Die Zukunft der Sexarbeit: Teil IV die Lobbyhuren

Jetzt erscheint der Link zu diesem Blog zusammen mit Kaufmich bei Facebook, weshalb ich den Text hier ergänzen muß, damit er überhaupt geteilt und gelesen werden kann. Ich will keine Sperre riskieren.

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Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Meinte einmal der kettenrauchende Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Allerdings sind politische Visionen über die Zukunft der Sexarbeit wichtig, um Leitlinien und Strategien politischen Handelns zu entwerfen. Und dies ist nicht behandlungsbedürftig, sofern es nicht reine Theorie bleibt. Teil 4 und letzter Beitrag der Reihe: Die Zukunft der Sexarbeit – und warum Lobbyhuren unterstützt werden müssen.

Die Zukunft der Sexarbeit ist entkriminalisiert, professionell und sicher. Diskret, aber nicht anonym

Viele Menschen interessieren sich nicht für Politik. Prostitutionspolitik klingt etwas trocken und ist es auch. Dennoch sollten alle Sexworker und ihre Kunden, Betreiber:innen von Bordellen und Escort Agenturen sich mit diesem Thema eingehend beschäftigen, weil es ihre ureigenen Interessen unmittelbar berührt.

Viele Sexworker und Kunden glauben, dass Sexarbeit in Deutschland legal sei und deshalb überflüssig, sich mit Prostitutionspolitik zu beschäftigen. So einfach ist es aber nicht. Die Berufsverbände der Sexarbeitenden haben gegen das Prostituiertenschutzgesetz 2017 gekämpft, das viele Sexworker in die Illegalität zwingt, wenn sie sich nicht registrieren und anmelden. Andere können sich garnicht registrieren, da sie keine Papiere, keinen Wohnsitz, gesundheitliche Einschränkungen oder keinen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland haben.

Außerdem werden die hinterlegten persönlichen Daten bei der Anmeldung (Hurenpass) automatisch an das Finanzamt weiter geleitet, das überprüft, ob eine Steueranmeldung erfolgt ist. Ist dies nicht der Fall, ist mit enormen Steuerschätzungen und Rückzahlungen zu rechnen. Das gleiche gilt für Krankenversicherungen. Dies sind große Barrieren, sich zu registrieren. Wenn man allerdings illegal arbeitet, kann man leicht Opfer von Erpressung werden.

Illegalität bedeutet, keine Rechte zu haben

Illegalität bedeutet immer: wenig Schutz und keine Rechte.

Damit macht man sich angreifbar für Ausbeutung und Zwangsouting. Wer nicht angemeldet ist, ruft im Zweifelsfall auch keine Hilfe.

Aktuell wird über die Einführung eines Sexkaufverbots nach schwedischem Vorbild in Deutschland diskutiert. Dieses Verbot kriminalisiert Kunden und stellt Sexkauf unter Strafe. Sexworker werden zwar nicht kriminalisiert, aber die vielen guten Kunden bleiben weg, die Einnahmen schwinden und Gewalt gegen Sexarbeitende verstärkt sich. Das zeigen die Entwicklungen in Skandinavien, Kanada, Irland und Frankreich nach Einführung des Sexkaufverbots. Grund genug also, dagegen mobil zu machen. Und dazu ist jetzt der richtige Zeitpunkt.

Der Berufsverband BESD engagiert sich für die Rechte von Sexarbeitenden. Je mehr unterschiedliche Mitglieder der Verband hat, desto stärker ist er und kann alle Interessen berücksichtigen.  Man kann dort auch passives Mitglied sein und muß sich keineswegs outen oder Interviews in den Medien geben. Bei Demonstrationen kann man mit einer Maske und Perücke, Sonnenbrille auftreten und muß kein Gesicht zeigen. Man ist nicht gezwungen, zu demonstrieren. Aber ein Verband, der inklusiv ist und die unterschiedlichen Menschen in den verschiedenen Arbeitssettings hörbar macht, ist die Voraussetzung erfolgreicher Lobbyarbeit.

Ideal ist es natürlich, wenn man sich persönlich engagiert. Dazu muß man sich zunächst einmal mit der Informationslage zu einem bestimmten Thema wie dem Sexkaufverbot beschäftigen. Wenn man den Überblick hat, kann man mitreden. In einem Berufsverband ist man als Sexarbeiter:in nicht allein, sondern man arbeitet gemeinsam mit anderen an Themen und Projekten und in Arbeitsgruppen. Natürlich meist ehrenamtlich und nur, wenn es die Zeit zuläßt.

Die Zukunft von Sexarbeit

Wir politischen Aktivist:innen stellen uns eine Welt vor, in der Sexarbeit anerkannt wird, in der Sexarbeiter:innen respektiert und unsere Rechte gewahrt werden. Wir stellen uns eine Welt der Gleichstellung von Geschlecht, Rasse/Ethnie, im Wirtschafts- und Sozialleben vor, in der Bewegungsfreiheit Realität ist und es Einzelpersonen ermöglicht, Sexarbeit sicher und frei von Gewalt und Zwang zu beginnen, fortzusetzen oder zu verlassen. 

Deshalb haben wir auch bei Kaufmich das Big Sister Projekt (dt./eng.) und zahlreiche Hilfe Ressourcen für Sexworkerund Kunden entwickelt, die hier im Magazin frei zugänglich sind. Professionalisierung heisst das Zauberwort. Nur mit Informationen rund um Sexarbeit, kann man diesen Job leichter und erfolgreicher ausüben und Risiken minimieren. Außerdem bieten viele Beratungsstellen in Deutschland geschützte Räume wie das Hydra Café in Berlin, wo insbesondere Migrant:innen willkommen sind und auch vielsprachig gesprochen wird. In Corona Zeiten gibt es virtuelle Treffpunkte, Workshops und Chats, an der jeder Sexworker teilnehmen kann.

Deshalb rate ich, Euch umfassend zu informieren, Mitglied in den Verbänden zu werden oder sie mit einer Spende zu unterstützen, damit sie in Eurem Sinne Politik machen können und politisch einflußreich sind. Denn wir sind wirklich nicht eine „Zuhälterlobby“ mit Finanzkapital, wie es die Prostitutionsgegner:innen immer behaupten, sondern oft ehrenamtlich tätige aktive und ehemalige Sexworker. 

Auch Kunden und Betreiber:innen können den Berufsverband Sexarbeit BESD mit einer Spende unterstützen, wenn sie die Ziele der Verbandsarbeit kennen und schätzen. Oder alternativ den BSD sowie den UEGD, die Betreiber-Verbände mit Mitgliedschaft und Spende unterstützen. 

Denn das Sexkaufverbot, das auch für Deutschland gefordert wird, fürchte ich persönlich sehr. Es würde dazu führen, dass ich wahrscheinlich meinen Job verliere und Sexworker unter schwierigsten Bedingungen weiter arbeiten, wo sie vermehrt Stigma, Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt sind. Verbote verstärken das Stigma und die Risiken nur. Prostitution verschwindet dadurch nicht, sondern macht es nur gefährlicher. Offenbar ist die mangelnde Sicherheit von Sexworkern in Ländern mit Sexkaufverbot ein „Kollateralschaden“, den die Politik wissentlich in Kauf nimmt.

Ich befürchte, dass auch das Sexkaufverbot in Deutschland in einigen Jahren eingeführt werden könnte, wenn das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 ausgewertet wird. Die Ergebnisse werden wahrscheinlich die Forderung nach einem Sexkaufverbot anheizen. Unsere Berufsverbände haben zwar viel Verstand versammelt, aber zu wenig Kapital und Macht. Wir sind keineswegs eine „Zuhälterlobby“, wie die Prostitutionsgegner:innen immer meinen. Wir können nur mit Verstand und Argumenten überzeugen, nicht mit Macht und Einfluss, die für erfolgreiche Lobbyarbeit grundlegend ist. Die Prostitutionsgegner:innen können auf die internationale Macht, Einfluss, Geld der klerikalen und evangelikalen Kreise zurück greifen, die auch in Europa ihre Agenda durchsetzen wollen.

Deshalb bitten wir Euch: Unterstützt uns! Nur gemeinsam sind wir stark. Kenne Deine Rechte!

Folge auch den ersten Teilen 1-3 dieser Serie über die Zukunft der Sexarbeit und diskutiere im Kommentarbereich mit!

  1. Diskretion vs Sicherheit
  2. Bordelle
  3. Straßenstrich



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