Ich will leben

Ich habe seit meiner Kindheit eine Atemwegserkrankung. Chronische Bronchitis. Und ich bin Raucherin. Das bedeutet, ich darf einfach garnicht an Corona erkranken, da es mich sonst dahin raffen könnte. Auch bin ich über 50. Meine Geburtstagsfeier nächste Woche habe ich auch schon abgesagt.

Meine erste Aufregung ist vorbei. Mir geht es nicht um Panik, aber je mehr Informationen man hat, umso besser ist es sich vorzubereiten. Jeder der bei Vernunft ist, weiss das. Auch Hamsterkäufe sind nicht lächerlich. Ich hab ja generell einen Vorrat im Haus, hab aber noch dazu gekauft. Auch an der Börse. Ich muß ja zusehen, wo ich im Alter bleibe, schließlich hab ich ausgerechnet, daß ich in der Altersarmut lande, da ich als Prostituierte keine Rücklagen bilden konnte.

Ich habe nach meinen Bordell- und Terminwohnungsaufenthalten mit bis zu 16 Kunden am Tag im Puff von Molly Luft und einigen gewaltsamen Übergriffen von drei Kunden im Bordell und in der eigenen Wohnung das Weite gesucht und habe als Independent Escort, die H/H Besuche anbot, nie wieder Gewalt erfahren. Weil ich aufgrund meiner schlechten Erfahrungen gelernt hatte, wie man Sexarbeit sicher ausüben kann. Dieses Wissen möchte ich weitergeben. Wie in meinem Big Sister Projekt.

So ähnlich ist es in der aktuellen Situation. In der Sexarbeit braucht es Professionalisierung von Anfang an, um gut und sicher zu arbeiten und Risiken zu senken. Beim Umgang mit dem Coronavirus kann es tatsächlich helfen, ein wenig paranoid zu sein. Schließlich geht es auch hier um Leben um Tod.

Ich möchte dieses Jahr und die Entwicklung des Impfstoffs noch erleben. Allerdings muß ich doch ab und zu mein Asyl verlassen. Wichtige Presse Gespräche kann ich nicht absagen. Da muß ich raus. Kürzlich war ich bei der Deutschen Aidshilfe eingeladen, um dort unsere Verbündeten zu coachen.

Im April, Mai, Juni und Juli muß ich nach Frankfurt, Bochum und Hamburg, eigentlich. Ich warte aber mal die weitere Entwicklung ab, wie sich die Corona Situation entwickelt. Und entscheide dann kurzfristig, ob ich reise oder nicht.

Übrigens: ich habe zusammen mit meiner Kollegin Lilli von der Pressestelle vom BesD einen klugen Beitrag zu Corona und Sexarbeit auf der Website des BesD veröffentlicht; in deutsch und englisch. Ich wünsche ihm weite Verbreitung, damit die Sexarbeiter:innen und Kunden im Umgang mit dem Virus gewappnet sind.



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