Kohle: Kapitel 4

Es war eine Mischung aus Verwahrlosung und Tyrannei, der sich Nadine unterworfen sah. Ihr Temperament wurde jedes Mal mit einem Schlag auf den Mund beantwortet. Dabei platzte die Lippe auf, wenn der schwere mit Brillanten besetzte Cartier Ring der Mutter mit voller Wucht auf sie einschlug. Der Vater war kein Schläger, aber er hätte gut als sadistischer Kapo im KZ durchgehen können. Er liebte Geld, Franz Josef Strauß, die Bild Zeitung und Tiere und Kinder zu quälen. Seine Familie und Kinder waren nur Kostgänger, die ihm die Haare vom Kopf fraßen. Kurz vor dem Mauerbau waren er und seine Angehörigen aus der DDR in den Westen abgehauen, hatten Haus und Hof stehen lassen. Er hatte eine strenge Kindheit in einer Kleinstadt in Sachsen und mußte als Kind schon schwer körperlich arbeiten. Auch sein Vater war Handwerksmeister und führte sein Regime mit strenger Hand.

Alle mußten kuschen, die Kinder mußten auf Zehenspitzen laufen und immer leise sein, die Halbgeschwister gingen auch später bei der Rückübertragung von DDR-Immobilien leer aus, weil sie nicht die leiblichen Kinder waren. Umso mehr haßten sie ihren Bruder, der sich das Geburtshaus, das nun unter Denkmalschutz steht, unter den Nagel riß und leider zu einem Schleuderpreis weiter verkaufte. In den 70ern und 80ern nahm Nadines Vater sie immer zu seinen zahlreichen Reisen im In- und Ausland mit. Manchmal besuchten beide die Zurückgebliebenen, die arme Verwandtschaft in Sachsen, und der Vater fuhr mit Porsche vor, ums den Verwandten endlich mal zu zeigen, wie weit er es im Westen gebracht hat. Verwundert runzelte er die Stirn, nachdem man dort seinen Mercedes Stern vom Auto brach, und bemerkte, dass es auch Chaoten in der DDR gab. Auf die Idee zu kommen, daß die Insignien des Kapitals in der DDR irgendwie deplatziert wirkten, kam er natürlich nicht.

Er war auf Nadine neidisch, weil er als Kind kein Gymnasium besuchen konnte, um Architekt zu werden. Er wollte unbedingt, mit dem wenigen Wissen und Kapital, das er hatte, ganz hoch hinaus und nicht in einer kleinen Klitsche wie sein Vater enden. Deshalb wurde Nadine ständig gehänselt, runtergeputzt, verarscht, gedemütigt, damit sie sich ja nicht einbilden konnte, was besseres zu sein.

Dennoch glaubte Nadine etwas Besonderes zu sein. So isoliert sie innerhalb und außerhalb der Familie auch war, desto mehr glaubte sie an eine höhere Macht, die sie aus diesem geistigen Slum herausholen würde. Sie wurde gezwungen, Vereinen beizutreten und beobachtete die Menschen, mit denen sie so gar nichts gemein hatte. Manchmal glaubte sie, daß Außerirdische sie auf einem Tennisplatz im Ruhrgebiet abgesetzt hatten, sozusagen als Experiment, um die Menschen zu erforschen und ob es sich lohnt, den Planeten Erde zu besuchen. Soweit die Außerirdischen auf ihren Erdling Nadine hörten, lohnte sich der Einsatz nicht wirklich. Als sie beschlossen, Nadine zurück auf den Planeten H1 zu holen, hatte Nadine bereits beschlossen, den Planeten zu verlassen und unternahm mehrere gescheiterte Suizid Versuche. Ein erster Aufenthalt in der Psychiatrie rettete ihr Leben und sie beschloß, nach einer praktischen Berufsausbildung in einer Druckerei zu studieren, um in neue Universen vorzustoßen.

Der Umweg zu höherer Bildung war mühsam und für sie als Systemsprenger mit vielen Umleitungen versehen. Nur durch die Unterstützung dritter Personen, Lehrer und Professoren, emanzipierte sich Nadine von ihrer Herkunftsfamilie und beschloß nach ihrem Universitätsstudium nach Berlin zu gehen. Als Politikwissenschaftlerin wußte sie von dem bevorstehenden Regierungsumzug und sie wollte zu dem Ort eilen, wo alsbald die Musik gespielt würde. Im Gravitationszentrum der politischen Macht.

Nadine war nicht nur die erste Frau, sie war die erste Person in der traditionsreichen Handwerker-Familie, die es – wenn auch gegen den Willen des Vaters – auf ein Gymnasium geschafft hatte und ein Universitätsstudium abschloß. Nun wollte sie Professorin werden. Dies war der einzige Ausweg, um im Kapitalismus in einer kleinen Nische zu überleben, wo man in Ruhe forschen und lehren konnte. Allerdings stellte sich der Wissenschaftsbetrieb als Sackgasse heraus und sie verließ im Streit die Universität und schloß ihre Doktorarbeit niemals ab. Es war genau das eingetreten, wovor sich Nadine immer am meisten gefürchtet hatte. Das man ihr das Maul verbot und sie durch Zensur zum Schweigen zwang.

Es gab keine wissenschaftliche Freiheit, das wurde schnell klar. Schon während des Studiums warf ein Professor ihr im Beisein der Studierenden nach einem Referat vor, die freiheitlich-demokratische Werteordnung der Bundesrepublik Deutschland zu unterlaufen und empfahl, ihren deutschen Pass abzugeben. Dabei hatte sie nur durchgerechnet, dass die Entwicklungshilfe der Bundesregierung für Asien ein gutes Geschäft ist. Sie reichte diese Arbeit dann bei einem anderen Professor ein, der sie auch ermutigte zu promovieren. Da dies nachfolgend noch weitere Professoren vorschlugen, glaubte sie einen Moment lang, daß sie für höhere Weihen geeignet war und ließ sich auf dieses Abenteuer ein. Ein Abenteuer, das in Chicago endete. Dabei sollten die USA ja die Zuflucht aus Deutschland sein, ein Land, das sie ihr Leben lang als rückständig erlebte. Aber die Zeit in den Vereinigten Staaten zeigte ihr, daß es woanders noch schlimmer ist und so beschloß sie heimzukehren und als Prostituierte zu arbeiten.



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