Kohle: Kapitel 5

Es waren Jahre der Entscheidung, kein spontaner Entschluss. Nach dem Ausstieg aus dem Wissenschaftsbetrieb fiel sie in eine tiefe Depression und liess sich therapeutisch behandeln. Sie irrte orientierungslos durch die Stadt. Nach jeder Therapiesitzung verlief sie sich. Sie hatte keine Kraft für einen Neuanfang, schleppte sich von Nebenjob zu Nebenjob, von Praktikum zu Praktikum, um festzustellen, dass jeder Ehrgeiz von ihr abgefallen war. Schließlich gelang ihr der Sprung in die Wirtschaftsprüfung. Aber kurz nachdem sie den Arbeitsvertrag unterschrieb, unternahm ihr Chef einen Suizidversuch, weil er sich in Nadine hoffnungslos verliebt hatte. Man setzte sie deshalb wieder auf die Straße, obwohl Nadine unschuldig war. Sie hatte weder mit dem Chef geflirtet, noch ihm schöne Augen gemacht. Bei den zwei Gesprächen zwischen ihr und dem Chef, führte er einen Monolog über sein Privatleben und Nadine hörte klaglos zu. Sie hatte Mansplaining immer gehasst bzw Menschen, die ihre Redezeit ins Unendliche ausdehnten und andere nicht zu Wort kommen lassen. Viele Frauen hingen an den Lippen narzisstischer Männer, ließen sich die Welt erklären und von ihnen manipulieren, weil die Frauen meist kein eigenes Selbst ausgebildet und nur gelernt hatten, durch Wohlverhalten zu gefallen.

Nach Jahren des Nachdenkens ging Nadine in der Sylvester Nacht der Jahrtausendwende in den Görlitzer Park und verbrannte einen Stapel Papier auf dem Hügel mit den Brombeersträuchern. Es war ihre Doktorarbeit, der sie vier Jahre ihres Lebens gewidmet hatte.

Ihr war bewusst, dass der Einstieg in die Prostitution bedeuten würde, dass sie enterbt wird, wenn der Vater Wind davon bekäme. Dies war spätestens dann der Fall, als sie ihren ersten TV Auftritt als Prostituierte und Aktivistin hinlegte. Deshalb hatte sie den Vater noch am gleichen Tag angerufen, um ihn einzuweihen, damit er es nicht von andern erfuhr. Jahre später versuchte der kriminelle Ehemann ihrer Schwester aus dieser Tatsache Profit zu schlagen, indem er sie bei ihrem Vater zwangsoutete und dem Vater ihre Website zeigte. Alles nur, um das Erbe seiner Frau zu verdoppeln. Der Vater liess diesen Versager jedoch auflaufen und über das Thema wurde seitdem geschwiegen.

Nadine, die ihren Vater doch stolz machen sollte, brach ihm mit ihrer Entscheidung das Herz. Er hatte ihren Fähigkeiten vertraut und sich schon so sehr auf den Doktortitel der Tochter gefreut und dafür einen Platz in der Ahnentafel reserviert. Der Vater, dem Arbeit, Ansehen und Geld alles bedeutete und der nun auch noch das einzig intelligente Kind in der Familie an die Prostitution verlor, seine einzige Hoffnung für eine Firmennachfolge. Er verkaufte schließlich sein Unternehmen an windige Menschen aus der Baubranche. Menschen, die traditionsreiche Familienunternehmen aufkauften, um sie gegen die Wand zu setzen. Das war ihr Geschäftsmodell. Vaters Lebenswerk zerfiel in kürzester Zeit und er konnte nur noch teilnahmslos zuschauen, ohne wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Kurze Zeit später erlitt er einen Herzinfarkt. Krank vor Enttäuschung wandte er sich von allen seinen Kindern ab und heiratete die vierte Ehefrau, ohne ein weiteres Kind zu zeugen. Wozu auch? Drei Kinder waren Vollversager. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Vierte ebenfalls versagte, ausgesprochen hoch.

Bei einer gemeinsamen Flasche Wein bemerkte der Vater eines Abends zu Nadine, dass er dreimal im Leben die falsche Frau geheiratet habe.

Dieses Schicksal hatte sie selbst nie ereilt, da sie nach jedem Heiratsantrag weglief und es nie so weit kommen ließ, ihre Freiheit gegen eine Versorgerehe einzutauschen. Dies war für sie eine Horrorvorstellung. Vorbilder für den Untergang vieler Ehefrauen war das Schicksal aller Frauen ihrer Familie, die in erster Linie aus finanziellen Gründen Ehen eingegangen waren, um nicht zu arbeiten, um finanziell abgesichert zu sein.

Doch Nadine befand sich im freien Fall und verwechselte es mit Freiheit. Sie lebte das Gegenteil dessen, was ihre Eltern sich so sehr gewünscht hatten. Die Eltern wollten leistungslos stolz auf ihr Kind sein und mit ihrer Karriere bei anderen glänzen. Das es eine von ihnen geschafft hat. Diesen Wunsch wollte sie ihren Eltern nicht erfüllen.

In ihren Alpträumen durchlitt sie die Qualen ihrer Schulzeit und Kindheit. Die Demütigungen von Lehrern, die ihr das Abitur verhagelten, weshalb sie nicht Jura studieren konnte. Nadine war nur in jenen Schulfächern gut, wo Lehrer keine sexistischen Arschlöcher waren, wo Lehrer Respekt, Empathie und Anstand zeigten und sie in ihrem Wissensdurst unterstützten. Zeitlebens verband sie eine Freundschaft mit ihrer Grundschullehrerin, der sie so viel zu verdanken hatte. Ohne sie wäre sie niemals so weit gekommen. Im Rückblick auf diese Zeit meinte sie, dass das die schönsten Jahre ihrer Kindheit waren, die jedoch im Gymnasium abrupt endeten. Dort fand sie kaum Anschluss, weil ihre Eltern verachtet wurden, sie aus dem falschen Stall kam. In den Augen vieler Kinder und Lehrer war ihre Familie asozial, da sie in Hochfeld wohnte und ihre Eltern ungebildet waren.

Ihr älterer Cousin, der noch rechtzeitig einen Mentor in Hamburg fand und beim ARD Karriere machte, versuchte Nadine noch zu retten, indem er ihr riet, den Kontakt zur Familie abzubrechen und nach Hamburg zu kommen. Doch Nadine hörte nicht auf ihn und so bewegte sie sich unaufhörlich in eine Abwärtsspirale hinein. Zeitlebens war Nadine an Eltern gekettet, die sie niemals geliebt hatten und die sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit kritisierten und demütigten. Besser schlechte Eltern als keine Eltern, meinte sie dazu nur. Und wen hätte sie ausser ihren Eltern denn noch gehabt? Niemanden. Immerhin gelang es ihr, räumliche Distanz zu schaffen, um sich vor ihnen zu schützen.

Sie hatte nun keine Ziele und Ambitionen mehr. Sie hatte weder ein übermässiges Interesse an Geld noch an Karriere. Sie interessierte sich für garnichts mehr. Ihre grosse Liebe, die Wissenschaft, war in unendliche Weite gerückt. Was also sollte sie noch tun? Wie konnte sie noch überleben? War es nicht so, wie es viele Feministinnen beschreiben? Wenn sie von den gläsernen Decken sprechen, von den patriarchialen Strukturen, denen man sich unterordnen müsse, um zu überleben? Da gab es keinen Ausweg.

Mit 30 Jahren verlor Nadine jegliche Orientierung und den Boden unter ihren Füssen. Alles schwankte und es fehlte an Mut, Hoffnung, Lebenssinn und Freude. Es gab nichts mehr, wofür es zu leben lohnte. Irgendwann in diesen vier Jahren des Nachdenkens hatte sie noch nicht einmal genug Geld, um sich besinnungslos zu besaufen und die ganze Scheisse zu vergessen.

Ihr Freund, der Buchhändler, konnte ihr die Entscheidung, als Prostituierte zu arbeiten, nicht ausreden, konnte sie nicht aufhalten, ihre Begabung aus dem Fenster zu werfen. Aber sie entschied sich nun, diesen Weg zu gehen, weil alles andere noch schlimmer war. Der Freund versuchte noch, sie gewaltsam aus dem Bordell zu holen. Doch sie wehrte sich mit Klauen und Zähnen und die Beziehung zerbrach. Er meinte, dass sie als Borderlinerin nur eine Form selbstschädigenden Verhaltens an den Tag lege. Aber das stimmte nicht ganz. In den vier Jahren ihrer Beziehung begab sie sich in Selbsttherapie, nachdem sie vorher eine Psychoanalyse über drei Jahre durchlitten hatte, um die Traumata ihrer Kindheit zu überwinden, die sie konstant unter Stress setzten.

Ihr behandelnder Arzt meinte später zu ihr, dass Prostituierte dem gleichen Stress Level ausgesetzt seien wie Kampfpiloten. Und das eine Psychose vergleichbar sei mit einem Sprung aus den Wolken – nur das der Fallschirm sich nicht öffne.

Das Leben im Kapitalismus, Konsum und Lifestyle, wonach alle strebten, hatte sie bereits als Kind kennen und hassen gelernt. Kein Geld der Welt konnte sie beeindrucken.

Sie blieb das kleine einsame Mädchen auf einer Yacht im Mittelmeer, das sie beinahe verschlang. Sie erinnerte sich, wie sie als Kind auf hoher See entschied, auf einer Luftmatratze an Land zu schwimmen und Hilfe zu holen, als die Yacht des Vaters einen Motorschaden hatte. Niemand hielt sie auf. Auch jetzt konnte sie niemand aufhalten, den letzten Schritt zu gehen. In die Unterwelt, wo der Kapitalismus tobte und sie nur noch Körper war. Wo sie ihre Haut zu Markte tragen wollte, um sich etwas zum essen zu kaufen, denn staatliche Leistungen lehnte sie ab. Sie konnte nicht in einem System um Almosen betteln, das sie aus tiefsten Herzen verabscheute. Dann lieber Sex mit fremden Männern, denen sie ihren jugendlichen Körper verkaufen konnte. Danach hatte sie nie wieder Sex ohne Geld.



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