Kohle: Kapitel 3

Nadine war im Ruhrgebiet aufgewachsen. In einer Stadt, wo die Hochöfen glühten, die Arbeiter regelmäßig in Duisburg Rheinhausen streikten und auf die Barrikaden gingen, wo der Strukturwandel der Montan-Industrie in den 80 er Jahren begann und worüber Nadine später ihre Diplomarbeit schrieb. In den 70er Jahren, den Jahren ihrer Kindheit, lag der Ruß noch auf den Straßen, wie noch in Bitterfeld nach der Wende, und verfärbte den Himmel über Rhein und Ruhr in ein dunkles Grau. Bereits als Kleinkind entwickelte Nadine eine schwere Bronchitis wie ihre Mutter, die sich zu einem Asthma ausweitete. Das lebensrettende Asthma-Spray lag seitdem in der Handtasche neben dem Lippenstift.

Nadine wuchs die ersten Jahre in einem kleinbürgerlichen Milieu in Neudorf auf, gleich neben der späteren Universität, die zuvor ein Krankenhaus war. Der Kreißsaal, in dem sie geboren wurde, war der Vorlesungsraum ihres Politik Studiums. Der Ort der Geburt wurde der Ort ihres beruflichen Schicksals.

Im Alter von 7 Jahren mußte sie ihre geliebte Umgebung verlassen, denn der Vater hatte in Hochfeld gebaut, einem Arbeiterstadtteil mit einem Migrantenanteil von 70 Prozent. Ihre Schule, das Gymnasium, bot Absolventen der Hauptschule die Möglichkeit, ihr Abitur zu machen, weshalb auch viele Jugendliche mit migrantischen Wurzeln ihre Mitschüler waren. Während andere Nachbarskinder und Mitschüler den Kontakt zu den sogenannten Ausländern mieden, war Nadine immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Sie wurde deshalb von vielen türkischen Kindern zu Hochzeiten eingeladen.

Ihr Vater hatte ein baufälliges Haus in Hochfeld gekauft, wo nur Türken wohnten. Als dort wieder ein Kind geboren wurde, bekam Nadine den Auftrag, der Familie ein Geschenk zur Geburt des Kindes zu bringen. Die Mutter drückte ihr dafür Geld in die Hand, um das Geschenk zu kaufen und der Familie zu bringen. Nadine nahm dazu ein Nachbarskind mit, das sich schüchtern im Hintergrund hielt, weil es Angst vor den Ausländern hatte. Die türkische Familie freute sich und lud die Kinder zu einem Tee ein. Deutsche kamen normalerweise nicht unangemeldet zu Besuch, schon garnicht der Vermieter. Im Rückblick war die Begegnung mit den türkischen Kindern ein Schlüsselerlebnis und sollte die Grundlage für alles andere werden.

Kurz nach dem Umzug in den neuen Stadtteil, gingen sie und ihre Schwester in den gegenüberliegenden Park zum Spielen. Während sie vertieft im Sand buddelten, kam eine Gruppe von Jugendlichen und der Anführer zog ein Klappmesser und drückte Nadine zu Boden. Sie konnte ihrer vierjährigen Schwester gerade noch zurufen, schnell nach Hause zu laufen, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen.

Nadine sah aus wie ein Junge, mit ihrem kurz geschnittenen Haar und der lausbubenhaften Art, und der Anführer hatte sie deshalb wohl verwechselt. Als Nadine unter ihm lag und er mit seinem Messer vor ihrer Nase rum fuchtelte, schrie sie um Hilfe und schaffte es mit Widerstand und Tritten, sich frei zu machen und weg zu rennen. Das Problem in ihrem Viertel waren keine Ausländer, sondern deutsche Asis, das war ihr schon früh klar.

Asi bedeutete Gewalt, prügelnde und schreiende Eltern, Armut, Schulden, Alkohol. In diesem Kreislauf bewegte sich ihre Nachbarschaft. Kurz bevor der Vater ihrer Spielgefährten an einer kaputten Leber starb, besuchte sie ihn ein letztes Mal im Krankenhaus und überreichte ihm im Auftrag ihres Vaters eine Flasche roten Krimsekt. Schließlich sollte er noch was Gutes trinken, bevor er jung starb. Noch am Tag der Beerdigung wurde im engsten Familienkreis die Versicherungssumme diskutiert, die die Witwe erhielt. Die Witwe war nun sehr erleichtert und durch das Geld konnte sie nun ein Leben frei von Schulden führen.

Die drei Waisen waren nicht frei, weil der Mutter regelmäßig die Hand ausrutschte und Nadine dabei regelmässige Lachanfälle bekam, die sie nicht unterdrücken konnte.

Auch ihre eigene Mutter lachte sie aus, wenn sie zuschlug, weil ihr mal wieder die Nerven durchgingen. Die gingen schon durch, wenn Nadine keine Hausarbeiten erledigte, sondern ihre Schulaufgaben machen mußte. Es gab in dieser Familie keinen Raum des Rückzugs, wo man ungestört lesen und lernen konnte, weshalb sie es in die Nacht verschob und bis zum frühen Morgen heimlich mit Taschenlampe las und lernte.

In ihrer Nachbarschaft ging niemand auf das Gymnasium, weshalb sie gemobbt wurde. Auch wollten viele nicht mit ihr spielen, weil sie die Tochter des Vermieters war. Der Vermieter, der die Schulden bei den Eltern einklagte.

Mit der jüngeren Schwester konnte sie nichts anfangen, zu unterschiedlich war der Charakter, weshalb von Anfang an der Haussegen zwischen den Schwestern schief hing. Die jüngere Schwester war der Liebling der Familie, weil sie charakterlich auf die Mutter kam und vom Aussehen auf den Vater. Sei war ein Wunschkind und Nadine ein Unfall. Nadine hatte mit niemanden in der Familie etwas gemeinsam und war der Feind im eigenen Haus. Die Lehrer mußten kämpfen, damit sie das Gymnasium besuchen konnte, mußten den Vater privat aufsuchen und auf ihn einreden wie auf einen alten Gaul. Der Vater, der Bücher verachtete, hatte gehofft, dass die Älteste das Familienunternehmen übernahm, weil kein Sohn da war, die mit 16 Jahren eine Lehre im Handwerk macht, um anschließend einen Handwerksmeister zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das Gymnasium zog einen Strich durch seine Rechnung, denn die anderen Kinder waren für eine Unternehmensführung völlig ungeeignet. Der spätgeborene Sohn von seiner dritten Ehefrau wurde Drogen Dealer und zog online Männern das Geld aus der Tasche, indem er sich in Chats als Frau ausgab. Das Wunschkind hingegen hatte die Arbeit nicht erfunden, brach ihre Ausbildung ab und heiratete einen Kriminellen, mit dem sie drei verhunzte Kinder zeugte.

Nadine 1987


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