Alles Genetik

Mir wird immer klarer, wie weit mein Denken und Handeln von genetischer Vorbelastung geprägt ist. Mein Humanismus, Großzügigkeit, Herzensgüte hab ich von meiner Mutter geerbt, meine strenge dominante protestantische Ethik und Ehrgeiz von meinem Vater, weshalb mir viele schon als junge Frau Führungsqualitäten bescheinigten. Meine gesundheitlichen Probleme hab ich über die väterliche Linie geerbt, aber mittlerweile größtenteils überwinden können. Deshalb arbeite ich auf der Schneckenspur und kam immer zu spät ins Ziel, aber immerhin.

Für mich und mein Einzelgängertum war das Internet von Anfang an die Rettung und Lösung meiner Probleme. Sowohl als Wissenschaftlerin mit Zugang zu internationalen Medien, tollen Menschen und Wissen, als auch in meinem Überlebenskampf als Prostituierte. Ohne Internet hätte ich niemals so selbstbestimmt und unabhängig arbeiten können, weshalb ich mich auch vor 10 Jahren bei einem Unternehmen beworben hatte, um genau das zu fördern: die Autonomie von Sexarbeitenden, weil ich Freiheitsfanatikerin bin. Dies hat ebenfalls mit meiner strengen Erziehung zu tun.

Die Disziplin hat mich zu einem mentalen Marathon-Läufer werden lassen. Das hab ich 20 Jahre gemacht, plus 20 Jahre ehrenamtlich, massiv parallel. Jetzt ist die Zeit gekommen, daß ich meine Fähigkeiten vollumfänglich in eine neue berufliche Rolle einbringen kann. So hab ich meine Arbeit bei Linkedin beschrieben: „An der Schnittstelle von Technologie, Menschenrechten, Kommunikation, digitaler Kultur und sozialem Wandel arbeitet die Abteilung für Zukunftsfragen daran, die Welt zu einem nachhaltigeren und vielfältigeren Ort zu machen, wo ein glückliches Leben in einer globalisierten Welt möglich ist.“

Deshalb haben Zyniker und konservativ-rechte Personen auch nix unter meinen Freunden und Bekannten verloren und muss mich von ihnen verabschieden. Ich glaube an eine bewusste Menschheit, Veränderung und Wandel. Mit Menschen, die sich in diese Gesellschaft nicht aktiv einbringen, nur konsumieren und jammern, wahlweise meckern und in der Vergangenheit leben, kann ich nichts mehr anfangen. Ich bin im letzten Lebensdrittel angekommen und meine Lebenszeit ist zu kostbar, um sie mit den falschen Kontakten zu verplempern. Ich bin auf Zukunft eingestellt.

Es gab übrigens noch über sehr viele Jahre persönlichen Kontakt zu einigen Ex-Kunden (kein Geldtransfer), die ich wegen obiger Eigenschaften aber mittlerweile komplett beendet habe. Frau kann mit Ex-/Freiern keine Freundschaften teilen, dies ist leider unmöglich. Ich bin auch niemals auf die Idee gekommen, mit einem Kunden eine Beziehung einzugehen, obwohl oder weil da mehrere „Rettungsangebote“ waren. Aber wie schon erwähnt, ich hatte eine gute Zeit mit vielen Kunden, die mein Leben sehr bereichert haben, nicht nur monetär. Dadurch haben sie zu meiner Unabhängigkeit beigetragen, ich konnte durch meine Kunden meinen unabhängigen Geist behalten und pflegen und dafür danke ich ihnen unendlich.

Auch deshalb bin ich Escort geworden, um meine Arbeitszeit nicht mit (gefährlichen) Idioten zu verbringen, so wie ich es zuvor erlebt habe, als ich noch Anfängerin war und seltsame Hurenbücher mich hatten glauben lassen, dass Prostitution ein tolles Abenteuer für sexuell aktive Frauen sei. Meine sexpositive Haltung hab ich allerdings durch Prostitution verloren. Das ist schade, aber ich vermisse sexuell überhaupt nichts und bin froh, dass ich einen treuen Begleiter an meiner Seite habe, der meine Prinzipientreue und seltsame Odyssee seit fast 20 Jahren bewundert.

Foto: Anke Cott



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