kleine, dumme, dicke Schwester, die über Nadine bei jeder Gelegenheit Lügen und Bösartigkeiten verbreitete und vor allem den Vater gegen Nadine aufhetzte. Die Schwester konnte in keiner Disziplin gegen Nadine anstinken, aber sie war das besagte Wunschkind und man verzieh ihr noch die schlimmsten Ungeheuerlichkeiten.

Die Mutter trug immerhin noch so eine Art Rest-Humanismus in sich, bemitleidete manchmal andere Kreaturen, wand sich unter Tränen in Selbstmitleid, was Nadine allerdings nicht beeindrucken konnte. Die hysterische Heulsusen-Attitüde war eine selbstgerechte Fassade. Die regelmässigen unberechenbaren Zärtlichkeitsausbrüche ihrer Mutter, die sie in die Arme schließen wollte und abküßte, mit ihren breiten und schmatzenden, nassen Lippen, waren ihr einfach zuwider. Auch deshalb hielt Nadine schon als Kind Abstand zu fremden Menschen und war immer auf räumliche Distanz bedacht. Sie mochte keine Zärtlichkeiten, kein Geschmuse oder in den Arm genommen werden. Denn sie hatte gelernt, daß an diesen trügerischen Liebesbezeugungen alles falsch war und das sie immer damit rechnen mußte, dass die Laune ihrer Mutter umschlug, sie wieder schlug oder hetzerisch über ihren Vater sprach.

Es war einfach eine herrliche Zeit, als die Mutter endlich das Elternhaus verlassen hatte und Ruhe einkehrte. Und auch die jüngere Schwester verschwand bald und mußte zur Strafe unter der Knechtschaft des cholerischen ungarischen Kellners leiden, der von nun an den Ton angab und sich beschwerte, dass er den Deutschen dienen müsse. Natürlich lernte er in 40 Jahren nicht die deutsche Sprache, so sehr hasste er dieses Land.

Endlich kein böses Wort mehr, keine Schreierei und keine Schläge. Sie würde auch eines Tages nicht trauern, wenn ihre Mutter sterben würde. Sie könnte auch garnicht trauern, weil sie ihre Eltern niemals geliebt, sondern immer gefürchtet hat. Die Mutter hatte immer die Strategie Macht-aus-Schwäche ausgespielt, eine verbreitete Verhaltenstrategie von Frauen, die von Feministinnen erstmalig beschrieben wurde. Eine Strategie, um sich unangreifbar zu machen, um sich als Opfer tränenreich zu inszenieren, um damit jegliche Selbstverantwortung von sich zu weisen. 

Letztlich hatte die Mutter Nadine auch immer wie einen Unfall behandelt, auf ihre Lebensweg, egoistisch ihre Interessen durchzusetzen und das Kind beiseite geschoben. Das schließlich ganz vergessen wurde, sobald sie verliebt war. Nicht nur mit Männern, sondern auch mit Frauen hatte die Mutter während der Ehe sexuelle Verhältnisse begonnen und dem armen Kind jedes noch so unwichtige Detail aus dem Intimleben ihrer Eltern erzählt. Das Verhalten der Mutter könnte man heutzutage als extrem übergriffig beschreiben und im Fall von Nadine kann man zeigen, wie grausam Frauen sein können, was auch durch die Existenz von Nazi Frauen in Vergangenheit und Gegenwart bewiesen ist. Wenn Frauen ihr Geschlecht als schwach und unschuldig darstellen wollen, als Opfer böser patriarchaler Mächte, bekommt Nadine Krätze, weil sie diese Einstellung seit ihrer frühesten Kindheit schon längst als falsch entlarven konnte. Frauen sind nicht unschuldig, sondern machen sich oft schuldig, sind intrigant und manipulativ, lügen, um ihre Interessen durchzusetzen und setzen dabei die Kleinmädchen-Strategie ein, um bei Männern Beschützerinstinkte zu wecken. Aber Nadine war dadurch nicht zu beeindrucken und verachtete all diese Frauen aus ganzem Herzen ein Leben lang. 

Sie hatte jahrelang kaum Kontakt zur Mutter und Nadine ihre wohl verdiente Ruhe in Berlin gefunden. Erst als der Mutter Krebs diagnostiziert wurde, gab es wieder einen zaghaften Kontakt, weil alle Welt davon ausging, dass die Mutter stirbt. Aber sie starb nicht und erpresste nun ihre Tochter Nadine schon 17 Jahre lang mit ihrer Krankheit und der ständigen Forderung auf Rücksichtnahme.



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