Sexarbeit nach Corona

Wenn ich an meine Kolleg:innen denke, die an der Strasse arbeiten; die als Migrant:innen fortwährend Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sind, die trotz Corona weiterarbeiten (müssen), um ihren Kühlschrank voll zu machen bzw. gar keinen Kühlschrank haben, weil sie wohnungslos sind; Drogen gebrauchende Sexworker oder Sexworker ohne Papiere, ohne gültige Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, die alle keine Ansprüche auf staatliche Leistungen geschweige Hartz V und sog. Corona Soforthilfe haben. Die bitter arm sind und tagtäglich ums nackte Überleben kämpfen. Die keinen Zugang zu Gesundheitsschutz haben.

Für die ist der BESD Nothilfe Fonds gedacht, wo wir weiterhin um Spenden für Sexworker in Not bitten. Fallgeschichten finden sich ebenfalls auf unserer Website.

Wie soll es mit der Sexarbeit nach Corona nur weitergehen?

Die strukturelle Ungleichheit der Gesellschaft, die sich in der Sexarbeit widerspiegelt und die einen in „Privilegierte“ klassifiziert, die Mehrheit der informellen und marginalisierten Sexarbeiter:innen meist aus dem Diskurs ausschließt, muß weg. Wo sich im Falle dieser Krise die Machtverhältnisse zwischen den sozialen Klassen verschärfen. Die Mehrheit kennt auch ihre Rechte nicht und haben keinen Zugang zu Informationen. Die sitzen nicht den lieben langen Tag mit Notebook am aufgeräumten Schreibtisch und surfen unbeschwert durch das Internet. Wie kann man die erreichen?

Das ist die Herausforderung, vor die ich mich seit ewigen Zeiten gestellt sehe. Wie erreiche ich all jene ohne Internetzugang? All jene, die mein Big Sister Projekt nicht kennen und das ich jetzt auch ins Englische übersetzt habe. Ich bin da auch auf die Hilfe von Kunden angewiesen, die nicht nur im High Class Segment buchen, sondern die Durchschnittshuren in ihren Wohnungen besuchen. Ihr müßt meine Infos weitertragen. Über das Kaufmich Magazin erreiche ich auch schon eine Menge Sexworker, über Twitter fast nur „Privilegierte“. Big Sister wird in Corona Zeiten immerhin von 2000 Leser:innen im Monat aufgerufen. Auch die Zugriffe auf die Kaufmich Hilfe Guides, die ich geschrieben haben, verzeichnen kontinuierlich noch höhere Zugriffe.

In der Vergangenheit hatte ich mich nicht nur als Bloggerin und Journalistin auch einem größeren Publikum auf der Bühne zugewandt (Konferenzen, Stand Up Comedy/Performances, Theater), um insbesondere die Entscheidungsträger mit meiner Mission zu erreichen. Meine Texte und Goldschwanz Manifest und mein offener Brief „J’accuse“ an die Bundesregierung wurden in der Literatur zitiert (im Buch von Clemens Meyer: Im Stein, 2013, Seite 188) und mehrfach auf der Bühne (u.a. Schaubühne Berlin) aufgeführt. Im In- und Ausland (Glasgow, Las Vegas, New York, London, Edinburgh, Berlin). Das wissen viele noch nicht.

Ich bin kürzlich ins Führungskommittee von TAMPEP Europe gewählt worden https://tampep.eu/tampep-welcomes-new-steering-committee-members-expresses-thanks-to-all-nominees/

Tampep ist eine NGO, die sich für die Rechte und Gesundheit aller Migrant:innen in der Sexarbeit in Europa engagiert. Dienstag findet die erste konstitutive Online Konferenz statt; natürlich englischsprachig.

Ich bin zwar selber vor vielen Jahren aus dem Sexgewerbe als aktive Sexarbeiterin ausgestiegen, aber beruflich bin ich seit knapp 15 Jahren weiterhin mit der Szene und Aktivist:innen an der Front deutschland- und weltweit verflochten. Als Sexarbeiterin hab ich die meiste Zeit im Ausland gearbeitet, meist mit anderen Migrantinnen in internationalen Teams. Schließlich hab ich als „Privilegierte“ (d.h. gebildet, höhere Preise, mehrsprachig, weiß, Steuernummer) über 6 Jahre in einem Schloß in England gearbeitet. Allerdings gab es dort auch in meiner Abwesenheit AO Parties und Porno Drehs mit teils Minderjährigen, wie ich herausfand.

Gerade wurde wieder einmal ein WELT Interview mit Lea Ackermann, eine Prostitutionsgegnerin, veröffentlicht, wo sie den Berufsverband BESD mal wieder als „Zuhälterlobby“ öffentlich verunglimpft hat. Ich hab nicht nur als Pressesprecherin und Vorstand des BesD die Faxen dicke. Seit sehr vielen Jahren höre ich mir das an und ich denke, es ist an der Zeit sich dagegen zu wehren. Auch mit juristischen Mitteln. Was denkt Ihr?

Ich teile vieles an der Kritik von Prostitutionsgegner:innen, wenn es um die Beschreibung der sozialen Realitäten geht. Aber die Schlussfolgerungen sind bei mir völlig andere und ich habe mir dazu ja etliche Jahre das Hirn zermartert, weil ich alle Lebenswirklichkeiten anerkenne.

Nach Corona werden die Forderungen nach einem Sexkaufverbot wieder lauter und wir müssen uns deshalb auch gegen solche öffentlichen Diffamierungen wehren.


4 Kommentare on “Sexarbeit nach Corona”

  1. Hallo Ariane, ein interessanter und wichtiger Beitrag. Weshalb ich ihn gern auf meinem Blog in voller Länge veröffentlichen würde. Ansonsten werde ich gern verlinken.
    Freundliche Grüße
    Claus Stille

  2. Ariane sagt:

    Vielen Dank!!! Schick bitte den Link, damit ich deinen Blog kennenlernen kann. Liebe Grüsse Ariane

  3. […] und Journalistin und Pressesprecherin des BesD e.V., Ariane, nun schon einmal Gedanken über die „Sexarbeit nach Corona“ […]


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