Der Hund mit 5 Beinen

2012 hab ich hier in meinem Blog nach meinen Reisen in die USA, Frankreich und Großbritannien auch von meiner Reise nach Indien berichtet. Als politische Aktivistin hatte ich mich um ein Stipendium zur Teilnahme an der alternativen Welt-Aids-Konferenz in Kolkata/Kalkutta erfolgreich beworben und bin täglich zwischen meinem 5 Sterne Hotel – das Hyatt Kolkata – und dem Tagungsort hin und her gelaufen. Der Weg führte durch die Slums, die nicht an die Ab-/Wasserversorgung angeschlossen waren, weshalb man auch vor die Tür der Wellblech-Baracken schiffte bzw. kackte. Da die Slums nicht nur in Kolkata recht gross sind, hing eine nach Scheiße duftende Wolke über der Stadt. Manchmal saßen wir nachts in der Präsidentensuite im Grand Hyatt auf der Terrasse zusammen und bemalten Plakate, die wir bei der großen Demo mit 5000 Teilnehmer:innen durch den größten Rotlichtbezirk Südostasiens vor uns her trugen. Die Luftfeuchtigkeit war ausgesprochen hoch und dazu dieser seltsame Geruch, der über der Stadt hing, und der mich umfing wie eine Glasglocke in einem Scheißekanal.

Bei meinen Wegen durch die Slums begegnete mir ein Hund mit 5 Beinen und Frauen mit durch Salzsäure zersetzten Gesicht. Weder wurden dort Tiere oder Menschen mit Behinderungen, die von der Norm abwichen, in Tierasyle oder Altersheime out gesourct, vor die Tore der Stadt abgeschoben, sondern man lebte zusammen in einer Community, wo man gemeinsam ums Überleben kämpfte. So ist das auch im Rotlichtbezirk Sonagachi, wo Generationen von Sexarbeiter:innen mit ihren Kindern und Familien leben und arbeiten und ihre Kunden empfangen.

Die westliche Prostitution unterscheidet sich extrem vom globalen Süden und um die Unterschiede kennen zu lernen bin ich dort hin gereist. Viele Menschen, die in der Hurenbewegung aktiv sind, sind außergewöhnlich. Ich lernte den großartigen belgischen Fotografen Marc de Clercq kennen, der die indische Hurenbewegung und ihre Protagonisten schon lange fotografisch begleitet. Dazu zählt vor allem die prominente und allseits geliebte transgender Queen Laxmi Narayan Tripathi, die viele aus dem Fernsehen kennen. Sie ist auch eine der prominentesten Aktivist:innen weit und breit und hat eine große Fangemeinde.

Ich teilte mir mein Doppelzimmer mit einer Sexarbeiterin und Aktivistin aus Afrika, aus einem Land, wo bei Prostitution die Todesstrafe droht. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Es gibt so unglaubliche Menschen auf diesem Planeten, die sich engagieren, obwohl die schlimmsten Strafen drohen. Selbst in China gibt es Aktivist:innen, die sich für Prostituierte engagieren, was wirklich nicht einfach ist.

Jedenfalls bin ich auch ein Hund mit 5 Beinen. Ich bin eine Differenz und hebe mich von der grauen Leberwurst, die uns umgibt, erheblich ab. Damit meine ich eine Monokultur, wo die lautesten Arschlöcher im Regelfall Karriere machen.

Ich traf in Kolkata Andrew Hunter, den ich liebte und bewunderte und der im Winter 2013 zu jung verstorben ist. Es gibt keinen Ersatz. Er war damals Präsident vom globalen Dachverband aller Sexarbeiter:innen NSWP und hieß mich zusammen mit seinem thailändischen Mann Dale in der Präsidentensuite willkommen. Ich denke fast täglich an ihn, weil er mich schwer beeindruckt hat: er hatte immer ein Ohr für einzelne Mitglieder, auch für mich, und engagierte sich als hiv positiver Mann besonders für die vielen hiv positiven Sexarbeiter:innen in aller Welt. Er liebte Sex, Drogen, Ekstase und hatte dabei einen luziden Verstand. Ich vermisse ihn so sehr.

Dadurch, dass ich als Escort hauptsächlich im Ausland gearbeitet habe, sind dort auch meine Freunde und Bekannten. Es ist schwer als Sexarbeiterin Freundschaften außerhalb der eigenen Szene zu schließen. In der deutschen Hurenbewegung hab ich keine Freunde gefunden, nur Bekannte, weil ich einen anderen Stallgeruch habe und die Kämpfe international begleitet habe. Es ist manchmal bedauerlich, wenn man im eigenen Land keine Freunde hat. Umso mehr denke ich an meine Wegbegleiter im Ausland, in Indien, China, Frankreich, Afrika, USA und Großbritannien. Menschen, die ich nach der Corona Krise besuchen werde. Mir ist kein Weg zu weit.



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