Rede aus Anlass trans*feindlicher Gewalt gegen Sexworker am Strassenstrich Berlin 2009

Susi – internationale Sprecherin, Vorstand BESD, Tampep Europe

Wir beobachten und registrieren gewalttätige bis mörderische Übergriffe auf Sexarbeiter*innen auf lokaler, europäischer und internationaler Ebene, die uns per Newsticker allwöchentlich, manchmal alltäglich erreichen. Auch jetzt während der Corona Krise.

Bei internationalen Veranstaltungen engagierter SexarbeiterInnen wird regelmässig all jener Frauen, Männer, TransPersonen in allen Sparten des Gewerbes gedacht – ob Escort, Callgirls, Strassenstrich, in Bordell oder Massage Studios arbeitende Frauen, ob Callboys, TransFrauen -, die bei Ausübung ihres Jobs gewalttätigen und/oder diskriminierend verbalen Übergriffen ausgesetzt sind, bis hin zu physischen Übergriffen mit Todesfolge, Mord. Alljährlicher Gedenktag der Internationalen Sexworker Rechte Bewegung ist dafür der 17. Dezember.

Die Risiken des gesellschaftlichen Konsums sexueller Dienstleistungen tragen üblicherweise die Sexarbeiter*innen allein; trotz der durch die deutschen Prostitutionsgesetze anerkanntermassen legalisierten Dienstleistung ist die Arbeitswelt und das soziale Umfeld praktisch auch weiterhin von penetranter Diskriminierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung durchdrungen.

Die grundlegenden Menschenrechte, u.a. die körperliche Unversehrtheit, werden durch gewalttätige Übergriffe und alltägliche Diskriminierung und Stigmatisierung regelmässig massiv verletzt; aufgrund ihrer Mehrfachidentitäten als Sexarbeiter:in und Migrantin haben es z.B. TransPersonen noch schwerer als andere Sexarbeiterinnen und werden regelmässig Opfer transfeindlicher und rassistischer, sexistischer Gewalt.

Wir möchten daher daran erinnern, dass die Menschenrechte und Menschenwürde für jeden bedingungslos gelten, auch wenn es uns traurig stimmt, an scheinbar Selbstverständliches erinnern zu müssen.

Die Menschenrechte von SexarbeiterInnen sind Bestandteil der universellen Menschenrechte; individuelle Freiheit bedeutet im Zusammenhang mit dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht, dass Individuen frei über die Bedingungen einer sexuellen Begegnung entscheiden können, solange die Grenzen und die Interessen Dritter nicht beeinträchtigt werden. Die Prostitution fällt in Deutschland wie jede andere auf Dauer angelegte Tätigkeit zur Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage unter die Art. 12 Abs. 1 des Grundgesetzes“. (siehe Bericht der Bundesregierung, BMFSFJ 2007:9).

Wir verweisen hierzu auf das nach wie vor gültige Statement „Prostitution und Menschenrechte“, dass anlässlich des 60. Jahrestages des Bestehens der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 09. Dezember 2008 durch die AG-RECHT Prostitution (Zusammenschluss deutscher SexarbeiterInnen, Hurenorganisationen und Beratungsstellen für Prostituierte) erarbeitet wurde und zitieren daraus:

„Kennzeichen eines freiheitlichen Rechtsstaates ist seine Verankerung in den Menschenrechten und die Respektierung der autonomen Entscheidung der Einzelnen. Damit ist in Deutschland auf Grundlage des weltanschaulich neutralen Grundgesetzes die freiwillige Ausübung der Prostitution als autonome Entscheidung vom Recht zu respektieren, so lange keine Rechte anderer verletzt werden. Die eigenverantwortlich ausgeübte Prostitution verstößt (…) nicht gegen die Menschenwürde der Prostituierten.“

Umgekehrt hindern Transphobie, Rassismus und gewalttätige Übergriffe, die Trans*Personen und Migrant:innen in der Sexarbeit häufig erleben, sie nicht nur in der eigenverantworlich ausgeübten Sexarbeit; allgemeines Stillschweigen gegenüber dieser alltäglichen Gewalt leistet indirekt Täterschutz, indem die SexarbeiterInnen ohne öffentliche Solidaritätsbekundung isoliert sind und dadurch in den Augen der Angreifer als quasi „vogelfrei“ gelten.

Wasser auf die Mühlen der Täter, die kulturelle Differenzen, sexuelle Präferenzen, Artikel 1 des Grundgesetzes sowie die rechtlich verbrieften Menschenrechte von Sexworkern nicht akzeptieren wollen oder können. Hier sind auch eindeutige Stellungnahmen von Regierenden und aller politischen Akteure, nicht nur in Berlin, gefordert, die sich trauen, verbriefte Rechte zum Schutz aller Sexworker öffentlich zu reklamieren, insbesondere und auch, wenn sie hier die Pfade „Politischer Korrektheit“ verlassen müssen, und sich dabei weder einem kulturellen Relativismus noch dem Gegenteil unterwerfen, nämlich religiösen, kulturellen, geschlechtsspezifischen fundamentalistischen Ideologien, die in einem Rechtsstaat keinen Platz haben. Ihre und unsere öffentliche Aufgabe ist und bleibt es lautstark, an die unteilbare Würde in Artikel 1 des GG und das Diskriminierungsverbot zu erinnern und politisch durchzusetzen. „Schuldig durch Unterlassen“ ist auch im Hinblick auf aktuelle Machtinteressen und politisches Kalkül zwar verbreiteter Normalzustand, aber nicht Ziel und Substanz einer zivilgesellschaftlichen Werteordnung, die Differenzen respektiert und integriert und sog. Minderheiten Schutz bieten soll, ganz so, wie es das Grundgesetz für alle Bürger und Bürgerinnen vorsieht.
Hierzu zählen auch Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen, die eben keine Randgruppe sind, sondern in der Mitte der Gesellschaft stehen, ebenso wie ihre Kunden, die sie also klassenübergreifend bedienen, denen sie Lebensqualität schenken.

Wir Sexarbeiter sind nicht das Problem. Wir sind Teil der Lösung. Dazu verlangen wir sichere, anerkannte und faire Arbeits- und Lebensbedingungen und öffentliche Anerkennung und Unterstützung.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.