Kohle: Kapitel 6

Prostitution ist sowas wie Freiheit. Du musst dich nur noch gegen Geld mit Dreibeinern rumschlagen. Die Kohle gibt dir finanzielle Unabhängigkeit und geistige Freiheit. Die einzigen Personen, die Nadines Leben als politische Aktivistin nachträglich geprägt haben, waren homosexuelle Männer und Sexworker. Beide sind leider viel zu früh verstorben, weil bei ihnen, wie bei Nadine, die Kerze von beiden Seiten brannte. Durch die beiden Aktivisten Marc und Andrew fand Nadine Wege, die Ökonomie der Sexarbeit zu erforschen und die wesentlichen Dinge zu erkennen, auf die es ankommt. Das Peer-Arbeit Leben rettet, dass zig tausende Sexworker weltweit ohne HIV Behandlung verrecken müssen, weil sie keinen Zugang zu Therapie haben, in US-Gefängnissen gefangen gehalten oder in asiatischen Zwangslagern von Prostitutionsgegnern gegen ihren Willen umgeschult werden. Seitdem ließ sie die Frage nie mehr los, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diesen Zustand zu beenden. Nach dem Tod von Marc und Andrew fiel Nadine in eine tiefe Depression und entschied, dem Aktivismus den Rücken zu kehren. 

Das war die Zeit, wo sie das erste Mal in eine Psychose fiel, die sich unmerklich über Monate aufbaute, bis sie nicht mehr in der Lage war, die Wohnung zu verlassen. Sich nicht mehr wusch, sich mit Wein und Cannabis betäubte, sich mit Messern unter ihrem Kopfkissen bewaffnete, um sich zu wehren, wenn die Menschenhändler sie holten. Dieses Thema hatte sich wie ein Albtraum um sie herum gelegt und es gab kein Erwachen.

Persönlich hatte sie bereits Kontakt zu Zwangsprostituierten in Bordellen gehabt und Hilfe eingeleitet. Beruflich hatte sie gelegentlich auch mit diesem Thema zu tun, auch mit Kinderpornographie. Als sie sich erstmalig bewußt wurde, dass sie für ein Unternehmen arbeitet, wo es möglich ist, diese grausamen Geschäfte abzuwickeln, bekam sie einen Schreianfall und Heulkrampf im Beisein der Kollegen und rannte aus dem Büro. Nadine war die einzige Person, die ausgesprochen emotional bei diesem Thema reagierte, für die es ein regelrechter Schock war. Jedes Mal, wenn sie mit dieser Realität konfrontiert wurde, fiel sie in eine Psychose und mußte immer 3 Monate in der geschlossenen Psychiatrie verbringen, bevor sie wieder auf die Menschheit losgelassen werden konnte. Ihre Ängste, Paranoia und Panikattacken weiteten sich trotz medikamentöser Behandlung auf ihr Privatleben aus und sie vermied, bestimmte Gegenden in Berlin zu besuchen, öffentliche Orte, wo sich Männergruppen ansammeln und auf der Straße Frauen ansprechen. Auch fuhr sie nicht mehr gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Deshalb schnitt sie sich auch ihre Haare wieder kurz, in der Hoffnung, kein Angriffsziel für Männer mehr zu sein. Sie fuhr abends nur noch Taxi, weil sie nachts nicht mehr angstfrei durch die Straßen gehen konnte. Was früher völlig normal war. Sie isolierte sich zunehmend, um den Kontakt mit Menschen zu vermeiden.

Gleichzeitig hatte die erste Psychose sie in eine spirituelle Erfahrung geführt, ein Transzendenz Erlebnis mit einer Verbindung zum Universum. Zuvor war sie immer Atheistin gewesen. Nun begann sie ähnlich Gebeten tägliche Affirmationen auszusprechen, die sich positiv auf ihre mentale Verfassung auswirkten. Es gab da so einen weiblichen Guru im Internet, Idillionaire, der sie folgte und von deren Ansprache sie begeistert war. Sie gewann zunehmend an innerer Stärke und lernte das erste Mal in ihrem Leben, Grenzen zu ziehen. Da sie konfliktscheu war, vermied sie immer möglichst Konflikte und nahm sich deutlich zurück. Aber das änderte sich nun, denn sie mußte auf ihre Gesundheit acht geben und vermeiden, mit Arschlöchern und Energievampiren weiter Umgang zu pflegen.

Die einzige Person in diesen Jahren der Verwandlung, war ihr Mann, die einzige Person, der sie Zugang zur Psychiatrie gewährte. Die einzige Person ihres Vertrauens.

Auch der Vater ihres Mannes war Handwerksmeister. Auch er war seit seiner Jugend rebellisch und politisch engagiert. Er reiste dafür in seinen jungen Jahren durch ganz Deutschland, sogar in die DDR. Er hatte Elektrotechnik und Soziologie studiert, aber entschied Ende der 70er Jahre, Künstler und Punk zu sein und zog nach Berlin. Das Berlin der 80er Jahre war das im Nachhinein stark idealisierte Westberlin, wo David Bowie und andere Berühmtheiten gastierten. Wo Karl Lagerfeld in ihrer Stammbar, dem Kumpelnest, seine Aufwartung machte. Wo auch schon Orgien auf der Tanzfläche stattfanden und die Punks sich in der Ruine in Schöneberg austobten. Ihr Mann war Antifaschist und prügelte sich in jungen Jahren häufig mit Rechtsradikalen. So auch vor der Ruine, die sie in Besitz nehmen wollten. Aber der kleine, zähe und mutige Mann stellte sich als Einziger einer Gruppe von sieben Nazis entgegen und bekam eins übergezogen. Er nahm den Kampf mehrmalig in Kauf, auch wenn ihm dabei seine Zähne ausgeschlagen und er zusammen getreten wurde. Mit allen Mitteln wollte er vermeiden, dass linke Orte von den Nazis okkupiert und übernommen wurden. Er hatte viel dazu beigetragen, dass sich die Nazis in den 80ern nicht in manchen Gegenden von Berlin ausbreiten konnten. Er war auch sehr hartnäckig, als es um seine künstlerische Ausbildung ging. Nachdem mehrere Bewerbungen an Kunsthochschulen abgelehnt wurden, besuchte er die Kurse trotzdem. Mitten im Studium fiel es dann auf und sein Förderer und Mentor sorgte dafür, dass sein Aufenthalt legalisiert wurde und er das größte Atelier bekam und Meisterschüler, ja ein Pionier in digitaler Kunst wurde.

Nadine bewunderte ihren Mann für diesen Mut, sich auch alleine in die Front zu stellen und Gegenwehr auszuüben. Sie, die konfliktscheu alles ertrug, um nicht aufzufallen, um nicht das Interesse von Männern zu erregen. Die es gelernt hatte, immer still und klaglos alles zu ertragen. Die Schläge auf den Kopf durch die Mutter und die verbale Gewalt des Vaters hatten ihre Wirkung leider nicht verfehlt. Sie versuchte sich immer unsichtbar zu machen, um kein Angriffsziel zu werden. Dennoch erfuhr sie von einigen Männern Gewalt im privaten Umfeld. Männer, mit denen sie sich eingelassen hatte, weil sie sich einsam fühlte, die sie nicht liebte. Sie hatte einige langjährige Beziehungen mit Männern, in die sie niemals verliebt war. Nur, um einen Gefährten an ihrer Seite zu haben, der sie akzeptierte, wie sie war. Sie wollte nicht in die Einsamkeit ihrer Kindheit zurück fallen. 

Es waren alles gebildete Männer, die Gewalt ausübten, und an denen sie sich unmittelbar rächte. Es gab immer Gegenwehr, wenn man ihr weh tat. Da gab es kein Pardon. Da war sie gnadenlos. Als Kind war sie ohnmächtig und konnte sich nicht wehren, konnte sich nur noch im Anflug des nächsten Faustschlags auf den Boden werfen und sich schützend die Hände vor den Kopf halten. In der Hoffnung, nicht wieder am Kopf getroffen zu werden. Schon als Baby blieb sie unbeaufsichtigt und fiel mehrmals vom Wickeltisch, als die Mutter nebenan telefonierte und die Aufträge für den Vater entgegen nahm. Der Vater, der ihr ebenfalls aus Spaß mehrfach gegen den Kopf schlug, machte immer Witze darüber, über die sie nicht lachen konnte. Als er sie mit 17 erstmalig verprügelte, weil sie sich gegen üble Nachrede wehren mußte und sie die Wahrheit über ihn aussprach, hatte sie eine gebrochene Nase. Sie ging ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen und anschließend zum Frauenhaus, wo sie eine Anwältin fand, um ihren Vater auf Unterhalt zu verklagen. Auf diesem Weg gelang ihr die Flucht aus dem Elternhaus und damit in die Freiheit.

 Als erwachsene Frau zeigte sie auch immer Widerstand. Bei einer gewaltsamen Grenzüberschreitung beendete sie sofort die Beziehung, den Kontakt und rief manchmal auch die Polizei oder sorgte dafür, das jemand seinen Job verlor. Sie hatte sich immer geschworen, sich zu wehren, wenn sie als Frau erwachsen und frei ist, und Schläge niemals zuzulassen. Deshalb war sie auch gut für die Prostitution geeignet, weil sie sich wehren konnte. Und das musste sie auch. Denn auch hier kam es anfangs zu Übergriffen, obwohl sie keinen Anlass bot, außer einen Kunden zu ermahnen, sich an die bezahlte Zeit zu halten. Offenbar gehört Gewalt zum Leben einfach dazu. In Deutschland wird alle 2-3 Tage eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet. Auch Gewalt gegen Männer ist gestiegen und dieser Anteil an häuslicher Gewalt liegt bei 20%. Auch sie hatte schon auf Männer eingeschlagen, wenn sie sich verzweifelt wehrte, gegen Demütigung oder Aggression. Und sie ist sicher nicht stolz darauf, nicht nur Opfer, sondern auch Täterin geworden zu sein.

Es gab da immer so Trigger Momente, wo sie die Kontrolle verlor. Ein falsches Wort, dass sie an Worte und Demütigungen ihrer Eltern erinnerte, und sie schlug zu. Das letzte Mal schlug sie ihren Mann, das war 2008, weil er teuflisch gemein zu ihr war. Einmal schlug sie ihm eine Flasche auf den Kopf und verletzte ihn, daß er in einer Blutlache am Boden lag und sie den Krankenwagen rief. Die Sanitäter schauten sie so merkwürdig an, als sie nach der Ursache fragten. Offenbar war der Gewaltausbruch von Nadine nicht unbemerkt geblieben.

Seitdem hat sie nie wieder zugeschlagen. Sie war über ihr eigenes Verhalten so schockiert, dass sie sich schwor, niemals mehr die Hand gegen andere Menschen zu erheben, und seien sie auch noch so bösartig. Von nun an nutzte sie nur noch die Sprache und Kunst, die Stimme der Vernunft, um um sich zu schlagen. 



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