2021: Auf zu neuen Ufern

Ich habe mich nun zum Ende des Jahres im Alter von 52 Jahren aus dem politischen Aktivismus verabschiedet. Sowohl bei Tampep und BESD bin ich nun ausgestiegen, da ich einfach nicht sozial kompatibel, ungeduldig und unzufrieden mit meinem Umfeld bin und ich auch nicht glaube, dass sich das jemals ändert.

Ein politischer Aktivismus mit Zukunft stellt die Mehrheit der Migrant:innen in der Sexarbeit in den Mittelpunkt und muß natürlich auf die ganzen unangenehmen Themen wie Zwangsprostitution und (sexuelle) Ausbeutung souverän reagieren können. Mensch, wir leben im 21. Jahrhundert und operieren noch mit Handlungs- und Geschäftsmodellen des 19. Jahrhunderts. Erst kürzlich hab ich im Kaufmich Magazin eine vier-teilige Reihe über die Sexarbeit der Zukunft geschrieben, die ich auch hier im Blog verlinkt habe.

  1. Teil Diskretion vs Sicherheit
  2. Teil Sind Bordelle noch zeitgemäß?
  3. Teil Ist der Strassenstrich ein Modell mit Zukunft?
  4. Teil Lobbypolitik
Alte Heimat: Berlin Kreuzberg 2006

Es reicht wirklich nicht, sich auf das Thema Sexkaufverbot zu fokussieren, insbesondere wenn man ein Narrativ wählt, dass die meisten Sexworker ausschließt. Dies ist nicht sonderlich anziehend, nicht inklusive gedacht und umgesetzt. Es gibt m.E. in den abgehobenen Raumschiffen wie Tampep und BesD wenig Kontakt zur Basis.

Ich kenne mich mit den Themen Migration und Menschenhandel deshalb gut aus, weil ich seit 15 Jahren aktiv auf Sexworker zugehe, Vertrauen aufgebaut habe, eine Reputation als Ansprechpartnerin. Diesen guten Ruf lasse ich mir von niemanden kaputt machen. Mehr gibts dazu nicht mehr zu sagen, ausser das ich nicht auf die Rolle der (Ex-) Nutte festgelegt sein möchte, sondern als Politikwisschaftlerin und Ökonomin, deren Nachdenken im Puff ja nicht aufgehört hat.

Vor vielen Jahren habe ich mal einige Texte geschrieben, die mit einer Prise Humor versehen sind. Dazu auch meine vierteilige Interview-Reihe von 2010. Mein Leben als Politikerin konnte man schon damals hier im Blog nachlesen, auch das Absurde, dass sich politisch auftut.

Ich liebe die Übertreibung, um bestimmte Probleme überhaupt thematisieren zu können. Um gehört zu werden. Allerdings bleibe ich – was Zahlen und Statistik betrifft – immer wahrheitsgetreu und zitiere nur seriöse Quellen sowie meine eigenen Umfragen.

Mein Abschied vom Aktivismus tut nicht weh. Es ist wie eine verkorkste Ehe. Der Stallgeruch, den ich zum leben brauche fehlt mir einfach. Ich wurde in der internationalen Hurenbewegung politisiert, denke seit meiner Kindheit international und inklusiv.

Junge Aktivist:innen sollten daran denken, dass sie nicht das Rad neu erfinden müssen und sich auch mal Rat bei den Alten holen können. Ich stehe dazu jederzeit zur Verfügung und werde auch weiterhin berufsbedingt die Szene begleiten.

Diesen Blog werde ich auch weiter schreiben. Aber dann eben weniger über Prostitutionspolitik und Aktivismus, sondern über andere Themen. Ich hab immer gerne im Dreck gespielt. Dies hat sich im Laufe meines Lebens nicht geändert. In diesem Sinne bleibt mir gewogen.



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