Faire Medienberichterstattung über Prostitution

Ich bin ehemalige Sprecherin und Vorstand des BESD/Tampep. Diese von mir entwickelten Guidelines sollten bei Journalisten Verbreitung finden: Standards fairer Medienberichterstattung zu Prostitution, Sexwork & Paysexkonsum. Anlass sind die jüngste Fake Produktionen über Sexarbeit und tendenziöse Berichterstattung, die einseitig Prostitutionsgegner:innen Öffentlichkeit gibt. Diese Guidelines wurden zusammen mit meinem Kollegen Marc of Frankfurt vor mehr als 12 Jahren erstellt.


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Wir die Zeitung / das Online-Medium / die Filmproduktion xyz

verpflichten uns im Sinne eines erweiterten Pressekodex die folgenden Leitregeln und Werte in der journalistischen Arbeit zur Kenntnis zu nehmen, zu berücksichtigen und einzuhalten:

1. Prostituierte sind Menschen wie ich und du. Sie sind weiblich, männlich oder transgender, hetero, schwul, bi oder polyamor, exhibitionistisch oder schüchterner … Sie sind Mütter, Schwester, Tochter, Nachbarin, Arbeitskollegin, Lehrerin, Migrantin, Professorin oder Studentin… und neben- oder hauptberufliche alleinselbständige Sexdienstleister_in. Sie versuchen wie alle Werktätigen ihren Unterhalt zu verdienen und für sich und ihre Angehörigen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Sie sind nicht als Außenseiter, Bürgerschreck oder Exoten zu portraitieren.


2. Der politisch korrekte Name lautet Sexworker / Sexarbeiter_in / Sexdienstleister_in und ist vorzuziehen vor stigmatisierenden, belasteten Begriffen wie Prostituierte, Dirne, Nutte … oder Gunstgewerblerin. Medien haben eine Vorbildfunktion mit zeitangemessener Aufklärungsverpflichtung, wenn sie ihrer Rolle als Ordnungsmacht und 4. Gewalt im Gemeinwesen verantwortungsbewusst nachkommen wollen.


3. Vojeuristische Schnappschüsse aus dem Rotlichtmilieu sind zwar sexy, illustrativ und wirkmächtig, aber oftmals zweckentfremdete, geklaute, einseitige, nichtkonsensuale, die Menschenwürde verletzende Darstellungen der Sexarbeiter_innen und unserer intimen Lebens- und Arbeitsräume, die wir nur für unsere Kundschaft inszenieren und öffnen. Bei allen Nachrichten zur Prostitution die Gelegenheit nutzen, ein erotisches Girl vom Straßenstrich abdrucken zu können [Symbolphoto] ist niederen Instinkten folgender Boulevard Journalismus. Vojeurismus und bürgerliches Schaudern sollen ausgelöst werden um Auflage und Zugriffszahlen zu erhöhen auf Kosten einer stigmatisierten Minderheit.


4. Eine überwiegend auf ideologisch, moralischen Werten gegründete Berichterstattung, die evidenzbasierte, wissenschaftliche Forschungsergebnisse ausspart und Sexworker einseitig nur als Menschenhandelsopfer, tote Huren, Sexsklaven oder Schädiger und Bedrohung der Nachbarschaft darstellt und ihre Kunden und Organisatoren der Sexarbeit als Täter, ist abzulehnen.


5. Sexarbeit ist vielfältig und hochgradig ausdifferenziert (Diversity). Eine Fokussierung auf einseitig ausgewählte Opfer/Täter-Geschichten oder nur den sichtbaren weil rot ausgeleuchteten Strich und Rotlichtviertel, verzerrt die Realität und zementiert Vorurteile, Stigma, Ausgrenzung sowie Verletzlichkeit und Ausbeutbarkeit.


6. Sich moralisch einseitig unausgewogen fundamentalistisch gegen Prostitution zu positionieren im Nachrichten-Teil und gleichzeitig (teilweise überhöhte) Werbeeinnahmen mit Prostitutionsanzeigen zu generieren im Werbeteil ist praktizierte Doppelmoral, Scheinheiligkeit und unakzeptable Geschäftemacherei.


7. Werbung für unsafer Sex und andere riskante, ausbeuterische Sexdienstleistungen sind abzulehnen. Wenn Schlagworte wie „alles ohne“, „natur“ und „tabulos“ auf riskante gefährliche Sexpraktiken hinweisen sollen, sind entsprechende Anzeigen abzulehnen und dies ist der Interessen-Selbstvertretung der Sexworker mitzuteilen. Stattdessen sollten die Formulierungen der Prävention und AIDS/STD-Gesundheitsaufklärung wie „safer Sex“, „Kondom“ nicht länger zensiert werden. Analoges gilt bei illegaler Beschäftigung wie „Teeny-Sex“ bzgl. der Problematik Minderjährigkeit oder „exotisches Frischfleisch“ bei als Ausländer prekarisierten Migranten, die evtl. ausgebeutete sog. Menschenhandelsopfer sind.


8. Solange Sexworker in der Gesellschaft von einem hegemonialen Teil als soziales Übel betrachtet werden (ungeachtet der Tatsache, dass ihre Dienstleistungen von Mitgliedern der selben Gruppe auch stark nachgefragt werden), benötigen Sexworker besonderen Schutz ihrer Privatsphäre, um nicht Opfer von Gewalt- und Haßtaten zu werden. Keinesfalls darf ihre zum Schutz selbstgewählte Sexworker-Identität ausgekundschaftet und dann der Künstlername zusammen mit dem bürgerlichen Familiennamen, privaten Fotos von Familie, Wohnung oder ihr Gesicht und Fotos ihrer Escort-Homepage oder Facebookseite unabgedeckt ohne vorherige schriftliche Einwilligung in den Medien veröffentlicht werden. Pranger und Zwangsouting (als Mittel zur Auflagenstärkung) sind abzulehnen.


9. Bei Produktionen und Interviews gemeinsam mit Sexworkern sind diese wahrheitsgetreu über die beabsichtigte Darstellung und Aussage zu informieren. Sie sind ordnungsgemäß über ihre Rechte wie z.B. Korrekturlesen und nachfolgende Veröffentlichungsfreigabe aufzuklären, ihnen ist ein faires Honorar zu gewähren und ihre Wünsche bezüglich Bildgestaltung, Nennung von Künstlername, Homepage und Diskretionsbedarf ist zu respektieren und einvernehmlich, klar verständlich, schriftlich festzulegen.


10. Zusammenarbeit der Medien und ihrer Vertreter mit der langsam beginnenden Sexworker-Selbstorganisation ist zu begrüßen. Fortbildungsseminar und Pressekooperationen sind möglich.


[Datum, Unterschriften]



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